Das letzte Kleid – Die Schneiderin, die Braut, der Abschied und das Wunder: Wie ein Brautkleid zwisc…

Letzte Brautkleid

Hanna, meine Kollegin Gisela Meyer hat dich empfohlen. Ihre Tochter heiratet und sie möchten, dass du das Brautkleid schneiderst. Schaffst du das?
Ach Mama, ich hab so viel Arbeit gerade, ich schaffe einfach nichts mehr. Die sollen lieber eine andere Schneiderin suchen.
Sie wollte aber unbedingt zu dir, du nähst einfach zu schön, alle schwärmen von dir.
Es geht echt nicht, tut mir leid.
Na gut. Sie werden enttäuscht sein, klar…

Hanna arbeitete von zu Hause aus und hatte wirklich mehr als genug zu tun. Sie musste oft Kunden absagen, so groß war die Nachfrage. Schon als Kind hat sie ihren Puppen Kleider genäht und wusste genau, das macht sie später mal. Nach dem Abitur war für sie sofort klar, wo sie sich bewerben würde.

Alles, was sie nähte, passte wie angegossen, ihre Kunden waren immer begeistert. Sie liebte ihren Beruf und verdiente gut dabei. Obwohl es in den Läden mittlerweile alles gab, ließen viele Leute lieber etwas schneidern, das wirklich passt.

Eine Woche später kam Hannas Mutter völlig aufgelöst zu ihr.
Hanna, stell dir vor… Die Tochter von Gisela Meyer, die das Kleid wollte, Lisa, ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Zusammen mit ihrem Verlobten. Sie waren auf dem Weg zu Verwandten in München, er ist wohl nachts am Steuer eingeschlafen… Das Auto ist von der Straße abgekommen, direkt gegen einen Baum. Sie waren so jung, so glücklich, mitten in den Hochzeitsvorbereitungen… Jetzt statt Hochzeit Beerdigung, ich kann das gar nicht fassen.

Hanna war tief getroffen. Manchmal ist das Leben einfach unfassbar ungerecht.

Jetzt müssen die Eltern wohl trotzdem ein Brautkleid kaufen… Lisa soll doch in einem Brautkleid begraben werden… Aber geschafft haben sie es nicht mehr, tragisch ist das…

Den ganzen Abend dachte Hanna über das Unglück nach, nähte noch bis tief in die Nacht. Sie hatte selbst nie Kinder bekommen, die Ärzte hatten ihr Unfruchtbarkeit diagnostiziert. Anfangs war das hart, aber inzwischen war sie einverstanden. Mit 43 war sie auch nicht mehr die Jüngste. Trotzdem konnte sie sich vorstellen, wie groß das Leid der Eltern sein musste.

Plötzlich sprang mitten in der Nacht das Fenster im Zimmer auf. Hanna schüttelte verwundert den Kopf und ging es schließen. Wie kann das einfach so aufgehen?

Als sie sich wieder an den Nähtisch setzte, stand plötzlich ein junges Mädchen neben ihr, fast durchsichtig, als wäre sie aus Nebel.

Super, jetzt dreh ich völlig ab, Zeit ins Bett zu gehen…

Bitte nähen Sie mir ein Kleid. Ich durfte auf dieser Welt nicht heiraten, aber wenigstens möchte ich gehen, wie ich es mir gewünscht habe… Das ist mein letztes Kleid… Ich werde mit Sebastian zusammen für immer sein, so war es vorherbestimmt.

Wer bist du? Was ist das hier für ein schlechter Scherz?

Ich bin Lisa… Nur Sie können es so nähen, wie ich es gerne hätte…
Man hat mir gezeigt, was mich erwartet dort ist es wunderschön. Ich habe keine Angst, vor allem, weil mein Sebastian bei mir bleibt… Nur will ich ein letztes Mal schön sein.

Hanna konnte es kaum fassen. So was kannte sie eigentlich nur aus Filmen. Vermutlich spielte ihr der Kopf etwas vor zu viel über die Sache nachgedacht!

Am nächsten Morgen schob sie das Ganze auf Überarbeitung und Phantasie, stürzte sich wieder in Arbeit. Aber als sie abends früh Feierabend machen wollte, sah sie das Mädchen wieder in einem leichten Nebelschleier an ihrem Arbeitsplatz.

Weißt du, langsam gewöhne ich mich an meinen Zustand … Nur tut es weh, meine Mama zu sehen sie zerbricht fast … Ich habe versucht, ihr ein Zeichen zu geben, aber sie ist zu traurig, sie nimmt meine Schwingungen nicht war, aber du kannst es … Das kann nicht jeder.

Lisa, was passiert mit dir, wenn du dann beerdigt wirst? Gehst du nach oben, oder wie läuft das?

Mein Begleiter sagt, ich bleibe noch eine Weile hier, in der Nähe meines alten Lebens. Dann führt er mich weiter… Mehr darf ich dir nicht erzählen. Aber ich weiß inzwischen: Der Tod ist nichts Schlimmes, es ist ein Übergang. Dort ist alles ganz anders, alles wird weitergehen, wenn auch nicht in der Form, wie man es auf dieser Welt kennt. Und irgendwann komme ich wieder zurück, vielleicht sogar als Junge! Aber jetzt, am Ende meines Lebenswegs, möchte ich zu einer echten Braut werden. Bitte, hilf mir …

Hanna war unsicher. Wie soll das überhaupt gehen ein Kleid für eine Tote nach ihren Wünschen nähen?

Ich weiß doch nicht einmal, was für ein Kleid du dir vorstellst, oder welche Größe du hast… Und was sage ich deinen Eltern?

Du nähst, und an alles andere denk nicht. Es wird sich von selbst regeln. Sieh mal, so soll es aussehen.

Lisa drehte sich im Kreis, trug ein traumhaftes weißes Kleid, voll mit Spitze bis ins kleinste Detail. Hanna beobachtete alles ganz genau und zeichnete nach, was sie sah. Als sie mit der Skizze fertig war, verschwand das Mädchen wie Nebel.

Am nächsten Morgen lag wirklich die Skizze auf dem Tisch. Es war also kein Traum gewesen.

Hanna fuhr zum Stoffladen, kaufte die schönste Spitze und den feinsten Stoff. Die Größe bestimmte sie einfach nach Gefühl Lisa war eine zierliche Person. Zuhause schnitt sie alles direkt zu und fing an zu nähen, und als sie abends wieder aufwachte, schüttelte ihr Mann sie leicht an der Schulter.

Hanna, alles in Ordnung mit dir? Du bist ganz verändert in letzter Zeit …

Ich erzähls lieber nicht, du hältst mich sonst für verrückt … Ist nicht böse gemeint.

Zwei Tage später war das Kleid fertig. So leicht und schnell hatte Hanna noch nie ein Brautkleid genäht, fast als hätte ihr jemand geholfen. Sie hängte es an die Schneiderpuppe und bewunderte ihre Arbeit. Wie traurig, dass Lisa nie als lebende Braut gefeiert wurde.

Am Abend kam Hannas Mutter vorbei.

Stell dir vor, sie können Lisa einfach nicht bestatten … Mal gibts Probleme mit dem Bestatter, dann fehlt angeblich ein Formular, und ständig sagen die im Geschäft, sie hätten kein passendes Kleid als ob das Schicksal wäre … Gisela ist völlig verzweifelt.

Mama, ich habe das Kleid für Lisa genäht … Sie kann es im Sarg tragen …

Aber Hanna, wie das denn? Du wolltest doch nicht, und Maße hast du ja auch keine genommen …

Mama, bitte, nimm es mit. Es muss so sein, glaub mir einfach …

Am nächsten Tag holten Lisas Verwandte das Kleid ab. Hanna nahm kein Geld für ihre Arbeit.

Lisa und Sebastian wurden zusammen beerdigt, im selben Brautkleid. Es passte wie für sie gemacht. Irgendwie gelang es den Bestattern, Lisa das Kleid anzuziehen; ihr Körper wurde für einen Moment ganz weich und beweglich.

Hanna, sie sah wunderschön aus, fast, als würde sie lächeln … Möge sie in Frieden ruhen, sie und Sebastian.

Ein paar Tage später träumte Hanna von Lisa. Sie tanzte mit ihrem Bräutigam, das Gesicht voller Freude, in einem herrlichen Garten mit Blumen, wie Hanna sie noch nie gesehen hatte. Vögel zwitscherten, irgendwo plätscherte ein Bach.

Als der Tanz vorbei war, schaute Lisa sie an:
Das Kleid ist traumhaft, danke! Ich bin jetzt glücklich. Und demnächst begegnet dir jemand Besonderes: Alina. Ich hab ein wenig nachgeholfen, dass sie dich findet…

Hanna schreckte auf. Lisa war glücklich, das Kleid hatte ihr gefallen das war jetzt klar. Nur wer genau sollte Alina sein?

Bald stürzte sich Hanna wieder in die Arbeit, ging hin und wieder mit ihrer Freundin Veronika einen Tee trinken, um mal den Kopf frei zu bekommen.

Veronika, in letzter Zeit gehts mir gar nicht gut, ständig habe ich Magenschmerzen, ich müsste echt mal zum Arzt … Zum Frauenarzt sollte ich auch wieder, bestimmt hab ich die Wechseljahre, seit Monaten kam nichts mehr. Morgen mache ich gleich einen Termin, aber privat, damit ich nicht ewig warten muss.

Wird Zeit, Hanna! Du hast dich total in der Arbeit verloren!

***
Frau Becker, Sie sind schwanger. Das ist wirklich ungewöhnlich in Ihrem Alter, die Chance ist da eigentlich sehr gering …

Das kann nicht sein, ich bin schon ewig unfruchtbar. Bitte prüfen Sie das nochmal!

Kein Zweifel. Schauen Sie hier, auf dem Monitor: Das Herz schlägt, alles ist in Ordnung und es wird ein Mädchen. Herzlichen Glückwunsch!

Hanna verließ die Praxis mit Tränen in den Augen vor Freude. Ein Wunder! Nach all den Jahren … Ein kleines Mädchen … Also war das mit Alina kein Zufall Lisa hatte ihr wirklich ein Kind geschickt!

Sie kaufte einen Blumenstrauß, ging zum Friedhof und fand Lisas Grab sofort, als würde sie von unsichtbarer Hand geführt.

Danke, Lisa. Du hast mir das Wertvollste geschenkt ein Kind. Ich hoffe, du bist mit Sebastian ebenso glücklich …

Sie legte die Blumen ab und ging mit einem Lächeln und einer Hand auf dem Bauch nach Hause. Hätte sie das Kleid nicht genäht, gäbe es dieses Kind nun nicht. Tu Gutes, und das Leben schenkt dir Gutes zurück.

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Homy
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Ich habe unser Haus auf dem Grundstück meiner Schwiegermutter gebaut. Nach dem Tod meines Mannes wollte sie es für ihre Tochter verkaufen – also rief ich den Bagger.