Ich wachse auf mit dem ständigen Bemühen, meine Mutter nicht zu enttäuschen und dabei merke ich kaum, wie mein Eheleben immer mehr entgleitet.
Meine Mutter schien immer zu wissen, was richtig ist. Zumindest schien es so. Schon als Kind habe ich gelernt, ihre Stimmung aus ihrem Tonfall, aus der Art, wie sie die Tür schloss oder wie still sie war, abzulesen. War sie zufrieden, war die Welt in Ordnung. War sie es nicht… dann hatte ich wohl etwas falsch gemacht.
Ich verlange doch gar nicht viel, sagte sie. Ich möchte nur, dass du mich nicht enttäuschst. Dieses nur hat mehr Gewicht als jedes Verbot.
Als ich erwachsen wurde und heiratete, dachte ich, mein Leben gehöre endlich mir. Mein Mann, Johannes, ist ein ruhiger, geduldiger Mensch. Er liebt Harmonie und hasst Streit. Anfangs mochte meine Mutter ihn sehr. Doch nach und nach hatte sie plötzlich zu allem eine Meinung:
Warum kommst du immer so spät nach Hause?
Findest du nicht, dass du zu viel arbeitest?
Er hilft dir nicht genug.
Zuerst habe ich gelacht. Johannes sagte ich, sie macht sich bloß Sorgen. Später begann ich, ihr alles zu erklären. Dann fing ich an, mein Verhalten danach auszurichten. Und unbemerkt lebte ich plötzlich nach zwei Stimmen.
Die eine war die meines Mannes leise, verständnisvoll, stets bemüht um Nähe. Die andere war die meiner Mutter stets bestimmend, stets fordernd. Wollte Johannes mal ein Wochenende allein mit mir verreisen, wurde meine Mutter auf einmal krank. Wenn wir Pläne schmiedeten, brauchte sie mich ganz dringend.
Wenn Johannes mir sagte, er vermisse mich, antwortete ich:
Du musst mich verstehen, ich kann sie doch nicht alleine lassen.
Und Johannes verstand es. Lange Zeit.
Bis er eines Abends etwas sagte, das mir mehr Angst machte als jeder Streit:
Ich habe das Gefühl, ich bin das dritte Rad in dieser Ehe.
Ich fuhr ihn scharf an, verteidigte sie, verteidigte mich. Sagte, er übertreibe, es sei nicht in Ordnung, mich vor so eine Wahl zu stellen.
Doch innerlich wusste ich längst, dass ich mich längst entschieden hatte. Ich hatte es nur nicht zugegeben.
Wir begannen zu schweigen. Wir schliefen Rücken an Rücken ein. Wir sprachen nur noch über das Alltägliche, nie über das, was uns bewegt. Und wenn wir doch mal stritten, wusste meine Mutter es immer sofort.
Ich habs dir ja gesagt, wiederholte sie. Männer sind eben so.
Und ich glaubte ihr. Einfach aus Gewohnheit.
Eines Tages komme ich nach Hause er ist weg. Er ist nicht im Streit gegangen, hat leise seine Schlüssel dagelassen und einen Zettel:
Ich liebe dich, aber ich weiß nicht, wie ich weitermachen soll, solange deine Mutter immer zwischen uns steht.
Ich setze mich aufs Bett und weiß zum ersten Mal nicht, wen ich anrufen soll. Sie oder ihn.
Ich wähle meine Mutter.
Na, was hast du denn erwartet?, sagt sie. Ich habs dir doch immer gesagt…
In diesem Moment reißt in mir plötzlich etwas auf.
Ich begreife, dass ich mein Leben lang Angst hatte, einen Menschen zu enttäuschen und darüber einen anderen verloren habe, der einfach nur wollte, dass ich bei ihm bin.
Ich gebe meiner Mutter nicht alleine die Schuld. Sie hat mich geliebt, so, wie sie es eben konnte.
Aber ich war diejenige, die nie eine Grenze gezogen hat.
Ich war es, die Pflicht und Liebe verwechselt hat.
Jetzt lerne ich etwas, das ich schon viel früher hätte begreifen müssen:
Dass Kind sein nicht bedeutet, ewig klein zu bleiben.
Und dass in einer Ehe kein dritter Ton Platz haben darf.
Und du? Musstest du jemals entscheiden, ob du lieber deine Eltern nicht enttäuschen oder deine eigene Familie retten willst?





