Zu Besuch – meine lieben Verwandten! „Wir sind gleich da! Sei bereit, uns zu empfangen!“, rief Oma in den Hörer und legte auf. Anna wischte zum dritten Mal innerhalb einer Stunde die Arbeitsplatte ab und betrachtete kritisch ihre Küche. Alles blitzte vor Sauberkeit. Der Kühlschrank quoll über vor Lebensmitteln, im Ofen schmorte eine Ente, und auf dem Fensterbrett leuchteten weiße Chrysanthemen in einer Kristallvase… Mit achtunddreißig Jahren, einer eigenen Wohnung mitten in der Stadt und einer guten Position in einem großen Unternehmen hatte Anna Sokolov alles selbst erreicht. Nun, kurz vor den Feiertagen, bereitete sie sich auf den Empfang der Verwandtschaft vor…

Wir sind gleich da! Bald sind wir bei dir! Freu dich auf uns! rief Oma durch das Telefon und legte auf.

Anna strich zum dritten Mal innerhalb einer Stunde über die Küchenplatte und trat ein Stück zurück, um alles kritisch zu begutachten. Alles blitzte und glänzte. Der Kühlschrank war bis obenhin mit Lebensmitteln gefüllt, im Ofen schmorte eine Ente, und auf der Fensterbank standen weiße Chrysanthemen in einer Kristallvase.

Achtunddreißig Jahre, eine eigene Wohnung mitten in München, gute Stelle in einem großen Unternehmen Anna Schneider hatte alles tatsächlich selbst erreicht. Nun, kurz vorm Weihnachtsfest, bereitete sie sich darauf vor, die Familie aufzunehmen.

Punkt vier Uhr klingelte es schrill an der Tür.

Annchen! Mein liebes Enkelkind! Oma Erika Schneider trat als Erste durch die Tür und musterte den Flur mit kritischem Blick. Endlich sehen wir uns mal richtig. Sonst bist du ja immer nur beschäftigt, beschäftigt

Hinter ihr quetschte sich Annas Mutter, Brigitte, mit zwei Koffern herein, gefolgt von Tante Helga, die Taschen voll mit selbstgemachten Marmeladen und Aufstrichen schleppte. Den Abschluss bildete Cousin Jens dürr, stoppelbärtig und mit zerknitterter Jacke.

Jens wurde gerade erst gekündigt, flüsterte Tante Helga mit theatralischer Stimme. Kannst du dir vorstellen, so kurz vor Weihnachten? Einfach rausgeschmissen!

Jens lächelte schief und schleppte die Taschen schweigend ins Wohnzimmer.

Seid bitte vorsichtig mit den Schuhen, ich habe Parkett hier, Anna hob einen nassen Stiefel auf.
Ach schau, Parkett hat sie das trocknet schon, winkte Brigitte ab.

Der erste Abend verlief beinahe perfekt. Oma Erika schwärmte von der Ente, Tante Helga erzählte die neuesten Nachbarschaftstrats, und die Mutter kritisierte Annas neue Frisur aber auf harmlose Weise. Jens aß für drei und tippte schweigend auf seinem Handy herum.

Es ist wunderschön bei dir, Oma legte die Gabel beiseite. So viel Platz. Hast du keine Angst, allein hier?
Mir gefällts, Anna schenkte allen Tee nach.
Gefällt ihr, schüttelte Brigitte den Kopf. Bald bist du vierzig und immer noch allein. Gefällt ihr

Anna tat so, als hätte sie nichts gehört.

Der laute Abend glich einer kleinen Familienrevue. Oma erzählte Geschichten aus ihrer Jugend, Helga sang das alte Lied von der Loreley, Jens lächelte sogar gelegentlich. Anna ertappte sich dabei, wie sie dieses bunte, chaotische Durcheinander vermisst hatte den Duft von Mamis Kartoffelsalat und Omas ansteckendem Lachen.

Am nächsten Morgen fragte sie vorsichtig:

Habt ihr schon nach Rückfahrkarten geschaut? Für den 5.? 6.?
Welche Karten, Annchen? Oma Erika riss die Augen auf. Wir sind doch eben erst angekommen! Wir bleiben noch eine Woche. Ist dir das zu viel?
Nein, natürlich nicht, aber
Schön, klatschte Brigitte in die Hände. Helga, bring das Rezept! Zeig Anna mal, wie richtige Frikadellen gehen.

Die Woche wurde zu zwei Wochen

Annas stolze Münchner Wohnung verwandelte sich langsam in eine Familienherberge. Jens saß dauerhaft auf dem Sofa, Laptop und dreckige Socken überall. Tante Helga besetzte die Küche, der Kühlschrank wurde zu einem Depot seltsamer Gläser. Oma stellte sämtliche Möbel nach eigenen Vorstellungen um, denn so ist es gemütlicher. Die Mutter inspizierte täglich die Schränke und seufzte über dieses Chaos in der Organisation.

Anna, warum ist der Quark alle? Brigitte stand um sieben Uhr morgens mit offenem Kühlschrank da.

Anna, gerade mit einer Tasse Kaffee, blieb in der Bewegung stecken.

Weil Jens gestern drei Packungen gegessen hat.
Und jetzt soll Oma ohne Frühstück sitzen? Sprung mal schnell zum Supermarkt.
Mam, ich komme sonst zu spät zur Arbeit.
Die Arbeit läuft dir nicht weg. Die Oma braucht ihren Quark.

Anna rannte noch in den Laden, dann zur Apotheke für Omas Medikamente, danach zur Post für Helgas Paket. Zur Arbeit kam sie erst gegen Mittag genervt und erschöpft.

Abends begegnete sie reinstem Durcheinander. Die Küche quoll über vor schmutzigem Geschirr, im Bad lag ein nasses Handtuch auf dem Boden, und in ihrem Schlafzimmer saß jetzt Tante Helga und telefonierte lang und laut.

Stell dir vor, Ingrid, sie lebt hier wie eine Königin! Ganz allein! Sie sollte lieber heiraten und Kinder kriegen

Anna schloss leise die Tür und lehnte sich mit geschlossenen Augen an die Wand.

Warum stehst du da rum? Brigitte ging mit einem Teller vorbei. Das Abendessen steht schon bereit. Hab ich gemacht, während du unterwegs warst.
Danke, Mama.
Decke den Tisch!

Beim Essen beschrieb Helga, wie ihre Nachbarsnichte mit fünfundzwanzig schon zwei Kinder hat, während Jens laut schmatzte.

Annchen, Oma tupfte ihre Lippen ab, könntest du Jens nicht bei der Jobsuche helfen? Du kennst doch Leute.
Oma, ich bin im Marketing, Jens ist Informatiker.
Und? Ruf doch irgendwo an, irgendwer kennt immer jemanden. Familie ist Familie.
Ich hätte nur gern mehr Gehalt, mischte sich Jens ein, ohne aufzusehen. Mindestlohn sollten schon 5000 Euro sein.

Anna verschluckte sich am Tee.

Jens, du hattest vorher 2500.
Ja, aber die Inflation steigt.

Helga schüttelte den Kopf:

Siehst du, Anna, wie schwer es die Jungen heute haben. Und du lebst im Luxus und denkst nur an dich.

Anna stand auf und begann schweigend, Geschirr zu spülen.

In der Nacht starrte Anna an die Decke und erinnerte sich

Den 15. Geburtstag, als die Mutter zwanzig Verwandte einlud, aber keinen einzigen Freund von ihr. Den Abiball, zu dem sie anstelle eines Kleides etwas Vernünftiges, wie sichs für ein ordentliches Mädchen gehört anziehen musste. Den ersten festen Job, von dem Oma lapidar meinte: Papiere hin und her schieben, tolle Karriere.

Anna presste die Augen zusammen. In drei Stunden musste sie wieder ins Büro und der Schlaf kam nicht

An jenem Abend kam sie später als sonst von der Arbeit Konferenz, Stau. Sie öffnete die Tür und erstarrte.

Auf dem Wohnzimmerboden lagen Porzellanscherben. Die Schmuckdose, die die Großmutter väterlicherseits aus China 1972 mitgebracht hatte. Einziges Andenken

Jens stand daneben, die Hände versteckt hinter dem Rücken.

Ich habs nicht gesehen. Die ist von selbst gefallen.
Von selbst? Anna ging in die Knie und sammelte die Splitter. Handbemalte Drachen, der goldene Rand. Jetzt alles nur noch Abfall.
Anna, mach dir nichts draus, Helga tauchte in der Küche auf. Nur irgendein Kram.
Das war von meiner Oma.
Von deiner Oma? Brigitte tauchte aus dem Schlafzimmer auf. Ach, die Ach, die war eh schon uralt. Jetzt sei nicht so traurig.

Anna hob langsam den Kopf.

Nicht traurig sein?
Anna, übertreib nicht, Jens rollte mit den Augen. Ist nur altes Glas. Kauf dir halt ein neues.

In Anna knackte etwas.

Ein Neues? Sie stand auf, die Splitter im festen Griff. Du hast meine letzte Erinnerung an die Oma zerstört und meinst, ich kauf mir einfach eine neue?
Jetzt fang nicht an, Helga verschränkte die Arme. Erika, kommen Sie, ein richtiges Theater!

Oma humpelte heran, mit dem Stock.

Was ist hier los? Was ist passiert, Anna?
Was passiert ist? Anna lachte hart und das Lachen schmerzte selbst für sie. Drei Wochen, Oma. Drei Wochen lebt ihr in meiner Wohnung. Ihr esst mein Essen, benutzt meine Sachen. Und in diesen drei Wochen nicht ein einziges Danke. Nicht eins!
Anna! Brigitte wurde ganz blass. Wie kannst du so mit deiner Oma sprechen?
Und wie könnt ihr so mit mir sprechen? Anna drehte sich zur Mutter. Täglich: Warum kein Mann?, Warum keine Kinder?, Warum so viel Arbeit? Jeden einzelnen Tag!
Wir meinen es doch nur gut! Helga schlug die Hände zusammen. Wir sorgen uns doch!
Gut gemeint? Anna warf die Splitter in den Müll. So nennt ihr das? Jens frisst alles auf, wäscht nie sein Geschirr, zerstört die einzige wertvolle Sache, die ich habe. Helga, Sie wühlen in all meinen Schränken und erzählen den Nachbarn, ich sei eine alte Jungfer. Mama, du findest jeden Morgen einen Grund, mich kleinzumachen. Und nach all dem sagt ihr mir, ihr würdet mich lieben?

Eine schwere Stille legte sich über dem Raum.

Anna! Brigitte erholte sich zuerst. Du entschuldigst dich jetzt sofort!

Anna riss sich los.

Nein. Schluss! Achtunddreißig Jahre habe ich mich entschuldigt dafür, dass ich nie so war, wie ihr mich wolltet. Nie mit zwanzig geheiratet, immer nur Karriere gemacht. Dass ich diese Wohnung selbst gekauft habe, ohne euer Geld und eure Ratschläge. Schluss!
Wenn das so ist, packen wir unsere Sachen, Helga zog die Lippen zusammen. Jens, pack ein.
Ja, macht das. Und kommt erst wieder, wenn ihr mich und mein Zuhause respektieren könnt.
Anna, bist du verrückt? Brigitte blieb ganz weiß. Wir sind doch deine Familie!
Darf man deshalb alles mit mir machen?

Zwei Stunden dauerte das Packen, begleitet von Donnern, Türenzuschlagen und betonter Sprachlosigkeit. Anna saß auf der Küche, bewegungslos. In ihr war alles leer.

Du wirst an diesen Tag zurückdenken, stoppte Oma Erika im Flur. Wenn du alt bist, einsam in dieser Wohnung. Du wirst daran denken, wie du die Familie vertrieben hast.

Die Tür fiel ins Schloss.

Anna saß noch zwanzig Minuten still da. Dann stand sie auf, schenkte sich Tee ein und trat auf den Balkon.

Die Stadt rauschte unten, ungerührt und ewig.

Die nächsten Tage schlich sie wie betäubt durch den Alltag. Arbeit, Heimkehr, Stille. Die Wohnung ohne Gäste wirkte riesig und ungewohnt ruhig.

Am fünften Tag holte Anna eine alte Kiste mit Farben aus dem Abstellraum. Zehn Jahre hatte sie nicht gemalt zuerst keine Zeit, dann schien es sinnlos. Der erste Entwurf geriet holprig, der nächste wurde etwas besser.

Am Ende der Woche stand auf dem Staffelei ein Porträt die andere Großmutter, jung, ganz Annas Augen, in einem Seidenkleid, mit der berühmten Porzellandose.

Ihre Freundin Klara, die Anna endlich anrief, tauchte am selben Abend mit Wein und Pizza auf.

Drei Wochen, schüttelte Klara den Kopf nach dem ganzen Bericht. Ich hätte sie am zweiten Tag rausgeworfen.
Ich konnte nicht. Das ist doch Familie, meine Verwandten.
Familie ist, wer dich wirklich liebt. Alles andere ist was anderes.

Anna nahm wortlos einen Schluck Wein.

Du hast Mut bewiesen, drückte Klara ihre Hand. Endlich hast du gezeigt, wer du bist.

Eine Woche später stellte Anna die Möbel wieder zurück. Sie warf Helgas Gläser weg, kaufte neue Bettwäsche und schlief endlich wieder ruhig.

Die Mutter rief gegen Ende des Winters an. Das Gespräch war kurz, distanziert.

Wir haben eindeutig übertrieben, sagte Brigitte nach langem Schweigen. Ich habe übertrieben.
Ja, das habt ihr, antwortete Anna. Ziemlich.
Du du bist meine Tochter. Ich liebe dich. Ich weiß nur nicht, wie ich das richtig zeigen soll. Sei nicht böse, ja?
Ich weiß, Mama.

Das war keine richtige Versöhnung. Noch nicht. Aber der Anfang. Der Anfang von normalen, gesunden Beziehungen.

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Homy
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Zu Besuch – meine lieben Verwandten! „Wir sind gleich da! Sei bereit, uns zu empfangen!“, rief Oma in den Hörer und legte auf. Anna wischte zum dritten Mal innerhalb einer Stunde die Arbeitsplatte ab und betrachtete kritisch ihre Küche. Alles blitzte vor Sauberkeit. Der Kühlschrank quoll über vor Lebensmitteln, im Ofen schmorte eine Ente, und auf dem Fensterbrett leuchteten weiße Chrysanthemen in einer Kristallvase… Mit achtunddreißig Jahren, einer eigenen Wohnung mitten in der Stadt und einer guten Position in einem großen Unternehmen hatte Anna Sokolov alles selbst erreicht. Nun, kurz vor den Feiertagen, bereitete sie sich auf den Empfang der Verwandtschaft vor…
Komm zurück und kümmere dich um mich