Das Leben, so ist es nun mal

Lukas, mit rotgefrorener Nase, zieht einen trockenen Fichtenstamm auf seinem großen Schlitten durch den Schnee. Der Baum war am Dorfrand umgestürzt eigentlich darf man ihn nicht einfach nehmen, aber Onkel Anton, der örtliche Förster, hatte Lukas einen Tipp gegeben: “Hol ihn dir, wenn es dunkel wird.”

Der Junge zerrt an dem schweren Holz, fast schon außer Atem.

“Lukas, Lukas!”, ruft jemand. Klar, wer sonst? Die quirlige Lena, seine Klassenkameradin.

“Was willst du?”

“Lass mich helfen.”

Woher hat das Mädchen bloß die Kraft? Doch zu zweit geht es leichter. Sie spannen sich zusammen in die Schlittengurte und ziehen.

“Und wer passt auf die Kleinen auf, Lukas?”

“Oma natürlich. Mutti ist auf Arbeit.”

“Ach so. Ich wollte dir eigentlich mit den Hausaufgaben helfen, aber bei euch war es dunkel, die Tür abgeschlossen.”

“Der kleine Max hat mir durch die Tür gesagt, du seist im Wald. Er und die Kleine sollen brav sein.”

“Ja, musste sie abschließen…”

“Läuft sie wieder weg?”

“Immer… immer nach Russland. Sie will heim, zu ihrer Mutter.”

“Ach, die Arme. Quält sich selbst und euch damit.”

“Hm.”

Die beiden bringen den Stamm zu Lukas’ Haus.

“Danke, Lena.”

“Kein Ding. Hol die Säge raus, wir machen schnell Feuerholz.”

“Mach ich allein. Du hast schon genug geholfen.”

“Ja klar, allein… Entweder kratzt du ewig mit der Handsäge rum, oder wir machen es jetzt fix.”

Gemeinsam sägen sie das Holz, und bald liegen gleichmäßige Scheite auf dem Boden.

Am Fenster drängen sich die neugierigen Gesichter des sechsjährigen Max und der zweijährigen Anna.

Lukas nimmt den Spaltkeil, trifft genau die Mitte des Scheits ein Riss, dann noch ein Schlag mit dem Beil, wieder und wieder. Das Holz spaltet sich.

Während er hackt, sammelt Lena die Holzspäne auf.

Mit einem ordentlichen Stoß Brennholz gehen sie ins Haus. Lukas heizt den Ofen an, bald tanzen warme Lichtreflexe an der Decke. Es wird wärmer.

“Soll ich euch Suppe kochen? Wenn Tante Lotte von der Arbeit kommt, muss sie nicht mehr kochen.”

“Nee, wir schaffen das schon”, murmelt Lukas verlegen. “Oma kocht doch.”

“Nein, nein, Lukas!”, quengelt Max. “Lass Lena kochen! Weißt du noch, was Oma das letzte Mal zusammengerührt hat? Lena nimmt Kohl, Erbsen… und bei Mutti war noch Dill, die Samen, die sie immer für Anna aufbrüht, wenn die Kleine erkältet ist. Oma hat alles in die Suppe geworfen ungenießbar!”

“Koch ich, Max. Los, helft mir.”

“Und du, wessen Kind bist du?” Eine alte Frau steigt vom Ofen, in Filzstiefeln, wattierter Jacke, ein Tuch um die Schultern.

“Oma, zieh dich aus, es ist warm genug.”

“Kalt, Martin…”

“Welcher Martin, Oma? Ich bin Lukas, dein Enkel.”

“Echt? Und wo ist Martin?”

“Der… der ist weg. Kommt bald zurück.”

“Meint sie Onkel Martin?”

“Ja… sie versteht nicht mehr. Seit er weg ist, gehts ihr schlechter.”

“Warum hat er sie nicht mitgenommen? Immerhin seine Mutter?”

Lukas zuckt mit den Schultern. Das Thema möchte er nicht vertiefen.

Martin Lukas’ Vater, der Mann seiner Mutter.

Er ist zu seiner Geliebten gezogen. Nicht nur ließ er die Großmutter bei ihnen zurück, er ging mitten im Winter und handelte besonders hinterhältig: Er schlachtete die Ferkel, nahm das Fleisch mit, führte die einzige Milchkuh weg sogar die junge Kuh Liesel.

Mutti flehte ihn an: “Lass wenigstens Liesel hier, wir brauchen die Milch!”

Er lachte nur: “Was bin ich für ein Bräutigam, wenn ich mit leeren Händen zu meiner Braut komme?”

Seit diesem Moment hasste Lukas seinen Vater. Der leerte die Vorratskammer, nahm Säcke Kartoffeln mit, teilte sogar Besteck alles nahm er.

Und Mutti stand da und zählte, wie viele Löffel er einpackte…

Als Lotte nach Hause kam, saßen die Kinder schon am Tisch beim Petroleumlämpchen. Lukas las Max Märchen vor, die Großmutter kauerte am Ofen, Anna schlief hinter ihr, am Daumen nuckelnd.

“Mutti”, flüsterte Max, “es ist so warm. Lukas hat Holz geholt, sie und Lena haben es gesägt, der Ofen brennt, Lena hat Suppe gekocht lecker! Anna schläft, Oma ist zweimal nach Russland weggelaufen, wir haben sie zurückgeholt.”

Lotte lächelte müde, strich Max durch die struppigen Haare.

“Lukas… du trägst so viel.”

“Ist schon gut, Mutti. Komm, iss was. Die Suppe ist wirklich gut.”

Nach dem Essen flickte Lotte Kleidung. Plötzlich klopfte es am Fenster.

“Lukas, schau mal, wer da ist.”

Die Tür öffnete sich, herein stürmte eine rundliche, dick eingepackte Frau.

“Puh, ist das kalt! Heute Nacht sollen es minus fünfzehn werden da helfen nur dicke Socken! Lotte, ich hab dir Schweineschmalz und ein Stück Speck mitgebracht.”

“Danke, Waltraud, aber das musst du nicht…”

“Was heißt hier nicht? Habt ihr Mehl?”

“Ein bisschen.”

“Hier, zwei Liter Milch, seit Winter eingefroren, und ein paar Eier. Vielleicht backst du was. Wir kommen schon durch bis zum Frühling. Dann wirds leichter.”

“Und mach dir keine Sorgen um Saatkartoffeln, Lotte. Jürgen sagt, wir geben euch welche. Also esst ruhig eure Vorräte, wir helfen euch. Und…” Waltraud flüsterte Lotte etwas ins Ohr.

“Ach, Waltraud, was, wenn es jemand merkt?”

“Wer denn? Bei euch geht ja keiner aus und ein. Unsere Sau ferkelt bald, also… keine Angst, Lotte. Wir schaffen das.”

Zwei Tage später brachte Waltraud nachts ein winziges Ferkel, kaum größer als eine Faust.

Sie arbeitete als Schweinehirtin auf der Genossenschaftsfarm.

“Es ist so riskant, Waltraud…”

“Keiner merkts, Lotte. Es wäre eh verendet. Dreizehn Stück hatte der Wurf, und dieses hier ist das stärkste.”

Am nächsten Tag wurde Lotte ins Büro gerufen. Sie verabschiedete sich von den Kindern.

“Mutti”, schluchzte Lukas, “vielleicht passiert nichts?”

“Weiß nicht, mein Junge. Pass auf die Kleinen auf…”

Der Vorstandsvorsitzende, ein Freund von Lottes Exmann, vermied ihren Blick. “Geh zur Farm, Lotte.”

“Wozu? Jürgen, bitte…”

“Geh schon. Hier, ein Schein für Milch. Nimm dir ein Ferkel, Waltraud sucht dir ein gutes aus. Vielleicht sogar zwei?”

“Wovon soll ich sie füttern…”

“Milch kriegst du, wie gesagt. Und für die Kinder Haferbrei… Im April gibts eine Jungkuh von der Genossenschaft, nimmst du sie?”

“Ja”, flüsterte Lotte mit trockenen Lippen. “Darf ich gehen?”

“Geh… Lotte.” Er hielt sie an der Tür auf.

“Ja?”

“Vergib mir.”

“Wofür, Jürgen?”

“Für Martin… Ich dachte nicht, dass er so ein Schuft ist. Ein bisschen Fremdgehen, ja aber die Kinder und die Mutter im Stich lassen? Alles mitnehmen… Ich habs erst später erfahren.”

“Warum hast du nichts gesagt? Habt ihr Kartoffeln?”

“Ja…”

“Dann geh. Und meld dich, wenn was fehlt. Holz bringen wir auch.”

So lebte Lotte mit den Kindern und der Schwiegermutter, die immer verwirrter wurde, oft nicht wusste, wer sie war oder wo.

Schwere Zeiten. Lukas half, wo er konnte. Lena, die Tochter des Vorsitzenden, sprang ein mal passte sie auf die Kleinen auf, mal half sie sonst.

Auch Max tat, was er konnte. So kämpften sie sich durch.

Das Ferkel, das Waltraud gebracht hatte, gedieh und noch zwei weitere liefen bald mit ringelnden Schwänzchen und neugierigen Schnauzen herum.

Eines Tages sprach eine Nachbarin Lotte an.

“Lotte, mein Schatz…”

“Ja, Tante Gerda?”

“Hör mal, soll Lukas mir nicht das Dach reparieren? Ich zahl ihm hab noch Schmalz vom letzten Herbst…”

“Nein, danke. Der Junge soll nicht für Schmalz arbeiten. Wir hungern nicht.”

“Aber weißt du, Lotte, ich war bei der Base zu Besuch. Und da… dein Martin, mit dieser… na, dieser Dicke, diese Helga! Fuhren auf dem Schlitten, sie lachten, als gäbs kein Morgen!”

“Und dass seine Kinder fast verhungern, kümmert ihn nicht?”

“Wer sagt, dass wir verhungern? Gehts noch?”

Lotte lief schnell nach Hause.

“Ja, ja, alles bestens. Du siehst ja blau aus, und die Kinder auch. Als wüssten wir nicht, dass Martin alles mitgenommen hat!”

Zuhause versteckte Lotte sich im Schuppen und weinte.

Da ein Kratzen an der Tür.

“Mutti? Was machst du hier?”

“Lotte… ich bin nur eine Last. Manchmal bin ich klar genug, um das zu verstehen… ich quäle dich und die Kinder.”

“Was? Was fällt dir ein?” Lotte riss ihr das Seil aus der Hand. “Warum tust du mir das an? Was habe ich dir getan, Mutter?”

Sie weinten beide, die alten Tränen der Schwiegermutter rannen über ihr wettergegerbtes Gesicht.

“Komm, gehen wir rein. Heute backen wir Quarktaschen.”

“Ja, mein Kind.”

Im Frühling wurde die Alte bettlägrig.

Sie rief immer nach ihrem einzigen Sohn.

“Waltraud, ich weiß nicht, was tun. Sie verlangt nach Martin. Ich kann nicht selbst zu ihm.”

“Ich rede mit Jürgen…”

Doch Martin kam nicht, um Abschied zu nehmen. Er schickte Geld, murmelte Jürgen etwas von “für die Beerdigung”.

Das Dorf verurteilte ihn natürlich. Aber was scherte ihn das?

Schon beim ersten Mal, als er zu Helga zog, gab es Gerede. Er liebe Lotte nicht, sie sei zu fade, zu brav aber Helga, die sei Feuer!

Lotte heiratete er aus Dummheit. Sie war als Lehrling ins Dorf gekommen, schüchtern, zierlich. Solche Mädchen kannte er nicht. Beim ersten Versuch unterwarf sie sich weinte nur leise, sich im Morgenrock verbergend.

So ging es weiter. Sie widersprach nie. Eine Waise, ohne Eltern…

Als ihr Bauch rund wurde, heiratete er. War er ein Ungeheuer? Er selbst wuchs ohne Vater auf.

Irgendwann mochte er sie sogar. Sie war fleißig, verstand sich mit der Schwiegermutter, sauber… sie liebte ihn wohl.

Schon der zweite Junge war da, als er Helga traf. Wie war sie so erwachsen geworden? Kräftig, sinnlich, duftend nach Heu…

Er dachte, es bleibt eine Affäre. Doch sie umschlang ihn wie eine Schlange.

Er ging, stürzte sich blind in den Abgrund. Drei Kinder zurückgelassen dabei hatte er sie geliebt, wirklich.

Doch dann verdunkelte sich alles. Er dachte: Kinder… sie wachsen schon irgendwie auf. Und Helga versprach ihm eigene.

Wenn Lukas ihm auf der Straße ausweicht, trifft ihn das wie ein Messer. Die Kleinen verstehen es nicht, das Mädchen erinnert sich kaum. Was soll er tun? Er liebt halt…

Sie urteilen: ein Unmensch, lässt die Kinder im Stich, kommt nicht zur Mutter.

Doch er konnte nicht. Er konnte Lottes stummen Blick nicht ertragen.

Damals, im Rausch, nahm er alles mit. Und jetzt? Die Leute reden, aber wer sieht in seine Seele? Vielleicht ist sie wirklich schwarz…

Martin kniete am frischen Grab, vor dem Kreuz mit dem weißen Tuch.

“Vergib mir, Mutter…”

“Sie hat dir vergeben, Martin. Kurz vor dem Ende war sie klar.”

“Du… was machst du hier?” Er starrte Lotte finster an.

“Frühstück gebracht. Nach christlicher Sitte… Hier, trink. Gedenke deiner Mutter.”

Schweigen.

“Ich geh dann. Sprich du mit ihr.”

“Wird sie hören?”

“Sie hört dich, Martin. Ein Mutterherz… das ist so. Und das Leben, Martin… es wirbelt einen eben… …aber am Ende zählt, was du jetzt tust. Nicht, was war. Geh nach Hause, Martin. Kümmere dich. Es ist nie zu spät, um ein Mensch zu sein.

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Homy
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