Der Winter 1987 war einer jener Winter, von denen die Menschen später nicht mehr berichten, welche Temperaturen herrschten, sondern welche Schlange vor den Geschäften stand. Der Schnee lag hoch, doch die Stadt erwachte immer noch früher als er. Bereits um fünf Uhr morgens standen Menschen vor dem Konsum in ihrem Viertel im Dunkeln; das Licht war noch aus, doch die Schlange war längst da.
Niemand wusste genau, was heute geliefert würde. Jemand hatte irgendwo aufgeschnappt, es gäbe Fleisch und Milch. Die Leute hatten leere Glasflaschen in ihren Stoffbeuteln, trugen schwere Mäntel und die Müdigkeit des frühen Morgens in den Gesichtern. Sie reihten sich aneinander, einer hinter dem anderen, als hätten sie es ihr Leben lang so gemacht.
Klara stand an sechster Stelle. Sie war 38 Jahre alt und arbeitete in einer Textilfabrik. Ihr Wecker hatte um halb fünf geklingelt, sie hatte ihren Kaffee schweigend und im Dunkeln getrunken und war aus der Wohnung geschlichen, ohne aufzuwachen zu lassen. Zu Hause schlief ihr Mann noch, mit dem stillen Hoffen, dass an diesem Tag vielleicht ein bisschen mehr auf den Tisch käme.
Die Schlange wuchs rasch. Auf zerknittertem Papier wurden Listen geschrieben. Einer merkte sich die Zahlenfolge. Ein anderer lief nochmal nach Hause und kam wieder zurück. Es wurde Tee aus der Thermoskanne herumgereicht. Es gab knappe, trockene Witze im Stil des Überlebens. Niemand beklagte sich wirklich laut. Es hätte ja nichts gebracht.
Irgendwann, etwa in der Mitte der Schlange, fiel Klara die alte Dame auf.
Sie stand ein Stück abseits, direkt an der kalten Hausmauer, die Schultern leicht angezogen, das Kopftuch fest unter dem Kinn zusammengebunden und einen Mantel um, der dem Frost kaum standhielt. Die Tragetasche hing schlaff von ihrer Hand und sie zitterte spürbar.
Es war Frau Gertrud.
Klara erkannte sie gleich. Sie wohnte zwei Aufgänge weiter. Vor zwei Monaten war ihr Mann plötzlich gestorben; seitdem sah man sie kaum noch draußen. Nun stand sie still in der Reihe, allein, blicklos auf den Boden gerichtet.
Frau Gertrud!, rief Klara.
Die alte Dame hob langsam den Kopf, als hätte sie nicht damit gerechnet, überhaupt noch eine vertraute Stimme zu hören. Als sie Klara sah, huschte ein schwaches Lächeln über ihr Gesicht.
Klara blickte auf ihren eigenen Platz in der Reihe. Die fünfzehnte war Gertrud. Ein Moment lang zögerte sie, dann sagte sie:
Kommen Sie, stellen Sie sich nach vorne, an meinen Platz. Es ist zu kalt für Sie hier hinten.
Frau Gertrud wollte protestieren, doch Klara machte schon Platz. Die anderen schoben wortlos zusammen. Jemand murmelte lass sie ruhig vor, Mutti. So gelangte Frau Gertrud an Klaras Stelle, während diese weiter nach hinten ging.
Noch fast vierzig Minuten vergingen. Die Schlange schleppte sich träge voran.Als der Konsum endlich öffnete, donnerte wie immer die Nachricht durch die Menge: Milch und Eier gäbe es lediglich für die ersten zwölf Menschen.
Klara stellte schnell ein Rechenbeispiel im Kopf an und wusste sofort, dass sie an diesem Morgen leer ausgehen würde. Trotzdem war sie ein wenig froh, dass wenigstens Frau Gertrud, die nun vorne stand, heimgehen könnte, ohne mit leeren Händen dazustehen.
Wohin gehst du? Komm zurück! Das war doch dein Platz! Ich bin schon alt, ich brauche nicht viel. Du darfst nicht mit leeren Händen gehen!, rief die alte Dame.
Ach, Frau Gertrud, ich habe Ihnen meinen Platz doch gern gelassen. Ich komme schon klar, bis wieder etwas Neues geliefert wird!
Mein Mädchen, komm bitte hierher. Ich geh jetzt, ich kann nicht mehr.
Die Umstehenden betrachteten die beiden Frauen mit einem verwunderten, beinahe bewundernden Blick. Es war selten, Gutes zu tun, wenn auch der eigene Magen knurrte. An solchen Tagen wurde Nächstenliebe selten offen gezeigt.
Klara trat näher, vielleicht selbst überrascht von Gertruds Beharrlichkeit. Sie hakte sich bei der alten Dame unter und sagte: Bitte, Frau Gertrud, gehen Sie nicht. Wir bleiben beide zusammen hier in der Reihe. Und wir teilen alles, was wir bekommen. Nur gehen Sie nicht mit leeren Händen heim.
Gertrud nickte nur wortlos. Sie drängten sich enger zusammen, teils zur wärmenden Nähe, teils zum Trost. Zwei kleine Gestalten, stehend, Arm in Arm, während die Reihe langsam vorrückte.
Als sie die Theke erreichten, war noch eine Ration übrig: Etwas Milch, einige Eier, ein kleines Stück Fleisch. Wir teilen, sagte Klara sofort.
Die Verkäuferin sah auf ihre roten Hände, auf den zarten Halt der alten Dame an Klaras Arm, auf das langsame, fast feierliche Handeln der beiden, als hätten sie nichts zu verlieren nur sich nicht gegenseitig. Die Frau hinter der Theke schwieg einen Augenblick. Sie stellte die Waage beiseite und zog den Rollladen ein Stück herunter, damit niemand mehr nach hinten sehen konnte. Dann förderte sie aus einem geheimen Fach die letzte Milchflasche zutage, sorgsam beiseite gelegt für besondere Fälle. Leise schob sie sie in einen der Beutel.
Anschließend zerteilte sie das Fleisch und legte je ein Stück in jede Tasche, verknotete die Tüten sorgfältig. So ists besser, sagte sie und nickte ihnen kaum hörbar zu. Damit es Euch beide erreicht.
Klara wollte etwas erwidern, brachte aber kein Wort heraus. Frau Gertrud senkte nur den Kopf und murmelte ein Gott segne Sie, das im Lärm des Ladens unterging.
Die Verkäuferin winkte mit der Hand. Geht schon, ihr habt genug gefroren.
Sie traten hinaus. Leise Flocken rieselten vom Himmel. Die Schlange hatte sich gelichtet. Die Umstehenden hatten alles beobachtet sie sagten nichts, aber sie würden sich erinnern.
Diese Geschichte kannten nicht viele. Sie blieb bei denen, die an jenem gewöhnlichen Wintermorgen vor dem Konsum dabei gewesen waren. Genau dahin musste sie: zu den wenigen, die sehen mussten, dass sie nicht allein waren, selbst wenn niemand das laut ausgesprochen hätte.
Später wurde sie von Mund zu Mund weitererzählt, schlicht, ohne Ausschmückungen. Weißt du, was damals an der Schlange passiert ist? So begannen die Geschichten. Niemand machte daraus ein großes Ereignis. Es waren bloß Erinnerungen.
Denn in jenen Jahren erzählten die Schlangen nicht nur vom Hunger. Sie erzählten von Menschen. Davon, wie Blicke sich erkannten, wie Plätze getauscht und weitergegeben wurden, wie man jemand Schwächeren oder Müderen vorließ. Wie aus dem Wenigen, das jeder hatte, noch ein Stück dieser verrückten Normalität wuchs.
Klaras und Gertruds Geschichte ist nur eine von vielen. Vor vielen Konsums, an vielen frostigen Morgen, geschah Ähnliches. Nicht alle endeten gut. Aber genug, um im Gedächtnis zu bleiben.
Denn manchmal, mitten im Mangel, war Menschlichkeit das Einzige, was nicht aufgebraucht wurde.
Falls dir diese Geschichte eine Erinnerung gebracht hat, erzähle sie uns. Manchmal wollen Geschichten einfach nur weitergetragen werden.





