Mein Vater verließ zweimal pro Woche für einige Stunden das Haus. Er kam voller Energie und bester Laune zurück. Bald darauf kam sein Geheimnis ans Licht.
Ich war damals zehn Jahre alt, mein älterer Bruder Jannik zwölf. Er verbrachte den ganzen Tag im Garten, während ich meiner Mutter im Haushalt half. Wir verstanden uns nicht besonders gut. Mein Vater arbeitete in einer Fabrik und kam erst spätabends nach Hause. Meine Mutter deckte den Tisch, wir aßen gemeinsam zu Abend. Danach zog mein Vater seine lackierten Schuhe an, stand lange vor dem Spiegel und verließ wortlos das Haus. Meine Mutter blickte wütend zur Tür. Ich fragte mich, wohin er ging und warum sie so reagierte. Später kehrte er gut gelaunt zurück. Aus Neugier fragte ich meine Mutter, warum sie sich jedes Mal ärgerte.
Sie antwortete, mein Vater habe eine Freundin. Ich konnte es nicht glauben. Ich wusste, wie sehr er meine Mutter liebteso etwas wäre undenkbar gewesen. Als mein Vater das nächste Mal ging, folgte ich ihm. Er steuerte auf das Gebäude der Berliner Philharmonie zu und betrat es. Ich zögerte, ob ich hineingehen sollte. Plötzlich legte jemand eine Hand auf meine Schulter. Ich drehte mich um und erkannte eine berühmte Sängerin. In ihrer Begleitung betrat ich den Saal.
Dort sah ich meinen Vater auf der Bühne. Ich hatte keine Ahnung, dass er Opernsänger war. Er war unglaublich begabt. Er sang eine Arie und bemerkte mich nicht unter den Zuschauern. Ich saß in der letzten Reihe, Tränen der Freude in den Augen. Als er endete, brandete langer Applaus auf. Er stand da, erhielt Blumen. Nach dem Konzert gingen wir gemeinsam durch den Tiergarten und kehrten fröhlich nach Hause zurück. Ich flüsterte meiner Mutter zu: *Vater hat keine Freundiner geht ins Theater.* Sie lächelte und erwiderte leise: *Ich weiß.*




