Der Winter 1987: Als die Menschen in Berlin nicht mehr von Temperaturen, sondern nur noch von endlosen Warteschlangen sprachen – Der Schnee lag hoch, aber die Stadt erwachte vor Tagesanbruch. Um fünf Uhr morgens standen bereits müde Gestalten mit leeren Flaschen vor dem dunklen HO-Laden im Kiez an, niemand wusste genau, was geliefert würde. Maria, 38, Näherin in einer Textilfabrik, war die Sechste in der Reihe. In dicken Mänteln und mit trockenen Sprüchen warteten alle geduldig. Als Maria die Witwe Frau Valeria aus dem Nachbarhaus bibbernd in der Kälte sah, bot sie ihr großzügig ihren Platz an. Die Warteschlange rückte weiter, aber für viele reichte es nicht – doch eine stille Gemeinschaft und kleine Gesten machten aus dieser Morgenstunde ein Stück Menschlichkeit, das unausgesprochen blieb, aber nie vergessen wurde.

Der Winter 1987 war einer jener Winter, von denen die Menschen später nicht mehr berichten, welche Temperaturen herrschten, sondern welche Schlange vor den Geschäften stand. Der Schnee lag hoch, doch die Stadt erwachte immer noch früher als er. Bereits um fünf Uhr morgens standen Menschen vor dem Konsum in ihrem Viertel im Dunkeln; das Licht war noch aus, doch die Schlange war längst da.

Niemand wusste genau, was heute geliefert würde. Jemand hatte irgendwo aufgeschnappt, es gäbe Fleisch und Milch. Die Leute hatten leere Glasflaschen in ihren Stoffbeuteln, trugen schwere Mäntel und die Müdigkeit des frühen Morgens in den Gesichtern. Sie reihten sich aneinander, einer hinter dem anderen, als hätten sie es ihr Leben lang so gemacht.

Klara stand an sechster Stelle. Sie war 38 Jahre alt und arbeitete in einer Textilfabrik. Ihr Wecker hatte um halb fünf geklingelt, sie hatte ihren Kaffee schweigend und im Dunkeln getrunken und war aus der Wohnung geschlichen, ohne aufzuwachen zu lassen. Zu Hause schlief ihr Mann noch, mit dem stillen Hoffen, dass an diesem Tag vielleicht ein bisschen mehr auf den Tisch käme.

Die Schlange wuchs rasch. Auf zerknittertem Papier wurden Listen geschrieben. Einer merkte sich die Zahlenfolge. Ein anderer lief nochmal nach Hause und kam wieder zurück. Es wurde Tee aus der Thermoskanne herumgereicht. Es gab knappe, trockene Witze im Stil des Überlebens. Niemand beklagte sich wirklich laut. Es hätte ja nichts gebracht.

Irgendwann, etwa in der Mitte der Schlange, fiel Klara die alte Dame auf.

Sie stand ein Stück abseits, direkt an der kalten Hausmauer, die Schultern leicht angezogen, das Kopftuch fest unter dem Kinn zusammengebunden und einen Mantel um, der dem Frost kaum standhielt. Die Tragetasche hing schlaff von ihrer Hand und sie zitterte spürbar.

Es war Frau Gertrud.

Klara erkannte sie gleich. Sie wohnte zwei Aufgänge weiter. Vor zwei Monaten war ihr Mann plötzlich gestorben; seitdem sah man sie kaum noch draußen. Nun stand sie still in der Reihe, allein, blicklos auf den Boden gerichtet.

Frau Gertrud!, rief Klara.

Die alte Dame hob langsam den Kopf, als hätte sie nicht damit gerechnet, überhaupt noch eine vertraute Stimme zu hören. Als sie Klara sah, huschte ein schwaches Lächeln über ihr Gesicht.

Klara blickte auf ihren eigenen Platz in der Reihe. Die fünfzehnte war Gertrud. Ein Moment lang zögerte sie, dann sagte sie:

Kommen Sie, stellen Sie sich nach vorne, an meinen Platz. Es ist zu kalt für Sie hier hinten.

Frau Gertrud wollte protestieren, doch Klara machte schon Platz. Die anderen schoben wortlos zusammen. Jemand murmelte lass sie ruhig vor, Mutti. So gelangte Frau Gertrud an Klaras Stelle, während diese weiter nach hinten ging.

Noch fast vierzig Minuten vergingen. Die Schlange schleppte sich träge voran.Als der Konsum endlich öffnete, donnerte wie immer die Nachricht durch die Menge: Milch und Eier gäbe es lediglich für die ersten zwölf Menschen.

Klara stellte schnell ein Rechenbeispiel im Kopf an und wusste sofort, dass sie an diesem Morgen leer ausgehen würde. Trotzdem war sie ein wenig froh, dass wenigstens Frau Gertrud, die nun vorne stand, heimgehen könnte, ohne mit leeren Händen dazustehen.

Wohin gehst du? Komm zurück! Das war doch dein Platz! Ich bin schon alt, ich brauche nicht viel. Du darfst nicht mit leeren Händen gehen!, rief die alte Dame.

Ach, Frau Gertrud, ich habe Ihnen meinen Platz doch gern gelassen. Ich komme schon klar, bis wieder etwas Neues geliefert wird!

Mein Mädchen, komm bitte hierher. Ich geh jetzt, ich kann nicht mehr.

Die Umstehenden betrachteten die beiden Frauen mit einem verwunderten, beinahe bewundernden Blick. Es war selten, Gutes zu tun, wenn auch der eigene Magen knurrte. An solchen Tagen wurde Nächstenliebe selten offen gezeigt.

Klara trat näher, vielleicht selbst überrascht von Gertruds Beharrlichkeit. Sie hakte sich bei der alten Dame unter und sagte: Bitte, Frau Gertrud, gehen Sie nicht. Wir bleiben beide zusammen hier in der Reihe. Und wir teilen alles, was wir bekommen. Nur gehen Sie nicht mit leeren Händen heim.

Gertrud nickte nur wortlos. Sie drängten sich enger zusammen, teils zur wärmenden Nähe, teils zum Trost. Zwei kleine Gestalten, stehend, Arm in Arm, während die Reihe langsam vorrückte.

Als sie die Theke erreichten, war noch eine Ration übrig: Etwas Milch, einige Eier, ein kleines Stück Fleisch. Wir teilen, sagte Klara sofort.

Die Verkäuferin sah auf ihre roten Hände, auf den zarten Halt der alten Dame an Klaras Arm, auf das langsame, fast feierliche Handeln der beiden, als hätten sie nichts zu verlieren nur sich nicht gegenseitig. Die Frau hinter der Theke schwieg einen Augenblick. Sie stellte die Waage beiseite und zog den Rollladen ein Stück herunter, damit niemand mehr nach hinten sehen konnte. Dann förderte sie aus einem geheimen Fach die letzte Milchflasche zutage, sorgsam beiseite gelegt für besondere Fälle. Leise schob sie sie in einen der Beutel.

Anschließend zerteilte sie das Fleisch und legte je ein Stück in jede Tasche, verknotete die Tüten sorgfältig. So ists besser, sagte sie und nickte ihnen kaum hörbar zu. Damit es Euch beide erreicht.

Klara wollte etwas erwidern, brachte aber kein Wort heraus. Frau Gertrud senkte nur den Kopf und murmelte ein Gott segne Sie, das im Lärm des Ladens unterging.

Die Verkäuferin winkte mit der Hand. Geht schon, ihr habt genug gefroren.

Sie traten hinaus. Leise Flocken rieselten vom Himmel. Die Schlange hatte sich gelichtet. Die Umstehenden hatten alles beobachtet sie sagten nichts, aber sie würden sich erinnern.

Diese Geschichte kannten nicht viele. Sie blieb bei denen, die an jenem gewöhnlichen Wintermorgen vor dem Konsum dabei gewesen waren. Genau dahin musste sie: zu den wenigen, die sehen mussten, dass sie nicht allein waren, selbst wenn niemand das laut ausgesprochen hätte.

Später wurde sie von Mund zu Mund weitererzählt, schlicht, ohne Ausschmückungen. Weißt du, was damals an der Schlange passiert ist? So begannen die Geschichten. Niemand machte daraus ein großes Ereignis. Es waren bloß Erinnerungen.

Denn in jenen Jahren erzählten die Schlangen nicht nur vom Hunger. Sie erzählten von Menschen. Davon, wie Blicke sich erkannten, wie Plätze getauscht und weitergegeben wurden, wie man jemand Schwächeren oder Müderen vorließ. Wie aus dem Wenigen, das jeder hatte, noch ein Stück dieser verrückten Normalität wuchs.

Klaras und Gertruds Geschichte ist nur eine von vielen. Vor vielen Konsums, an vielen frostigen Morgen, geschah Ähnliches. Nicht alle endeten gut. Aber genug, um im Gedächtnis zu bleiben.

Denn manchmal, mitten im Mangel, war Menschlichkeit das Einzige, was nicht aufgebraucht wurde.

Falls dir diese Geschichte eine Erinnerung gebracht hat, erzähle sie uns. Manchmal wollen Geschichten einfach nur weitergetragen werden.

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Homy
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Der Winter 1987: Als die Menschen in Berlin nicht mehr von Temperaturen, sondern nur noch von endlosen Warteschlangen sprachen – Der Schnee lag hoch, aber die Stadt erwachte vor Tagesanbruch. Um fünf Uhr morgens standen bereits müde Gestalten mit leeren Flaschen vor dem dunklen HO-Laden im Kiez an, niemand wusste genau, was geliefert würde. Maria, 38, Näherin in einer Textilfabrik, war die Sechste in der Reihe. In dicken Mänteln und mit trockenen Sprüchen warteten alle geduldig. Als Maria die Witwe Frau Valeria aus dem Nachbarhaus bibbernd in der Kälte sah, bot sie ihr großzügig ihren Platz an. Die Warteschlange rückte weiter, aber für viele reichte es nicht – doch eine stille Gemeinschaft und kleine Gesten machten aus dieser Morgenstunde ein Stück Menschlichkeit, das unausgesprochen blieb, aber nie vergessen wurde.
„Das esse Zeug esse ich nicht!“, rief die Schwiegermutter verächtlich, als sie die Grünkohlsuppe sah – Schwiegermutter schnaubte und rümpfte die Nase vor dem Teller mit deftiger Grünkohlsuppe. „Was ist das denn?“, Frau Helene verzog das Gesicht und schnupperte, als würde ihr etwas Abstoßendes vorgesetzt. „Das ist Grünkohlsuppe“, erklärte Luisa, die Schwiegertochter, freundlich lächelnd. Sie hob den Deckel vom Steinguttopf und begann, das würzige Grünkohlgericht zu servieren. „Es macht Spaß, mit frischem Gemüse aus unserem Garten zu kochen.“ „Ich kann daran nichts finden“, brummte die Schwiegermutter. „Und wie viel Zeit und Energie ist für so einen Gemüsegarten verschwendet!“ „Durchaus“, lachte Luisa gelassen. „Aber als Hobby ist es nur Freude.“ „Ja, wenn es wirklich das eigene ist und nicht aufgezwungen“, knurrte Frau Helene, verengte die Lippen. „Für wen hast du denn so viel davon gekocht?“ „Für uns. Es ist nicht viel, reicht nur für zwei Tage.“ „Ich esse diesen Quatsch ganz sicher nicht!“, gestikulierte die Schwiegermutter entrüstet und trat von Tisch zurück. „Man erkennt ja kaum, was da drin ist!“ Sie tat angeekelt, hielt sich die Hand vor den Mund und drehte sich abrupt weg. Luisa verdrehte die Augen und seufzte. Sie und Frau Helenes Sohn, Michael, hatten sich vor anderthalb Jahren kennen gelernt, sich auf Anhieb verliebt und einen Monat später ohne großes Tam-Tam geheiratet. Mit den Ersparnissen erfüllten sie sich den Traum vom eigenen Häuschen auf dem Land, das sie mit viel Liebe weiter einrichteten. In dieser Zeit traf Luisa die Schwiegermutter ganze vier Mal, ebenso häufig wie Michael. In drei Fällen überredete sie Michael zu Familienbesuchen zu Feiertagen. Frau Helene hielt Michaels Ehe stets für eine Laune. Doch da sie nichts mehr bewegen konnte gegen den erwachsen und selbstständig gewordenen Sohn, wartete sie ab – auf das ihrer Meinung nach unausweichliche Ende. Das ließ jedoch auf sich warten – zum Ärger der Schwiegermutter. Frau Helene konnte nicht begreifen, was Michael an der „einfachen“ Luisa fand und weshalb diese ihn bezirzt hatte. Er war ein attraktiver, beliebter Mann, stets umgeben von interessanteren und hübscheren Frauen. Frau Helene blieb überzeugte Städterin und hatte ihren Sohn auch so erzogen. Nun sagte ihr Mutterinstinkt, Michael müsse das Landleben längst satt haben – und ein kleiner Schubs würde alles wieder ins Lot bringen. Nach dieser Enttäuschung würde Michael sicher bald eine passende Partnerin finden, mit der Frau Helene echte Freundschaft genießen könnte. Aber sie musste sich beeilen, damit Luisa den Sohn nicht mit einem Baby an sich band! Der Plan entstand wie von selbst: Frau Helene rief Luisa an und verlangte einen Besuch, da sie zur Einweihung der neuen Wohnung nicht eingeladen worden war. Luisa erinnerte sie freundlich daran, dass sie schon zweimal telefonisch eingeladen hatte, jedoch immer absagte – Frau Helene blieb stur und kündigte ihren Besuch an. Zwei Tage später stand sie entrüstet im hellen, geräumigen Wohnzimmer. Der Sohn – wie sie und der verstorbene Mann – hasste Suppen! Bei der Familie kam nur auf den Tisch, was man sofort erkannte. Wie konnte Michael sich so schnell zum Untertan machen lassen? War er verhext? Frau Helene wurde blass, ihr schauderte. Die Vorstellung, Luisa könnte Michael durch Verführung am Gängelband halten, wurde rasch verworfen. Verführung und Luisa – unvereinbar! Dann wohl Zauberei! Wie anders konnte man sich erklären, dass der Sohn das Zeug aß? Frau Helene blickte die Schwiegertochter voller Abneigung an. „Warum glauben Sie, dass man nicht erkennt, was drin ist?“, fragte Luisa, ignorierte das Drama der Schwiegermutter, nahm einen weiteren Teller und füllte ihn mit Grünkohlsuppe. „Man sieht alles! Hier ist der Kohl. Da die Zwiebel. Karotte. Und das ist Mettwurst. Ein bisschen Minze aus dem Garten und eine dünne Scheibe Brot obendrauf!“ „Da kannst du ja gleich Kleie essen!“ rief die Schwiegermutter entsetzt, hob die Hände. „In Ihrem Alter wäre Kleie sogar hilfreich! Sie reguliert die Verdauung und sorgt für ein glücklicheres Mikrobiom. Glücklicher Darm, glücklicher Mensch!“ Frau Helene errötete ob Luisas Frechheit, wischte es jedoch beiseite und fuhr fort: „Und warum zwingst du Michael, das zu essen?“ Luisa blinzelte überrascht. „Weil er es mag.“ „Wie kann ein Mann das mögen? Gibt’s denn nichts anderes hier?“ „Er kann auch selbst kochen, was er will, was bestellen oder Sie besuchen.“ Luisa zählte die Möglichkeiten lächelnd auf. Frau Helene wurde bei der letzten Idee noch röter. „Seien Sie nicht sarkastisch! Sie hätten wenigstens nach Michaels Vorlieben fragen können.“ „Frau Helene, ich habe ihn gefragt. Er ist erwachsen und spricht deutlich. Er sagt, ihm schmeckt alles.“ „Er lügt! Am Anfang wollte er nur nicht widersprechen. Nun kann er nicht anders!“ „Ach!“ seufzte Luisa. „Aber die Grünkohlsuppe ist gekocht und wird nicht weggeworfen. Da muss man durch. Und Sie unterstützen Ihren Sohn doch, oder?“ „Was?!“ Frau Helene starrte Luisa an. „Nicht? Schade. Ich glaube, er würde sich über Ihre Solidarität freuen.“ „Du!“… „Luisa! Wir sind zurück!“, rief Michael von der Tür aus fröhlich. Ein kleiner, wuscheliger, weißer Hund stürmte in den Raum und bellte aufgeregt. „Aaargh!“ schrie Frau Helene und versteckte sich hinter Luisa. „Keine Sorge, das ist Mimi. Sie beißt nicht und hört aufs Wort.“ Luisa hob die Hand, der Hund setzte sich brav. „Feine Maus, so schlau.“ „Warum dürfen Nachbarshunde ins Haus?“ flüsterte Frau Helene entgeistert. „Das ist kein Nachbarshund. Sie gehört uns. Sie lebt bei uns.“ „Im Haus?! Aber das ist doch unhygienisch!“ rief die Schwiegermutter entsetzt. „Und Michael mag Hunde nicht!“ „Nein, Mama, du magst keine Hunde. Hallo.“ Michael trat ein. „Du bist pünktlich zum Mittagessen.“ „Hallo, mein Sohn!“ Frau Helene wartete auf den Kuss, doch Michael umarmte sie nur kurz und gab Luisa einen Kuss. „Wollen wir essen?“ Michael schnupperte und schmunzelte zufrieden. „Ich würde ja, Michael, aber ich kann nicht.“ „Wie, du kannst nicht?“ „Ihr kocht Schweinefutter. Ihr habt doch Schweine, oder? Was für ein Geruch! Schlimmer als die Autos in der Stadt.“ Michael schaute seine Mutter, Luisa und den gedeckten Tisch an. Seine Nackenmuskeln spannten sich, der Blick verlor die Leichtigkeit von eben. „Ehrlich gesagt, all das habe ich verdrängt“, sagte Michael bitter. „Was meinst du, Sohn? Das sind unsere Vorlieben, unsere Regeln, unsere Traditionen! Du hast nie geklagt!“ „Ich? Als Kind hatte ich Angst, den Papa zu verärgern. Später wollte ich keinen Streit mit dir.“ „Was redest du?!“ rief Frau Helene und die Mimi bellte erneut. „Sei ruhig!“ fuhr sie den Hund an, den Luisa längst gebändigt hatte. „Sie hat ihren eigenen Willen – wie Luisa. Aber warum bist du so schwach, lässt dir alles gefallen?! Willst du dich von ihr beherrschen lassen? Jetzt hat sie auch noch einen Zoo im Haus! Bist du eigentlich der Herr im Haus, oder was?!“ „Bin ich“, sagte Michael. „Dann benimm dich auch so!“ Frau Helene atmete erleichtert auf – ihre Mission schien erfüllt. „Wo sind deine Sachen?“ fragte er gelassen. „Im Flur! Ich habe Hunger nach der Reise.“ „Gut. Bedank dich bei Luisa für die Einladung.“ „Was?..“ „Bedank dich bei Luisa für die Mühe und entschuldige dich.“ „Aber sie…“ „Mama!“ „D-danke und v-verzeih“, stammelte Frau Helene wütend. Luisa nickte ruhig. „Gehen wir.“ „Wohin?“ „Dorthin, wo alles nach deinem Geschmack, deinen Regeln, nach deiner Tradition läuft.“ „Aber Michael, ich…“, wollte seine Mutter einwenden, doch er unterbrach sie: „Papa und du mochten keine Suppen, keine Tiere, kein Landleben. Meine Wünsche zählten nicht. Aber Papa gab mir den Rat: ‚Wenn du das nicht magst, schaffe dir dein Eigenes!‘ Und das habe ich, Mama. Hier gelten meine Vorlieben, meine Regeln, meine Traditionen. Und dieses Haus gehört meiner Frau. Du magst es nicht? Du hast deinen eigenen Platz.“ „Sohn! Sie hat dich gegen mich aufgebracht!“ Frau Helene verzweifelte, klagte fast. „Verhext!“ murmelte sie. Michael brachte seine Mutter zum Flur, holte ihren Koffer und führte sie wortlos zur Haustür. „Luisa war übrigens auf deiner Seite. Sie versteht sich mit Familie. Sie glaubte nicht, dass es so enden könnte. In der Küche war eine Extra-Portion für dich vorbereitet. Aber Grünkohlsuppe war ein Test. Die Maske ist gefallen“, sagte Michael, öffnete die Tür. „Das Taxi wartet.“ „Du… aber… wann hast du bestellt?“ stotterte Frau Helene, erschüttert von Michaels ehrlicher Direktheit. „Ich bat Luisa, es zurückzuhalten. Das war richtig.“ „Du! Aber…“ „Ich eben, Mama, der Herr im Hause. Wie du immer wolltest“, sagte Michael zum Taxifahrer. „Verhext“, bestätigte sich Frau Helene das Schicksal des Sohnes und suchte schon im Taxi auf ihrem Handy nach Zauberei-Methoden, um ihn zurückzugewinnen. Irgendetwas muss es geben, damit Michael wieder ganz ihr Sohn wird!