Fürsorgliche Großmutter
Elisabeth Möller, eine tatkräftige und entschlossene Frau leicht über sechzig, sagte eines Tages zu ihrer Enkelin:
Gertrud! Ich habe lange gewartet, aber jetzt ist das Maß voll. Wirst du mir endlich erlauben, in Frieden zu sterben?
Die zierliche, dunkelhaarige Gertrud, Kunsthistorikerin, war über diese eigenartige Frage sichtlich erstaunt.
Wann wirst du denn endlich heiraten, damit ich mit ruhigem Gewissen gehen kann? Du bist bald 27, fuhr die Großmutter fort Ich bin extra den ganzen Sommer über nach Bad Reichenhall zu dieser alten Trine Meyer gezogen und habe drei Monate lang täglich zwanzig Mal mit ihrem Hämorridenleid mitgefühlt, nur damit du vielleicht dein Privatleben endlich ordnest. Aber du hast ja nicht mal jemanden kennengelernt!
Oma, wann und wo soll ich denn jemanden kennenlernen? Arbeit, Spanischkurs, Dissertation. Im Museum laufen nur ledige Männer wie Herr Wolfgang Paulus herum, den kennst du ja.
Ach ja, Wolfgang Paulus bei ihm ist nicht mal in der Not ein Lachs, sondern eher eine halbtote Garnele, stellte Oma betrübt fest.
Am nächsten Tag rief sie die alte Trine Meyer an und stellte fest, dass deren Enkelin ihren Mann im Nachtclub kennengelernt hatte.
Doch Gertrud geht nie in Clubs, also muss Oma selbst die potentiellen Kandidaten in solchen Etablissements begutachten oder andere Orte finden, wo so etwas möglich ist.
Elisabeth Möller fand heraus, dass Frauen zwischen 21 und 24 Uhr freien Eintritt im Nachtclub haben. Ohne zu zögern, machte sie sich am Abend auf den Weg dorthin, nachdem sie Gertrud mitgeteilt hatte, sie mache noch einen Spaziergang vor dem Schlafengehen.
Sie Eroberte mit Worten die Türsteher, die etwas wegen ihres Alters murmeln wollten, und ließ sich mithilfe eben dieser Türsteher auf einen Barhocker nieder, von wo aus sie das Geschehen streng überblickte. Die Atmosphäre im Club wurde augenblicklich nervös, wie bei einem Elternabend, wenn der Direktor siebte Klasse beim Biertrinken auf dem Sportplatz erwischt hat.
Wie gefällt es Ihnen? Möchten Sie etwas trinken? fragte der Barkeeper zaghaft, während er ihr ein hohes Glas zuschob. Ein alkoholfreier Cocktail, das Haus lädt ein.
Nein, völlig aussichtslos, entgegnete Elisabeth Möller trocken. Eine anständige junge Frau hat hier nichts zu suchen. Übrigens, wäre es nicht zu viel verlangt, einen Schuss Cognac ins Getränk zu geben? Und dieser rothaarige da hat der Hüftprobleme oder tanzt man heute so?
Bis Silvester besuchte Elisabeth Möller ein Rockkonzert, eine Feuershow, ein melancholisches Liedermacher-Event, ein Extremradrennen, ein Skatturnier und, aus purer Verzweiflung, ein Seminar junger Dichter. Die Dichter brachten sie endgültig aus der Fassung bloß nicht angeln, wer weiß, was für ein Fang dabei rauskommt.
Ja, Gertrud, ich verstehe dich. In meiner Jugend hatte ich die Wahl zwischen deinem Großvater und einer ganzen Reihe anderer attraktiver Männer. Sogar die alte Trine Meyer hatte Auswahl, auch wenn sie letztlich nur dem Großvater deiner Mutter hinterhergeträumt hat. Aber heute, Gertrud, die jungen Männer sind erstaunlich verkommen, da bleibt das Auge nicht hängen.
Im März besuchte Elisabeth Möller die alte Trine Meyer und beschloss, auch Gertrud im Museum aufzusuchen. Auf dem Weg zum Museum rutschte sie aus und fiel, zum Glück nicht auf der Treppe. Ein Soldat sprang herbei und half ihr auf.
Elisabeth Möller stützte sich am Helfer und prüfte sich auf Brüche und Verstauchungen, dann schaute den Soldaten genau an und sagte:
Herr Major, ich sehe, Sie sind Panzerfahrer. Mein verstorbener Mann war Kommandant eines Panzerregiments. Sagen Sie, Herr Major, haben Sie heute eine Stunde Zeit?
Der Major, der dachte, er muss die alte Kommandantin nun wohl nach Hause schleppen und sich innerlich für seine Hilfsbereitschaft schalt, nickte resigniert.
Wunderbar. Haben Sie eigentlich schon mal das historische Museum hier besucht? Nicht? Schade, sehr zu empfehlen! Schauen Sie am besten gleich vorbei. Bitten Sie darum, dass Gertrud Möller Sie herumführt sie ist eine fabelhafte Museumsführerin, das werden Sie nicht bereuen.
Der Major verstand selbst nicht, wie er sich plötzlich im Museum wiederfand Oma hatte ihn fast hypnotisiert…
***
Kürzlich sagte Elisabeth Möller leise zu ihrem schlafenden Urenkel Mathias:
Du, mein Sonnenschein, mein kleiner Bär, bald kommst du in die Schule, dein Papa schließt die Offiziersakademie ab und deine Mama bringt endlich ihre Doktorarbeit zu Ende. Dann kann ich mit ruhigem Herzen gehen. Aber sollst du etwa allein aufwachsen, mein kleiner Spatz? Nein, du brauchst eine Schwester! Und wenn sie geboren ist, dann kommt sie auch in die Schule, dann… na, das sehen wir dann…
Sorgsame Großmutter Elisa Mathäus, eine energiegeladene und entschlossene Dame Anfang 60, sagte ei…





