Heike saß zusammen mit ihrer Mutter Elise auf dem alten Holzbett. Beide waren warm angezogen, denn es war Winter und das Haus war nur von einem einzigen Ofen beheizt.
Mach dir keine Sorgen, Mama. Wir schaffen das. Ich hol dir gleich die Medizin.
Heike versuchte, ihre Mutter zu beruhigen, obwohl sie gar keine leibliche Mutter mehr hatte die Schwiegermutter war zugleich ihre ehemalige Schwiegermutter, fast wie eine zweite Mutter.
So lebten sie zu dritt: die Mutter, ihr Sohn und seine Frau Heike.
Heike hatte erst mit dreißig geheiratet, sie war die zweite Ehefrau von Thomas. Als sie sich kennenlernten, war Thomas bereits geschieden, sodass Heike die Familie nicht zerstörte.
Die Schwiegermutter, Gertrud, gefiel Heike sofort. Auch Gertrud mochte Heike. Sie war warmherzig, verständnisvoll und hatte stets ein offenes Ohr. Heike hatte ihre leiblichen Eltern früh verloren und war völlig allein, doch in Gertrud fand sie eine vertraute Bezugsperson.
Sie haben sich einig, sagte Thomas oft über das Paar.
Fünf Jahre Ehe vergingen wie im Flug, dann wurde Thomas rau und gereizt. Er schrie Heike und Elise an der Grund war eine Geliebte. Er kam häufig spät nach Hause, benebelt vom Alkohol.
Eines Tages erklärte er, er wolle sich scheiden. Er gab ihr nur zwei Tage Zeit, um ihre Sachen zu packen. Noch bevor Heike das Haus verlassen konnte, kam die Geliebte mit einem Koffer herein.
Vielleicht hatte sie die Absicht, Heike zu demütigen, doch das gelang ihr nicht. Die Frau war eine hochgewachsene Blondine mit großen Lippen und üppigen Wimpern, die kaum zu blinzeln schienen.
Heike konnte ein Lachen nicht zurückhalten.
Willst du mich gegen diese Puppe mit den Wimpern tauschen? Viel Glück mit ihr, ich bereue nichts.
Sie ist doch lustig. Und ihr beide seid ja wie zwei Hühner.
Und warum beleidigst du meine Mutter?
Hehe, bleibt die Mutter bei uns? piepste die Fremde, die kaum zu verstehen war, während sie mit ihren Wimpern fuchtelte. Lass sie gehen. Was brauchen wir die Mutter? Hehe
Ja, Mama, auch du hast deine Zeit. Du hast mich zu alt.
Wohin soll ich gehen? Ich habe dir das Geld aus dem Verkauf der Wohnung gegeben, damit du das Haus baust, schnappte Elise nach Luft.
Ich brauche keine Konzerte mehr. Lebe weiter, aber verlass nicht dein Zimmer. Jetzt wird Alina die Herrin hier sein.
Kätzchen, sie können beide bleiben.
Sie ist meine Mutter!
Deine Mutter? Willst du damit sagen, dass ich so eine Schwiegermutter bekomme? Oh Kätzchen
Heike hatte genug von den ständigen Beleidigungen.
Mama, fährst du mit mir aufs Land?
Besser aufs Land als mit so einem Sohn und dieser
Setz dich. Ich packe schnell deine Sachen.
Vergiss die Medizin nicht, und meine Truhe, und die Tasche.
Heike holte einen zweiten Koffer, packte hastig alles hinein: Truhe, Tasche, Medikamente, Dokumente, Unterwäsche, Kleidung.
Nehmt alles mit. Wir brauchen nichts von außen, sagte Alina mit hämmernder Stimme, oder, mein Schatz?
Thomas stand schweigend daneben. Er konnte nichts mehr tun. Er wusste, dass Elise ihm das nie verzeihen würde vielleicht doch, denn sie war seine Mutter.
Nach einer halben Stunde stand Heike am Auto. Gertrud saß bereits auf dem Rücksitz und wischte leise Tränen weg, ohne Thomas anzusehen, nur schwer seufzend.
Wie sollen wir jetzt weiterleben, mein Kind?
Alles wird gut. Ich habe Ersparnisse. Bis ich eine Arbeit finde, reicht es. Du hast deine Rente. Wir kommen zurecht. Auf Brot mit Butter wird es ankommen.
Sie fuhren in ein kleines Dorf im Schwarzwald, wo Heike ihre Kindheit verbracht hatte. Es war noch Tag. Das Haus war kalt, aber Heike entfachte schnell das Feuer im Ofen, holte Wasser und stellte den Wasserkocher auf.
Du machst das alles so gut, als hättest du dein ganzes Leben hier verbracht.
Mein Großvater hat mir alles beigebracht. Gut, dass wir genug Lebensmittel haben. Wir müssen nicht zum Laden gehen. Ich mag das Landleben.
Allmählich wurde es im Haus wärmer.
Morgen putze ich alles hier.
Ein Klopfen an der Tür.
Ist die Nachbarin schon da? Du warst lange weg. Und dein Auto steht ja noch. Brauchst du im Winter Hilfe?
Alles in Ordnung, Onkel Klaus. Ich erzähle später mehr. Komm, trink Tee mit uns.
Ich wollte dich einladen. Bist du allein? er bemerkte plötzlich eine Frau.
Das ist Gertrud, und das ist Onkel Klaus, stellte Heike die beiden einander vor.
Melde dich, wenn du etwas brauchst.
Im Moment nichts. Danke.
Eine Woche verging. Das Haus wurde sauber und gemütlich.
Weißt du, Heike, ich war einst Dorfmensch, heiratete einen Stadtmann, der starb, als ich dreiundzwanzig war. Ich verkaufte meine Wohnung und mein Sohn versprach, immer bei mir zu bleiben. Schau, wie sich das Blatt gewendet hat.
Weine nicht. Ich weiß, es ist schwer. Mir geht es auch nicht gut. Vielleicht bekommt ihr Enkelkinder.
Von dieser? Gott bewahre! Und Klaus, mit wem lebt er?
Allein. Seine Frau ertrank, das Kind rettete ein Nachbar. Er hat nie wieder geheiratet, keine Kinder. Er lebt jetzt mit meinem Vater zusammen, obwohl er jünger ist.
Ein Monat später hörte Heike nichts mehr von Thomas. Er rief nicht einmal Elise an. Eines Tages klingelte das Telefon mit einer unbekannten Nummer.
Heike?
Ja.
Ihr Mann ist gestorben.
Sie irren sich.
Nein, ich bin sicher. Thomas war betrunken und verunglückte mit dem Auto. Vielleicht wird das unangenehm für Sie, aber er fuhr mit einer Begleitung. Sie ist unverletzt aus dem Wagen gestiegen. Kommen Sie zur Identifizierung.
Gott sei Heike, die arme Gertrud! Was soll man da sagen? Was tun? Onkel Klaus wird helfen.
Heike, was ist geschehen, dein Gesicht ist blass!
Mama, mach dir keine Sorgen, setz dich. Thomas ist nicht mehr.
Ach das ist ja schrecklich! Ich bin schuld! Ich habe ihn verlassen!
Mama, er hat dich rausgeworfen!
Ja, rausgeworfen. Aber ich bin doch die Mutter. Ach das Schicksal holt uns ein.
Ich komme zur Identifizierung. Onkel Klaus begleitet mich, bis ich abreise.
Ich komme mit.
Ich bin dabei, sagte Onkel Klaus. Wir fahren zusammen. Das ist entschieden.
Die Beerdigung fand statt. Heike und Gertrud beschlossen, in das Haus des Sohnes zu gehen. Nun sollte es an sie übergehen an Mutter und Schwiegertochter. Thomas hatte nie die Scheidung eingereicht, er war immer noch im Liebesrausch, in Feiern und Gelagen verfangen.
Onkel Klaus begleitete sie überall hin.
Ich bin bei euch, ihr Frauen. Vielleicht braucht ihr irgendwann Hilfe.
Das Haus hatte sich in einem Monat völlig verwandelt: schmutzige Kleidung lag überall, schmutziges Geschirr stapelte sich bis zum Boden, es roch nach Bier und Verwesung.
Und das hat mein Sohn angerichtet! So war er nie!
Was macht ihr hier? Das ist mein Haus, räumt euch aus. Die gleiche Frau mit den großen Lippen und den Wimpern trat aus dem Schlafzimmer, ein halbnackt, zotteliger Mann folgte ihr.
Zeigt mir das Grundbuch!, rief Onkel Klaus ein.
Welches Grundbuch? Mein Mann ist tot. Wir hatten nicht einmal eine Hochzeit!
Er war nicht einmal geschieden!
Wir hatten die Hochzeit schon im Voraus geplant. Jetzt gehört alles mir!
Hört endlich auf zu träumen! Verschwindet! Ist noch jemand hier?
Der Mann floh leise. Onkel Klaus achtete darauf, dass Heike nichts entwendete.
Jetzt müssen wir die Dokumente prüfen. Vielleicht gibt es ein Testament oder ein neuer Eigentümer. Wir sollten die Schlösser austauschen, weil diese langhaarige Frau noch Schlüssel haben könnte.
Die Papiere waren in Ordnung, die Schlösser wurden gewechselt. Vieles musste weggeworfen werden. Onkel Klaus begleitete Heike und Gertrud überall hin.
Es tut mir leid, dass ihr zurückkommen müsst. Ich habe mich an euch gewöhnt.
Wir kommen wieder. Und du, Onkel Klaus, komm vorbei.
Ihr habt mich zurück ins Leben geholt. Gerda erinnert mich an meine verstorbene Ehefrau.
Und ich habe bemerkt, Onkel Klaus, wie du sie ansiehst. Und sie sieht dich auch an. Glaubst du an die Liebe?
Sag das doch selbst, sagte der Mann verärgert.
Wahrheit ist Wahrheit!
Ein Jahr später heirateten Klaus und Gertrud. Sie leben glücklich zusammen, ebenso wie Heike. Für sie ist Heike wie eine Tochter. Und das ist nicht das Ende der Familie Klaus und Gertrud haben Enkel!
Heike wurde schließlich Mutter. Sie heiratete nie, aber zog zwei Kinder groß, die sie unter ihre Obhut genommen hatte. Einen Bruder und eine Schwester zu trennen, ging nicht. Sie wollte ein Kind, bekam aber zwei.
Man findet Eltern und Verwandte nicht nur durch Geburt oder Kindheit, sondern oft durch das Schicksal, das uns zusammenführt.
**Lernziel:** Familie entsteht nicht nur durch Blutsbande, sondern durch Vertrauen, Hilfe und das, was das Leben uns schenkt.





