Zu mir kam eines Abends eine junge Frau und sagte: Ich bin die Verlobte Ihres Sohnes. Aber er ist seit zwei Wochen verschwunden.
Als ich die Tür öffnete, stand eine weinende Frau vor mir. Ihr Mantel war zerknittert und ihre Hände zitterten. Guten Tag Ich heiße Johanna und bin die Verlobte Ihres Sohnes. Aber er ist verschwunden. Seit zwei Wochen. Niemand weiß, wo er ist.
Ich war wie erstarrt. Ich versuchte, die Puzzleteile in meinem Kopf zusammenzusetzen. Verlobte? Mein Sohn Simon hatte nie erwähnt, dass er verlobt ist. Noch weniger, dass er verliebt sei. Und vor allem war er keineswegs verschwunden. Ich hatte ihn doch erst letzte Woche gesehen, als er mir beim Einkaufen geholfen und eine Tasse Tee mit mir getrunken hatte. Er hatte vom Stress in der Arbeit gesprochen, wie immer.
Ich bat Johanna herein. Sie setzte sich auf die Sofakante und holte ein Foto aus ihrer Tasche. Sie und mein Sohn Simon an einem See, Hand in Hand, beide lachend. Das war im August. Da hat er mir einen Antrag gemacht, sagte sie leise. Seitdem haben wir alles gemeinsam geplant. Wir haben eine Wohnung gemietet und wollten gemeinsam einen neuen Job in Hamburg beginnen. Eigentlich sollten wir nächste Woche umziehen.
Je länger ich sie anschaute, desto größer wurde meine Unruhe. In meiner Welt gab es keine Heiratsanträge, keine gemeinsamen Umzüge nach Hamburg. Simon lebte allein in München, arbeitete remote für eine IT-Firma. Er war schon immer verschlossen, aber er war nie einfach verschwunden. Niemals hätte er mich so ohne ein Wort zurückgelassen.
Ich habe seinen Mitbewohner angerufen, erzählte Johanna weiter. Er sagte, Simon hätte all seine Sachen gepackt und sei ausgezogen. Aber wohin das wisse er nicht. Simon ist nicht erreichbar. Niemand weiß, wo er steckt. Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Vielleicht ist er hier? Oder ist etwas passiert?
Ich versuchte, Simon anzurufen. Aber sein Handy blieb stumm. Ich schickte ihm eine Nachricht: Wo bist du? Doch auch darauf kam keine Antwort. Und da packte mich eine Angst, wie sie wohl nur Mütter kennen die Angst, das eigene Kind nie ganz gekannt zu haben. Dass etwas über Jahre vor meinen Augen lag und ich es nie wahrhaben wollte.
Ich begann, Nachforschungen anzustellen. Tagelang telefonierte ich mit alten Freunden, Kollegen und sogar mit seiner Ex-Freundin. Immer wieder hörte ich: Simon war in letzter Zeit anders. Schweigsam, gereizt, als würde ihn etwas verfolgen.
Schließlich kam eine Nachricht. Von einer unbekannten Nummer. Nur ein Satz: Sucht mich nicht. Ich muss das alles in Ordnung bringen. Mehr nicht. Die Polizei konnte nichts tun er war erwachsen und hatte sich offenbar freiwillig zurückgezogen. Johanna und ich blieben zurück, mit einer wachsenden Leere und immer mehr Fragen.
Ein paar Tage später rief mich ein fremder Mann an und behauptete, Simon zu kennen. Er sagte, mein Sohn sei in Dinge verwickelt gewesen, über die man besser nicht am Telefon spricht. Simon sei nicht vor uns, sondern vor etwas geflohen, das er getan habe.
Eine Woche später dann kam ein Brief, handgeschrieben, lang. Simon gestand, dass er Schulden habe. Dass er eine Firma gegründet hatte, von der niemand wusste. Um die Lage zu retten, nahm er immer neue Kredite auf. Er wollte uns nicht mit hineinziehen in das Chaos, das er selbst angerichtet hatte.
Ich weiß, dass das, was ich tue, feige ist, schrieb er. Aber wenn ich verschwinde, muss vielleicht keiner leiden.
Ich musste weinen, als ich diese Zeilen las, und ich schämte mich. Denn all die Jahre hatte ich nie nachgefragt. Ich war einfach froh, dass er selbstständig war und nie mich um Hilfe bat. Dabei war er längst am Ertrinken.
Johanna sagte, sie würde auf ihn warten. Sie liebt ihn, sie glaubt an seine Rückkehr. Ich weiß nicht, woran ich glauben soll. Seit jenem Tag ist nichts mehr selbstverständlich. Selbst, wenn man seinem Kind in die Augen sieht und meint, es durch und durch zu kennen.
Denn manchmal wird sogar der eigene Sohn ein Fremder. Und du bleibst zurück mit der Frage, die niemand laut auszusprechen wagt: Wer ist er wirklich?
Das Leben zeigt uns immer wieder, dass Vertrauen nicht bedeutet, alles zu wissen. Manchmal lieben wir Menschen, ohne sie ganz zu verstehen und das ist in Ordnung, solange wir weiterhin miteinander reden, füreinander sorgen und bereit sind, hinzusehen, wenn Hilfe gebraucht wird.





