Pfanne für Pfannkuchen
Nach allen Maßstäben ist Hedwig heute wieder zu spät dran für die Arbeit, was erneut eine saftige Geldstrafe und ein unangenehmes Gespräch mit ihrem äußerst pünktlichen Chef nach sich ziehen könnte. Schuld daran ist das Chaos am Morgen. Ihr Sohn Jakob, Zweitklässler, verweigert den Haferbrei und klagt mit Tränen in den Augen über Halsschmerzen. Mit der Lesebrille bewaffnet kontrolliert Hedwig seine Kehle auf Anzeichen von Rötung, findet jedoch nichts. Sie durchschaut den kleinen Betrüger, droht kurz mit Strenge und hilft ihm dann, den schweren Schulrucksack anzuziehen. Währenddessen flitzt ihr älterer Sohn Karl hektisch durch die Wohnung, auf der Suche nach seinem Hausaufgabenheft. Bei all dem Durcheinander beginnt Hedwigs Kopf zu schwirren. Mit einem energischen Wort an Kalle schnappt sie sich den kleinen Simulanten und stürmt mit ihm hinaus zur Haustür. Doch ins Auto kommen sie nicht sofort der Ehemann Armin hat es noch nicht fertig geputzt. Als alle endlich startklar sind, schiebt sich die Familie auf die Leipziger Allee, nur um in einem endlosen Stau zu stranden so ist die Hoffnung auf Pünktlichkeit endgültig dahin.
Eilig erreicht Hedwig das Büro für den Vorverkauf von Bahnfahrkarten in der Innenstadt von Leipzig. Fast hätte sie auf dem rutschigen Bürgersteig das Gleichgewicht verloren, aber ein riesiger Rollkoffer rettet sie vor dem Sturz auf das nasse Pflaster. Sie hält sich daran fest, atmet tief ein und schiebt den Koffer mit einem entschuldigenden Lächeln zu seiner betagten Besitzerin, bevor sie in ihr Büro läuft. Als sie von den Kolleginnen hört, dass der Chef noch nicht im Haus ist, atmet sie erleichtert auf, leert ein Glas Wasser in einem Zug und nimmt ihren Platz ein.
Nicht eine halbe Stunde vergeht, da haben die Arbeit und das Telefongeklingel die morgendlichen Turbulenzen vergessen gemacht. In der Mittagspause wirft Hedwig einen Blick aus dem Fenster und sieht wieder die ältere Dame mit dem riesigen Koffer auf der Bank am Bahnsteig. Irgendetwas an der Fremden lässt Hedwig nicht los: Die gebückte Haltung, der abwesende, resignierte Blick als habe sie sich längst aufgegeben. Der Wind zerrt am verblassten Zugticket in ihrer Hand, das jederzeit wie ein welkes Blatt davonfliegen könnte. Doch die glanzlosen Augen der alten Dame achten nicht darauf. Für sie scheint die Welt stillzustehen.
Wie lange sitzt sie schon da?, fragt Hedwig leise ihre Kollegin.
Heißt es, es ist schon der zweite Tag, antwortet diese.
Weißt du vielleicht, wohin sie fahren will?
Nach Würzburg.
Komisch, es fahren doch mehrmals täglich Züge dorthin. Warum ist sie dann noch hier?
Hedwig gießt Tee ins Glas, greift sich ein Stück selbstgebackenen Kuchen, verlässt das Büro und setzt sich mit dem kleinen Imbiss zu der einsamen Frau auf die Bank.
Sie erinnern sich bestimmt, heute früh hat Ihr Koffer mich vor einem Sturz gerettet. Verraten Sie mir: Wohin geht denn die Reise?
Nach Würzburg, erwidert die ältere Frau tonlos und nippt am Tee.
Hedwig betrachtet das Ticket: Aber, Ihr Zug ging doch schon vor zwei Tagen. Weshalb sind Sie nicht gefahren?
Mit zitternder Hand rückt die Frau ihren altmodischen Filzhut zurecht, räuspert sich und sagt heiser:
Ach, ich störe wohl überall Aber keine Sorge, ich rücke gleich ein Stück weiter. Sie stellt das Teeglas auf die Bank und will aufstehen, doch Hedwig legt ihr beruhigend die Hand auf den Arm:
Nein, bleiben Sie sitzen, wie Sie mögen. Es ist nur einfach ungemütlich hier draußen.
Ich spüre nichts Es ist, als hätte ich alle Gefühle schon hinter mir gelassen, sagt die Fremde, holt aus ihrer abgewetzten Handtasche ein besticktes Taschentuch und trocknet verstohlen aufkommende Tränen.
Wissen Sie, ich habe nirgendwohin zu fahren. Es ist so eine gewöhnliche Familiensache. Mit dem Sohn hat es nicht mehr geklappt, besser gesagt, mit seiner Frau: Hübsch, aber launisch und eigensinnig. Mein Sohn hat sich von ihr den Kopf verdrehen lassen, und jede Bemerkung nahm er mir krumm. Um ihr alles rechtzumachen, wollte er mich loswerden. Er kaufte das Ticket zu meiner Schwester nach Würzburg, packte meine Sachen und brachte mich zum Bahnhof. Er wusste nur nicht, dass meine Schwester schon vor drei Jahren gestorben ist und das Haus längst verkauft wurde. Ich habe es ihm nicht übers Herz gebracht, die Wahrheit zu sagen. Ich dachte, vielleicht läuft das Leben für die Jungen besser, wenn ich nicht im Wege stehe. Also sitz ich hier selbst schuld und warte Worauf eigentlich? Vielleicht, dass mich die Scham umbringt oder der Rettungswagen mich abholt und ins Seniorenheim bringt. Danke dir, Kind, für die Stärkung! Ich merke gerade ich bin ganz ausgehungert.
Das Wort Kind berührt Hedwigs Herz, und für einen Moment ist sie wieder das rothaarige, unscheinbare Waisenmädchen aus ihrer Kindheit im Heim. Die bittere Eifersucht auf adoptierte, glückliche Kinder hat ihre Seele noch immer nicht verlassen. Sie, die nie besonders hübsch war und keine Gedichte vortragen konnte, blieb übrig, nie gewählt. Nach dem Heim wurde sie als Lehrling in eine Textilfabrik geschickt, bekam ein kleines Zimmer in der Wohngemeinschaft, wo sie bis zur Hochzeit mit Armin lebte endlich glücklich, endlich angekommen.
Das vertrauensvolle Kind… weckt in Hedwig ein bisher unbekanntes mütterliches Gefühl. Sanft legt sie ihre Hand auf die Schulter der Dame:
Bitte, bleiben Sie hier auf der Bank, egal was kommt. Nach meiner Schicht fahren wir zusammen zu uns nach Hause. Es ist groß, Platz genug für alle. Wenn es Ihnen nicht gefällt, bringen wir Sie zurück. Abgemacht?
Hedwig sucht den Blick der alten Frau. Tränen laufen ihre Wangen hinunter und das Kinn zittert vor Rührung.
Im Auto stellen sie sich vor:
Ich bin Hedwig, das sind mein Mann Armin, Karl und Jakob. Wie dürfen wir Sie nennen?
Nennen Sie mich Oma Liesel, erwidert die Dame erleichtert, während sie sich langsam aufwärmt.
Am nächsten Morgen ist Samstag. Hedwig wacht auf, vernimmt herrlichen Duft von der Sommerküche. Im Morgenmantel schlurft sie auf die Veranda auf dem Tisch stapeln sich zart gebackene Pfannkuchen. Oma Liesel schwingt geschickt die Pfanne, dreht einen Pfannkuchen nach dem anderen und serviert der fröhlichen Männerrunde. Als Hedwig eintritt, lächelt sie, leicht verlegen:
Sei nicht böse, Kind. Ich hab eine Pfanne in deinem Ofen gefunden, die backt Pfannkuchen ganz wunderbar, da habe ich mich ans Werk gemacht. Setz dich, probier mal.
Nach dem Frühstück harkt die ganze Familie das Herbstlaub im Garten zusammen, verbrennt es und röstet ein paar Kartoffeln in der Glut. Mit Staunen beobachtet Hedwig die fleißige Liesel, die aufblüht und ein altes Lied leise vor sich hin summt.
Wundere dich nicht über meinen Tatendrang, Kind. Ich bin zäh, weißt du! Nicht umsonst nannte man mich an der Front Liesel-Pferd, weil ich so viele Verwundete aus dem Kugelhagel getragen habe selbst ganz unterschiedliche Kaliber. Hab allen geholfen, bis ich selber verwundet wurde. Danach haben sie mich ins Lazarett hinter der Front versetzt. Da habe ich auch geheiratet und meinen Sohn bekommen. Leider starb mein Mann früh an einer Lungenverletzung, ist im letzten, kalten Tauwetter einfach nicht mehr aufgewacht. Blieb ich allein mit dem Kleinen, aber wir habens geschafft. Der Junge ist groß geworden und hat seinen Weg gemacht.
Liesel verstummt, versinkt einen Moment in Erinnerungen, hebt dann die Harke auf und singt wieder leise ihr fremdes Lied durch den Garten.
Am Montag kehrt die alltägliche Hektik zurück. Jakob jammert wieder, Karl sucht seine Bücher zusammen, Armin schnallt die Winterreifen ans Auto. Als Hedwig mit den Jungs hinaus zur Haustür hastet, sieht sie Liesel, angezogen, mit gepacktem Koffer:
Danke, Kind, ich habe genug Aufenthalt gehabt es wird Zeit weiterzuziehen
Oma Liesel! Hat es Ihnen nicht bei uns gefallen?
Doch, sehr sogar aber wer braucht schon einen fremden Menschen im Haus?
Bitte bleiben Sie! Wer backt uns denn nun die tollen Pfannkuchen? So gut bekomme ich die nie hin Bleiben Sie Sie sind doch jetzt unsere
Hedwig greift nach dem schweren Koffer, der ihr plötzlich federleicht erscheint, nimmt Oma Liesel beim Arm und gemeinsam gehen sie zurück ins Haus.
Gerade will die Familie ins Auto steigen, als Liesels Stimme ertönt:
Kind, kauf doch bitte noch eine Pfanne zu zweit backt es sich einfach schneller
Und die alte Dame hört nicht mehr, wie Hedwig leise sagt:
Mach ich, Mama Liesel Es duftet schon leicht nach Kaffee, und Übermut liegt in der Luft: Jakob hüpft auf einem Bein um den Küchentisch, Karl ruft Oma Liesel, Du bist jetzt unser Glücksbringer!, und Armin blinzelt verlegen von seiner Zeitung auf. Durch das offene Fenster trägt der Wind die Melodie von Liesels altem Lied in den Garten, wo letzten goldenen Blätter tanzen.
Noch bevor irgendwer ein weiteres Wort sagen kann, steht Liesel mitten im Trubel und hebt den Zeigefinger: Ich bleibe aber nur unter einer Bedingung! Alle halten inne. Wenn ich die offizielle Pfannkuchen-Meisterin dieses Hauses sein darf! Und wenn wir heute Abend alle zusammen essen, egal wie spät es wird.
Hedwig lacht Tränen, Jakob jubelt, und Armin nickt mit vollem Mund.
Es scheint, als wär das Haus plötzlich wärmer geworden, voller Stimmen, Geschichten und Lachen. Hedwig spürt, dass sie nicht nur eine Pfannkuchenpfanne gefunden hat, sondern auch ein großes, neues Stück Familie.
Und während draußen der Herbstregen an die Fensterscheiben klopft, sitzen sie alle dicht beieinander. Liesel dreht den nächsten Pfannkuchen über der flackernden Flamme und reicht ihn Hedwig mit einem Zwinkern und einem Spritzer Marmelade, als wäre es ein Geheimkuss gegen die Kälte der Welt.
An diesem Tag weiß Hedwig, dass manche Begegnungen das Leben für immer verändern. Und dass ein Platz am Küchentisch mehr heilen kann als ein Ticket nach irgendwohin.




