Frauenschicksale: Marjana Als die liebe Großmutter Anastasia starb, wurde Marjana von tiefer Traur…

Frauen-Schicksale. Marianne

Als Oma Anni gestorben war, wurde es für Marianne endgültig düster. Nach Meinung ihrer Schwiegermutter Lieselotte war Marianne einfach fehl am Platz. Viel zu dünn, zu wenig fleißig und ob aus so einer zerstreuten Träumerin überhaupt Kinder kommen, war fraglich.

Marianne schluckte alles runter, aber wenn die Seele so richtig weh tat, lief sie zur alten Oma. Oma Anni war der wichtigste Mensch in Mariannes Leben. Sie war Mutterersatz und Vaterersatz, nachdem der Vater verschollen war und die Mutter zehn Jahre später an Lungenschwindsucht starb.

Wie Daniel einen Blick auf die Waise warf, weiß nur Gott allein. Gutaussehend, stark, das Haus vor Wohlstand kaum zu überbieten und verliebt sich prompt in eine mittellose Außenseiterin. So nannte Lieselotte, Daniels Mutter, ihre Schwiegertochter heimlich immer: die Bettelwaise.

Marianne strengte sich an, wie ein Wiesel, wollte der Schwiegermutter gefallen: schaffte im Haus, auf dem Hof, war für keine Arbeit zu schade. Aber Lieselotte ließ nichts gelten und das Thema war für sie durch.

Solange Daniel zu Hause war, ging es, aber sobald er über die Grenze ins Nachbardorf musste, hätte Marianne am liebsten Reißaus genommen.

Halte aus, Marillenmädchen, tröstete Oma, es wird schon besser.

Aber nun war auch die Oma tot. Die Jahre gingen ins Land, doch Lieselottes Herz wurde immer härter gegen die Schwiegertochter. Sie konnte es nicht verzeihen, dass ihr Sohn keine gute Partie gemacht hatte. Hatte sie doch längst die perfekte Braut für Daniel im Auge: wohlhabend, stattlich, aus bester Familie so, dass das Vermögen bis zu den Urenkeln reichen würde.

Doch nein, Daniel mit seinem Dickkopf ganz der Vater ließ sich nichts sagen. Ein Kerl eben, einer mit eigenem Willen!

Und tatsächlich, Daniel führte den Hof nach dem Tod seines Vaters mit harter Hand weiter, vermehrte noch, was sein Vater aufgebaut hatte. Selbst wenn er Respekt für seine Mutter empfand, ließ er sich nichts bieten. Sagte er was, dann galt das auch.

Marianne aber, Marianne liebte er abgöttisch. Dieser schmale, zarte Halm schneeweißes Gesicht, strahlend blaue Augen, Stupsnäschen er war hin und weg. Am liebsten hätte er ihr zu Füßen alles, was er besaß, hingelegt.

Doch Reichtümer brauchte es da nicht Marianne sagte Ja. Sie sah, wie rein sein Herz war. Und war selber so wahnsinnig verliebt.

Von Daniels Mutter hatte sie natürlich schon gehört wusste von dem scharfen Zungenschlag, von ihrer Sparsamkeit. Aber Daniel hielt zu seinem Wort, also willigte sie ein.

Sie zog zu ihrem Mann in den Fachwerkhof, ertrug alle spitzen Bemerkungen der Schwiegermutter. Wenn es gar nicht mehr auszuhalten war, suchte sie Zuflucht bei Oma Anni, um das Herz zu erleichtern.

Hockte dann Minutenlang zu Füßen der Alten, den Kopf auf dem Schoß, winselte wie ein geprügelter Welpe. Omas fingerbreiteten ihr sanft die Haare, streichelten das Köpfchen, leise murmelte sie für sie ein Gebet zur Mutter Gottes, bat um Schutz für die arme Waise.

Nach so einer Stunde lichtete sich der Kummer, das Leben schien wieder erträglich.

Doch jetzt war niemand mehr da, zu dem Marianne laufen konnte. Oma gestorben ruhig, heimlich eingeschlafen. Da heulte Marianne sich in den Schlaf: ganz allein auf der Welt.

Das mit dem Heilt die Zeit sagen nur die Leute so. In Wahrheit heilt sie gar nichts, denn wenn das Herz schmerzt, erinnert man sich sofort an warme, liebe Hände und weint wieder von vorne.

Die Zeit verging, im Hause Daniel spitzte sich die Lage weiter zu. Lieselotte hatte die Schwiegertochter völlig auf dem Kieker. Das dritte Jahr lebte schon dieses nutzlose Wesen im Haus, und noch immer keine Enkel!

Für Marianne das schlimmste Thema, denn sie wusste, wie die Mutter dem Sohn immer wieder zuflüsterte, das Mädel sei unfruchtbar aus der werde nie was.

Daniel winkte ab, aber gegen das Gerede auf dem Dorf war er machtlos. Man tuschelte schon, sein Name würde mit ihm ins Grab gehen keine Erben in Sicht.

Zu Hause aber, sobald Daniel seine Taube sah, verflogen alle Sorgen. Für Marianne hätte er die Sterne vom Himmel geholt.

Vielleicht hat Gott ja Mariannes Gebete erhört oder es war die Liebe, die Wunder wirkte jedenfalls war sie endlich schwanger.

Lieselotte war außer sich vor Wut, Daniel aber liebte seine Frau dadurch nur noch mehr.

Die Schwiegermutter schlich nun wie ein böser Uhu durchs Haus. Kaum saß Marianne mal kurz auf der Bank, war Lieselotte zur Stelle:

Da faulenzt du wieder, du Nichtsnutz! Oder meinst jetzt mit dem dicken Bauch musst du gar nichts mehr tun? Sie stemmte die Fäuste in die Seite und fauchte.

Nein, Mama, stammelte Marianne eingeschüchtert, ich hab mich nur kurz hingesetzt. Seit früh drehe ich mich schon wie ein Kreisel.

Dreht sich, pah! Wir haben keine Dienstboten, bist hier nicht die Dame auf dem Gut! Wasser holen, Holz hacken, Vieh versorgen wenn du zu schwach bist, dann raus aus meinem Haus!

Schweigend stand Marianne auf, nahm das Joch und zwei schwere Eimer und schleppte sich zur Dorfpumpe. Alte Nachbarinnen schüttelten nur bedauernd die Köpfe: Lieselotte ist jetzt wohl völlig verrückt und die Schwangere muss sich immer noch plagen…

Schließlich kam das Kind. Aber das Schicksal war nicht gnädig. Ein Junge, aber schwächlich, hatte nicht Daniels Kraft. Öfter stoppte der Atem, manchmal wurde er ganz blau, lag wie tot.

Du warst ja schon immer Krankheit auf zwei Beinen, und jetzt ist dein Nachwuchs nicht besser, ätzte Lieselotte und sah angewidert aufs Baby.

Wie können Sie sowas sagen, Mama? Das ist doch Ihr Enkel, Daniels Sohn!, stammelte Marianne unter Tränen.

Na wenns ein Erbe werden soll, müsste der schon am Leben bleiben! Bald müssen wir wohl einen Sarg zimmern…, kam hämisch die Antwort.

Marianne weinte sich die Seele aus dem Leib. Aber Lieselotte ließ nicht locker. Denn heimlich hoffte sie: Würde das Baby sterben, sucht Daniel sich endlich eine anständige Ehefrau ein gesundes Prachtweib!

Daniel kam abends nach Hause, tröstete Marianne, ließ sie schlafen, nahm den Säugling in die starken Hände passte fast auf die Handfläche und der Kleine schien bei Papa Schutz zu spüren, schmatzte leise und schnaufte wohlig.

Na, auch wenn du jetzt noch so schwach bist, werden wir beiden den Leuten schon zeigen!, dachte Daniel.

Bald war Taufzeit, der Junge wurde Benedikt genannt. Doch stärker wurde er nicht.

Eines Tages bekam Daniel viel Arbeit musste ins Nachbardorf, per Kahn über die Weser.

Das wird dauern mach dir keine Sorgen, großziehn sollst du ihn, und hör auf nichts und niemanden, brummte er und küsste Marianne zärtlich auf die Stirn.

Jetzt drehte Lieselotte erst richtig auf. Marianne hätte sich um den Säugling kümmern, ihn wärmen müssen aber keine Chance! Von morgens bis abends scheuchte die Schwiegermutter sie durchs Haus: Wasser, Holz, Vieh keine Pause. Nachts, wenn sie endlich ins Bett fiel, jammerte der Junge, dann wars kaum zwei Stunden, da dämmerte schon wieder der Morgen.

Marianne war restlos ausgebrannt. Und kaum dass es ihr schlechter ging, wurde auch der Kleine immer schwächer; wurde öfter blau und rang nach Atem.

Der Herbst kam mit Regen und Matsch. Es wäre Zeit gewesen, dass Daniel heimkehrt und mal für Ordnung sorgt aber er ließ sich nicht blicken.

***

Vielleicht macht er es richtig, murmelte Lieselotte einmal so dahin. Wer will schon zurück zu so einem kränkelnden Weib? Da findet er sicher eine Bessere!

Diese Sätze fraßen sich in Mariannes Kopf. Vielleicht hatte die Schwiegermutter recht? Ihr wurde noch elender.

Lieselotte hatte Blut geleckt. Täglich tröpfelte sie Zweifel ins Herz der jungen Frau.

Hast du kein Mitleid mit Daniel? Willst du ihn mit in den Abgrund ziehen? Lass ihn doch gehen, Marianne, verschone ihn!

Wohin soll ich, Mama? Mit dem Baby? Der Winter kommt, Benedikt ist doch nicht gesund…

Wenn er stirbt na und? Nicht so dramatisch, hat ja eh kaum gelebt. Daniel hätte endlich die Chance auf eine richtige Familie.

Marianne starrte ihre Schwiegermutter an konnte es nicht fassen! War das ein Mensch, der so etwas sagen konnte? Konnte eine Mutter so etwas eiskalt aussprechen?

Und als hätte der Kleine die bösen Gedanken gespürt, schrie er auf, würgte nach Luft und wurde ohnmächtig.

Denk mal nach, Marianne auf fremdem Unglück baut man kein Glück!, zischte Lieselotte, ließ die junge Mutter allein.

Noch zwei Wochen vergingen. Der erste Schnee lag glitzernd auf den Feldern, eiskalter Wind fegte ums Haus. Marianne war abgezehrt, weinte nicht mehr sie wurde langsam hart. Manchmal redete sie ihrer Schwiegermutter entgegen, wenn die wieder schlecht über Benedikt redete. Aber was brachte es? Ohne Mann, ohne eigenes Heim?

Besonders schlimm war die fixe Idee, Daniel würde sie gar nicht mehr lieben, wollte einfach nicht nach Hause kommen. Nie kam ein Brief.

Vor lauter Grübeln kam ihr gar nicht in den Sinn, dass Daniel vielleicht etwas passiert war. Lieselotte hatte sie dermaßen verdreht, dass sie sich für alles selbst schuldig fühlte.

Sie lebt nicht, sie lässt Männer auch nicht leben, murmelte Lieselotte und grinste. Das war der Tropfen, der das Fass überlaufen ließ.

Ohne ein Wort packte Marianne ihr mageres Hab und Gut, wickelte Benedikt in ein paar Tücher und verließ das Haus.

Lieselotte beobachtete sie dabei regungslos froh, den Willen der Schwiegertochter endlich gebrochen zu haben. Was sie alleine wusste: Daniel lebte. Vor einem Monat hatte er geschrieben, nach einem Überfall sei er zwar verletzt worden, aber im Krankenhaus in Bremen sei er jetzt auf dem Weg der Besserung. Aber warum sollte Marianne das wissen? Sie sollte ruhig glauben, was Lieselotte wollte. Und wenn Daniel wiederkommt, wird sie ihm erzählen, Benedikt sei gestorben und seine Frau verrückt geworden und davongelaufen. Glück für Lieselotte, dass Marianne im Dunkeln aufbrach die Nachbarinnen würden eh nichts davon merken.

Am nächsten Morgen streute Lieselotte Gerüchte im Dorf: Marianne sei nach Benedikts Tod völlig verrückt geworden, habe das Kind genommen und sei in den Wald verschwunden. Und wie sie doch geweint und versucht habe, Marianne zu halten aber alles ohne Erfolg…

Man riss ein paar Tage die Mäuler darüber, dann kam der Winter und es wurde still.

***

Marianne wanderte lange, am Waldrand, über Felder. Sie hatte Angst, doch mehr noch bangte sie um ihren Sohn.

Sie fürchtete, auf schlechte Menschen zu treffen um sie selbst war es ihr nicht schade, aber um Benedikt hatte sie Angst.

Doch die Nacht war ruhig. Als es dämmerte, sah sie in der Ferne die Dächer eines Dorfes.

Sie rechnete nicht damit, irgendwo unterschlüpfen zu dürfen. Aber vielleicht gäbe es doch freundliche Menschen, die ihr ein Stück Brot und ein wenig Wärme für den Jungen gönnten.

Aus den Schornsteinen stieg Rauch, die Straßen waren verlassen klar, im Winter hielt sich niemand auf der Straße auf, außer es ging zum Brunnen.

Marianne setzte sich, erschöpft, auf eine Bank am Brunnen.

Da kam eine Frau mit Eimern. Groß gewachsen, breite Hüften, rote Backen vom Wind. Sie musterte Marianne von oben bis unten.

Sie füllte die Eimer, beäugte Marianne und fragte:

Zu wem gehörst du, Mädchen? Ganz blau im Gesicht, bist du durchgefroren?

Ich gehöre niemandem, antwortete Marianne leise. Ich bin nur auf der Durchreise muss ins Nachbardorf. (Sie log halt.)

Und zu wem dort? Die Frau blinzelte.

Mein Vater wohnt da, log Marianne weiter.

In so einem Wetter würde man selbst einen Hund nicht rausjagen, und dich hat man fortgeschickt mit Baby!

Da brach Marianne in Tränen aus, heulte wie ein Schlosshund, hielt sich ihre kalten Hände vors Gesicht.

Na los, komm schon, steh auf, befahl die Frau, ließ die Eimer stehen und half Marianne von der Bank.

Drinnen war es warm, Holz knackte im Ofen, es roch nach Kräutern. Marianne sackte erschöpft auf die Ofenbank.

Die Frau half ihr aus dem Mantel, nahm ihr vorsichtig das Kind ab.

Mich nennt man Adelheid, stellte sie sich vor und schälte das Baby aus den Tüchern.

Mein lieber Himmel, ist der Kleine winzig! Ist er getauft?

Ja… Benedikt heißt er, flüsterte Marianne, und sackte auf den Boden, bewusstlos.

Wie lange sie geschlafen hatte, wusste sie nicht. Als sie die Augen öffnete, lag sie in einem fremden Bett, warm zugedeckt. Kein Laut im Haus.

Sie fuhr erschrocken hoch der Sohn war weg!

Sie rannte durchs Haus niemand da, weder Adelheid noch Benedikt. Fiel fast in Panik, schnappte sich irgendeinen Pelz und wollte rauslaufen, da öffnete sich die Tür mit einem eisigen Luftzug Adelheid kam zurück.

Wieder wach? Und wohin wolltest du?

Wo ist mein Sohn?!, schrie Marianne.

Du bist ein bisschen schnurrig, Mädel!, lachte Adelheid. Du lagst drei Tage ohne Bewusstsein, immer wieder im Fieberwahn. Sei beruhigt, um Benedikt kümmert sich meine Mutter. Lass uns reden.

Sie saßen zusammen am Tisch, Adelheid schenkte Marianne einen großen Becher Kräutertee ein.

Also, erzähl!

Und so erzählte Marianne alles. Von Ihrer Liebe, der Schwiegermutter, dem kranken Sohn, all der Not.

Adelheid unterbrach nicht.

Die Wege des Herrn sind unergründlich, sprach sie dann. Keine Angst, Marianne. Dein Sohn wird wieder gesund. Dass du gerade bei mir gelandet bist, ist kein Zufall. Vor dir liegen noch schwere Prüfungen, aber halte dein Herz offen, dann findest du immer einen Ausweg.

Aber mein Sohn… Lass mich zu Benedikt, Tante Adelheid, ich vermisse ihn!

Du darfst ihn sehen, aber wir kommen alleine zurück, das Kind bleibt einstweilen hier.

Aber wie soll ich ohne mein Kind leben?!

Zieh dich an, es erklärt sich alles.

Sie verließen das Haus, schlugen sofort einen Weg in den Wald ein.

Ich war übrigens nur zufällig am Brunnen, begann Adelheid. Normalerweise bin ich im Winter mit meiner Mutter im Forst. Nur ein unerklärliches Gefühl zog mich ins Dorf das Schicksal hat dich in meinen Weg gestellt.

Marianne verstand wenig, ihr Herz klopfte wild.

Plötzlich lichteten sich die Bäume, sie kamen auf eine kleine Lichtung da stand ein einsames Holzhäuschen.

Adelheid öffnete die Tür und ließ Marianne eintreten.

Drinnen war es schlicht, aber warm.

Zurück, hm?, hörte Marianne eine Stimme und eine uralte, kleine Frau trat aus der Stube schwer zu glauben, dass das Adelheids Mutter war.

Komm rein, mein Kind. Dein Sohn schläft friedlich weck ihn lieber nicht.

Marianne schlich zum Stubenwinkel, dort lag Benedikt in einer Hängematte. Und war sogar ein wenig rosiger als in den letzten Tagen.

Rosiger, rosiger, giggelte die Alte, als hätte sie Mariannes Gedanken gelesen.

Setz dich und hör zu, sagte sie. Man nennt mich Oma Greta. Die Leute halten mich für eine Hexe, darum wohne ich hier im Wald. Prüf alles selber, glaub nicht, was die Leute so erzählen. Deine Schwiegermutter ist eine größere Hexe als ich, und klappert regelmäßig zur Kirche.

Aber warum ist mein Sohn so schwächlich?, wagte Marianne zu fragen.

Ganz einfach: Schwangere sollen nicht über den Friedhof laufen! Du bist ständig zur Omas Grab gegangen dabei hast du einen Schatten mitgenommen. Und als der Kleine geboren wurde, hat der sich gleich an ihn geheftet, zapft ihm seitdem das Leben ab!

Marianne sackte bleich und sprachlos auf die Bank.

Keine Sorge, alles wird gut. Benedikt bleibt ein paar Tage bei mir, dann ist die Krankheit weg.

Oma Greta legte Marianne die Hände aufs Haar, ein Gefühl von Wärme durchflutete sie, als säße sie wieder bei Oma Anni.

Komm jetzt, Marianne, sagte Adelheid. Zurück ins Dorf.

Und so ging das Leben weiter. Nach einer Woche brachte Oma Greta den Sohn zurück: rosig, blond, ein richtiger Engel! Marianne konnte ihr Glück kaum fassen.

Im Hause Adelheid war Marianne nie eine Last, sie arbeitete gern mit, war glücklich.

Tante Adelheid, warum lebt Oma Greta eigentlich im Wald?, fragte Marianne eines Tages.

Das ist lange her. Meine Mutter hat immer allen geholfen, nie etwas verlangt. Doch eines Tages starben im Dorf zwei Kinder. Sofort machten die Leute sie schuldig! Brandrodung, Hexerei! Mein Vater konnte sie gerade noch vor dem Scheiterhaufen retten. Später baten die Leute am Ende wieder um Hilfe. Aber sie wollte nicht mehr zurück ins Dorf. Besaßen sie doch keine anderen Heilerinnen. Seitdem bringen sie die kranken Kinder in den Wald, lassen sie bei Oma Greta, holen sie nach drei Tagen zurück. Es sind schon viele Wunder passiert aber den Leuten kann mans ohnehin nicht recht machen.

Und wie heilt Oma Greta die Kinder?, fragte Marianne kopfschüttelnd.

Adelheid kicherte. Wer zu viel weiß, schläft schlecht! Auf jeden Fall holt sie keine Teufel zu Hilfe.

In Mariannes Heimatdorf ging derweil das Leben weiter. Daniel war endlich wieder zu Hause stürmte durchs Haus, suchte seine Frau und den Sohn. Doch alles, was er fand, war Leere. Nichts erinnerte an seine Familie.

Verzeih, mein Sohn, schluchzte Lieselotte. Ich konnte deine Frau und dein Kind nicht retten. Als du fort warst, starb Benedikt, deine Frau ist durchgedreht, lief mit dem Kind ins Dunkel. Ich habe alles versucht…

Daniel hörte kaum zu, verloren… verloren… hämmerte es ihm im Kopf.

***

Tagelang lag er wie tot, selbst das Tageslicht schien ihn nicht zu interessieren.

Die Zeit floss zäh wie Sirup. Frühlingssonne stand vor der Tür, auf dem Hof war zu tun, doch Daniel lebte wie ein Schatten, sprach kaum, war nur mit der Arbeit beschäftigt. Interesselos und stumpf.

Lieselotte mühte sich ab brachte ihm Nachbarsmädchen vorbei, schwärmte von Enkeln bis Daniel einmal so laut brüllte, dass sie fast von der Bank fiel.

Du hast die Eine nicht retten können, was redest du von neuen Frauen!?

So vergingen die Tage. Lieselotte alterte rapide, hatte schwere Schuld am Herzen bis sie eines Tages selbst krank wurde und starb.

Nun war Daniel ganz allein. Nachbarn halfen, wenn sie konnten, aber ihm war alles gleichgültig. Nachts kamen die schlimmsten Gedanken. Bald, so beschloss er, würde er nach dem vierzigsten Tag seiner Mutter auch selbst seinem Leben ein Ende setzen.

***

Irgendwo, im Waldhaus, polterte Oma Greta:

Na, was willst du denn hier, Lieselotte? Zu Lebzeiten kein Gewissen, jetzt als Geist hier aufkreuzen?!

Im Halbdunkel stand eine geisterhafte Gestalt, weinte und klagte.

Du willst, dass er sie noch mal sieht, richtig? Zu spät zum Bedauern! Zeig her!

Nach ein paar unverständlichen Worten bedeckte der Schatten Oma Gretas Gesicht. Vor ihr zogen nun Bilder vorbei: Daniel an einem Moorloch, dahinter tanzende Teufelchen voller Unheil.

***

Marianne, willst du morgen Preiselbeeren sammeln? Kann sie für Wintermedizin gebrauchen!, schlug Adelheid vor.

Ich gehe gern, für die Kinder tu ich alles!”, lachte Marianne und blickte liebevoll auf Benedikt.

Am nächsten Morgen der vierzigste Tag nach Lieselottes Tod bereitete Daniel das Gedenkessen zu, dann machte er sich auf den Weg ins Moor.

Er stapfte ziellos in den Sumpf; die Welt verschwamm, Bilder seines Lebens huschten vorbei. Er ließ sich von den schlammigen Händen immer tiefer ziehen, war bereit zu gehen.

Da hörte er eine sanfte Frauenstimme. Ein bekanntes Lied, immer näher. Zwischen den Birkenhainen flackerte ein weißes Kleid.

Marianne, murmelte Daniel, Ich komme zu dir, mein Lieb.

Doch die Erscheinung erstarrte, blieb regungslos.

Daniel?!, krächzte es plötzlich, und vor dem Moor tauchte Marianne auf.

Sie blinzelte, konnte kaum glauben, was sie sah. Ihr geliebter Daniel bis zur Hüfte versunken im Sumpf.

Ich bin auf dem Weg zu dir ins Jenseits, schmunzelte Daniel und hielt die Erscheinung für einen Geist.

Was redest du denn?! Ich bin doch am Leben!, rief Marianne und stürzte mit Stöcken los, um Daniel herauszuziehen.

Mit letzter Kraft zogen sie ihn aus dem Moor.

Daniel lag keuchend auf dem Boden, Marianne hielt ihn fest; beide überglücklich und tränenüberströmt.

***

Als Daniel erfuhr, dass Marianne lebte und Benedikt gesund war, wäre er fast vor Glück umgefallen.

Im Haus von Adelheid, wo sie nun alle wohnten, wurde viel geredet. Das Gute verdrängte das Schlechte. Daniel ließ nie wieder Mariannes Hand los.

Damit Vergangenheit und Schmerz endgültig schwanden, beschlossen sie, den Hof aufzugeben und in Mariannes neues Dorf zu ziehen zu Adelheid, die ihnen zur zweiten Mutter wurde.

***

Das Grab daheim wuchs zu, niemand erinnerte sich mehr. Niemand weiß, ob Lieselottes ruhelose Seele ihre Erlösung fand aber viele Unglücke hatte sie den Ihren angetan, alles aus Habgier und Eigensinn

©Nur manchmal, wenn im ersten Morgengrauen der Nebel schwer zwischen den Wipfeln hing und das Licht die alten Wälder goldig überzog, setzte sich Marianne draußen auf die Bank vor dem Haus. Dann kam Daniel zu ihr, hielt schweigend ihre Hand, Benedikt schlief im Arm, und sie lauschten dem fernen Glockenschlag der kleinen Dorfkirche.

Sie wussten, was sie verloren hatten aber noch viel mehr, was sie gefunden hatten: ein echtes Zuhause, in dem keiner mehr fragte, wieviel man arbeitete, oder wie stark man war, sondern nur, ob das Herz wirklich liebte.

Adelheid ließ oft einen warmen Apfelkuchen auf dem Herd stehen, und Oma Greta schaute vorbei, um Benedikt Geschichten zu erzählen von Zeiten, als Wünsche Ziegenflügel hatten und das Glück barfuß über die Wiesen tanzte.

Mit jedem Tag wurde Benedikt kräftiger, sprang bald im Garten herum, brachte den Frauen Schneeglöckchen, und sein Lachen füllte das Haus. Wo einstmals Leid gewohnt hatte, blühte nun das Leben in hellsten Farben.

Und wenn im Sommer ein Schmetterling auf Mariannes Schulter landete, gab sie ihm einen Kuss und schickte Stille Grüße hinauf zu Oma Anni für die Liebe, die sie einst gerettet und nun weitergegeben hatte.

So war es schließlich der Wind, der über die Felder trug: Weißt du schon? Marianne lebt und sie hat ihr Glück gefunden. Wer an alten Geschichten hing und auf Unglück hoffte, dem blieb nur das leere Haus am Hof, das langsam verwitterte, bis auch Lieselottes Spuren verweht waren.

Denn Glück, das leise wächst, bleibt von keiner Bosheit unberührt. Es schmiedet neue Wurzeln und beginnt an jedem Morgen von vorn.

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Homy
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Frauenschicksale: Marjana Als die liebe Großmutter Anastasia starb, wurde Marjana von tiefer Traur…
Ich bin 27 und habe sie in einem Moment kennengelernt, in dem ich am wenigsten auf eine Frau wie sie…