EINLIEBENDER
Am Tag der Beerdigung seiner Frau vergoss Friedrich nicht eine einzige Träne.
Siehst du, hab ich doch gesagt, er hat die Helga nie wirklich geliebt!, tuschelte Traudel ihrer Nachbarin Ilse ins Ohr.
Pssst, ist doch jetzt auch egal. Die Kinder sind mit so einem Vater sowieso Waisen.
Warte ab, der schnappt sich bestimmt bald die Karin!, prophezeite Traudel.
Wie kommst du denn darauf? Was will er denn von ihr? Seine große Liebe war ja eindeutig Gabriele oder hast du vergessen, wie die beiden über sämtliche Heuböden geturtelt sind? Karin hat doch schließlich Familie und denkt nicht mehr an ihn.
Woher willst du das wissen?
Na klar! Karin hat doch einen Vorzeigemann. Was soll sie mit Friedrich und diesem halben Dutzend Blagen? Sie ist doch bodenständig. Aber Gabi, die hat’s schwer mit ihrem Michael. Da wird bestimmt was laufen!
Helga wurde also beerdigt. Die Zwillinge Klaus und Paulina, acht Jahre alt, hielten sich tapfer an den Händen.
Helga hatte Friedrich tatsächlich aus Liebe geheiratet. Ob Friedrich sie geliebt hatte, wusste nur der liebe Gott und vermutlich nicht einmal der war sich ganz sicher.
Die Leutchen im Dorf munkelten, Helga sei schwanger geworden, also musste Friedrich wohl oder übel den Ehrenmann spielen. Die erste Tochter, Klärchen, kam zu früh zur Welt, starb leider jung, und dann dauerte es ewig, bis noch mal Nachwuchs kam.
Friedrich war immer wortkarg, ein Bär von einem Mann. Der Spitzname Einsiedler hing ihm an wie Klebstoff nicht nur, weil er wenig redete, sondern weil er noch weniger Nähe zeigte. Helga wusste das besser als jeder andere.
Aber irgendwann erbarmte sich der Himmel und schenkte Helga gleich zwei auf einen Streich: Klaus der mütterliche, und Paulina ihr Vater in Miniatur. Von Paulina bekam man kaum ein Wort heraus. Sie machte alles mit sich selbst aus und war dem Vater schon immer näher, weil sie beide die gleichen sturkopfartigen Eigenschaften hatten.
Wenn Friedrich im Schuppen sägte, huschte Paulina um ihn herum und er erklärte ihr das Leben. Klaus dagegen war stets bei der Mutter, kehrte schon als Knirps mit seinem kleinen Eimer Wasser oder half so gut er konnte.
Helga liebte ihre Kinder, aber Paulina verstand sie nicht so recht mit Klaus war sie eins Herz und eine Seele.
Als Helga im Sterben lag, sagte sie zu ihrem Sohn: Klaus, ich geh dann wohl bald. Du bist jetzt der Chef hier, pass auf deine Schwester auf, sieh zu, dass ihr euch gegenseitig helft. Du bist der Junge, du hast zu beschützen, verstanden?
Und Papa?, fragte Klaus.
Wie meinst du das?
Wird Papa uns beschützen?
Das weiß ich nicht, mein Junge. Die Zeit wirds zeigen.
Na, dann stirb bitte nicht! Was machen wir nur ohne dich?, weinte Klaus.
Ach, mein Schatz, wenn das in meiner Hand läge…
Am nächsten Morgen war sie nicht mehr da.
Friedrich saß an ihrem Bett, hielt ihre Hand. Kein Wort, keine Träne. Er war einfach kleiner, grauer, stiller geworden. Das war alles.
Langsam kehrte der Alltag zurück. Paulina übernahm das Regiment im Haus so gut es ging, versuchte zu kochen und aufzuräumen, aber sie war noch ein Kind. Friedrichs Schwester Tante Natalie kam oft vorbei, half bei allem, und zeigte Paulina, wie man Haushaltsaufgaben erledigt.
Tante Natalie, heiratet Papa jetzt neu?, fragte Paulina einmal.
Weiß ich nicht, mein Kind. Meinst du, der erzählt mir was davon?
Natalie hatte ihren Vasili und zwei eigene Kinder eine ganz normale, nette Familie.
Und wenn doch, nimmst du uns dann zu dir?, fragte Paulina weiter.
So ein Quatsch. Dein Vater liebt euch und gibt euch schon nicht aus der Hand, sagte Natalie.
Im Dorf brodelten derweil Gerüchte, Friedrich und Gabriele hätten die alte Flamme neu entfacht.
Die Gabi hat doch den Verstand verloren!, tratschte Traudel. Mit dem Friedrich wieder angefangen und den eigenen Mann ganz vergessen!
Ach, was eine Dummheit!, echoten die Frauen vorm Konsum.
Doch dann verscheuchte sie der alte Kolchose-Vorsitzende, Herr Maximilian:
Jetzt is aber Schluss mit dem Geschnatter! Man redet nicht so über Leute, die ihr gar nicht wirklich kennt!
Ja, Friedrich und Gabriele hatten mal etwas am Laufen. Richtig kitschig, mit Blumen, Gedichten und Nächten im Heu.
Friedrich musste damals zum Ernteeinsatz in ein anderes Bundesland, zwei lange Monate. Als er zurückkam, hatte Gabriele sich prompt mit Michael eingelassen.
Das gab Ärger, Michael bekam ordentlich einen aufs Maul, und Friedrich hatte mit Gabriele Schluss gemacht.
Sie heiratete dann eben Michael, der eher ein Chaot war, dem Hopfen und Malz nicht mehr zu helfen schien. Gabi weinte ihrem Traumprinzen ewig nach schließlich war Friedrich fleißig, anständig und nicht einmal ein Trinkgeldtrinker, wenn auch stumm wie eine Grabplatte.
Danach begannen die Leute zu tuscheln, dass er sich immer mehr zu Helga hingezogen fühlte. Die blühte förmlich auf, als sie zusammenkamen alle kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus.
So ist das halt mit der Liebe, seufzte man auf den Dorfstraßen.
Helga war schon seit eh und je heimlich verliebt, getraut hat sie sich lange nicht. Ganz anders als ihre temperamentvolle Mutter, Rosa. Die war recht bekannt als die, die gern mal die Karten neu mischte, vor allem die der Männer im Dorf aber heiraten? Um Gottes Willen, bloß nicht! Die einzige stabile Liaison war das Techtelmechtel mit dem Bürgermeister gewesen, dem Vater von Protagonist Helga. Man munkelte, aber niemand sagte je was laut.
Als Helga schließlich Friedrich heiratete, waren die Leute voller Mitleid: Sie, so eine Liebe und er? Wird sie wohl nie, nie lieben!
Aber, Überraschung: Friedrich war ein Fels in der Brandung zumindest was Treue anging. 15 Jahre hielt das kleine Glück an. Kein großes Drama, kaum Krach und alle beruhigten sich, bis Helga im letzten Winter schwer krank wurde. Ein unheilbares Leiden, wie man so sagt.
An jenem Tag kam Friedrich von der Arbeit nach Hause, als ihm Gabriele begegnete: Friedhelm, soll ich mal auf ein Stündchen zu dir rüberkommen? Hab euch Strudel gebacken! Den Kindern bring ich auch was mit.
Danke, Gabi, aber Natalie hat gestern schon Blechkuchen gebracht.
Aber ich meins doch nur gut.
Sie auch.
Komm lieber heute Abend zum Mühlensteg! Wie früher, im Dunkeln!, versuchte Gabriele ihr Glück.
Wozu das?
Wie, wieso? Hast du all das vergessen, unser damaliges Glück?
Was war, ist längst vorbei. Ich liebe meine Kinder. Ich habe Helga geliebt.
Aber sie kommt doch nicht mehr zurück…, klagte Gabi.
Doch Liebe stirbt nicht!, schleuderte Friedrich zurück.
Ach, du hast sie nie geliebt! Nur aus Trotz hast du sie damals geheiratet!
Friedrich nickte traurig und sagte nur leise:
Gabi, geh nach Hause.
Er lief schneller, drehte sich nicht um, hin zu seinen Kindern, die auf ihn warteten.
Gabi blieb allein auf der Dorfstraße stehen.
Es vergingen einige Jahre. Die Zwillinge wurden groß. Tante Natalie kam noch immer regelmäßig vorbei und sie sagte auch öfter, ihr Bruder sei ein echter Einliebender.
Paulina, ich hab gehört, du turtelst mit Gregor von der Gärtnerei!, rief die Tante schon im Flur.
Ja, und?, sagte die mittlerweile erwachsene Paulina. Du bist ja hübsch geworden, dachte Natalie nur.
Nichts und, ich frag halt. Pass auf dich auf.
Warum?
Du weißt genau warum.
Tante Natalie, ich liebe ihn und zwar für immer!
Für immer? Das denkst du nur.
Nein, ich bin mir sicher.
Du vielleicht aber Gregor?
Wenn Gregor mich verlässt, kann ich nie wieder jemanden lieben.
Das glaub ich dir tatsächlich, schmunzelte Natalie.
Abends warteten Klaus und Paulina auf ihren Vater.
Papa ist wieder spät dran, meinte Klaus.
Es ist Freitag.
Und?
Er geht immer am Mittwoch, Freitag und am Wochenende zum Grab der Mama.
Woher weißt du das? Klaus staunte.
Klaus, du Dussel wenn du deinen Vater nicht mit dem Herzen fühlst, was dann?
Sie schlichen heimlich den Gartenweg entlang zum Friedhof. Paulina zeigte auf die gebeugte Gestalt am Grabstein.
Klaus lauschte. Er hörte seinen Vater sprechen:
Siehst du, Helga, so läuft das hier. Bald bringt unsere Paulina den Gregor mit heim. Die Aussteuer hab ich schon zusammengespart, Natalie hat mir geholfen. Aber wir kommen zurecht, irgendwie.
Verzeih mir, dass ich dir im Leben so selten liebe Worte gesagt hab. Aber mein Herz hat immer für dich gesprochen Das mit den Worten konnte ich nie, das Herz war bei mir immer stärker.
Mit rauer Stimme stand Friedrich auf und verließ den Friedhof.
Paulina schaute Klaus an. Ihrem Bruder standen Tränen in den Augen.





