Weißt du, ehrlich, ich habe meinen Mann nie geliebt.
Ach, wirklich? Und wie lange wart ihr verheiratet?
Lass mich mal rechnen… Wir haben 1971 geheiratet. Ziemlich lange also.
Wie ist das möglich, so viele Jahre gemeinsam, und ohne Liebe?
Zwei Frauen saßen nebeneinander auf einer Bank am alten Friedhof. Sie waren sich kaum bekannt, beide kamen nur gelegentlich her, um sich um verschiedene Gräber zu kümmern. Heute hatte sie der Zufall ins Gespräch gebracht.
War das hier dein Mann? fragte die eine und deutete auf das Bild am Grabstein.
Ja, das war Johann. Ist jetzt schon ein Jahr her… Ich habe mich noch immer nicht daran gewöhnt. Der Verlust tut weh, unerträglich sogar. Ich komme oft her. Ich habe ihn sehr geliebt, antwortete die Frau, während sie das schwarze Tuch enger zog.
Schweigen. Dann seufzte die andere Frau und bekannte:
Meinen Mann habe ich nie geliebt.
Die andere Frau wandte sich überrascht zu ihr:
Wie viele Jahre habt ihr denn zusammen verbracht?
Seit ’71… Rechne selbst.
Und du hast ihn nie geliebt? So viele Jahre?
Er war eigentlich gar nicht mein Typ. Weißt du, ich war damals in einen anderen verliebt, aber der ist dann zu meiner Freundin übergelaufen. Aus Trotz wollte ich einfach schneller heiraten als die beiden. Und da war Peter schüchtern, unbeholfen, der lief mir dauernd hinterher. Er mochte mich, ich wusste das, und irgendwann habe ich einfach Ja gesagt.
Und weiter?
Fast wäre ich bei meiner eigenen Hochzeit davongelaufen. Das ganze Dorf hat gefeiert, und ich habe nur geweint. Ich dachte, meine Jugend ist vorbei. Wenn ich Peter anschaute… klein, schon mit Geheimratsecken, die Ohren standen ab, und der Anzug saß ihm wie ein Kartoffelsack. Er strahlte nur, seine Augen klebten an mir… und ich dachte nur: Selbst schuld, selbst eingebrockt.
Wie ging es weiter?
Wir sind zu seinen Eltern gezogen. Die waren genau wie er, umsorgten mich, als wäre ich eine Porzellanpuppe. Ich war damals recht attraktiv, volle Haare, kräftig, lila Augen, ein Zopf, die Bluse spannte an der Brust. Jeder sah, dass wir kein Paar waren. Morgens stand ich auf, da war meine ganze Schuhe sauber seine Mutter hatte darauf bestanden. Ich hingegen herrschte herum, schnaubte, manchmal war ich fies, einfach weil ich mich selbst bemitleidete. Ich liebte ihn ja nicht. Wer hätte das ausgehalten?
Deshalb schlug Peter vor, nach Ostdeutschland zu gehen, aufs Bauprojekt, Geld zu verdienen und unabhängig zu werden. Hauptsache weg, dachte ich. Abenteuer im Kopf.
Damals wurden junge Leute überall angeworben, Ostprojekte, Aufbau. Peter hat das irgendwie geschafft, wir wurden einem Bautrupp zugewiesen, sind zuerst nach Leipzig, dann noch weiter.
Die Frauen kamen in einen Waggon, die Männer in einen anderen. Peter blieb ohne Proviant, meine Tasche hatte ich, aber es gab keinen Zugang zwischen den Abteilen. Ich kümmerte mich nicht großartig, freundete mich sofort mit den anderen Mädels an, wir feierten, packten alles auf den Tisch. Die Pasteten, die seine Mutter mir eingepackt hatte, verschenkte ich an die anderen Frauen.
Auf dem nächsten Bahnhof kam er angelaufen, fragte nach etwas zu essen mir wurde heiß und kalt vor Scham. Sagte ihm, es sei nichts mehr übrig, wir hätten alles gegessen. Aber er lächelte, tröstete mich: Ach, halb so wild, wir haben im anderen Wagen auch genug, mir gehts bestens!, sagte er vergnügt. Dann rannte er zurück.
Ich wusste, dass er log: Er war nicht gesellig, nie hätte er bei anderen um ein Stück Brot gebeten. Aber er wollte mich einfach beruhigen… Kaum war er wieder weg, vergaß ich ihn.
Als wir ankamen, wurden wir in einem Barackenhotel untergebracht fünfunddreißig Frauen in einem Raum, Männer extra. Familien bekämen bald eigene Zimmer, hieß es. Aber das interessierte mich kaum. Immer, wenn Peter kam, wusste ich schon, wie ich beschäftigt aussehen konnte. Die Frauen warfen mir vor, ich würde ihn links liegen lassen, dabei war es mein Mann.
Manchmal stand er stundenlang draußen im Regen, wartete nur darauf, dass ich am Fenster erschien. Aber ich beachtete ihn kaum.
Nach zwei Jahren wollte ich mich scheiden lassen. Kinder keine in Sicht, Liebe noch weniger. Ich schlief nur aus Mitleid ab und zu in seinem Zimmer.
Dann tauchte Gregor auf groß, dunkelhaarig, kräftig, ein richtiger Kerl. Wir arbeiteten hart auf der Baustelle, aber das Leben war spannend westliches Bier, Apfelsinen, Wurst, wie wir sie nie gekannt hatten. Es gab Konzerte, Tanz, alles war aufregend.
Mit Gregor verliebte ich mich Hals über Kopf. Leidenschaft pur. Peter bat, weinte, beschwor mich, aber ich hatte nur Augen für Gregor. Ich sagte: Ich will die Scheidung.
Auch als wir dann ein eigenes Zimmer bekamen ich ging nicht mehr zu ihm. Aber Peter blieb immer in meiner Nähe, ging uns hinterher. Mir war es egal ich war blind vor Liebe.
Die Frau im schwarzen Tuch unterbrach atemlos:
Und wie hat er das ausgehalten?
Aus Liebe hat er alles hingenommen. Als Gregor dann mit dieser Katharina, der Buchhalterin, durchbrannte, und mich stehen ließ… Ich wurde schwanger. Und zur Krönung beschuldigte er mich öffentlich, ich hätte mich ihm aufgedrängt, weil mein Mann ein Waschlappen sei.
Natürlich hat man Peter alles erzählt. Seine Liebe zu mir raubte ihm den letzten Verstand. Er legte sich mit Gregor an, irgendwo hinter der Baustelle, niemand wusste was davon. Dann kam die Nachricht: Peter liegt im Krankenhaus, verprügelt.
Ich lief zu ihm, motzte noch mit dem Fahrer Sascha: Was hast du dir dabei gedacht? Gregor gegen dich? Sascha schwieg, seine Missbilligung lag in der Luft.
Im Krankenhaus dann, Peter lag da, das Gesicht geschwollen, das Bein in Gips.
Warum? Weswegen hast du dich geprügelt?
Für dich…!!!
Mir tat er so leid. Und mir tat ich selbst leid. Schwangere wurden damals heimgeschickt. Das bedeutete, zurück ins Dorf, dort erklären, dass das Kind nicht von Peter war. Und ganz ehrlich: sicher war ich mir nicht.
Ich besuchte Peter, brachte ihm Pakete nicht aus Liebe, sondern weil ich mich verantwortlich fühlte. Als er dann mit Krücken wieder laufen konnte, stand ich mit ihm am Fenster, er im alten Krankenhauspyjama, zerquält. Er sagte:
Lass dich nicht scheiden, lass uns hier weggehen. Das Kind ist meins, für mich zählt nichts anderes.
Und ich? Statt ihn dankbar zu umarmen, sagte ich nur:
Muss das sein?
Ich liebe dich, flüsterte er.
Ich blieb kalt, ging weg. Er blickte mir lange nach, hoffte, ich drehte mich noch um aber ich tat es nicht. Dabei spürte ich tief drinnen Freude nicht zurück ins Dorf, mit ihm war es einfacher mit dem Kind.
Wir zogen nach Brandenburg. Peter war still, aber bei der Arbeit wurde er schnell befördert. Maschinenbau hatte er gelernt das brachte ihn schnell nach oben. Er wurde Vorarbeiter für irgendwas Technisches, fuhr auf Montage, brachte immer Geschenke heim, steckte mir die besten Sachen zu.
Meine Frau ist schwanger, prahlte er voller Stolz.
Ich schämte mich nur und sah weg. Wir bekamen eine kleine Wohnung, ich arbeitete im Büro.
Als unser Sohn geboren wurde, war sofort klar: Gregors Kind schwarze Haare, die Augen wie er. Peter hat nichts gesagt, hat den kleinen Max im Arm gehalten, fast geweint vor Freude, als er uns aus dem Krankenhaus abholte.
Max war schwierig… von Anfang an. Vielleicht, weil er in Sünde gezeugt wurde. Er schrie, war oft krank, Peter war fix und fertig, schlief kaum noch, sagte nie ein böses Wort.
Ein Jahr später bekam ich von Peter eine Tochter, wir nannten sie Marie, nach seiner Mutter. Damals versuchte ich wenigstens, seiner Mutter etwas Gutes zu tun sein Vater war schon gestorben. Aber zu Peter empfand ich: nichts. Weder Liebe noch Hass. Mit kleinen Kindern merkt man kaum noch, was einem fehlt. Ich erwartete nur, dass er half. Und das tat er: wusch, putzte, ließ mich schlafen.
Selbst als er mal Wäsche spülen wollte, musste ich ihm das Waschbecken aus der Hand reißen. Was sollen die Leute sagen? Ein Vorarbeiter, der Frauenunterwäsche wäscht! Er aber: Was kümmert mich das Gerede? Wenn du dich erkältest, ist es noch viel schlimmer!
Seine übermäßige Liebe begann mich zunehmend zu nerven.
Max wurde ein schwieriger Teenager, war mit dreizehn schon auffällig bei der Polizei. Bei Gesprächen lernte ich dann einen netten Polizisten kennen, Serge, unverheiratet, verständnisvoll. Er verstand Max besser als Peter. Peter war zu schwach, konnte ihn nicht strafen, hatte kein Durchsetzungsvermögen. Ich griff zur Not auch zum Gürtel wie sonst, wenn er stiehlt? Peter warf sich dazwischen, schützte ihn.
Dann sollte Peter auf Fortbildung nach Berlin. Wir lebten schon in Hannover, hatten eine gute Wohnung. Er sagte: Wenn du willst, dass ich bleibe, fahre ich nicht. Er fühlte, dass etwas nicht stimmte.
Ich antwortete: Fahr ruhig.
Er reiste mit schwerem Herzen. Serge drängte: Verlass ihn, du liebst ihn doch ohnehin nicht… Und ich…
Die Erzählerin schwieg, strich die Blätter vom Tisch.
Und? fragte die Zuhörerin, nun schon beim vertrauten du angelangt.
Die Erzählerin blickte sie an, eine tiefe Falte zwischen den Brauen:
Ich habe lange gegrübelt… Dann kam Peters Brief. Jahrelang habe ich ihn aufgehoben, niemand weiß davon. Er schrieb, er habe verstanden, dass er mir das Leben schwer gemacht hat, weil ich ihn nie geliebt habe. Und wenn ich ihm schreibe, dass ich ihn nicht brauche, kommt er nie mehr zurück. Für die Kinder würde er aufkommen, mir die Hälfte seines Gehalts schicken, mir Glück wünschen. Kein Vorwurf, keine Bitterkeit, nur Liebe.
Die Birken warfen gelbe Blätter auf den Tisch, es war ein milder Herbsttag, das Blau des Himmels leuchtete. Die Frau im schwarzen Tuch wischte sich die Tränen ab.
Warum weinst du? fragte die Erzählerin.
Ach… Man denkt nach, das Leben… da kommen die Tränen. Sag, bist du dann zu ihm zurück?
Nächte habe ich nicht geschlafen. Max machte Ärger, mein eigenes Leben verwirrte mich. Ich zerknüllte ständig den Brief. Eine Kollegin, älter, sagte: Lydia, du bist verrückt! So einen Mann trägt man auf Händen!
Eines Morgens stand ich auf plötzlich wusste ich, was ich tun musste! Der Mann hat für mich das halbe Leben geopfert, und ich…
Ich dachte an alles: wie er mir half, wie er immer lieb war. Als ich operiert wurde, fast gestorben bin, hat er das ganze Krankenhaus aufgescheucht, für mich gesorgt… Ohne ihn hätte ich es wohl nicht geschafft.
Oder damals, als wir versehentlich das Paket eines anderen mitnahmen. Peter hat sich bei Schneesturm losgeschlagen, es zurückgebracht, obwohl ich ihn abhalten wollte. Menschen hatten darauf gehofft, sagte er. Kam nach Hause, erfrorene Wangen, krank geworden…
Da begriff ich: Ich brauche niemanden außer ihm.
Einen Brief schreiben? Nach all den Jahren? Er würde doch nur glauben, ich liebe einen anderen.
Der Herbst kam, so warm wie jetzt. Ich klärte alles mit den Kindern, mit der Arbeit und fuhr ihm einfach in Berlin entgegen. Die Zugfahrt zog sich ewig, ich wollte ihn jede Sekunde sehen. Sein Blick, seine Nähe das war alles, was zählte. Ich liebte plötzlich das, was ich immer lächerlich fand: die Glatze, die abstehenden Ohren, den runden Bauch…
Die Adresse führte ins Wohnheim. Dort sagten sie, er sei im Unterricht. Ich suchte ihn, wartete auf der Treppe. Als er kam, mit einer Gruppe Studenten, erkannte ich ihn erst gar nicht: so stattlich in seiner Kappe, dem kurzen Mantel, die Aktenmappe unter dem Arm. Wie versteinert stand ich da, überwältigt vor Liebe zu meinem eigenen Mann. Sie gingen an mir vorbei, da rief ich.
Er drehte sich um, blieb stehen, traute seinen Augen nicht. Wir sahen einander an, und die Blätter fielen wie jetzt…
Seine Kollegen schauten erstaunt. Wir stürzten gleichzeitig aufeinander zu, Aktenmappe fiel, Hefte flogen, wir umarmten uns Worte waren überflüssig.
So sieht wahre Liebe aus!, riefen die anderen lachend, fünfzig Jahre zusammen und immer noch wie am ersten Tag!
Der Schal der Zuhörerin war von Tränen nass. Sie schnäuzte sich.
Und? Wart ihr am Ende glücklich?
Bis zum Ende? Sie deutete auf das Grab, wo sie gerade arbeitete. Liegt da dein Mann?
Nein, das ist unser Max, unser Sohn. Gestorben ist er früh, hat einen schweren Weg gehabt, sogar im Gefängnis. Wir haben viel durchgemacht mit Peter. Dann kam der Alkohol, das Ende…
Also lebt dein Mann noch?
Ja, Gott sei Dank! Er hat mich hergefahren, hilft unserer Tochter. Da kommt er… Wir haben uns verplaudert. Darf ich dich irgendwohin fahren?
Danke, nein, ich bleibe noch etwas.
Ein kräftiger, freundlicher Mann kam heran, trug eine schwarze Jacke und eine Lederkappe, sein Gesicht war rund und gütig.
Müde, Peter? Die Frau klopfte ihm zärtlich den Staub von der Schulter.
Er sammelte schweigend das Werkzeug vom Grab des Sohnes, und sie trug ihm den schweren Müll weg aus Sorge um seinen kranken Rücken.
Arm in Arm gingen sie die gelbe Friedhofsallee entlang.
Am Weg bogen sie sich noch einmal um, winkten. Die andere Frau winkte zurück.
Und sie blieb zurück, schaute das Bild ihres Mannes an. Sie dachte bei sich, dass das Glück eines Menschen nicht von allein kommt man muss es ins Herz lassen. Nur dann ist es da.
Glück bedeutet: zu lieben und geliebt zu werden.





