Alles kommt im Leben vor: Unser Kinderarzt Dr. Eduard Jefimowitsch (alle Namen unverändert) arbeit…

Manchmal kommt alles anders

In unserer Kinderarztpraxis arbeitete damals ein Kardiologe Eduard Jansen. Wie wir alle fuhr er im Sommer für einen oder zwei Monate als Lagerarzt ins Ferienlager: die Essensausgabe überwachen, Kinder wiegen, Schränkchen kontrollieren, aufgeschlagene Knie mit Jod behandeln Sofern nichts Ernstes passierte, toi toi toi.

Er war damals etwa 38, vielleicht 40, sportlich, die Haare schon leicht grau, lockig, mit markantem Profil, dunkle Augen und kräftige Augenbrauen Die Frauen im Kollegium mochten ihn sehr gerne.

Einmal erzählte er mir folgende Geschichte:

Es war 1985, die Zeit der großen Anti-Alkohol-Kampagnen, und es reichte schon ein Schluck zuviel, um zum Beispiel im Januar auf Zwangsurlaub geschickt zu werden oder von der Warteliste für eine Wohnung zu fliegen. Eine Entlassung konnte einem jederzeit blühen, völlig egal, was für eine Stellung man hatte die Sache war todernst.

Die letzte, die August-Schicht im Ferienlager war vorbei, die letzte Nacht angebrochen. Alles wie immer die Kinder tobten durch die Nachbarzimmer, beschmierten die Schlafenden mit Zahnpasta und Jod. Die Betreuer taten so, als hätten sie alles im Griff und genehmigten sich heimlich ein Glas Rotwein oder Obstler, nicht aus Sucht, sondern Tradition und Erschöpfung.

Ich machte natürlich auch mit, was hätte ich auch sonst machen sollen, ich war ja nicht aus Zucker, nur Arzt. Die Nacht verlief ruhig, am frühen Morgen gab’s Frühstück und dann stiegen alle in die Busse. Nach eineinhalb Stunden waren wir wieder in der Stadt, am Schauspielhaus, die Kinder wurden an die Eltern übergeben, alle da, keiner fehlte!

Ein letztes Glas mit den Kollegen und dann nach Hause, dort wartete schon gedeckter Tisch die Schicht war vorbei, und gleich nach dem Mittagessen sollte es mit meiner Frau Friederike in den Urlaub zu meiner Mutter nach Freiburg gehen der September, Spätsommer, einfach herrlich.

Doch dann passierte es Wein, schlaflose Nacht, rumpelnder Bus, Hitze Ich schaffte es gerade noch an den Rand des Platzes, fiel ins Gebüsch, und wachte nicht mehr auf. Ich war einfach weg.

Die Kollegen waren schon längst nach Hause, nur die Krankenschwester, Anna, wohnt in der Nähe in der Karl-Marx-Straße 84. Sie hatte wohl Mitleid, weckte mich irgendwie auf, schleppte mich praktisch alleine ins Haus, ich konnte wenigstens noch laufen Irgendwie schaffte sie mich in ihr Zimmer in einer Vierzimmer-WG.

Zwei Stunden später wurde ich wach, nicht weil ich komplett nüchtern war, sondern weil das trockene Wein einfach wieder rauswollte

Ich will aufstehen, murmele irgendwas, und Anna springt fast auf mich los, hält mir die Hand auf den Mund und flüstert mir hektisch ins Ohr, dass ich bloß keine Geräusche machen soll.

Ich versteh erstmal gar nichts aber ich muss SO dringend! Ich will aufstehen, sie hält mich zurück und flüstert

Naja, ihre Nachbarinnen waren berüchtigt. Sie, Anna, war eine anständige junge Frau, lebt allein, und wenn die alten Damen aus der WG einen Mann in ihrem Zimmer gesehen hätten das Geschwätz wäre nicht mehr zu stoppen gewesen.

Natürlich hatte ich Verständnis für sie, aber davon drückte meine Blase keineswegs weniger. Im Gegenteil, und das sagte ich ihr ehrlich. Anna, zum Glück Krankenschwester, brachte einen Eimer, verließ kurz das Zimmer und trug ihn dann wieder weg.

Ufff das Leben war wieder schön!

Aber dann dämmerte es mir: Ich hätte schon vor zwei Stunden zuhause sein sollen, Koffer packen, denn meine Frau, mein Schwiegervater und die ganze Verwandtschaft warten bestimmt am gedeckten Tisch und reißen schon die Telefone aus der Wand, bald werden sie gar bei den Krankenhäusern nachfragen. Katastrophe

Ich versuchte Anna zu erklären flüsternd und mit Gesten, dass ich ihren Lebensstil sehr respektiere, aber wenn ich jetzt nicht sofort verschwinde, werden ihre Nachbarinnen wie Engel wirken gegen meine Familie.

Ein wenig hin und her, Anna sagt: eine Nachbarin ist sowieso seit dem Morgen weg, die andere schickt sie gleich zum Bäcker, die dritte lotst sie zum Tee in die Küche dann soll ich wie ein Geist über den Flur schleichen, die Wohnungstür nur leise zuziehen.

Da geht die eine Nachbarin zum Bäcker

Die zweite ist in der Küche

Anna klappert absichtlich laut mit dem Teekessel, um eine Geräuschkulisse zu schaffen

Ich ziehe vorsichtig meine Schuhe aus, halte sie mit spitzen Fingern, schleiche auf Socken zum Flur, zur abgeblätterten Haustür Freiheit in Sicht

Ich schiebe den Riegel zurück

Die Tür knarzt laut, aber VON HINTEN!, da, wo die Nachbarin schon den ganzen Tag angeblich unterwegs ist und in dem Moment kommt der vertrauteste, nasale, überschwänglich begeisterte Ruf: Guten Taaaaag, Eduaaard Jansennnnn!

Die Schuhe plumpsen zu Boden ich ziehe sie im ganzen Haus lautstark an, knalle die Tür auf und rufe im Gehen, ohne zurückzuschauen: Guten Tag, Frau Dr. Bella Stein!

Warum hätte ich mich auch umdrehen sollen den Klang der besten Freundin meiner Schwiegermutter hätte ich unter Tausenden erkannt. Und ich wusste genau, mit welchen blumigen Ausdrücken und dramatischer Stimme sie schon jetzt das Ganze beim Kaffeekränzchen berichten würde. Wer würde mir noch was glauben, nach der Sache mit den Schuhen und den Socken?

Nach einer halben Stunde war ich Zuhause, Bella hatte noch nicht angerufen, die ganze Familie war aufgeregt und erleichtert: Eddi, Mensch, wo warst du nur, wir haben uns solche Sorgen gemacht! Komm sofort zu Tisch, das Taxi steht schon bereit, gleich gehts zum Flughafen! und all die üblichen Trubel einer großen, noch heilen Familie.

Wir flogen nach Freiburg in den Urlaub Aber ich zuckte bei jedem Telefonklingeln zusammen, wartete auf den Anruf meiner Schwiegermutter Ich rannte nervös durch die Wohnung, traute mich gar nicht mehr an den See, aus Angst, den entscheidenden Anruf zu verpassen Schlaf und Appetit waren dahin.

Drei, vier Tage später erwischte mich meine Mutter in der Küche, sprach mich an und ließ nicht locker Ich gestand ihr alles, so wie es wirklich war.

Hm, mein Sohn,” sagte sie, “ich glaube dir schon wie in dem Lied aber ich wage zu bezweifeln, dass irgendjemand sonst dir das abnimmt. Helfen kann ich dir nicht, aber den Rest des Urlaubs halte ich dir das Telefon vom Leib, ich geh ran, sonst niemand. Zuhause, naja was solls, wird schon irgendwie, schlaf wenigstens mal aus.

Nach einem Monat flogen wir wieder heim. Du kannst dir meinen Gemütszustand vorstellen: Welche Szenen, Fragen, Schreie und die übrigen Vergnügungen ich mir in meinen Gedanken ausmalte!

Wir landeten. Alle steigen aus, nur ich bleibe noch sitzen, warte Sekunde um Sekunde Als Letzter schleppe ich mich am Ende, beinahe konnte ich nicht mehr laufen so etwas passiert eben bei Stress. Friederike half mir, und langsam hinkte ich zum Ausgang.

Damals mussten wir noch übers Rollfeld laufen Die meisten wurden schon längst abgeholt. Nur meine Schwiegermutter Gerda und der Schwiegervater winkten uns aufgeregt zu, strahlend

Wo wart ihr denn? Wir haben uns solche Sorgen gemacht! Nadja, du bist ja richtig schön braun geworden, siehst richtig entspannt aus!

Eddi, du bist aber dünn! Und so blass? Warst du krank? Sag schon!

Ich sah ihre scheinheiligen, übertrieben besorgten Gesichter an und konnte kaum glauben, dass ich diese Leute mal geliebt und respektiert hatte.

Zu Hause: Tisch gedeckt, ein Festessen, Oohs und Aahs, viele Geschichten und Fragen Aber über Frau Dr. Stein kein Wort. Na gut, dachte ich, lasst sie sich ruhig amüsieren, ich warte auch ab.

Ein Monat vergeht. Sieben Kilo abgenommen, schlaflos, Herzrhythmusstörungen, bei der Arbeit nur noch ein Schatten meiner selbst. Alkohol? Wirkung wie Wasser, nach dem Wodka reiner Brechreiz.

Dann kamen die Novemberfeiertage. Großer Familientisch, alle sind da, Lachen, Trinken, meine Schwiegermutter gegenüber.

UND ICH KONNTE NICHT MEHR!

Ich beugte mich über den Tisch, stützte mich auf die Ellbogen und rief fast: Und Mama, wie gehts denn Ihrer Freundin, der Frau Dr. Stein?

Nach ihrer Antwort brach ich in schallendes Gelächter aus, stieß alles vom Tisch, kippte mitsamt Stuhl nach hinten und lag mindestens fünf Minuten in hysterischem Gelächter am Boden, dass die ganze Verwandtschaft mich mit Wasser übergoss!

Als ich mich endlich wieder beruhigt hatte, prostete ich mir zu, nahm einen kräftigen Schluck und biss herzhaft ins Brot!

Und bis heute hat keiner meiner Verwandten verstanden, warum ich so überzogen und emotional auf die nachsichtigen Worte meiner Schwiegermutter reagiert hatte: Ach Eddi, an dem Tag, als ihr in den Urlaub geflogen seid, hat unsere Bella einen kleinen Schlaganfall bekommen und spricht seither kein Wort mehrAlle schauten mich erschrocken an, als hätte ich den Verstand verloren. Aber ich konnte nicht mehr anders; monatelang hatte ich mit diesem Knoten im Magen gelebt, immer auf den unvermeidlichen Schlag gewartet, und jetzt, da alles so banal verpuffte, blieb nur noch Erleichterung. Meine Schwiegermutter lachte schließlich mit, dann fielen auch die anderen mit ein, und während ich mir den Wein nachschenkte, grinste sie mir verschwörerisch zu.

Am Ende dieses Abends, mitten im Stimmengewirr, legte Friederike leise ihre Hand auf meine, ihre Augen funkelten: Du bist heute wie ausgewechselt. Ich merkte erst jetzt, wie leicht ich mich fühlte als hätte ich einen alten, schweren Mantel abgestreift, den ich all die Wochen mit mir herumgetragen hatte.

Niemand erwähnte je wieder Frau Dr. Stein. Nicht beim Kaffee, nicht beim Abendessen, nicht einmal heimlich beim Telefon. Und ich, Eduard Jansen, kippte mir am Kamin ein letztes Glas ein, hob es der Nacht entgegen und dachte: Manchmal kommt alles anders und genau das macht das Leben lebenswert.

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Homy
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