Sie ist einfach unerträglich! mein Freund verzieht das Gesicht. Eine schreckliche Frau. An sie will ich mich gar nicht erinnern!
Er hat sich erst kürzlich von seiner Frau getrennt. Obwohl er versicherte, dass er nicht an sie denken wolle, kommt er aus dem Erzählen gar nicht heraus. Er berichtet, wie sie bei jeder Kleinigkeit widersprochen hat, wie es unmöglich war, mit ihr auch nur in einen Supermarkt zu gehen, weil garantiert unterwegs ein Krach losging; wie sie nie das Mittagessen rechtzeitig fertig hatte, wenn er schon halb am Verhungern war; wie sie das wenige Geld, das sie mit ihrem Minijob verdiente, für irgendeinen Quatsch ausgab; und wie sie immer mehr zunahm, was ihn maßlos ärgerte schließlich sollte eine Frau doch schlank sein!
Manche seiner Ausdrücke sind so drastisch, dass ich ihn bitte, sich etwas zu beherrschen.
Leicht gesagt, Herr Moralapostel!, erwidert er gereizt. Du solltest mal eine Woche mit ihr zusammenleben. Ich habe es sieben Jahre ausgehalten. Wenigstens haben wir keine Kinder bekommen. Die wären wirklich arm dran gewesen.
Nun gut, sage ich, reg dich nicht so auf.
Doch mein Freund lässt sich nicht beruhigen. Weißt du, wie sie mich mit ihren ständigen Anrufen genervt hat? Wenn ich mal zu Freunden gefahren bin, klingelte alle fünf Minuten das Handy: Kommst du bald nach Hause? Ehrlich, es war mir schon peinlich.
Ja, stimme ich zu, furchtbar. Aber dafür bist du jetzt frei…
Diesen Gesprächsfetzen erinnere ich mich wieder, als ich etwa drei Jahre später einen anderen Freund besuche. Er schlägt vor: Lass uns in den Park gehen, ein bisschen mit dem Kinderwagen spazieren.
Seine Tochter ist gerade ein halbes Jahr alt, und er liebt es, mit ihr draußen zu sein.
Wir schlendern Seite an Seite, das Baby schläft, und mein Freund erzählt mir leise, wie glücklich er ist. Heute hört man solche einfachen, ehrlichen Worte kaum noch, also höre ich ganz aufmerksam zu. Außerdem gibt es eine kleine Sache, die mich neugierig macht.
Er spricht von seiner Frau… Sie sind seit über zwei Jahren zusammen und kennengelernt haben sie sich auf einer großen Feier, zu der er damals eigentlich gar nicht gehen wollte.
Wenn ich heute daran denke…, lacht er, hätte ich mich damals gedrückt, würde ich Annette nie getroffen haben.
Annette ist, nach seinem Erzählen, eine Traumfrau. Sie kocht wunderbar, hat das Zuhause so gemütlich gemacht, dass er sich über jede Kaffeetasse freut; sie geht sehr vernünftig mit Geld um er hat ihr sogar seine EC-Karte anvertraut und schaut nie auf die Kontoauszüge.
Sie sind praktisch nie getrennt. Wenn ich mal ohne sie unterwegs bin, sagt er, fange ich schon nach einer Stunde an, sie zu vermissen. Dann mache ich mich schnell auf den Heimweg. Wir haben uns bisher nur einmal gestritten, und zwar wegen des Namens für unsere Tochter. Sie wollte sie Johanna nennen, ich wäre lieber für Klara gewesen. Nun ja, wie du weißt, heißt sie jetzt Johanna. Ich habe ein wenig gemeckert, aber dann gedacht: Wozu eigentlich? Ist doch ein schöner Name. Annette hatte recht.
Dann sagt er schmunzelnd: Und ihre Figur ist klasse. Obwohl Annette andauernd meint, sie müsste dringend abnehmen.
Heißt das, du bist richtig verliebt auch noch nach so langer Zeit? hake ich nach.
Absolut! Und jeden Tag liebe ich sie mehr…
So grundverschieden sind die Frauen meiner beiden Freunde und die Pointe ist: Es handelt sich um dieselbe Frau. Annette war die Ehefrau des einen, der sie inzwischen nicht ausstehen kann; und wurde später die Frau des anderen, der sie bedingungslos liebt…
Seither frage ich mich immer wieder: Wie kann das sein?





