Hier – eine Mutter überreichte ihrer Tochter mehrere Briefe. Während Julia sie im Nebenzimmer las, weinte sie nicht – sie schluchzte laut.

Als Robert zur Bundeswehr einzog, versprach Helene ihm, treu auf ihn zu warten. Sie hielt ihr Versprechen schrieb ihm leidenschaftliche Liebesbriefe, verzierte sie mit gemalten Blumen und Herzchen, und am Ende jedes Briefes prangte ein knallroter Kussmund, direkt neben dem Wort Kuss. Ihre Liebe zu ihm war grenzenlos so ehrlich, wie nur ein Herz lieben kann, und wenn er nicht da war, zogen sich die Minuten wie ein chaotischer Stau in der Kölner Innenstadt.
Darum konnte Helene es einfach nicht fassen, dass Robert ihr so etwas antun konnte.
Ihr Herz klammerte sich an die Hoffnung, dass alles ein Missverständnis war, dass Robert niemals im Leben sie vergessen hätte. Doch als er erst auf ihre Briefe nicht mehr antwortete und dann, kurz und knapp, schrieb, sie solle ihn vergessen, musste sie der bitteren Wahrheit ins Auge sehen.
Helene heiratete den erstbesten Mann, der ihr über den Weg lief. Natürlich ohne Liebe sie verschloss ihre zermalmte Liebe und ihr Herz wie einen alten Weinkeller, damit sie sich nie wieder verbrannte. Niemanden konnte sie je mehr lieben als Robert.
Als Helene eines Tages in der Küche stand und Kartoffeln schälte, klingelte es an der Haustür. Wie sie war im Blümchenschürzchen und bequemen Filzpantoffeln öffnete sie. Vor ihr stand Robert, gereift, und im tadellosen, etwas zu engen Offiziersanzug.
Ich konnte nicht glauben, dass du geheiratet hast, und dachte, ich seh’s mir selbst an. Aber ich seh ja, es stimmt, seine blauen Augen waren so traurig, dass man meinte, er zerfließt gleich wie ein Stück Butter in der Sonne. Jetzt versteh ich auch, warum du meine Briefe nicht beantwortet hast
Er wollte gehen, doch Helene hielt ihn zurück.
Wie kannst du das sagen? Du hast selbst geschrieben, dass ich dich vergessen soll! Sie war ratlos rechtfertigte er sich nun, oder beschuldigte er sie?
Und? Robert zuckte nach einer längeren Pause mit den Schultern. Letzte Woche habe ich dir noch einen letzten Brief aus der Kaserne geschickt, in der Hoffnung, dass du auf mich wartest
Ein Klumpen blieb Helene im Hals stecken. Sie brachte keinen Ton hervor. Tränen brannten auf ihren Wangen, der Kopf voller wirrer Fragen: Wie, warum?
An diesem Tag stapfte Helene prompt zu ihren Eltern. Die schienen ohnehin immer mehr zu wissen als sie selbst. Sie mochten Robert nie so recht, weil er nie viel Geld hatte.
Vergib uns, Tochter. Wir wollten, dass du es besser hast als wir. Weißt du, wie das ist, jeden Cent zweimal umzudrehen und den Kindern Schokolade vom Taschengeld abzuknapsen? Das wollten wir dir ersparen, erklärten Vater und Mutter mit feuchten Augen.
Aber ihr hattet auch nie Geld, und trotzdem habt ihr euch verliebt und geheiratet. Warum wolltet ihr mein Leben kaputtmachen? Wie konntet ihr nur? Helene hielt mit Vorwürfen nicht hinterm Berg.
Bitte sehr, sagte die Mutter und drückte ihr ein Bündel Briefe in die Hand.
Im Nebenzimmer las Helene die Briefe nichts mit ein paar Tränchen, sie schluchzte wie ein Zwiebel schneidender Kommissar im Tatort. Im letzten Brief steckte, wovon Robert gesprochen hatte ein gepresstes Schneeglöckchen. Daneben stand: Hab lange danach gesucht, aber für dich gefunden.
Am Abend setzte sich Helene zu ihrem Ehemann, der ohnehin nur für Job, Geld, Stammtisch und, so munkelten die Nachbarn, vielleicht ein paar andere Frauengeschichten lebte. Still, sachlich und ohne großes Drama trennten sie sich.
Zum ersten Mal in ihrem Leben, und trotz der Angst vor düsteren Berliner Nächten, wagte Helene sich für einen Spaziergang hinaus. Doch diesmal fühlte sie sich nicht einsam sie ging zu dem, den sie wirklich liebte und den sie nie aufgehört hatte zu lieben.
Nach einer Weile waren alle Missverständnisse und alles Groll vergessen. Heute wachsen in Helenes und Roberts Familie zwei blonde Jungs heran. Die Großeltern sind über die Enkel selig und alle wissen: Das größte Glück im Leben ist, wenn die Liebe zu Hause regiert und nicht der Kontostand.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Hier – eine Mutter überreichte ihrer Tochter mehrere Briefe. Während Julia sie im Nebenzimmer las, weinte sie nicht – sie schluchzte laut.
Arbeiter entdeckt bei eisigen -35°C ein leises Fiepen an einem verlassenen Bauwagen – das, was er dort sieht, stellt sein Weltbild auf den Kopf