Ein anderes Leben – Deine zweite Chance

Ersatzleben

Frau Dr. Gerlach, ich bräuchte hier und hier und auf dieser Seite bitte Ihre Unterschrift.

Einen Moment. Ich möchte das erst lesen.

Natürlich, lassen Sie sich Zeit.

Notar Dr. Rüdiger Stein schob den Aktenordner rüber und verschränkte die Hände halb auf, halb über seinem Bauch. Ein beleibter, etwas ergrauter Mann, dessen Stimme die Jahre voller unangenehmer Mitteilungen widerspiegelte: ruhig, leise, aber irgendwie mitfühlend. Er sah Larissa nicht an, sondern wanderte mit dem Blick irgendwohin zwischen Fenster und Aktenschrank, wobei sein Schweigen fast so wirkte, als würde er mitfühlen.

Larissa las langsam, dann nochmal. Dann legte sie die Unterlagen auf den Tisch und sah ihn an.

Das ist alles?

Ja, das gesamte Testament.

Das Landhaus, zwei Drittel der Geschäftsanteile, das Bankkonto und die Lebensversicherung. Das ist also nicht für mich.

So ist es gemäß Verfügung.

Herr Dr. Stein, ich war dreiundzwanzig Jahre mit Konstantin verheiratet. Ich habe so viel in diese Firma investiert wie er. Ich habe mit Kunden verhandelt, während er auf Angeltour war. Ich habe neue Geschäftszweige aufgebaut, während er sich über den Blutdruck beklagte.

Frau Dr. Gerlach, das verstehe ich. Aber das Testament ist gültig, beglaubigt, ausgestellt vor zwei Jahren.

Zwei Jahre.

Sie sagte das nicht fragend, sondern prüfend das Gewicht der Zahl testend, als könnte sie sie sprengen.

Ja.

Und wer bekommt alles das?

Laut Testament: Der minderjährige Paul Konrad Hoffmann und dessen Mutter, Frau Anna Braun, seine gesetzliche Vertreterin bis zur Volljährigkeit von Paul.

Larissa stand auf. Sie nahm ihre Handtasche, schloss sie sorgfältig als hätte sogar das Bedeutung. Sie verließ das Büro ohne ein weiteres Wort.

Draußen war Oktober. Die Blätter klebten als nasser Teppich auf dem Gehweg. Sie stand vorm Auto und öffnete nicht. Drinnen war irgendetwas ganz fest und kalt. Kein Schmerz, nein. Etwas anderes. Diese innere Kälte, die entsteht, wenn man merkt, dass man eine Geschichte gelebt hat, die eigentlich gar nicht die eigene war.

Vor zweieinhalb Jahren hatte Konstantin gesagt, er müsse nach Hannover zu Verhandlungen. Sie wunderten sich, weil er normalerweise alles per Videokonferenz regelte. Aber sie fragte nicht. Sie war stolz darauf, nie überflüssige Fragen zu stellen. Was sie heute als ihre Betriebsblindheit sehen würde.

Sie lernten sich kennen, als sie zweiunddreißig war und er achtunddreißig. Er war damals schlank, schnell, hatte ein gutes Lächeln und sprach immer einen Tick zu leise, so dass man sich automatisch zu ihm neigte. Larissa durchschaute das rasch, aber sie musste trotzdem näher ranrücken. Selbst wenn man das Prinzip kennt, wirkts noch.

Sie bauten die Firma gemeinsam auf. Erst eine kleine Beratung, dann drei Fachbereiche mit eigenem Personal. Larissa kümmerte sich um Großkunden-Verträge und die Finanzen. Konstantin war das Gesicht nach außen. Er betrat den Raum und schon wollte jeder mit ihm arbeiten. Sie sorgte dafür, dass die Arbeit am Ende nicht auseinanderfiel.

Am Ende des Septembers kam er ins Krankenhaus. Blutdruck, Herz akute Einlieferung. Nichts Unerwartetes, ehrlich gesagt: Die letzten drei Jahre hatte er sichtbar zugelegt, schlief schlecht, war ständig müde. Die Ärzte sagten: Stress, zu viel Druck, der Lebensstil muss sich ändern. Er nickte und änderte nichts.

Larissa war jeden Tag da. Einmal nahm sie aus Versehen sein Handy vom Tisch nicht aus Argwohn, einfach nur, weil sie Susi aus der Buchhaltung anrufen wollte und ihr eigenes in der Tasche hatte. Das Handy war entsperrt, eine Nachricht ploppte auf. Von Anna B.: Konsti, Paul fragt den ganzen Abend, wann Papa endlich kommt. Wir warten schon die ganze Woche. Ich auch.

Sie legte das Handy weg. Stand auf. Nahm ihren Mantel, der über dem Stuhl hing. Korrigierte den Kragen. Legte ihn zurück. Setzte sich wieder.

Konsti.

Er lag mit geschlossenen Augen. Sie wusste: Er schlief nicht. Er lag immer so, wenn er nicht reden wollte.

Konsti, mach die Augen auf.

Er schaute.

Paul. Wer ist das?

Das Schweigen war so dick, dass man fast dagegenlaufen konnte.

Lara.

Sag nicht Lara. Antworte.

Er drehte sich zum Fenster.

Mein Sohn.

Dein Sohn.

Ja.

Wie alt?

Sechs.

Sie rechnete. Sechs Jahre. Sechs plus neun Monate. Sieben. Vor sieben Jahren waren sie gemeinsam im Urlaub, kleines bayerisches Berghotel. Sie erinnerte sich gut: Zum ersten Mal seit Jahren ließ sie da die Arbeit Arbeit sein. Keine Anrufe, Laptop zu. Sie gingen wandern, er hielt ihre Hand.

Und, Konsti? Ganze Zeit lang

Nicht jetzt, Lara. Mir gehts nicht gut.

Mir auch nicht. Aber du antwortest. Testament. Hast dus geändert?

Augen zu.

Ja.

Wann?

Vor zwei Jahren.

Warum nichts gesagt?

Ich wollte später sagen.

Später ist wann?

Aber dieses später kam nie. Am nächsten Morgen: Herzstillstand. Die Ärzte arbeiteten lange, kamen dann mit diesem Blick raus, der keine Fragen zulässt. Konstantin starb um sechs Uhr früh, sie wurde um 07:20 informiert.

Was die Tage danach betrifft, hat Larissa kaum Erinnerungen nicht, weil sie zusammenbrach, sondern weil einer war wie der andere: alles wirkte grau und gleichzeitig laut. Leute kamen, redeten, drückten sie, sie antwortete, nickte, tee-te herum. Aß irgendwas, schlief stückweise. Im Kopf spulte immer dieselbe Szene ab: Das Handy, die Nachricht, die Worte, die alles zerlegt hatten, was sie für ihre Realität hielt.

Neunter Tag, Termin beim Notar. Danach im Auto im kalten Wind rief sie Tanja an.

Tanja war ihre Studienfreundin. Sie hatten zusammen BWL studiert, zwei Jahre WG, dann aus den Augen verloren, später wieder in derselben Stadt gelandet. Tanja arbeitete als Hausärztin, ruhig, präzise, mit einem Sinn für Krisenmanagement statt für Dramen. Immer wenn es Zeit war, den Kopf statt das Herz reden zu lassen, rief Larissa sie an.

Also, wurdes verlesen? fragte Tanja ohne Umschweife.

Wurde.

Und? Wie schlimm?

Haus, Kernvermögen, Police. Geliebte und Kind.

Pause.

Verstanden. Wo bist du jetzt?

Im Auto vorm Notar.

Komm zu mir. Nicht nach Hause, zu mir.

Tanja, ich brauche Zeit zum Nachdenken.

Dann denk bei mir, mit Kaffee. Ohne Leute.

Tanja wohnte im fünften Stock eines alten Mietshauses in einem ruhigen Viertel. Viele Bücher, wenig Möbel und immer duftete es nach Kaffee und irgendwas Warmem. Sie setzten sich in der Küche. Tanja stellte Kaffee und Kekse hin, sagte nichts Überflüssiges. Sie konnte so schweigen, dass es tröstlicher war als jede Rede.

Ich bin sauer, sagte Larissa schließlich.

Logisch.

Nein, verstehst du nicht. Es ist kein normales sauer. Es ist Sie legte die Hand aufs Herz. Keine Tränen. Nur was Dichtes, Schweres, was nicht weicht.

Lari, du hast 23 Jahre mit einem Mann gelebt, während er nebenher eine zweite Familie hatte und klammheimlich das Testament änderte. Das ist nicht Ärger, das ist ein Schlag.

Mich interessiert was anderes. Larissa sah hoch. Hat er mich geliebt? Oder war ich einfach nur praktisch?

Tanja ließ sich Zeit. Sie war keine von denen, die reden, wenn sie nichts wissen.

Vielleicht hat ers selbst nie kapiert.

Das ist noch das Schlimmste: dass ers nicht wusste.

Willst du zu ihr gehen?

Ja. Ich muss sehen. Verstehen, was das war.

Das kann wehtun.

Mehr geht nicht.

Tanja nickte.

Dann sei vorsichtig. Halt bis nach dem Gespräch den Mund über alles. Und fahr nicht in dem Zustand.

Welcher Zustand? Ich bin ganz ruhig.

Genau das macht mir Sorgen.

Anna Brauns Adresse war den Unterlagen beigefügt. Larissa ließ sie sich ausdrucken. Eine Wohnung am Stadtrand in einem schlichten Wohnblock. Kein schicker Bezirk, kein schöner Altbau. Sie hatte etwas anderes erwartet was, wusste sie selbst nicht so genau.

Nach einigen Tagen sortierte Larissa ihre Papiere, beantwortete E-Mails, klärte mit dem Anwalt offene Sachen. Auf jede Nachfrage im Büro, wies ihr gehe, antwortete sie: passt schon und lenkte aufs Geschäftliche ab. Nachts lag sie lange wach und dachte nach. Nicht über Konstantin. Über sich.

All die Jahre hatte sie nichts bemerkt oder vielmehr: Sie sah schon, dass er manchmal kurzfristig wegfuhr, dass er an manchen Tagen abwesend war; dass sie abends kaum noch miteinander sprachen. Aber sie schob es immer auf den Job, die Müdigkeit, aufs Alter. Sie wollte nichts anderes sehen, und das war, was sie wirklich wütend machte. Nicht sein Doppelleben sondern ihre Bereitschaft, lieber weg- als hinzusehen.

Am zwölften Tag fuhr sie zu Anna.

Plattenbau aus den Achtzigern. Der Fahrstuhl funktionierte. Sie drückte am vierten Stock auf die richtige Klingel; stand zwanzig Sekunden davor. Drückte dann.

Fast sofort wurde geöffnet. Eine eher kleine Frau, Jeans, heller Pulli, dunkle, nachlässig zusammengebundene Haare, graue, müde Augen. Vielleicht 35, vielleicht jünger. Sie sah Larissa und verstand alles.

Sie sind Frau Dr. Gerlach.

Richtig.

Ich habe Sie erwartet. Kommen Sie rein.

Innen: klein, aber wohnlich. Kinderturnschuhe im Flur, aus dem Wohnzimmer klang eine Kinderserie.

Anna bat auf die Küche. Angebotener Tee, Larissa wollte erst nein sagen nahm dann an, um die Hände zu beschäftigen.

Sie setzten sich. Schweigen. Dann:

Ich habe es erst spät erfahren, sagte Anna. Ihre Stimme war ruhig, aber gespannt wie Strick man konnte merken: sie war am Limit. Erst nach seinem Tod. Dass er eine richtige Familie hatte.

Larissa hob den Blick.

Sie wussten es nicht?

Nein. Er erzählte, er sei längst geschieden, lebe alleine.

Aha.

Sie denken bestimmt, ich hätte es gewusst.

Ich denke überhaupt nichts. Ich wollte sehen.

Was denn sehen?

Was er statt mir gewählt hat.

Anna stellte die Tasse ab.

Er hat nicht gewählt. Er hat einfach zweigleisig gelebt. Das ist was anderes.

Ja. Das ist was anderes.

Ein Junge kam herein. Klein, dunkelhaarig, dieselben Augen wie Konstantin. Das fiel Larissa unangenehm deutlich auf.

Mama, die Folge ist zu Ende!

Paul, ich hab zu tun, schalt selbst die nächste ein, du weißt ja wie.

Der Junge beäugte Larissa neugierig, verschwand wieder ins Wohnzimmer. Larissa fühlte dabei eher Verwirrung als Groll. Das Kind hatte nichts falsch gemacht das wusste sie sicher.

Hat er ihn Papa genannt? fragte sie.

Ja.

Und Paul hat auf ihn gewartet.

Er kam jede Woche. Jeden Samstagmorgen bis zum Abend. Das Anna stockte. Das war das Einzige, worauf Verlass war.

Larissa nahm einen Schluck.

Dachten Sie, er zieht mal zu Ihnen?

Anfangs. Dann fragte ich immer öfter. Er sagte: bald, alles klärt sich, brauche nur Zeit. Sieben Jahre immer nur bald.

Sie waren jünger. Sie habens akzeptiert.

Nicht akzeptiert, ignoriert. Ich dachte, es ist vorübergehend.

Zwei Frauen, winzige Küche, ein Mann als gemeinsamer blinder Fleck. In den Händen eine Teetasse, hinter der Wand eine Kinderserie. Draußen nieselte es.

Hat er Ihnen gesagt, dass er das Testament geändert hat? fragte Larissa.

Nein.

Geldgespräche?

Wollte sich um uns kümmern. Im Allgemeinen. Ohne Details. Mehr konnte ich nicht hören, als hätte ich auf seinen Tod gewartet.

Aber er hats doch geregelt.

Wohl wahr.

Larissa erhob sich, nahm ihren Mantel.

Anna, ich bin nicht gekommen, um zu streiten. Und ich halte Sie nicht für schuldig wenn Sie wirklich nichts wussten. Die Schuldigen sind zu zweit. Einer antwortet nie mehr.

Und der Zweite?

Die zweite bin wohl ich. Weil ich weggeschaut habe.

Sie hätten nicht schauen müssen. Sie haben ihm vertraut.

Genau.

Mantel zu, in den Flur. An der Tür:

Kommen Sie klar?

Anna im Türrahmen, stummer Blick.

Keine Ahnung. Wahrscheinlich. Und Sie?

Ich auch.

Runter zum Auto, im Regen kein Schirm, einfach los.

Während sie durch die nasse Stadt fuhr, wurde aus der heißen Wut langsam eine kühle. Funktional. Die Art, mit der man was anpackt.

Zuhause suchte Larissa einen alten Ordner mit Unterlagen, die sie ewig nicht mehr beachtet hatte. Alles, was ihr persönlich gehörte: eine kleine Eigentumswohnung in der Stadt, die sie vor der Ehe nie überschrieben hatte; ein Geschäftsanteil, auf Rat des Anwalts richtig auf ihren Namen. Ein paar Ersparnisse.

Nicht viel, aber ihres.

Sie rief ihren langjährigen Rechtsbeistand Dr. Claus Feldmann an. Er nahm sofort ab.

Frau Dr. Gerlach, guten Abend. Ich hatte mit Ihrem Anruf gerechnet.

Ich brauchte etwas Zeit.

Verständlich. Testament gelesen?

Ja.

Falls Sie anfechten wollen

Nein. Ich will was anderes. Ich will komplett aussteigen, alles verkaufen, meinen Anteil. Oder übertragen. Was ist besser?

Pause.

Es ist komplex, wegen Partnerverträgen, laufenden Geschäften

Ich weiß, deshalb machen Sie das. Wie lange dauerts?

Drei, vielleicht vier Monate.

Sehr gut. Fangen Sie an.

Sicher?

Ja. Nicht im Affekt. Ich hab zwei Wochen darüber nachgedacht.

Sie klappte den Laptop zu, trank ein Glas Wasser am Fenster.

Vor ihr die Stadt, wie eh und je. Das gleiche Bild seit 23 Jahren. Und das Landhaus, jetzt Pauls und Annas Besitz. Wände, die Konsti bei Diskussionen mit ihr und über Vertragsdetails erlebt hatten. Der Konstantin, den sie vielleicht nie wirklich so kannte, wie sie dachte.

Sie war vierundfünfzig. Ein Alter, in dem andere Bilanz ziehen. Sie wollte keine Bilanz. Sie wollte Neues anfangen.

Die nächsten drei Monate: Arbeit, Treffen mit dem Anwalt, Aktenordner, das Tagesgeschäft lief weiter die Kunden machten keine Pause, weil Larissa Gerlachs Welt zusammengebrochen war. Kollegen wussten nur, dass sie umstrukturiert. Niemand fragte weiter.

Manchmal riefen Konstantins alte Kollegen oder Kumpels an, angeblich besorgt, wollten aber eigentlich nur wissen, was jetzt mit der Firma passiert. Larissa blieb höflich, aber reserviert.

Tanja kam wöchentlich vorbei. Sie tranken Tee und redeten über Wichtiges und Belangloses. Bücher, Wetter, irgendwas. Solche Gespräche bewahrten davor, in endlosen Grübelspiralen zu landen.

Im Januar, draußen knackig-kalt und die Straßen schroff und kahl, kam Tanja mit einem Törtchen vorbei.

Weißt du schon, wohin du gehst? beim Tee.

Es gibt ein paar Ideen. Ich will nicht nur umziehen, sondern etwas ganz Eigenes starten. Ohne Rücksicht.

Was zum Beispiel?

Eine kleine Beratung wieder. Aber diesmal anders. Keine Großkunden, keine Machtspielchen. Lieber Startups, kleine Teams, echte Hilfe statt hübsche Präsentationen.

Wo?

Ich hab mich mal nach Lissabon umgesehen. Viele kreative Leute, gutes Klima für sowas. Und ich mag die Stadt.

Du warst da?

Vor Ewigkeiten, einmal kurz. Aber irgendwas blieb hängen.

Tanja musterte sie.

Du siehst jetzt besser aus als im Oktober.

Fühle mich auch so. Komisch irgendwie.

Gar nicht komisch. Wenns vorwärtsgeht, kommt das von selbst.

Im Februar war der Anteil verkauft. Das Geld kam aufs Konto. Alles, was sie behalten wollte: Bücher, ein paar Sachen, den Laptop, einen kleinen Koffer. Den Schlüssel fürs Landhaus gab sie dem Notar, die Wohnung vermietete sie lieber erstmal. Sicher ist sicher.

Vor der Abreise rief sie Anna an.

Ich reise ab.

Ich weiß, der Notar sagte was zum Haus.

Es geht nicht ums Haus. Paul ist ein lieber Junge. Das sah man sofort.

Stille.

Danke.

Werden Sie ihm irgendwann alles erklären?

Weiß nicht. Er ist noch klein. Eines Tages wohl unvermeidlich.

Ja. Muss dann sein.

Frau Dr. Gerlach. Sind Sie okay?

Es gab schon schlimmere Zeiten.

Echt?

Echt. Ich habe mal ein Projekt verloren, an dem ich zwei Jahre saß. Da dachte ich, es geht nicht weiter. Dann kam was Neues. Es kommt immer was Neues.

Hoffentlich.

Ganz sicher.

Im Flieger über den Wolken dachte Larissa: In den vergangenen fünf Monaten gab es nicht einen Tag, an dem sie die Zeit zurückdrehen wollte. Das fand sie wichtig. Nicht etwa, weil sie heldenhaft war. Sondern weil das Leben, wie sies hatte, offenbar schon vor langer Zeit vorbei war bevor sie es merkte.

Er baute für sich, sie für sie beide. Unterschiedliche Häuser.

In Lissabon mietete sie eine kleine Wohnung in einer Altstadtgasse mit Blick auf Ziegeldächer. Zwei Wochen lang streifte sie nur herum. Morgens Café, Zeitung, Menschen gucken. Abends kochen, sitzen auf dem Balkon. Keine Leere, vielmehr eine andere, neue Stille wie nach langem Lärm.

Ein Monat, und dann fand sie einen Coworking-Space in zwei Straßen Entfernung und lernte andere Leute kennen. Alles Gründer*innen, viele gerade am Anfang exakt der Punkt, wo sie helfen konnte. Finanzstruktur, Partnerverträge, das ganze trockene Zeug, das am Ende doch zählt.

Der erste Kunde, nach sechs Wochen: Eine Brasilianerin will eine Designagentur aufbauen, braucht eine Finanzarchitektur.

Haben Sie mit kleinen Teams Erfahrung? bei der Erstberatung.

Ich war in großen Strukturen. Das will ich jetzt nicht mehr.

Warum nicht?

Weil man bei den Kleinen sieht, was wirklich läuft. Und das ist mir jetzt wichtig.

Es ging langsam los, aber es ging los.

Abends machte Larissa manchmal Notizen in ein kleines Büchlein. Kein Tagebuch, mehr lose Gedanken. Datum, zwei Sätze, fertig. Wozu? Keine Ahnung. Einfach so.

Einmal fand sie eine Notiz aus München, gleich nach der Trennung: Ich weiß nicht, wer ich bin ohne all das. Sie las es, schloss das Buch. Wäre fast ein Kommentar daneben losgeworden aber manche Dinge beantworten sich, irgendwann.

Im März schrieb Tanja eine lange Nachricht: Alltag, Winter ist endlich vorbei, Arbeit. Und zum Schluss: Ach, Company macht wohl Probleme. Partnerschaft geplatzt, große Verträge weg, Leute suchen was anderes. Frag nicht, weiß es nur.

Larissa las. Legte das Handy weg. Saß am Balkon in der Dämmerung mit Stadtgeräuschen von unten.

Sie dachte zurück: Im Betrieb hatte oft ihre Reputation, nicht Konstantins Charme den Unterschied gemacht. Kunden wollten sie nicht, weil er der Sunnyboy im Konfi war, sondern weil bei ihr am Ende alles verlässlich war.

Ohne sie nur ein schickes Büro aber ohne Fundament.

Das war nicht triumphierend, nicht enttäuschend eher wie Kopfrechnen: 2 plus 2 macht 4.

Sie schrieb an Tanja: Habs gehört. Danke für die Info. Mir gehts gut. Habe den zweiten Kunden gewonnen. Besuch mich diesen Sommer guck dir an, wie ein normales Leben aussieht!

Antwort kam postwendend: Mach ich. Bleib wie du bist.

Bin ich schon, schrieb Larissa zurück.

Der April in Lissabon war mild und hell. Sie stand morgens früh mit Kaffee auf dem Balkon, sah Tauben auf Simsen, Katzen auf Dächern, hörte die alte Straßenbahn. Das Leben war anders als früher langsamer, leiser, mit mehr Raum.

Es gefiel ihr. Sie hatte nicht gedacht, dass ihr das gefallen würde. Sie dachte, ihr würde das Tempo fehlen, die Spannung, die ständige Jongliererei mit zehn Bällen auf einmal. Aber das Fehlen war anders. Sie vermisste am ehesten das, was es vielleicht nie so wirklich gab: das Gefühl, dass jemand einen so kennt wie man selbst sich kennt ohne Theater. Das war nicht gewesen. Vielleicht wird es auch nie so sein. Aber sie baute ihr Leben nicht mehr um diesen Wunsch herum auf.

Der zweite Kunde war fordernder. Ein kleiner Handelsbetrieb, wirre Strukturen, Partnerstreit. Drei Monate, viele Meetings, viele Excel-Tabellen. Am Ende ein sauberer Schnitt und gegenseitiger Dank.

Danach zwei weitere. Empfehlungen liefen schnell.

An Expansion dachte sie nicht. Keine Fünfjahrespläne. Ungewohnt, etwas unsicher aber auch befreiend. Einfach in der Gegenwart leben.

Im Juni ein Brief, altmodisch und mit Marke, von Anna. Sie glotzte darauf, bevor sie ihn öffnete.

Sehr geehrte Frau Dr. Gerlach, ich weiß nicht, ob ich das richtige tue, aber ich wollte Ihnen einfach schreiben. Paul kommt in die erste Klasse. Vielleicht seltsam, dass ich Ihnen das sage aber er fragte nach weiteren Verwandten. Ich konnte nur sagen, dass es welche gibt, die weit weg wohnen. Das stimmt ja sogar. Mit dem Haus ich habe es vermietet, so kommen wir finanziell klar. Ich hoffe, Ihnen geht es gut. Entschuldigen Sie, falls das Briefchen stört. Anna

Larissa las zweimal. Nahm Papier.

Liebe Anna, der Brief stört nicht. Ich freue mich für Paul und dass Sie klarkommen. Das mit den Verwandten war genau die richtige Antwort.

Mir geht es gut. Ich arbeite, lebe ruhig, trinke morgens Kaffee auf dem Balkon und beobachte Tauben. Klingt albern, aber genau das brauchte ich.

Danke fürs Schreiben, Ihre Dr. Larissa Gerlach.

Sie steckte den Brief ein und brachte ihn sofort zur Post.

Auf dem Rückweg ein Abstecher in eine kleine Bäckerei, portugiesische Spezialitäten. Zwei Teilchen gekauft, eins gleich am Tresen gegessen, das zweite eingepackt. Die Bäckerin, älter, mit listigem Blick, sagte irgendwas auf Portugiesisch und lachte. Larissa lachte ebenfalls verstand zwar kein Wort, aber den Ton.

Manchmal versteht man das Wichtigste ohne Sprache.

Im Sommer kam Tanja vorbei. Drei Tage liefen sie durch die Stadt, erklommen Hügel, saßen in Cafés, redeten über alles und nichts. Tanja sah Larissa an wie eine Ärztin nicht was gesagt wird, sondern wie jemand sitzt, zählt.

Du bist anders, abends am Wasser.

Wie meinst du?

Du warst immer so kontrolliert, dass ich bei dir oft an mir selbst gezweifelt habe. Jetzt wirkst du auch kontrolliert, aber es ist entspannter, deinetwegen, nicht aus Angst vorm Chaos.

Larissa überlegte.

Stimmt vielleicht. Früher hielt ich alles fest, aus Angst, sonst fällt es auseinander. Jetzt ists zerfallen, aber nicht alles.

Das Allerwichtigste blieb.

Das bin ich. Ein leichtes Lächeln. Klingt eingebildet.

Nein. Das klingt treffend.

Sie schwiegen, schauten aufs Wasser, auf die Lichter, atmeten Meeresluft und Algen es roch gut.

Im September ein Jahr nach Konstantins Klinik-Einlieferung öffnete Larissa das alte Notebook und schrieb auf, was sie jetzt eigentlich macht. Für sich, nicht für Kunden. Fähigkeiten, Interessen, was sie nie wieder will. Anderthalb Seiten.

Abgespeichert, ausgedruckt, an die Pinnwand gehängt.

Dann griff sie zum Handy und tippte Tanja: Weißt du, ich wusste all die Jahre nie, was ich will. Nur, was in Job und Familie angeblich nötig war. Jetzt hab ich mich erstmals selbst gefragt. Komisch, was alles passieren muss, bis man das tut.

Tanja antwortete mit Verzug: Ganz und gar nicht komisch. Hauptsache, du hast gefragt.

Wenige Tage später ein neuer Beratungsjob: ein Mini-Architekturbüro. Zwei Partner zerstritten sich ums Geld, das gemeinsame Werk drohte zu scheitern.

Beim Erstgespräch hörte Larissa ruhig zu, dann fragte sie:

Was war am Anfang das Wichtigste? Nicht das Geld das andere.

Beide schauten sich an.

Wir wollten gute Architektur machen, sagte einer. Nicht bloß lukrativ, sondern gut.

Hat sich das geändert?

Nein. Aber das Geld steht inzwischen im Weg.

Dann fangen wir mit dem an, was noch da ist.

Zwei Monate Zusammenarbeit, dann fanden sie einen Modus, der beiden passte. Am Ende sagte einer: Sie sind mehr als Finanzberaterin. Sie ließ es dabei.

Der Oktober kam mild und ohne Münchner Kälte. Morgens Kaffee am Balkon, unten schlenderte ein altes Paar, synchron, langsam. Kein Gespräch einfach gemeinsam unterwegs. Ihre Gehweise: wie jemand, der schon lange nichts mehr beweisen muss.

Handy auf dem Tisch, es vibriert. Unbekannte Nummer.

Gerlach?

Anna Braun, entschuldigen Sie, dass ich störe. Hab Ihre Nummer vom Notar ich fragte.

Ich höre.

Nichts Akutes Nur, als Sie schrieben, dass immer ein neuer Weg kommt glauben Sie das wirklich?

Larissa schwieg einen Moment, blickte dem alten Paar nach, das um die Ecke bog.

Ja. Aber der Weg läuft einem nicht hinterher. Man muss suchen.

Und wenn man nicht weiß, womit anfangen?

Dann mit dem, was man sicher über sich weiß. Eine Sache, etwas, das zählt. Darauf aufbauen.

Haben Sie das auch so gemacht?

Ungefähr so, ja.

Verstehe Danke.

Wie gehts Paul?

Gut. Liest schon ein wenig. Langsam, aber selbst.

Das ist das Wichtigste. Das Selbst.

Ja. Annas Stimme klang ein wenig wärmer. Das ist das Wichtigste.

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Homy
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