Angst vor der Stiefmutterrolle: Lisa fürchtet die Ehe mit einem Witwer

Angst, Stiefmutter zu werden: Greta zögert die Heirat mit dem Witwer.
Die Stiefmutter sah genau, dass Greta nicht den Witwer heiraten wollte. Und nicht, weil er ein kleines Töchterchen hatte oder weil er älter war sondern weil Greta vor ihm große Angst hatte. Sein kalter Blick drang ihr bis ins Mark und ihr Herz pochte heftig vor Furcht, als müsse es sich mit jedem Schlag vor seinen pfeilschnellen Blicken schützen. Greta schaute auf den Boden und wagte es lange nicht, ihren Blick zu heben. Wenn sie es doch tat, sah jeder, wie ihre Augen von Tränen verschleiert waren.
Und diese Tränen rollten wie eine Lawine über ihre vor Scham erröteten Wangen. Ihre Hände zitterten, die kleinen Fäuste wollten Stiefmutter und Bräutigam abwehren. Ihre Stimme, wie von einem Verräter gesteuert, entfuhr ihr: Ich nehme ihn.
Also, abgemacht. Zu so einem Haus, zu so einem Mann es wäre Sünde, nicht Ja zu sagen! Er hat mit seiner ersten Frau umgegangen wie mit einer Prinzessin, sie war still, so zerbrechlich und kränkelte ständig. Als sie unterwegs waren, machte er stets drei Schritte und sie einen. Musste sie stehenbleiben, holte sie Luft wie eine Lokomotive, und er nahm sie liebevoll in den Arm und tröstete sie, nie widersetzte er sich, wie dein verrückter Vater.
Als sie schwanger wurde, sah sie keiner mehr auf der Straße. Sie lag immer nur im Bett, und als das Kind kam, stand er nachts selbst auf, sie pflegte das Kleine und wurde immer schwächer. So erzählte es seine Mutter.
Aber du bist gesund wie ein Apfel! Er wird dich auf einen Ehrenplatz setzen. Du bist fleißig, geschickt im Haushalt du backst, webst, strickst. Es wäre Verschwendung, dich an einen jungen Burschen zu geben, der seinen Charakter noch gar nicht kennt und nur Dummheiten machen würde. Aber dieser Mann ist ehrlich, wir wissen nichts Schlechtes von ihm. Wie viel Glück du hast!
Ich werde einen starken Kornbrand brennen und wir machen ein kleines Fest, doch für einen Witwer braucht es keine große Hochzeitsfeier wir werden doch nicht die Verstorbene durch Tanz provozieren. Er sagte, für die Aussteuer bräuchte man gar nicht zu sorgen das Haus sei mit allem gefüllt.
Johann hatte seine erste Frau aus Liebe geheiratet, wohlwissend, dass Anna oft krank war, schwach und zerbrechlich. Doch seine Mutter sagte immer, er sei ein stattlicher Mann, kräftig, brauche eine richtige Frau an seiner Seite, keine Jungfer. Er hörte weder auf sie, noch auf seinen Verstand nur Anna war ihm wichtig.
Im Dorf munkelte man, sie habe ihn verhext, denn nur ein Verzauberter würde sein Leben in eine Krankenstation verwandeln wollen, voller Leid und Sorgen. Die Ärzte erklärten, Annas Lunge sei zu schwach, jede Erkältung könne zu einer Entzündung werden oder schlimmer.
Johann wollte seine Liebe als Schutzschild gegen den Tod einsetzen und hoffte, die Krankheit damit zu vertreiben. Anfangs lief nach der Hochzeit alles gut. Die jungen Eheleute waren überglücklich.
Doch während Annas Schwangerschaft drehte sich plötzlich alles. Sie wurde schwach, schwindlig, immer schläfrig, konnte weder Wäsche machen noch die Kühe melken, nicht einmal ihr schönes langes Haar kämmen.
Die Ärzte sagten, das sei Schwangerschaftserbrechen; nach der Geburt werde sie wieder zu Kräften kommen. Johann kümmerte sich hingebungsvoll um sie, ohne Vorwurf. Seine Mutter schimpfte Tag und Nacht über diese Haushaltsproblem, die er ins Haus geholt hatte. Johann verteidigte seine Frau wie ein Adler sein Nest und bat die Mutter, Abstand zu halten.
Anna gebar eine Tochter und Johann hoffte, nun kehre Kraft und Freude in die Familie zurück. Die Freude war zwar wieder da, aber nicht für lange. Nach einer erneuten Erkältung konnte Anna sich nie wieder richtig erholen und schwand regelrecht dahin.
Sie kam ins Krankenhaus, wo der Arzt mit ländlicher Ehrlichkeit sagte:
Ihre Lunge hält das nicht mehr aus.
Anna wusste, ihr blieb nicht mehr viel Zeit. Anfangs hielt sie sich tapfer und verbarg ihre Angst, doch ihr gequältes Lächeln, das eher Trauer als Trost ausstrahlte, und der Blick ihrer Augen verrieten Kummer und Furcht um ihre Tochter.
Wie ein letzter Gruß bat ihr Blick: Erinnert euch an mich, wenn ich glücklich war. Hager, die Rippen zeichnen sich ab, eingefallene Brust, dürre Finger alles sprach wortlos davon, dass der Tod schon neben ihr stand und auf den letzten Atemzug wartete.
Im Wissen um ihr nahes Ende bat Anna den Ehemann um ein Gespräch.
Noch hat keiner Gottes Willen wenden können. Unsere Liebe kann nicht mehr gegen den Tod kämpfen. Ich habe keine Kraft mehr, bin müde von Schmerz und Sorgen. Es tut mir so leid, auch gegenüber dir und unserem Kind. Ich wurde geboren um zu leiden, und leider habe ich euch mit in mein Schicksal gezogen.
Johann nahm ihre brennenden Hände und küsste sie immer wieder. Am flachen Atem spürte er, dass ihr nur noch wenige Minuten blieben.
Sie sprach über ihre Liebe zu ihm, über ihre Sorgen um die Tochter. Mit letzter Kraft erzählte sie langsam:
Heirate Greta. Sie wird dir eine gute Frau sein, du bist ein guter Mann und Vater und sie wird eine gute Mutter. Sie hat auch viel erlebt, mit Stiefmüttern, schwierigen Vätern. Ihr Leben beeindruckt mich, und meine Mutter ist mit ihrer Familie schon lange befreundet sie hat einen scharfen Sinn für Menschen.
Greta ist liebevoll, fleißig, geduldig. Sie wird unser Kind nicht verletzen, sie wird dich lieb gewinnen. Sei zu ihr, wie du zu mir warst, und denke, dass ich in ihr bei euch bin. Vergib mir, das so zu sagen, doch nicht nur meine Lunge ist schwarz geworden, auch meine Seele vor Sorge um unsere Tochter. Aber Gottes Plan entscheidet was du wählst, das ist dein Weg. Doch vergiss nie: Tu unserer Tochter nie Unrecht, sonst verfluche ich dich noch aus dem Jenseits. Ihre letzten Worte sprach sie langsam, eindringlich.
Mit aller Kraft drückte sie seine Hand.
Johann begann zu weinen; Tränen überschwemmten Annas Gesicht, während er spürte, wie sie bei ihrem letzten Atemzug seine Hand festhielt.
Er küsste sie von Kopf bis Fuß, flüsterte ihr zu, dass er alles so machen würde, wie sie es gewünscht hatte. Deshalb macht er sich, kaum ein Jahr nach Annas Tod, auf und hält um Gretas Hand an.
Die Stiefmutter bereitete alles für Johann vor, auch sie wünschte sich eine gute Mutter für ihre Enkelin. Sie selbst war kränkelnd, fürchtete, nicht mehr lang zu leben, und hoffte, dass Kind und Schwiegersohn wieder ins Leben finden.
Sie kannte Johanns Leid, wusste, was er durchstehen musste, und dankte ihm für die Fürsorge, die er ihrer Tochter gab. Sie hätte ihm die Füße geküsst und für sein Glück gebetet.
Wie ein Lichtstrahl in Herbstnebel wurde der Heiratsantrag gemacht. Johann sah, wie seine Tochter ohne Mutters Liebe litt, wie auch ihm ohne Frau im Haus alles schwerer fiel und so entschied er, Annas Wunsch zu erfüllen. Schon lange beobachtete er Greta: Sie ist still, folgsam, hübsch, erinnert an Anna gleiche Zöpfe, dasselbe Lächeln, derselbe Gang.
Oft hatte er das Bedürfnis, sie einfach anzuziehen und zu umarmen, eine Minute zu schweigen und an Anna zu denken. Greta selbst wusste nicht, warum sie Johann das Jawort gab. Vielleicht, weil sie den Dienst als Stiefmutters Dienstmagd leid war, oder die ewigen Vorwürfe des betrunkenen Vaters. Vielleicht auch, weil sie Mitleid mit Johanns Tochter hatte.
Wie dem auch sei, als sie einwilligte, spürte sie: Eine weitere Prüfung wartet auf sie Johann und seine Liebe anzunehmen.
Nach der Verlobung stellte Johann seine Tochter Greta vor.
Viktoria, seine Mutter, verließ kaum das Haus, verbrachte jede freie Minute mit der Tochter. Oft, ja fast jede Sekunde, bewunderte sie Mariechen. Nachts erwischte Johann sie dabei, wie sie zum Bett des Kindes schlich und ihr etwas zuflüsterte, als wolle sie ihr Ratschläge für das Leben ohne Mutter mitgeben.
Johann konnte kaum an die Gespräche zwischen Viktoria und ihrer Tochter denken, so rührte es ihn. Mariechen war ein echtes Familienkind, ging nie zu Fremden; ihr gab es nur Papa, Mama, Oma und noch eine etwas grummelige ältere Dame.
Johann brachte Greta ins Haus, damit sie Mariechen kennenlernte, ohne dass die Stiefmutter, die sich wie eine abgemolkene, ausgediente Kuh benahm, stören konnte.
Greta blieb an diesem Tag, war hauptsächlich still und erkannte bald, dass Johann keineswegs finster, sondern sehr höflich und aufmerksam war. Direkt fragte er sie, ob sie einen Geliebten habe wäre das so, würde er sich zurückziehen. Vom Wunsch der verstorbenen Frau sagte er nichts.
Das Haus überwältigte Greta mit seiner Schönheit: handgeschnitzte Möbel, zahlreiche Gemälde in fein gearbeiteten Holzrahmen, glänzende Oberflächen. Geräumige, helle Zimmer. Mariechen verhielt sich gegenüber Greta ungewöhnlich offen sie schien keine Angst zu haben, sondern begann gleich mit ihr zu kokettieren.
Mariechen holte ihre Spielsachen und bat Greta, mit ihr zu spielen, klammerte sich an ihre Hand, schaute sie neugierig an und lächelte zuweilen. Greta umarmte sie ein paar Mal beim Spielen, strich ihr die schönen, wie von der Mutter geerbten Haare glatt.
Wenn ich dir eine Frisur mache, siehst du aus wie eine richtige Prinzessin.
Johann sah ihnen zu, ihre Nähe, ihr Lachen sein Herz wurde ganz weich vor Freude.
Er hatte Angst, Greta ins Haus zu holen, weil Mariechen immer nach der Mutter fragte, häufig aus dem Fenster starrte, in der Hoffnung, dass sie draußen auf der Straße zurückkommen würde. Kam jemand zu Besuch, lief das Mädchen sofort zur Tür, in der Hoffnung, dass nun endlich die Mutter zurück sei.
Johann versuchte zu erklären, aber Mariechen, vier Jahre alt, brauchte keine Worte; sie brauchte eine zärtliche, mütterliche Hand.
Er begriff, dass egal wie sehr er sich bemühte seine Fürsorge, sein Herz, seine Umarmungen nicht die Hände, Liebe und Wärme der Mutter ersetzen konnten.
Er hatte trotzdem Angst, in Greta zu irren. Doch als Mariechen weinen wollte, weil Greta ging, spürte Johann Ruhe und Sicherhiet.
Mariechen nahm Gretas Hand, zeigte ihr ihr Zimmer, schlug mit den kleinen Händen die Kissen auf, sprang freudig ins Bett und hüpfte beinahe bis an die Decke.
Greta erinnerte sich, wie es war, als bei ihnen die Stiefmutter einzog, wie sie für das kleinste Stück Brot beschuldigt wurde, heimlich den Stiefschwestern Süßes abgab, für Fehler auf die Hände geprügelt wurde, wie sie als Dienstmagd nur die alten Kleider der Stiefschwestern tragen durfte, wie sie betrunkene Väter ins Bett brachte und zudeckte. Wie die Stiefmutter sie wie ein unnützes Tier aus dem Haus ekeln wollte, ihr Flüche und böse Worte nachrief das alles fiel Greta jetzt wieder ein, und mit einem Kloß im Hals trat sie an Mariechens Seite.
Sie nahm das Kind fest in die Arme und legte sich zu ihr. Die Tochter schlief warm und selig ein. Johann war überglücklich und wusste für einen Moment nicht, was er sagen sollte. Sie tranken Tee und lächelten sich an. Johann ließ Greta nicht mehr gehen.
Nein, er ließ sie einfach nicht mehr gehen!
Eine Frau gehört zu ihrem Mann, nicht dorthin, wo man sie nicht will.

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Homy
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