DU MUSST NUR RUFEN
Ich erkläre Sie hiermit zu Mann und Frau! verkündete feierlich die Standesbeamtin im Rathaus, doch plötzlich verschluckte sie sich, hustete heftig und wirkte sichtlich verlegen.
Na toll… Das bringt kein Glück, kommentierte meine Mutter den unpassenden Husten mit ihrem typischen Aberglauben.
Die Gäste tuschelten und murmelten, während ich mit Klara meiner frisch angetrauten Ehefrau ängstlich Blickkontakt hielt. Wir waren gerade 18 Jahre alt, eigentlich noch Kinder. Die Hochzeit kam recht überstürzt. Klara brachte gleich eine Mitgift mit in zwei Monaten erwarteten wir eigentlich schon unser ungeplantes Kind. Das Brautkleid wurde im letzten Moment ausgeliehen, die Schuhe lieh Klara sich von ihrer besten Freundin. Übrigens, Jahre später passiert mir eine flüchtige Affäre mit eben dieser Freundin.
Doch damals waren wir jung, verliebt und glücklich.
Einmal gingen wir gemeinsam die Lindenallee entlang, ich hielt Klara liebevoll an der Taille. Da trat ein fremder Mann an uns heran und raunte mir zu: Halt deine Frau gut fest, sonst wird sie dir abgejagt…
Er plapperte das einfach so dahin und zog weiter. Klara und ich lachten über diesen plötzlichen Rat und vergaßen ihn sofort. Uns, ein junges Paar voller Hoffnung und Liebe wer würde uns trennen können? Wer sollte das wagen?
Mein Trauzeuge Johannes, der auf unserer Hochzeit war, tadelte mich eines Tages:
Matthias, hättest du nicht eine bessere Frau wählen können? Schau mal, wie viele schöne Mädchen es gibt!
Ich winkte ab:
Die warten wohl alle auf dich
Und tatsächlich: Johannes war später viermal verheiratet jeweils mit klugen und hübschen Frauen.
Unsere Tochter Vera wurde geboren.
Bald darauf musste ich zum Wehrdienst und diente weit entfernt von unserem Zuhause. Ich vermisste Klara und Vera sehr. Klara schickte mir einmal ihr Foto, das ich lange unter meinem Kopfkissen aufbewahrte, in der Hoffnung, dass ich ihr in meinen Träumen begegnen würde.
Eines Tages komme ich in die Kaserne zurück und das Foto liegt auf dem Nachttisch, für alle sichtbar. Jemand hatte das Bild schamlos verunstaltet und mit obszönen Worten beschriftet. Voller Wut stürzte ich mich auf meinen Bettnachbarn und prügelte ihn halbtot. Dafür landete ich ein paar Nächte auf der Wache. Das zerstörte Foto musste ich zerreißen und wegwerfen. Immerhin wurde der Täter bestraft.
Nach dem Wehrdienst kam ich verhärtet zurück. Aus unerklärlichen Gründen war ich wütend auf Klara. Ich redete mir ein, dass eine junge Frau wie sie bestimmt einen Liebhaber haben müsse. Klara hatte sicher jemanden während meiner zwei Jahre Abwesenheit. Und warum dachte ich das?
Als ich Klara nach langer Zeit wiedersah, stand vor mir nicht mehr das schüchterne Mädchen, das mich damals verabschiedet hatte sondern eine selbstbewusste, attraktive junge Frau, voller lebendiger, sinnlicher Energie.
Bist du das wirklich, Klara? Du bist kaum wiederzuerkennen! flüsterte ich ihr ins Ohr, halb bewundernd, halb misstrauisch.
Stolz und Zweifel kämpften in mir. Vielleicht hatte Klara wirklich jemanden? Wo Honig ist, sind schließlich auch die Fliegen. Aus Vorsicht suchte ich mir selbst eine Geliebte nur um nicht so enttäuscht zu sein, falls Klara mich betrog
Nach drei Monaten hörte Klara von meinen Abenteuern. Es brauchte viel Überredung, sie davon abzuhalten, sofort die Scheidung einzureichen. Ihre Entscheidung:
Nun ja, Matthias, das wars jetzt. Erwarte keinen Nachsicht…
Klara verbrannte alle meine Briefe aus der Armeezeit, die sie bislang sorgsam aufgehoben hatte. Ich wurde vom Ehebett ferngehalten, beim Mittagessen musste ich fernbleiben. Gespräche mit Klara nur noch das Nötigste.
Kurz: Ich litt, weinte heimlich, und versuchte sie mit einem zusätzlichen Urlaub zu versöhnen, außerhalb der Sommerzeit. Wein, Früchte, die Nordsee, Sonne, frische Luft dort fanden wir schließlich wieder zusammen.
Nach dem Urlaub trennte ich mich selbstverständlich von meiner Geliebten.
Sieben Jahre lang lebten Klara und ich in ruhiger, geordneter Ehe. Ein friedliches Heim. Doch Klara fehlte wohl etwas vielleicht ein Funken Leidenschaft, wie im Süden?
Auf meiner Arbeit gab es einen Kollegen, der immer für gute Stimmung sorgte Bernd war das Herz der Abteilung. Bernd konnte zuhören und brachte jeden zum Lachen. Die Männer kamen zu ihm, um ihren Frust loszuwerden über ihre Ehefrauen, Schwiegermütter oder die Weltlage. Bernd hörte zu und gab zu allem einen klugen Rat. Ob ich Bernd zu Klaras Geburtstag einlade? Er bringt garantiert gute Laune, dachte ich mir. Hätte ich damals gewusst, wie es ausgeht
Bernd nahm die Einladung an und brachte seine Frau mit. An diesem Abend war er in Bestform, erzählte Witze, erfand laufend originelle Trinksprüche. Klara strahlte, schenkte jedem Gast ein Lächeln, kümmerte sich rührend. Der Geburtstag war ein voller Erfolg. Einen Monat später begann der Albtraum.
Bernds Frau rief mich an und sagte:
Matthias, wissen Sie eigentlich, unsere Partner treffen sich heimlich! Sagen Sie Ihrer Frau, dass ich um Bernd kämpfen werde! Wir haben zwei kleine Kinder.
Ich, ahnungslos, hatte nichts bemerkt! War das etwa Klaras Rache für meine früheren Fehler?
Ich erspare das Drama. Bernds Frau verfolgte Klara bei jeder Gelegenheit, drohte mit Tabletten und zeigte verzweifeltes Verhalten. Ich sperrte Klara in die Wohnung, zog den Festnetzstecker, drohte mit Scheidung. Alles umsonst. Liebe, Feuer und Husten kann man nicht verbergen, sagt man bei uns. In meiner Verzweiflung wandte ich mich an Klaras beste Freundin.
Sie sagte nur: Matthias, da ist echte Liebe. Klara kommt nicht zurück. Du bist für sie Geschichte.
Ja, mich traf das schwer. Aus Trauer verbrachte ich ein halbes Jahr bei dieser Freundin, die mir für kurze Zeit Trost spendete.
Klara und Bernd heirateten. Sie lebten in einer eigenen Welt, voller Glück und Harmonie. Es war, als hätten sie denselben Atem. Ich verfluchte die beiden, hasste sie. Wie konnte Klara mir weggenommen werden? So läuft das wohl: Glück und Unglück reisen im gleichen Wagen.
Heißt es, Zeit heilt alle Wunden? Ich glaube nicht daran. Meine offene Wunde wurde nur mit einer dünnen, zerbrechlichen Kruste bedeckt wie das erste Eis. Freunde suchten mir eine zweite Frau aus. Sie war wunderschön, wir heirateten schnell, damit ich es mir nicht anders überlege. Seit 17 Jahren sind wir verheiratet. Mit der Schönheit meiner Frau konnte ich mich nie richtig begeistern. Ich versuche, glücklich zu wirken Hoffe ohne Hoffnung. Aber wenn jemand in die dunklen Keller meiner Seele hinabsteigen könnte dort wohnt für immer meine Klara. Würde sie mich rufenManchmal frage ich mich, ob Klara noch an mich denktan die Lindenallee, an unsere jungen Versprechen, an das Leben, das wir beinahe gemeinsam geführt hätten. Vielleicht lacht sie heute mit Bernd am Frühstückstisch und streicht ihrem Haar aus dem Gesicht, wie sie es damals getan hat. Vielleicht erinnert sie sich an jene Tage, wenn der Wind nach Meer und Frühsommer duftet.
Und ich? Ich habe gelernt, dass Liebe nicht immer im Glück endet und nicht jede Wunde heilt. Doch wenn die kleinen Momente kommender Duft von Lindenblüten, das Lachen eines Kindes, ein unerwarteter Sonnenstrahl im grauen Alltaghöre ich manchmal Klaras Stimme, leise und freundlich: Du musst nur rufen. Dann weiß ich, es gibt Liebe, die bleibt, auch wenn sie nicht greifbar ist. Und vielleicht, so denke ich heute, hält das Leben noch Überraschungen bereitfür jeden von uns.
So gehe ich weiter, Schritt für Schritt, und trage Klara in mir. Jede Begegnung mit Liebe trägt ein Stück ihrer Erinnerung. Am Ende sind wir alle nur Reisende, die einander suchen, verlieren und bewahrenund manchmal genügt ein Ruf, um für einen Moment alles Glück der Welt zu finden.




