Ich erinnere mich noch gut daran, wie alles begann. Damals, als ich meine kleine Welt auf dem Boden meiner Schwiegermutter errichtete. Mein Mann und ich waren jung, voller Träume, aber unser Portemonnaie war stets leer. Die Liebe ließ uns glauben, dass uns alles gelingen würde. Trotz aller Warnungen heirateten wir schnell. Seine Mutter zeigte sich großzügig und bot uns ein Stück ihres Grundstücks am Stadtrand von Freiburg an.
Baut doch hier, sagte sie freundlich. Der Garten ist groß genug, ich brauche ihn nicht ganz.
Mein Mann und ich sahen uns an, ein Hoffnungsschimmer flackerte auf. Es war unsere große Chance.
Fortan sparten wir jeden einzelnen Cent. Er arbeitete auf dem Bau vom Morgengrauen bis zur Dämmerung, während ich Wohnungen putzte, nähte und überall aushalf, wo es möglich war. Am Wochenende schufteten wir gemeinsam auf dem Gelände Ziegel auf Ziegel, bis unser eigenes Haus langsam Form annahm.
Die rauen, zerschundenen Hände meines Mannes vermag ich nicht zu vergessen und auch nicht sein Lächeln am Feierabend.
Es wird wunderschön werden, sagte er oft und küsste mich sacht auf die Stirn. Hier ziehen wir unsere Kinder groß.
Drei Jahre voller Verzicht, Rechnungen, schlafloser Nächte. Doch wir schafften es. Wir leisteten uns ein teures Zinkdach, Fenster aus Aluminium und ein richtiges Badezimmer, für dessen Fliesen ich jede einzeln ausgesucht hatte. Sogar einen kleinen Pool baute er im Garten, für die Kinder, damit sie im Sommer planschen können, war er stolz.
Unser Haus war kein Luxus, aber es war unser. Jeder Stein, jede Wand war getränkt von unserer Arbeit, unserer Liebe und unseren Träumen.
Oft besuchte uns meine Schwiegermutter. Wir tranken Kaffee im Garten; sie betonte immer wieder, wie glücklich sie für uns sei. Ihre andere Tochter, Gisela, war selten da. Und wenn sie erschien, musterte sie unser Heim mit einer Mischung aus Missgunst und Spott.
Dann kam jener verfluchte Dienstag.
Mein Mann machte sich früh zur Arbeit auf, wie immer. Er umarmte mich an der Tür.
Bis heute Abend. Ich liebe dich.
Das waren seine letzten Worte.
Sie sagten mir, der Unfall sei augenblicklich passiert ein Balken auf der Baustelle, keine Chance. Er soll nicht gelitten haben. Aber ich ich litt ohne Ende.
Die Trauer schnürte mir die Luft ab. Zwei Wochen nach der Beerdigung merkte ich, dass ich schwanger war. Im vierten Monat. Ein Mädchen. Unser Traumkind nur ohne ihn.
Anfangs kam meine Schwiegermutter jeden Tag vorbei, brachte Essen, umarmte mich. Ich dachte, wenigstens bin ich nicht ganz allein. Doch nach einem Monat veränderte sich alles.
Es war Sonntag. Ich saß im Wohnzimmer und streichelte meinen Bauch, als ich ihr Auto hörte. Sie kam herein, ohne zu klopfen. Sie sah mir nicht in die Augen.
Wir müssen reden, sagte sie kalt.
Was gibts? Mir wurde mulmig zumute.
Meine Tochter… Sie ist in Schwierigkeiten seit der Scheidung. Sie braucht einen Platz zum Leben.
Es tut mir leid, gab ich ehrlich zurück. Wenn sie für eine Weile…
Nein, unterbrach sie hart. Sie braucht dieses Haus.
Mir wurde schwarz vor Augen.
Wie bitte?
Das Grundstück gehört mir, sagte sie ohne Gefühl. Es war immer meins. Ihr habt gebaut, aber die Erde ist mein Besitz. Jetzt… ist mein Sohn nicht mehr da.
Aber wir haben alles gebaut jede Ersparnis, jede Mauer…
Was geschehen ist, ist bedauerlich, warf Gisela kühl ein. Aber rechtlich steht das Haus auf unserem Grund. Die Erde ist unser Eigentum.
Ich bin schwanger mit seinem Kind!
Eben deshalb, erwiderte meine Schwiegermutter. Du wirst es allein nicht schaffen. Für die Verbesserungen bekommst du eine kleine Entschädigung.
Sie drückte mir einen Umschlag in die Hand. Drinnen waren ein paar Hundert Euro ein Hohn.
Das ist eine Beleidigung, brachte ich heraus. Das nehme ich nicht.
Dann gehst du eben mit leeren Händen, konterte sie knapp. Die Entscheidung steht.
Allein blieb ich zurück. In dem Haus, das wir mit eigenen Händen errichtet hatten. Ich weinte um meinen Mann, unser Kind, das Leben, das zerbarst.
In jener Nacht fand ich keinen Schlaf mehr. Ich wanderte durch jedes Zimmer, berührte die Wände. Und fällte meinen Entschluss.
Sollte ich dieses Haus nicht behalten dürfen, sollte es auch kein anderer bekommen.
Tags darauf begann ich zu telefonieren. Das Dach wurde abgebaut. Fenster und Türen herausgenommen. Sogar der Pool, die Leitungen, die Kabel alles, was wir bezahlt hatten.
Sind Sie sicher?, fragte mich einer der Arbeiter.
Ja. Es ist mein gutes Recht.
Meine Schwiegermutter kam außer sich vor Wut.
Was tust du da!?
Ich nehme mit, was mir gehört. Ihr wolltet den Boden? Da habt ihr ihn.
Es gab keine Verträge. Nichts als unsere Mühe.
Am letzten Tag kam der Bagger.
Wirklich?, fragte der Fahrer.
Das hier ist kein Zuhause mehr, antwortete ich. Das Haus ist mit meinem Mann gestorben.
Die Mauern fielen, eine nach der anderen. Jeder Schlag tat weh. Aber endlich fühlte ich mich frei.
Als alles vorbei war, lag nur noch Schutt da.
Jetzt wohne ich bei meiner Mutter, in einem kleinen Zimmer. Ich verkaufte das Dach, die Fenster mit diesem Geld komme ich zurecht, bis meine Tochter geboren wird.
Eines Tages erzähle ich ihr von ihrem Vater. Vom Haus, das wir Stein für Stein gebaut haben. Und ich werde ihr beibringen, dass man sich selbst dann noch seine Würde bewahren muss, wenn die Welt einem alles nimmt.
Und nun frage ich euch war es richtig, das Haus zu zerstören? Oder hätte ich schweigend alles zurücklassen sollen?





