Ihre Kartoffeln sind Ihnen heruntergefallen.
Elfriede Baumgartner drehte sich um. Zwei Jungen, gleich groß, dürr, in viel zu großen Jacken, standen hinter ihr. Einer hob die Kartoffel auf, wischte sie an der Hose ab und reichte sie ihr. Der andere konnte den Blick von dem Tablett mit gekochten Kartoffeln kaum abwenden, als hätte er seit Tagen nichts gegessen.
Danke. Was macht ihr denn hier immer wieder? Ich sehe euch jetzt schon zum dritten Mal.
Der Ältere zuckte mit den Schultern.
Nur so.
Elfriede kannte dieses “nur so”. Sie wickelte zwei Kartoffeln in eine alte Zeitung, legte noch eine Essiggurke dazu.
Kommt morgen wieder, dann helft ihr mir mit den Kisten, ja? Abgemacht?
Sie packten das Bündel und verschwanden ganz ohne ein Wort.
Als Elfriede am Abend den vollen Wasserkanister schleppte, tauchten sie wieder auf. Schweigend nahmen sie ihr das Gewicht ab und trugen alles bis zur Haustür. Der Ältere kramte in der Tasche, zog zwei alte, stark abgenutzte Pfennigstücke hervor.
Die gehörten unserem Vater. Er war Bäcker, ist dann gestorben. Wir geben sie nicht weg, aber Sie können sie anschauen.
Elfriede verstand sofort: Das war alles, was sie besaßen.
Lukas und Emil kamen ab diesem Tag täglich. Elfriede gab ihnen zu essen, oft das Wenige, das sie von zuhause mitbrachte. Die beiden trugen dafür die Säcke und Kisten. Sie aßen hastig, mit gesenktem Blick. Eines Tages fragte sie:
Wo schlaft ihr eigentlich?
Im Keller an der Fabrikstraße, antwortete Emil. Es ist trocken, keine Sorge.
Wie soll ich mir denn da keine Sorgen machen…
Lukas hob den Kopf.
Wir sind keine Bettler. Wenn wir groß sind, machen wir eine eigene Bäckerei auf. So wie unser Vater.
Elfriede nickte nur. Sie wusste, sie mussten stark sein. Disziplin hatten sie jedenfalls.
Doch auf dem Markt begann Herr Dürrwächter, der Platzwart, sich einzumischen. Seine Frau verkaufte eingelegten Hering; sie stand die meiste Zeit nur herum, kaum jemand kaufte bei ihr. Bei Elfriede hingegen standen die Leute Schlange. Herr Dürrwächter schlich oft vorbei, schimpfte unterdrückt:
Willst du die Wohltäterin spielen? Fütterst hier das Pack?
Das geht dich nichts an!
Oh doch. Hier bin ich für die Ordnung zuständig.
Er machte sich Notizen, starrte die Jungen missbilligend an. Elfriede spürte der plante etwas Gemeines. Aber dass es so weit gehen würde, ahnte sie nicht.
Alles geschah an einem Mittwoch. Ein Auto fuhr vor den Stand. Zwei Frauen und ein Polizist stiegen aus. Lukas und Emil hoben gerade Kisten und erstarrten.
Lukas und Emil Steiner?
Ja, sagte der Ältere.
Packt eure Sachen zusammen. Ihr kommt jetzt mit uns.
Elfriede trat energisch vor.
Wo bringen Sie die hin?! Sie sind bei mir, ich übernehme die Verantwortung!
Sie beuten Minderjährige aus, sagte eine Frau abfällig und nickte zu Herrn Dürrwächter, der sich stolz an die Pforte gestellt hatte. Uns wurde zugetragen, Kinder gehören unter staatliche Aufsicht.
Ich beute sie nicht aus! Ich gebe ihnen zu essen!
Tante Elli, lassen Sie es gut sein, meinte Lukas leise. Mischen Sie sich nicht ein.
Emil schwieg, ballte die Fäuste. Jemand fasste ihn an der Schulter, führte ihn zum Auto. Elfriede rannte der Frau hinterher, packte ihren Mantelärmel.
Warten Sie! Ich kann die Vormundschaft übernehmen, ich
Sie sind doch Rentnerin. Bitte treten Sie zur Seite. Die Jungen kommen in verschiedene Einrichtungen.
In verschiedene?
Da schlugen die Autotüren zu. Elfriede stand noch mitten auf dem Markt, sah Lukas’ Gesicht an der Scheibe. Leise formte er mit den Lippen: Danke.
Herr Dürrwächter pfiff, als er vorbeiging.
Zwanzig Jahre vergingen.
Elfriede Baumgartner handelte nicht mehr auf dem Markt. Sie lebte in ihrem kleinen Häuschen am Dorfrand, mit knapper Rente. Oft dachte sie an die Jungen. Ob sie noch lebten? Ob sie sich wiedergefunden hatten? Manchmal träumte sie sie standen am alten Stand, aßen Kartoffeln, sie strich ihnen übers Haar.
Herr Dürrwächter wohnte gegenüber. Älter, verbittert und dennoch ließ er nicht ab, sie zu piesacken. Traf er Elfriede, spottete er:
Na, Baumgartner, denkst du immer noch an deine kleinen Streuner?
Elfriede schwieg. Sie hatte keine Kraft mehr fürs Antworten.
An einem Samstag, Elfriede arbeitete im Beet, fuhren zwei schwarze, glänzende Limousinen die Dorfstraße entlang. So etwas hatte man hier nie gesehen. Nachbarn traten neugierig aus den Haustüren.
Die Wagen stoppten direkt vor ihrem Gartentor.
Zwei Männer stiegen aus, groß, beide mit Leberfleck unter dem linken Auge, im Anzug. Elfriede richtete sich mühsam auf und ließ den Spaten fallen.
Tante Elli?
Die Stimme zitterte. Sie erkannte die Augen sofort die gleichen wie damals.
Lukas?
Er nickte. Emil stand daneben, schwieg, aber lächelte. Dann trat Lukas vor, griff unter sein Hemd und zog eine Kette hervor: Daran die alte Pfennigmünze.
Wir tragen sie immer. Emil und ich. Sie bleibt bei uns.
Elfriede schloss die beiden in die Arme. Minuten lang, als hätten sie Angst, das alles wäre nur ein Traum.
Die Nachbarn beobachteten die Szene stumm. Emil trat einen Schritt zurück, wischte sich übers Gesicht.
Wir haben Sie drei Jahre lang gesucht. Der alte Markt wurde abgerissen, alle sind weggezogen. Wir sind die Akten durch, alte Melderegister Wir dachten schon, wir finden Sie nicht mehr.
Lukas nahm Elfriede bei der Hand.
Wir holen Sie jetzt zu uns. Wir haben jetzt zusammen Bäckereien siebzehn Filialen. Wir führen Papas Handwerk weiter. Damals hat man uns getrennt, aber wir haben uns gefunden, sind abgehauen, haben von Null angefangen. Die ganzen Jahre haben wir das nie vergessen, was Sie für uns getan haben. Sie waren die Einzige, die nicht weggeschaut hat.
Ach Jungs Ich komm doch zurecht
Zurecht? Emil blickte auf das schiefe Häuschen. Tante Elli, Sie haben damals das Letzte mit uns geteilt. Jetzt sind wir dran. Sie leben bei mir. Oder bei Lukas wir streiten da schon die ganze Woche drüber.
Bei mir ists näher zum Krankenhaus, sagte Lukas. Aber bei mir der Garten größer, willst du Kirschen?
Sie redeten durcheinander, wie früher als Kinder. Elfriede musste weinen.
Herr Dürrwächter schob sich hinter den Zaun. Starrte auf die Limousinen, die Männer in den Anzügen begriff nichts. Lukas sah ihn und trat an den Zaun.
Sie sind Herr Dürrwächter, vom alten Wochenmarkt?
Der Alte nickte.
Sie waren es, der uns damals gemeldet hat?
Stille. Dann verzog er das Kinn.
Gesetz ist Gesetz. Kinderarbeit war verboten.
Emil lächelte schief.
Wissen Sie was? Ohne Sie wären wir vielleicht heute noch im Keller. Man hat uns getrennt, sechs Jahre später haben wir uns wiedergefunden, von vorne angefangen. Sie könnten sagen Sie haben unser Leben verändert.
Lukas reichte Herrn Dürrwächter eine Visitenkarte.
Unsere Kontaktdaten. Man weiß ja nie. Wir sind nicht nachtragend. Nicht wie andere.
Herr Dürrwächter drehte die Karte mit zitternden Fingern um: Steiner & Steiner Bäckereien. Sein Gesicht erlitt einen Wandel. Er wandte sich stumm ab, schleppte sich nach Hause, als drücke eine schwere Last auf seinen Rücken.
Elfriede Baumgartner brauchte keine halbe Stunde zum Packen. Viel hatte sie nicht. Lukas und Emil setzten sie auf den Rücksitz, deckten sie zu.
Als die Wagen losfuhren, blickte Elfriede zurück. Im Fenster gegenüber stand Herr Dürrwächter starrte hinaus. Keine Wut in seinem Blick, kein Triumph. Nur die Leere eines Menschen, der sein Leben anderen das Ihre missgönnt hat und am Ende mit nichts dasteht.
Tante Elli, Lukas schaute zurück. Erinnern Sie sich, wir wollten damals eine Bäckerei aufmachen?
Ich erinnere mich.
Die Hauptfiliale heißt jetzt Bei Tante Elli. Und wir geben jeden Tag kostenloses Frühstück an Kinder, die niemanden haben.
Elfriede schloss die Augen. Vor zwanzig Jahren hatte sie zwei hungrigen Jungen eine Kartoffel gegeben und nicht weggeschaut. Jetzt kamen sie wieder und schenkten ihr alles zurück, mit Zinsen.
Die Autos bogen auf die Landstraße ein. Das alte Dorf verschwand hinter ihnen. Vor ihnen begann das neue Leben. Das, was sie sich einfach dadurch verdient hatte, dass sie ein Mensch geblieben war.





