NICHT DER RICHTIGE HANNES
Anneli stand vor dem Spiegel und wechselte zum dritten Mal ihre Ohrringe.
Na, Flocke? wandte sie sich an ihren kleinen Mischling, diese hier oder doch die anderen?
Flocke gähnte herzhaft.
Danke für die Anteilnahme.
Anneli warf einen Blick auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde.
Ein seltsames Kribbeln. Normalerweise war sie selbstbewusst die Verehrer hatten sich immer um sie geschart. Doch diesmal
Quatsch, murmelte sie, betrachtete ihr Spiegelbild kritisch. Du bist die Beste!
Liegt es vielleicht daran, dass sie Hannes noch nie gesehen hatte? Drei Wochen Telefonate und kein einziges Treffen.
Drei Wochen, und nie hatte sie ihn aus der Reserve locken können, schoss es ihr plötzlich durch den Kopf, und sie musste grinsen.
Anneli seufzte, griff nach ihrer Handtasche.
Es war an der Zeit.
DREI WOCHEN ZUVOR
Du musst endlich mal heiraten und ausziehen! seufzte ihr Vater, der Chefarzt, am Abendbrottisch.
Er war gerade von einer stundenlangen Operation zurückgekehrt und hatte auf einen ruhigen Abend mit einem Buch von Eschbach gehofft.
Doch Anneli sprach seit einer halben Stunde unermüdlich, verglich Klassiker der deutschen und internationalen Science-Fiction.
Papa, du sagtest doch selbst, Eschbach ist das Nonplusultra
Hab ich. Lass uns ein andermal drüber reden. Heute brauche ich mal etwas Ruhe.
Anneli war beleidigt und schwieg ganze drei Minuten.
Wegen Heiraten übrigens, wurde ihr Vater plötzlich wieder lebhaft. Du erinnerst dich doch an Dr. Bremer, den Chefarzt aus der Klinik in der Innenstadt?
Ja?
Er hat einen Sohn, man munkelt, sehr anständig. Er wollte deine Nummer ich hab sie ihm gegeben, damit ihr euch mal kennenlernt.
Anneli verzog das Gesicht.
Solche arrangierten Bekanntschaften erschienen ihr altmodisch. Das war für Mauerblümchen und ewige Singles, aber für sie?
Doch sie widersprach nicht.
DAS ERSTE TELEFONAT
Der anständige Sohn ließ sich ein paar Tage Zeit, dann meldete er sich.
Hallo?
Hier ist Hannes. Mein Vater hat vielleicht von mir erzählt?
Hat er, antwortete Anneli trocken, doch neugierig. Der Klang seiner Stimme: angenehm.
Mein Vater hat Sie sehr gelobt. Meinte, Sie seien etwas ganz Besonderes
Ach, weiß nicht, sie lachte. Ganz normaler Medizinstudentin. Zweites Semester, Kinderheilkunde. Und Sie?
Erstes. Chirurgie
Das erklärte den leicht selbstbewussten Ton.
Sie redeten eine Stunde.
Und dann nochmal zwei.
Ab da täglich.
Hannes erzählte von seiner Katze Minze, von seiner Begeisterung für Science-Fiction und wie sehr ihn seine eigene Figur beschäftigte zu dünn, zu blass, zu müde?
Anneli hörte zu, ertappte sich jedoch dabei, zu denken:
Das ist doch eigentlich meine Rolle.
Sie verkniff sich, zu sagen: Hannes, entspann dich doch mal. Er mochte nicht, wenn man ihn Hanni nannte.
Abgesehen von kleinen Eigenarten, war sie aber zufrieden.
DAS TREFFEN AM SENDLINGER TOR
Sie verabredeten sich.
Im U-Bahnhof Sendlinger Tor.
Kino, dann einen Eisbecher im Apollo auf der Sonnenstraße.
Und dann? Wer weiß.
Anneli sprang aus dem Waggon und suchte suchend die Menge ab.
Geruch von Großstadt, Stimmengewirr.
Da war er groß, gutaussehend, mit einem Strauß Rosen.
Er lehnte lässig an einer Säule, alles beobachtend.
Anneli trat mit sicherem Schritt auf ihn zu:
Hannes?
Der junge Mann fuhr zusammen, suchte unsicheren Blickkontakt:
Entschuldigung, Sie sind?
Anneli, sagte sie streng und hielt ihm die Hand hin für einen Händedruck oder einen Kuss, wer weiß.
Ganz geblendet von meiner Schönheit, grinste sie innerlich. Und wieder dieses Siezen!
Er erstarrte.
Anneli? fragte er verunsichert. Aber ich
Komm, wir müssen gleich noch die Tickets abholen! Sie zog ihn am Ärmel mit.
Moment, ich wollte noch sagen
Später! Sie schleifte ihn Richtung Ausgang.
Er blickte sich suchend um als erwarte er jemanden , doch Anneli riss ihn in die Menge.
Die Rosen blieben in seiner Hand.
Er sah sie an und gab sich geschlagen.
Na gut, sagte er leise. Gehen wir.
KINO UND EISCAFÉ
Der Film gefiel beiden.
Anneli bewunderte außerdem seinen Geschmack: Das modische Wollmäntelchen, der von Mama gestrickte Schal, ganz lässig um den Hals, darauf war er offensichtlich stolz.
Der angenehme Geruch teuren Parfums.
Das köstliche Spaghettieis im Apollo.
Und dass sie sich in fast allem einig waren.
Gut, meistens redete Anneli, er hörte zu, begleitete sie mit wachen braunen Augen, nickte, stimmte zu.
Gelegentlich legte er aufmunternd seine breite, warme Hand auf ihre, wenn sie gestikulierte.
Das war so charmant, so männlich!
Weißt du, sagte er, beim Flanieren durch die Leopoldstraße am Abend, du bist wirklich, er stockte.
Wirklich was? fragte sie, leicht alarmiert.
Lebendig. Unverstellt.
Anneli schenkte ihm ihr unwiderstehlichstes Lächeln.
Sie war verliebt.
DREI MONATE SPÄTER
Alles entwickelte sich schnell.
Sie trafen sich fast täglich, telefonierten mehrmals. Noch gab es keine Smartphones, sonst wäre es wohl noch öfter gewesen.
Nach drei Monaten erklärte Hannes, er liebe Anneli so sehr, er könne ohne sie nicht leben, sie sollten heiraten.
Anneli reagierte nach kurzem Zögern mit freudigem Ja.
Wir sollten uns dann mal gegenseitig unseren Eltern vorstellen, schlug Hannes vor.
Lieber noch nicht, sie erschrak etwas.
Die eigene Familie war bei Partnern extrem kritisch.
Vor allem Oma.
Für sie war niemand gut genug für die Enkelin, und zu guter Letzt schlossen sich Mutter und Vater oft an.
Anneli war aber nicht bereit, Hannes aufzugeben.
Auch sie hielt sich mit Bekanntschaft zu seinen Eltern vorerst zurück, damit keiner vom anderen erfuhr.
VATERS GEBURTSTAG
Etwa zwei Wochen später bot sich eine Möglichkeit.
Ihr Vater, kein Freund großer Feiern, wollte doch seinen 55. feiern und lud Gäste ein.
Anneli kündigte geheimnisvoll an, nicht allein zu kommen.
Die Gäste waren schon fast vollzählig, als Anneli den Bräutigam mit einem Strauß Nelken und einer Flasche französischem Cognac hereinführte.
Papa, darf ich vorstellen, begann sie feierlich, etwas verlegen.
Das Telefon klingelte.
Einen Moment, ich muss kurz ran, hetzte ihr Vater zum Apparat.
Er kam zurück, sichtlich aufgeregt:
Das war Bremer fragt nach dem Weg vom U-Bahnhof. Ich freue mich so, dass er doch kommt. Ich war ja schon fast beleidigt, als du damals nicht zum Treffen mit seinem Sohn gegangen bist!
Anneli erstarrte.
Nicht gekommen?
Ihr Vater sah sie erstaunt an:
Na ja Bremer hat mir erzählt, sein Sohn hätte dich zwei Stunden am Sendlinger Tor mit Blumen erwartet. Aber du bist nicht erschienen.
Anneli blickte langsam zu Hannes.
Er stand mit dem Nelkenstrauß in der Hand an der Tür, blass, mit schuldbewusstem Blick.
Wir sind gleich zurück, zischte sie ihrem verdutzten Vater zu.
Zog Hannes am Ärmel ins Zimmer.
DIE WAHRHEIT
Anneli schloss die Tür.
Drehte sich zu ihm.
Moment mal begann sie langsam, als fürchte sie, sich verhört zu haben. Was bedeutet nicht erschienen?
Hannes schwieg.
Du bist nicht Hannes Bremer?
Er schüttelte den Kopf.
Du bist nicht Bremer?
Nein, sagte er leise. Ich bin Hannes Lehmann. Ich hatte eine Verabredung mit einer anderen, Katja. Ich wartete an der Station und dann kamst du
und ich hab dich einfach mitgenommen, stellte Anneli fest.
Stille. Beide standen fassungslos da.
Ich wollte es dir sagen, murmelte er. Am ersten Tag. Auf dem Weg ins Kino. Aber du hast nicht zugehört.
Ich höre nie zu, gab sie zu. Darin bin ich Meisterin.
Flocke winselte an der Tür.
Anneli setzte sich aufs Bett.
Und was jetzt?
Hannes schaute sie an, lange, ernst, fast zu ernst.
Dann trat er vor und kniete sich vor sie hin.
Mir ist egal, wie wir uns kennengelernt haben, ob Zufall oder durch unseren Eltern. Ich liebe dich. Ich möchte, dass du meine Frau wirst. Richtig. Ohne Verwechslungen.
Anneli lächelte erleichtert.
Na gut. Dann lass uns die Eltern kennenlernen. Aber ich warne dich: Meine Familie kompliziert.
Meine auch. Und meine Katze ist ein Charaktertier.
Wir schaffen das!
Sie traten hinaus ins Wohnzimmer.
Dort warteten schon die Gäste und soeben trat Dr. Bremer mit seinem Sohn ein.
Groß. Gutaussehend. Mit einem Strauß Rosen.
Anneli sah erst den richtigen Hannes Bremer an.
Dann ihren Hannes, blass, mit Nelken.
Nein, dachte sie. Der ist es nicht.
Und lachte das erste Mal, von Herzen.
Papa, sagte sie, ich habe dir was zu erzählen. Es wird längerAlle drehten sich zu ihr. Sekundenlang herrschte Schweigen nicht einmal Flocke rührte sich.
Anneli holte tief Luft.
Das hier ist Hannes Lehmann. Nicht der, den du dachtest. Eigentlich eine Verwechslung am Sendlinger Tor. Ich hielt ihn für jemand anderen. Ja, ich bin mit der falschen Begleitung gekommen. Aber vielleicht war es ja genau richtig.
Ihr Vater schaute erst verständnislos, dann schlich sich ein Grinsen auf seine Lippen. Dr. Bremer lachte leise. Die Gäste sahen verwirrt von Hannes mit den Nelken zu Hannes mit den Rosen, bis Letzterer höflich nickte und plötzlich ebenfalls in Gelächter ausbrach.
Sie sind also nicht der Bremer-Hannes? fragte Anneli Vater mit gespielter Strenge.
Nein, Dr. Neumeier. Aber ich bringe gute Laune, Nelken und liebe Ihre Tochter.
Da griff Anneli nach Hannes Hand, drückte sie fest und schaute in die Runde. Wir mögen kein altmodisch arrangiertes Glück, sondern das, das wir selber finden. Oder das uns einfach zufällig in die Arme läuft.
Flocke bellte auf, als wäre das sein Stichwort. Im nächsten Moment löste sich die allgemeine Anspannung: Man prostete sich zu, Oma wischte sich verstohlen ein Tränchen von der Wange, und irgendwo zwischen Cognac, Rosen, Nelken und Science-Fiction begann plötzlich jemand, Lieder auf der Gitarre anzustimmen. Die beiden Hannes lachten nebeneinander über die verrückte Fügung der eine zog den anderen ins Gespräch und für Anneli fühlte sich alles exakt richtig an.
Sie beugte sich zu Hannes, flüsterte: Falls du noch einmal am Sendlinger Tor verwechselt wirst zieh bloß keine Rosen an! Nelken sind viel mehr du. Er grinste, es war das schönste Lächeln, das sie je gesehen hatte.
Anneli wusste endlich: Nicht der richtige Hannes sondern ihr Hannes. Das war mehr, als sie je gesucht hatte.





