Das esse ich bestimmt nicht, erklärte meine Schwiegermutter, als sie die Suppe mit hochgezogenen Augenbrauen ansah.
Was ist das eigentlich? Frau Gertrud verzog das Gesicht und schnüffelte wie vor etwas Unerträglichem.
Das ist Grünkohlsuppe erklärte meine Frau, Annegret, mit einem freundlichen Lächeln und nahm den Deckel eines kleinen Keramiktopfes ab, um die dampfende Suppe einzufüllen. Ich freue mich immer, wenn ich frisches Gemüse aus unserem Garten verwenden kann.
Mir ist da absolut nichts dran murrte meine Schwiegermutter. Und wie viel Zeit und Energie es kostet, so einen Garten zu pflegen!
Stimmt schon lachte Annegret gutmütig. Aber als Hobby macht es wirklich Spaß.
Ja, wenn es auch wirklich Spaß ist und nicht nur auferlegt Frau Gertrud verzog die Lippen. Für wen hast du diese Massen an Essen überhaupt gekocht?
Für uns. Es ist nicht so viel, reicht nur für zwei Mahlzeiten.
Ich werde diesen Fraß sicher nicht essen meine Schwiegermutter gestikulierte wild, trat vom Tisch zurück. Man erkennt ja nicht einmal, was das alles ist! Sie tat, als wäre ihr übel, hielt sich die Hand vor den Mund und drehte sich abrupt weg.
Annegret verdrehte die Augen und seufzte.
Mein Name ist Klaus. Ich habe Annegret vor eineinhalb Jahren kennengelernt. Wir verliebten uns sofort und heirateten schon nach einem Monat, ganz ohne großes Brimborium.
Mit etwas angespartem Geld erfüllten wir uns den Traum und kauften ein Häuschen auf dem Land, das wir seither liebevoll einrichten.
In dieser Zeit trafen wir, genau wie zuvor, meine Mutter Gertrud nur viermal. Dreimal davon überredete ich Annegret, zu Geburtstagen bei ihr vorbeizuschauen.
Gertrud sah meine Hochzeit immer als eine Laune an. Doch da sie mich, mittlerweile erwachsen und selbstständig, nicht mehr beeinflussen konnte, wartete sie auf einen unausweichlichen Krach.
Der blieb aus. Das machte sie nervös.
Sie verstand einfach nicht, was ich an dieser unscheinbaren Frau fand und wie Annegret mich für sich gewinnen konnte.
Ich war früher stets von vielen, ihrer Meinung nach attraktiveren und interessanteren, Frauen umgeben.
Außerdem war Gertrud überzeugte Großstädterin und zog mich mit denselben Idealen auf. Nun war sie sicher, dass ich genug vom Landleben hatte und ich, mit etwas Anschub, wieder in die Stadt zurückkehren würde.
Nach diesem Unsinn würde ich eine passende Partnerin finden, mit der sie tatsächlich befreundet sein könnte.
Doch sie musste darauf achten, dass die listige Annegret mich nicht direkt mit einem Baby fesselte!
Ihr Plan entstand wie von selbst: Gertrud rief Annegret an und meldete sich für einen Besuch an zur Hauseinweihung war sie nämlich nicht eingeladen worden.
Annegret erinnerte sie freundlich, dass sie das bereits zweimal angeboten hatte, aber meine Mutter lehnte immer ab, unter Vorwänden, sie sei zu beschäftigt. Diesmal aber ignorierte sie das und verkündete ihren bevorstehenden Besuch.
Zwei Tage später stand sie in unserem hellen, geräumigen Wohnzimmer und ließ ihrer Entrüstung freien Lauf.
Sie wusste: In unserer Familie gab es nie Suppe. Auf den Tisch gehörte nur, was man sofort erkennt.
Wie konnte ich mich so schnell von Annegret beherrschen lassen?
War ich verhext?
Gertrud wurde richtig unwohl, ein Schauer lief ihr über den Rücken.
Der alberne Gedanke, dass Annegret mich mit irgendwelchen Verführungstricks hielt, war schnell verworfen.
Tricks und Annegret?
Passte nicht!
Bleibt nur: Magie!
Wie sonst könnte ich freiwillig sowas essen?
Gertrud sah meine Ehefrau voll Abneigung an.
Langsam, geschickt, zerstört sie den Ehemann, dachte sie und fragte, Wieso weiß man denn nicht, was da drin ist?
Annegret, die sich vom Drama nicht beeindrucken ließ, griff zum zweiten Teller, füllte ihn mit Grünkohlsuppe und wendete sich meiner Mutter zu: Man sieht doch alles. Da ist der Kohl, hier die Zwiebeln, dort die Möhren, und das ist die Mettwurst. Außerdem kommt etwas frische Minze aus unserem Garten drauf, oben eine Scheibe Vollkornbrot!
Dann iss halt Weizenkleie! rief meine Mutter empört.
Im Übrigen wäre das auch in deinem Alter hilfreich! Kleie fördert die Verdauung und sorgt für eine glückliche Darmflora. Glücklicher Darm, glücklicher Mensch!
Gertrud wurde rot, sagte aber nichts weiter.
Und warum muss Klaus das alles essen? fragte sie stattdessen.
Annegret blinzelte Ganz einfach: Weil er es mag.
Wie kann ein Mann sowas mögen? Gibts nichts anderes?
Er kann sich selbst etwas kochen, etwas bestellen oder die Mutter besuchen zählte Annegret lächelnd auf.
Gertrud errötete noch stärker beim letzten Vorschlag.
Nun werd nicht sarkastisch! Wenigstens könntest du Klaus nach seinen Vorlieben fragen.
Ich habe ihn gefragt. Er ist erwachsen. Soweit ich weiß, kann er sprechen. Er sagt, ihm schmeckt alles.
Er lügt! Ist jetzt klar? Früher wollte er nicht widersprechen. Jetzt hält er es nicht mehr aus!
Tja Annegret seufzte. Aber die Suppe ist nun gemacht und ich werfe bestimmt nichts davon weg. Da müsst ihr durch. Aber unterstützen wirst du deinen Sohn doch bestimmt?
Was?! Gertrud blickte Annegret fassungslos an.
Nicht? Schade. Er würde sich sicher über deine Solidarität freuen.
Du bist wirklich!
Da öffnete sich die Haustür und Miguels Stimme drang vergnügt herein: Annegret! Wir sind zurück!
Ein wuscheliger, weißer Hund rannte bellend ins Wohnzimmer.
Hiiilfe! schrie Gertrud und versteckte sich hinter Annegret.
Keine Sorge, das ist unsere Lotte. Sie ist ganz brav, beißt nicht und hört sehr gut sagte Annegret und hob die Hand. Der Hund setzte sich sofort still auf Kommando. Brav, meine Kleine. So klug.
Warum lässt du Nachbarshunde ins Haus? flüsterte Gertrud fassungslos.
Von wegen Nachbar. Das ist unser Hund. Sie wohnt mit uns.
Im Haus?! Das ist doch unhygienisch! rief meine Schwiegermutter erschrocken. Und Klaus mag keine Hunde!
Nein, Mutter, das bist du, die keine Hunde mag. Hallo rief ich beim Hereinkommen. Schon passend zur Mittagszeit angekommen?
Hallo, mein Junge! Gertrud wartete vergeblich auf einen Kuss auf die Wange. Ich umarmte sie nur kurz, um dann Annegret einen Kuss zu geben.
Sollen wir essen? Ich schnupperte und freute mich über den Duft.
Gerne, Klaus, aber für mich nicht.
Wie bitte, nicht?
Ihr habt hier Schweinefutter gekocht. Habt ihr überhaupt Schweine im Stall? So einen Geruch hinterlässt das! Schlimmer als Abgase in der Stadt.
Ich schaute meine Mutter an, dann Annegret, dann die gedeckte Tafel.
Mein Hals wurde ganz eng, und mein Blick brachte keine Freundlichkeit mehr hervor.
Ehrlich gesagt, hatte ich das alles fast vergessen sagte ich bitter und lachte kurz.
Was denn, mein Junge? Das sind unsere Vorlieben! Unsere Regeln! Das ist unsere Tradition! Du hast dich doch nie beschwert.
Ich? Als Kind hatte ich Angst, dass der Vater böse wird. Später wollte ich keinen Streit mit dir.
Was sagst du da?! rief meine Mutter und Lotte bellte heftig. Ruhe jetzt! herrschte sie die Hündin an, die Annegret auf Kommando still hielt. Sie hat einen eigenen Kopf wandte sie sich an Annegret , aber warum lässt du mit dir machen, was sie will? Warum bist du so schwach? Es gefällt dir wohl, herumgeschubst zu werden? Du hast ihr ein ganzes Tierheim erlaubt. Bist du überhaupt Herr im Haus?!
Bin ich sagte ich ruhig.
Dann benimm dich auch so! atmete meine Mutter durch und schien ihre Mission als erfüllt anzusehen.
Wo ist dein Gepäck? fragte ich.
Im Flur! beschwerte sie sich. Ich habe Hunger nach der Fahrt.
Gut. Danke Annegret für die Einladung.
Was?..
Bedank dich bei Annegret für ihre Mühe und entschuldige dich.
Aber sie
Mutter!
D-danke und e-entschuldige bitte stotterte Gertrud mit giftiger Stimme.
Annegret nickte nur.
Auf gehts.
Wohin?
Dorthin, wo dir alles gefällt, deine Regeln, deine Traditionen.
Aber, Klaus, ich!.. meine Mutter wollte protestieren, aber ich unterbrach sie:
Vater und du mochten nie Suppen, keine Tiere, kein Landleben. Meine Wünsche zählten nicht. Aber Vater gab mir einen Rat: Wenn es dir hier nicht gefällt, mach dein eigenes Ding. Das habe ich getan, Mutter. Hier gelten meine Regeln, meine Traditionen. Und dieses Haus gehört meiner Frau. Gefällt es dir nicht, hast du ja deine eigene Wohnung.
Sohn! Sie hat dich gegen mich aufgebracht! Gertrud schrie beinahe vor Verzweiflung. Verhext! murmelte sie.
Ich brachte sie zur Tür, nahm ihren Koffer und führte sie schweigend bis zum Gartentor.
Weißt du, Annegret war immer auf deiner Seite. Sie kommt gut mit Familie aus. Sie glaubte nicht, wie du wirklich bist. Für dich war schon ein Teller extra bereit. Die Grünkohlsuppe war ein Test. Die Maske ist gefallen sagte ich, als ich die Tür öffnete. Das Taxi wartet auf dich.
Du aber wann hast du das bestellt? stammelte Gertrud benommen über meine Ehrlichkeit.
Ich bat Annegret, es bereit zu halten. Sie hat das richtig gemacht.
Du! Aber
Ja, Mutter, ich bin jetzt der Herr hier. So wie du es immer wolltest.
Verhexung Gertrud war von ihrer Diagnose überzeugt und suchte im Taxi sofort nach Möglichkeiten, wie sie ihren Sohn zurückgewinnen könnte.
Am Ende habe ich gelernt: Man kann nie wirklich glücklich werden, wenn man nur nach den Vorstellungen anderer lebt. Erst wenn man sich selbst treu bleibt, findet man Frieden, auch wenn das heißt, sich abzugrenzen, selbst gegenüber der eigenen Familie.





