Ich will für mich selbst leben
Ach, hallo, Annalena! Bist du zu deiner Mutter gekommen? rief die Nachbarin vom Balkon.
Guten Tag, Frau Baumann. Ja, ich gehe zu meiner Mutter.
Könntest du vielleicht mit ihr sprechen, seufzte die Frau. Sie ist seit der Scheidung ganz verändert, die Arme.
Was meinen Sie? fragte Annalena angespannt.
Weißt du, ich schlafe in letzter Zeit schlecht und werde früh wach. Eines Morgens, so gegen fünf, habe ich sie aus einem Taxi steigen sehen. Und sie sah naja, sagen wir mal, nicht wie sonst aus. Vielleicht sogar ein wenig beschwipst. Die Nachbarn tuscheln schon. In ihrem Alter! Und warum hat sie deinen Vater rausgeschmissen? Ja, er hat Fehler gemacht, aber wer ist schon ohne Makel? So viele Jahre waren sie zusammen es ist doch quatsch, sich jetzt scheiden zu lassen.
Danke, Frau Baumann, sagte Annalena, schluckte schwer und ging rasch ins Haus. Ihre Mutter hatte tatsächlich vor sechs Monaten ihren Vater rausgeworfen, nachdem sie ihn beim Fremdgehen erwischt hatte. Annalena hatte sie gebeten, noch einmal darüber nachzudenken es könne ja alles passieren. Aber die Mutter war entschlossen geblieben. Und das Merkwürdigste: Sie fiel nicht in ein Loch, wie man hätte vermuten können, sondern war geradezu aufgeblüht. Neue Kleider, tanzen gehen, Bars besuchen, Freundinnen treffen alles Dinge, die sie früher nie gemacht hatte.
Es fiel Annalena schwer, das zu akzeptieren. Sie selbst stand kurz vor der Hochzeit, plante Kinder. Und ihre Mutter bis zum Morgengrauen im Club? Was für eine Oma wäre das? Wie sollte sie sie ihrer Schwiegermutter vorstellen, wenn die eine Decken strickt und die andere nachts durch Bars zieht?
Zu Hause wurde sie von ihrer Mutter mit einem Teekessel und einem breiten Lächeln empfangen. Sie trug keinen alten Bademantel, sondern einen modernen, beigefarbenen Hosenanzug. Maniküre, Pediküre, verlängerte Wimpern man sah sofort, dass sie das Leben genoss.
Und, wie läufts mit Tobias? fragte sie und stellte die Tassen auf den Tisch.
Alles bestens, antwortete Annalena und versuchte, gefasst zu bleiben. Und bei dir?
Herrlich! Gestern waren wir Mädels bis zum Morgengrauen in einer Bar, haben getanzt und Karaoke gesungen. Es war ein Riesenspaß!
Frau Baumann hat mir alles erzählt, platze es düster aus Annalena heraus. Dass du erst um fünf Uhr morgens heimkamst und betrunken gewirkt hast.
Die Mutter lachte.
Was dachtest du denn? In einer Bar Tee zu trinken, wäre ja auch zu schade!
Annalena konnte sich nicht mehr zurückhalten.
Mama, findest du nicht, dass das langsam zu viel wird?
Inwiefern?
Naja, du bist immerhin nicht mehr zwanzig. Tanzen, Clubs Du solltest vielleicht ein Vorbild sein. Du wirst bald Oma!
Ich bin auch eine Frau, die endlich frei ist. Ich werde nicht nach dem Drehbuch anderer leben.
Aber du warst so lange mit Papa zusammen! Wie kannst du das einfach so hinter dir lassen?
Die Mutter schwieg einen Moment, dann sagte sie ruhig, aber bestimmt:
Dein Vater hat mich betrogen. Das war kein Versehen, sondern eine bewusste Entscheidung. Und ich will nicht mehr nur Dienstmädchen sein. Ich möchte leben. Für mich selbst. So viele Jahre habe ich für die Familie gelebt. Jetzt mache ich, was ich möchte.
Aber du bist fast fünfzig!
Na und? Ich muss nicht nach Vorschrift alt werden.
Annalena spürte, dass sie zu weit gegangen war.
Entschuldige, ich wollte dich nicht verletzen. Es ist nur, weil ich mir Sorgen mache.
Wenn es dir peinlich ist, dann lade mich nicht zur Hochzeit ein. Aber wisse: Ich werde weder mein graues Haar unter ein Kopftuch stecken noch in formlosen Kleidern herumlaufen. Ich will tanzen und vielleicht sogar mal flirten. Ich fühle mich gut.
Nein, Mama, ich will, dass du dabei bist. Es ist nur so…
…dass Tante Baumann es nicht versteht? Dann soll es ihr egal sein. Mir ist wichtig, dass ich endlich lebe.
Wieder zu Hause erzählte sie alles ihrem Verlobten.
Ich weiß einfach nicht, wie ich darauf reagieren soll.
Tobias lachte:
Ich finde, deine Mutter ist großartig. Sie hat sich nicht hängen lassen, sondern das Leben gewählt. Glücklich zu sein ist keine Sünde.
Am Wochenende rief Annalena ihre Mutter an.
Mama, wie wäre es mit einem Wellness-Tag und danach eine Bar mit Livemusik?
Und du schämst dich auch nicht für mich?
Ich sag einfach, du bist meine große Schwester, lachte Annalena.
Abgemacht. Aber früh nach Hause gehen wir nicht.
Dieser Tag veränderte vieles. Annalena erkannte zum ersten Mal, welche innere Stärke ihre Mutter besaß. Vielleicht sollte auch sie von ihr lernen sie selbst zu sein. Nicht so leben, wie es sich gehört, sondern so, wie es sich richtig anfühlt.
Manchmal liegt das wahre Glück darin, den Mut zu haben, den eigenen Weg zu gehen.




