Der Junge erwachte aus einem seltsamen, tiefen Traum, als ein Stöhnen durch die Wohnung hallte.
Stimmen waberten wie Nebelschwaden.
Er tappte zum Bett seiner Mutter, deren Gestalt irreal fast durchsichtig schien.
Mama, hast du Schmerzen?
Ludwigchen, hol mir bitte etwas Wasser!
Sofort, er taumelte durch einen Gang, der sich zu verzerren schien, hinein in eine bläulich schimmernde Küche, aus der das Geschirr zu flüstern begann.
Wenig später kehrte er mit einer vollen Tasse zurück:
Hier, Mama, trink!
Plötzlich schlug jemand an die Tür, ein Echo, das wie Donner hallte.
Sohn, öffne bitte!
Das wird wohl Oma Helene sein.
Die Nachbarin trat herein.
In ihrer Hand eine große Tasse, dampfend und golden.
Wie geht es dir, Anna?
Sie legte ihre Hand auf Annas Stirn, und es fühlte sich an wie der Flügelschlag einer Eule.
Du hast Fieber.
Ich hab dir warme Milch mit Butter gebracht.
Ich habe schon meine Medikamente genommen.
Du solltest ins Krankenhaus.
Dort bekommst du die richtige Behandlung.
Und du musst ordentlich essen, aber dein Kühlschrank ist so leer wie ein verlassenes Schloss.
Tante Helene, ich habe mein ganzes Geld für die Medikamente ausgegeben, Annas Augen füllten sich mit Tränen, die wie Kristalle auf ihre blassblaue Bettdecke fielen.
Nichts hilft!
Geh ins Krankenhaus.
Aber wen soll ich Ludwig anvertrauen?
Wenn du stirbst, bleibt er allein.
Du bist noch keine dreißig, hast weder Mann noch Geld, Helene streichelte Annas Kopf, als wäre er aus Glas.
Gut, weine nicht!
Was soll ich tun, Tante Helene?
Ich rufe den Arzt, Helene zog ihr Handy aus einer Tasche, die wie ein verrücktes Labyrinth wirkte.
Sie telefonierte, alles klang wie von fern, als würde der Wind durch ein altes Schloss wehen.
Sie kommen heute noch.
Ich geh dann.
Wenn sie da sind, schick Ludwig zu mir.
Helene verschwand, Ludwig folgte ihr wie ein Schatten:
Oma Helene, Mama stirbt nicht, oder?
Ich weiß es nicht.
Du musst den lieben Gott bitten, dass er hilft, aber deine Mama glaubt nicht an ihn.
Hilft Opa Gott?
Ludwigs Augen glitzerten, als hätte jemand Sterne darin versteckt.
Geh in die Kirche, zünde eine Kerze an und bitte ihn.
Dann hilft er.
Ich geh jetzt.
***
Ludwig kehrte zu seiner Mutter zurück, nachdenklich.
Ludwigchen, du bist sicher hungrig, aber wir haben nichts.
Hol zwei Gläser.
Nachdem er sie gebracht hatte, goss Anna Milch ein:
Trink!
Er trank, doch der Hunger wurde immer größer.
Anna sah es sofort, kam schwerfällig auf die Beine.
Sie griff nach ihrem Portemonnaie, das wie aus feinem schwarzen Leder floß:
Fünfzig Euro.
Geh und kauf zwei Brötchen.
Iss sie unterwegs, während ich etwas koche.
Los!
Sie begleitete den Sohn bis zur Tür, klammerte sich an die Wand wie an einen alten Baum, schwebte zur Küche.
Im Kühlschrank ein bisschen Dosenfisch, etwas Margarine, auf dem Fensterbrett zwei Kartoffeln und eine Zwiebel.
Suppe muss gekocht werden
Ihr Kopf wirbelte, sie sank wie eine Feder auf den Hocker:
Was geschieht mit mir?
Ich habe kein bisschen Kraft.
Fast die Hälfte meines Urlaubs ist vorbei.
Das Geld ist fort.
Wenn ich nicht zur Arbeit gehe, wie soll ich Ludwig für die Schule vorbereiten?
In einem Monat kommt er in die erste Klasse.
Keine Verwandten, niemand hilft.
Und das Wichtigste: diese Krankheit.
Ich hätte gleich zum Arzt müssen.
Wenn ich jetzt ins Krankenhaus muss, bleibt Ludwig allein.
Mit Mühe erhob sie sich und schälte die Kartoffeln.
***
Der Hunger nagte, aber Ludwigs Gedanken waren woanders:
Gestern lag Mama den ganzen Tag im Bett.
Stirbt sie vielleicht wirklich?
Tante Helene meint, ich soll bei Opa Gott Hilfe suchen, er blieb stehen, riss sich los und bog zur Kirche ab.
***
Seit einem halben Jahr zurück aus dem Krieg.
Wunder, dass ich noch lebe.
Wenigstens kann ich wieder laufen, aber mit dem Stock.
Die vielen Narben machen mir nichts mehr aus.
Das Gesicht Na gut, wer sollte mich noch heiraten, dachte Johannes, während er zur Kirche wanderte.
Ich muss für die Jungs Kerzen aufstellen.
Heute ist genau ein Jahr seit ihrem Tod.
Vor zwanzig Jahren ging er zur Bundeswehr.
Jetzt war er Zivilist, aber keiner braucht ihn mehr.
Die Rente reicht für ein sorgenfreies Leben, das Geld vom Vertrag liegt auf der Bank, noch genug für viele Jahre.
Aber wozu, wenn man allein ist?
Vor der Kirche sitzen Bettler, ihre Gesichter sind wie aus Nebel gemalt.
Johannes gibt ihnen einige hundert Euro, bittet mit düsterer Stimme:
Betet für meine gefallenen Freunde Roman und Stefan!
Drinnen kauft er Kerzen, steckt sie an, murmelt ein Gebet, das der Pfarrer ihm einst beigebracht hat:
Gedenke, Herr, unser Gott
Er kreuzigt sich, Worte fließen wie Wasser und vor seinen Augen stehen die Freunde, lebendig wie Schatten.
Als das Gebet endet, bleibt er stehen und erinnert sich an sein schweres Leben; alles verschwimmt.
Ein kleiner, dünner Junge steht neben ihm, eine billige Kerze in der Hand, schaut sich unsicher um.
Eine ältere Frau kommt näher:
Lass mich dir helfen!
Sie zündet Ludwigs Kerze, stellt sie auf.
So machst du das Kreuzzeichen!
Sie zeigt ihm die Geste.
Und erzähl unserem Herrn, warum du gekommen bist.
Ludwig blickt lange auf das Bild, dann spricht er:
Hilf mir, Opa Gott!
Mama ist krank.
Ich habe niemanden außer ihr.
Mach, dass sie gesund wird.
Mama hat kein Geld für Medizin.
Bald komme ich in die Schule, habe nicht einmal einen Ranzen
Johannes erstarrt, schaut auf den Jungen und fühlt, wie seine eigenen Probleme klein und unwichtig werden.
Am liebsten hätte er geschrien:
Warum hilft denn niemand diesem Jungen, seiner Mutter, und schenkt ihm einen Ranzen?
Ludwig blickt weiter auf das Bild und wartet auf ein Wunder.
Komm mit, Junge!
sagt Johannes entschlossen.
Wohin?
Ludwig sieht ängstlich den furchterregenden Mann mit dem Stock.
Wir fragen, welche Medizin deine Mutter braucht und gehen zur Apotheke.
Sagst du die Wahrheit?
Opa Gott hat mir deinen Wunsch gesagt.
Wirklich?
Er strahlt den Heiligen an.
Los gehts!
Der Mann lächelt.
Wie heißt du?
Ludwig.
Nenn mich Onkel Johannes.
***
Aus der Wohnung dringen Stimmen von Mutter und Nachbarin:
Tante Helene, sie hat so viel verschrieben und sagt, das Medikament ist teuer.
Woher bekomme ich das Geld?
Ich habe nur noch fünfhundert Euro.
Ludwig öffnet entschlossen die Tür.
Alle verstummen.
Die Nachbarin schaut ängstlich den fremden Mann an:
Anna, schau mal!
Auch Anna bleibt wie versteinert.
Mama, welche Medikamente brauchst du?
Wir gehen mit Onkel Johannes zur Apotheke.
Wer sind Sie?
Anna ist verwundert.
Es wird alles gut, Johannes lächelt sanft.
Bitte die Rezepte!
Aber ich habe nur fünfhundert Euro.
Ludwig und ich finden das Geld, Johannes legt die Hand auf Ludwigs Schulter.
Mama, gib die Rezepte!
Anna reicht sie ihm.
Aus unerklärlichem Traumgefühl weiß sie: Der Mann mit dem schrecklichen Gesicht hat ein gutes Herz.
Anna, was machst du?
kommt Helene wieder zu sich, als die beiden gehen.
Du kennst ihn überhaupt nicht!
Tante Helene, ich glaube, er ist ein guter Mensch!
Na gut, Anna, ich gehe.
***
Anna sitzt und wartet auf Ludwig, der mit dem Mann fort ist.
Ihre Krankheit ist vergessen.
Da fliegt die Tür auf, der Sohn stürmt herein, sein Gesicht strahlt wie ein Sonnenstrahl:
Mama, wir haben Medizin und Leckereien zum Tee gekauft!
Im Türrahmen steht Johannes, auch er lächelt glücklich, sein Gesicht wirkt gar nicht mehr so furchterregend.
Vielen Dank!
Die Frau verneigt sich leicht.
Kommen Sie herein!
Johannes versucht, sich die Schuhe auszuziehen, es gelingt mühsam, er ist sichtlich nervös.
Er geht in die Küche.
Setzen Sie sich!
sagt die Gastgeberin.
Johannes sieht sich um, weiß nicht, wohin er den Stock legen soll.
Ich stelle ihn Ihnen hierher.
Sie tut es so, dass er ihn erreicht.
Entschuldigung, ich kann Sie kaum bewirten.
Mama, wir haben alles eingekauft, Ludwig legt die Einkäufe auf den Tisch.
Oh, warum denn!
Anna staunt, sieht, dass viele Süßigkeiten im Angebot sind.
Sie findet eine Packung mit edlem Tee.
Ich mache gleich Tee!
Sie bereitet Tee zu, das Gefühl, dass die Krankheit nachlässt oder sie möchte nicht so schwach wirken vor dem Mann.
Wie erratend fragt Johannes:
Anna, das ist sicher anstrengend für Sie?
Sie sehen blass aus.
Es geht schon Ich nehme meine Medizin.
Vielen Dank!
***
Sie genießen aromatischen Tee und Süßigkeiten, hören Ludwig, der lebhaft erzählt.
Ihre Blicke begegnen sich immer wieder, ein warmes Gefühl, gemeinsam an diesem Tisch.
Doch alles Gute endet irgendwann.
Vielen Dank!
Johannes steht, nimmt seinen Stock.
Ich gehe.
Sie müssen gesund werden.
Danke Ihnen sehr!
Anna steht ebenfalls auf.
Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken kann.
Er geht in den Flur, Mutter und Sohn folgen.
Onkel Johannes, kommen Sie wieder?
Natürlich!
Wenn deine Mama gesund ist, kaufen wir gemeinsam einen Schulranzen für dich.
***
Johannes geht.
Anna räumt den Tisch ab, wäscht das Geschirr.
Ludwig, schau etwas fern.
Ich ruhe mich aus.
Sie legt sich ins Bett und fällt in tiefen Schlaf.
***
Zwei Wochen vergehen.
Die Krankheit ist fort, offenbar wirken die teuren Medikamente.
Anna arbeitet wieder, der Monatsendspurt fordert sie zurück aus dem Urlaub sie freut sich, denn das bringt Geld.
Der August hat begonnen, bald muss sie Ludwig für die Schule ausstatten.
Am Samstag stehen sie wie immer auf, frühstücken.
Ludwig, zieh dich an!
Wir gehen einkaufen, sehen, was du für die Schule brauchst.
Hast du schon Geld bekommen?
Noch nicht, aber nächste Woche gibt es welches.
Ich habe tausend Euro geborgt, unterwegs kaufen wir noch etwas zum Essen.
Sie machen sich bereit, da klingelt der Türsummer.
Wer ist da?
fragt Anna.
Anna, ich bin Johannes
Er will noch etwas sagen, aber Anna drückt schon auf die Öffnen-Taste.
Mama, wer ist das?
Ludwig kommt aus der Stube.
Onkel Johannes!
Anna kann ihre Freude nicht verbergen.
Hurra!
Johannes kommt herein, noch immer mit dem Stock, aber wie verwandelt: teure Hose, edles Hemd, modische Frisur.
Onkel Johannes, ich habe auf Sie gewartet, Ludwig wirft sich ihm entgegen.
Ich habes dir versprochen, Johannes strahlt.
Hallo, Anna!
Hallo, Johannes!
Der spontane Wechsel zum Du freut beide.
Seid ihr bereit?
Los gehts!
Wohin denn?
Anna ist verwundert.
Du brauchst ja bald alles für die Schule.
Johannes, aber ich
Ich habe es Ludwig versprochen Versprechen muss man halten.
***
Anna schaut normalerweise stets nach den billigsten Sachen, egal in welchem Geschäft.
Denn sie hat kein Geld übrig, keine Verwandten, keinen Mann außer dem Jungen aus der Berufsschule, der längst verschwunden ist.
Jetzt steht ein Mann neben ihr, betrachtet Ludwig mit Staunen, kauft ihm alles Nötige für die Schule und fragt nur nach ihrer Meinung, nicht nach dem Preis.
Beladen kehren sie im Taxi zurück.
Die Gastgeberin eilt in die Küche.
Anna, Johannes hält sie zurück.
Lass uns gemeinsam spazieren gehen!
Irgendwo Mittagessen.
Mama, komm!
Ludwig ist begeistert.
***
Diese Nacht liegt Anna lange wach.
Bilder des Tages tanzen wie bunte Vögel durch ihren Kopf.
Johannes Augen vor ihr, voller Liebe.
Kühle Vernunft und warmes Herz diskutieren im inneren Traum:
Er ist hässlich und hinkt, sagt der Verstand schroff.
Er ist normal, freundlich und so liebevoll zu mir, antwortet das Herz sofort.
Er ist fünfzehn Jahre älter als du.
Na und?
Zu meinem Sohn ist er wie ein Vater.
Du kannst noch einen Jungen, schön und sportlich, finden.
Das will ich nicht!
Ich hatte doch schon so einen.
Jetzt brauche ich einen guten, verlässlichen.
Aber du hast nie davon geträumt, so einen Mann zu haben, insistiert die Vernunft.
Jetzt schon.
Deine Wünsche wechseln schnell?
Ich habe einfach den Richtigen getroffen Ich liebe ihn!
***
Die Hochzeit findet in jener Kirche statt, in der Johannes und Ludwig sich vor drei Monaten kennengelernt haben.
Johannes und Anna stehen vor dem Altar, vom Stock ist keine Spur mehr.
Ludwig schaut unentwegt auf das Bild des Heiligen, den er vor drei Monaten um Hilfe gebeten hatte.
Dann spricht er mit voller Stimme:
Danke, Opa Gott!




