Sagt mir nicht, wie ich mein Leben leben soll

Nicht belehrt mich, wie ich leben soll
Hannah, lass mich bitte rein! Ich kann einfach nicht mehr mit ihnen zusammenleben. Das ist kein Zuhause, das ist wie ein Gefängnis schluchzte die jüngere Schwester, während sie auf dem Türvortritt stand.
Johanna sah aus wie eine Braut, die vor der Hochzeit geflüchtet ist. Die Wimperntusche war auf den Wangen verschmiert, die Lippen zitterten Ihre Hände klammerten sich an den Griff eines riesigen Rollkoffers.
Warte mal kurz Hannah gähnte verschlafen und trat widerwillig zur Seite. Was ist denn passiert?
Sie lassen mich einfach nicht leben, Hannah! Du kannst dir gar nicht vorstellen, was bei uns abgeht. Gestern kam ich um zehn nach Hause und nicht um neun. Da hat Papa gleich ein Verhör gestartet, mich wie ein Spürhund abgecheckt! Mama klopft nie an die Tür, sondern stürmt einfach hinein egal ob ich mich umziehe, mit Freunden rede oder mal allein sein will… Ich habe überhaupt keinen Raum für mich!
Johanna plapperte atemlos vor Empörung. Ihre Beschwerden klangen nachvollziehbar. Mit zwanzig Jahren fühlt sich totale Kontrolle wirklich wie die Hölle an. Wer mag es, wenn Eltern Taschen kontrollieren, ständig die Zimmertür aufreißen und jede Bewegung registrieren?
Dorthin geh nicht, das iss nicht, mit dieser Person bleib bloß nicht befreundet! fuhr Johanna fort. Ich bin doch keine Zehn mehr. Ich bin erwachsen! Ich habe das Recht, mein Leben zu leben, wie ich will und nicht wie es ihnen passt. Heute habe ich gesagt, dass ich bei einer Freundin für die Prüfungen übernachten werde. Da meint Papa sofort: Keine Übernachtungen, zuhause wird gelernt. Ist das normal? Bin ich noch im Grundschulalter?
Hannah hörte der Schwester geduldig zu. Kurz fühlte sie sogar Mitleid. Die Eltern waren tatsächlich etwas altmodisch, besorgt und äußerst fürsorglich.
Hannah hatte das alles auch einmal durchgemacht. Mit zwanzig hat sie auch rebelliert. Sie mochte es ebenso wenig, dass Papa bis elf am Fenster wartete und Mama kontrollierte, ob sie eine Mütze aufhat. Doch Hannah hatte das Problem entschieden gelöst.
Ich wechsel zum Fernstudium erklärte sie den Eltern vor sieben Jahren. Und ich ziehe aus.
Wohin? Wovon willst du leben? staunte die Mutter.
Eine Freundin arbeitet im Salon, sie brauchen eine Empfangsdame. Wir mieten zu dritt ein Zimmer. Wir schaffen das. Und falls ich es nicht packe, komme ich eben zurück.
Hannah schaffte es. Mit Mühe zwar, aber dennoch. Ein halbes Jahr lang aß sie hauptsächlich Nudeln und schlief auf einem durchgelegenen Sofa, aber niemand schrieb ihr vor, wann sie schlafen sollte. Die Eltern wollten helfen, wollten Geld geben oder Essen vorbeibringen, doch Hannah lehnte stolz ab.
Alles gut. Ich schaffe das allein antwortete sie stets.
Damals bekam sie die Schlüssel zur Omas Zweizimmerwohnung. Es war weniger ein Geschenk als vielmehr die Anerkennung für ihre Selbstständigkeit und Verantwortung.
Mit Johanna lief alles anders.
Vor zwei Jahren starb die zweite Oma. Die Zweizimmerwohnung ging an Johanna über. Die Schwester war gerade achtzehn geworden.
Jetzt ist es soweit! verkündete Johanna, kaum hatte sie das Erbe erhalten. Jetzt bin ich eine begehrenswerte Braut mit Mitgift. Ich kann allein leben!
Die Eltern schauten sich erstaunt an.
Na schön, sagte der Vater damals. Die Wohnung gehört dir. Die Nebenkosten im Winter liegen bestimmt bei sechs hundert Euro, wenn du sparsam bist. Nahrung Je nachdem, etwa um die tausend. Fahrkarten, Kleidung, Kosmetik, Internet Wenn du weiterhin in deinem Studiengang bleibst, brauchst du mindestens vier tausend Euro im Monat. Und wo willst du das hernehmen?
Johanna klimperte mit den Wimpern. Sie wusste nichts zu antworten. Sie dachte, dass sie der Welt ohnehin schon einen Gefallen tut, indem sie mit Elternhilfe studiert.
Und damit war das Thema zunächst beendet. Johanna protestierte nicht stark, denn sie wollte sich eh noch nicht mit dem Auszug beeilen. Aber etwas anderes verletzte sie: Die Eltern begannen ihre Wohnung zu vermieten und nahmen das Geld für sich für Studiengebühren, Nebenkosten, Essen und Kleidung. Hin und wieder bekam Johanna Taschengeld, aber zufrieden war sie nicht. Sie wollte in ihrer Wohnung leben, ohne etwas dafür tun zu müssen.
Hannah, die an die ganzen Streitereien dachte, schaute die Schwester genauer an. Neue Jacke, Lederschuhe, Handtasche Johanna wirkte gar nicht wie ein Opfer strenger Aufseher. Eher wie eine Prinzessin, die eine kleine Unannehmlichkeit als Tragödie empfindet.
Sie haben mir die Autoschlüssel weggenommen, fügte Johanna hinzu und wischte sich die Tränen ab. Bis ich meine Schulden nicht regle, soll ich mit dem Bus fahren. Stell dir vor! Mit dem Bus! Mindestens eine halbe Stunde warten!
Welch ein Drama, kommentierte Hannah trocken und beobachtete, wie Johanna ihr Gepäck durch den Flur zog. Und wie sehen jetzt deine Pläne aus?
Das Mitgefühl schwand.
Ich wohne einfach bei dir. Bis sie sich beruhigt haben und sich entschuldigen. Du hast doch genug Platz in der Wohnung. Ich störe dich nicht, wirklich. Ich sitze still im Zimmer und lerne
Hannah presste die Lippen zusammen. Sie wollte nichts Böses sagen, doch irgendetwas war faul.
Johanna, seufzte sie. Lass uns ernsthaft sprechen. Willst du so leben wie ich? Ohne Kontrolle, keine lästigen Fragen und keine Ausgangsbeschränkungen?
Natürlich! Die Augen der Schwester glänzten. Ich möchte selbst entscheiden, wann ich komme und was ich anziehe.
Prima. Und warum bist du dann zu mir gekommen und hast keine Wohnung gemietet? Oder ein Zimmer im Studentenwohnheim?
Johanna blinzelte verwundert. Die Frage schien ihr unsinnig.
Wie meinst du das? Ich habe doch kein Geld. Ich bin Studentin.
Genau. Du bist eine Vollzeitstudentin, die von den Eltern lebt. Du isst ihr Essen, trägst ihre Kleidung und fährst das Auto, das Papa tankt, zählte Hannah an den Fingern ab. Freiheit, Johanna, kostet. Ich habe in deinem Alter schon gearbeitet und studiert. Du willst alles und eben nicht die Nachteile.
Du du willst mich nicht aufnehmen?
Hannah atmete tief durch. Eigentlich wollte sie das Drama vermeiden, doch die Situation erlaubte nichts anderes.
Zuerst rufe ich Mama an, sagte sie. Ich möchte ihre Sicht hören.
Johanna zögerte, konnte aber die Schwester nicht hindern.
Es war schon spät, aber die Mutter war wach. Das Gespräch wurde emotional und ehrlich, irgendwann schaltete Hannah den Lautsprecher ein. Es stellte sich heraus, dass die Eltern die Autoschlüssel einkassiert und die Ausgänge gekürzt hatten, weil Johanna nicht nur ein paar offene Noten hatte es stand die Exmatrikulation schon im Raum.
Die Dozenten sind einfach gegen mich! Die mögen keine Mädchen! verteidigte sich Johanna, errötend.
Komisch, die anderen haben doch alles bestanden entgegnete der Vater. Wolltest du dich bei der Schwester einquartieren und weiter auf der faulen Haut liegen?
Der Papa hat recht, meinte Hannah zu Johanna. Hier bekommt niemand Asyl für faul sein. Und ich werde keine Ersatz-Mama für dich.
Johanna warf Hannah einen tödlichen Blick zu.
Ach, alle gegen mich? Egal! Dann wohne ich in meiner Wohnung! rief sie. Werft die Mieter raus, ich ziehe allein ein, und niemand redet mir rein!
Zunächst herrschte Schweigen. Johanna hielt triumphierend die Nase hoch, überzeugt, die Eltern in die Ecke gedrängt zu haben.
Gut, antwortete die Mutter ruhig. Kein Problem.
Johanna sprang fast vom Stuhl.
Wirklich? Ihr schmeißt sie raus? Schon ab morgen?
Nicht morgen, sondern im Rahmen des Mietvertrags, sagte der Vater. Sie haben zwei Wochen Zeit zum Ausziehen. Du wohnst solange hier und schließt dein Semester ab. Aber, Johanna Dir ist klar, dass du dann ganz allein für alles bist?
Klar, die Schwester blinzelte vorsichtig.
Es gibt dann keine Mieteinnahmen mehr Vater machte eine Pause, damit die Info bei Johanna ankommt . Deine Studiengebühren zahlst du selbst. Die Nebenkosten deiner Wohnung auch. Und Essen, Kleidung, alles andere von deinem eigenen Geld. Wir geben dir keinen Cent. Du bist erwachsen, also lebe erwachsen.
Johanans Gesicht wurde lang vor Schreck. Offenbar hatte sie gedacht, die Eltern würden weiterhin helfen.
Aber aber ich studiere doch! Ich kann gar nicht arbeiten, ich bin im Vollzeitstudium!
Hannah hat auch studiert, erinnerte die Mutter. Sie hat auf Fernstudium gewechselt und gearbeitet. Deine Entscheidung, Kind. Wenn du selbstständig leben willst bitte. Aber die Kosten trägst du. Oder du wohnst weiterhin bei uns und folgst unseren Regeln, wir versorgen dich. Mehr Optionen gibt es nicht.
Johanna blickte zu Hannah, suchte Hilfe, traf aber nur einen ironischen Blick.
Na, Schwesterherz? grinste Hannah. Willkommen im Erwachsenenleben. Ist der Fisch nun mit Gräten, oder?
…Ein halbes Jahr verging. Der Kontakt zur Schwester beschränkte sich auf belanglose Nachrichten, ein kurzes Wie läufts? oder Alles ok. Hannah wusste nur, dass Johanna nicht mehr bei den Eltern wohnte, weiter fragte sie nicht. Sie wollte verhindern, dass Johanna Mitleid erheischte und sich wieder in ihre Abhängigkeit schlich.
Eines Tages betrat Hannah das Café am Rande des Englischen Gartens, gerade als es zu regnen begann. An der Theke stand Johanna.
Sie wollten einen mittleren Cappuccino ohne Zucker? fragte die jüngere Schwester müde, aber höflich.
Sie sah jetzt ganz anders aus. Keine künstlichen Wimpern mehr, kein Glitzer beim Maniküre. Die Nägel kurz, aus hygienischen Gründen. Statt teurem Hoodie trug sie die grüne Schürze mit Namensschild vom Café. Unter den Augen dunkle Schatten, die kein Make-up verdeckte.
Hallo, Hannah lächelte, eine seltsame Mischung aus Mitleid und Respekt fühlend. Ja. Und einen Croissant, bitte, wenn es frisch ist.
Johanna nickte, ohne zurückzulächeln, und fing sofort an zu arbeiten.
Ist frisch. Wurde heute Morgen geliefert.
Jetzt ging alles flott und ohne Allüren. Johanna musste sich an die Gäste richten, nicht wie früher von allen erwarten, dass sie Rücksicht nehmen.
Und wie war die Prüfung? fragte Hannah, während Johanna Milch aufschäumte.
Abgeschlossen, murmelte Johanna. Bin aufs Fernstudium gewechselt, das ist leichter. Mama hat mich neulich gefragt, ob sie mit Lebensmitteln helfen soll. Ich meinte nein, ich komme klar.
Hannah hob überrascht die Augenbrauen.
Wann bist du so stolz geworden?
Nicht stolz, sondern klug. Wenn ich ihr Essen annehme, fangen sie wieder an zu meckern, fragen, warum ich nicht putze, warum überall Staub liegt. Das brauch ich nicht. Lieber esse ich Haferflocken mit Wasser, aber wenigstens meckert keiner.
Hannah grinste. Johanna stellte die Tasse auf den Tresen.
Dreihundertfünfzig, bitte.
Hannah hielt ihre Karte hin. Ein Piep ertönte.
Ist es schwer? fragte die ältere Schwester leise.
Johanna hielt kurz inne. In ihren Augen blitzte ein bisschen das kindliche, das sie vor einem halben Jahr mit dem Koffer zu Hannah gebracht hatte. Doch sie fasste sich gleich wieder.
Geht schon. Hauptsache, keiner belehrt mich. Das Auto habe ich übrigens verkauft. Mit der U-Bahn gehts schneller. Und günstiger.
Da hast du gut gemacht, Johanna. Wirklich!
Die Schwester lächelte schief.
Ja, gut gemacht. Manchmal schlafe ich sogar hier ein. Geh lieber, sonst gibts Stress, wenn ich zu lange mit Fremden rede.
Hannah setzte sich ans Fenster. Sie beobachtete, wie Johanna die Theke energisch reinigte, bis es quietschte.
Nun, Johanna hatte bekommen, was sie wollte: das erwachsene Leben ohne elterliche Kontrolle. Und das war gar nicht so schlecht. Nur, wie beim Fisch eben die Gräten mussten nun sorgfältig gekaut werden, damit sie nicht im Hals stecken blieben.
Hannah trank ihren Kaffee aus, zog einen Tausender aus dem Portemonnaie und legte ihn unter die Serviette, brachte das Geschirr zurück zur Theke und verschwand.
Das war keine Spende für die arme Verwandte. Das waren Trinkgelder für eine Barista, die endlich anfing, die Balance zwischen Erwartung und Wirklichkeit zu finden.

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Homy
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