Das Ferienhaus der Herausforderungen

Der Vorfall auf dem Wochenendhaus

– Was willst du denn? – fragte Gerlinde verwundert.

Was könnte man auf dem eigenen Wochenendhaus brauchen? In den Beeten wühlen, etwas säen das Übliche!
Geht es dir gut, Mutter? Hast du keinen Kopf zu heiß bekommen?

Mutter, Gertrud Seeger, war kurz nach der Beerdigung des Vaters ins Krankenhaus eingeliefert worden ein akuter Verschluss der Herzkranzgefäße, fast vierzig Tage nach dem Begräbnis. Man hielt das für selbstverständlich: Das Ehepaar hatte lange zusammengelebt, und die Witwe war tief betroffen vom Verlust des Mannes. Man dachte, die sechzigjährige Gertrud würde allein bleiben schließlich war ihr Mann nicht mehr da und niemand sonst mehr nötig.

Der Vater war gleich nach dem Unfall verstorben: Er hatte einfach die Lieblingsserie angemacht und ist dann im Sessel umgekippt. Man hatte gerade die silberne Hochzeit geplant, doch stattdessen war eine Beerdigung nötig.

Nach dem Vater blieb einiges zurück: ein kleines Dreirad und ein gutes Haus auf dem Wochenendgrundstück, das gerade noch ausgebaut wurde, als Gerlinde noch ein Kind war.

Eines Samstags fuhr Gerlinde zum Wochenendhaus, weil die Aussaatzeit nahte. Dort traf sie überraschend einen fremden Mann, dessen Gesicht ihr vage bekannt vorkam. Es war derselbe Hausarzt, der ihre Mutter im Krankenhaus behandelt hatte.

Ja, ein fremder Mann schlurfte in Unterhosen über das Gelände nur ein Unterhemd und eine Hose, ganz ohne Jacke!

Mögliche Erklärungen schienen naheliegend: Der freundliche Mediziner war gekommen, um eine Nachuntersuchung durchzuführen und zu prüfen, ob seiner Patientin alles gut gehe. Und obwohl die Entlassung bereits ein halbes Jahr zurücklag, wäre gerade die Zeit für eine Vorsorgeuntersuchung.

Doch warum stand er dann nackt im Beet, und wo war das Stethoskop? Er trug doch doch nur Unterwäsche!

Die Sonne brannte stark, und um so nackt über fremdes Land zu laufen, erforderte ein gewisses Maß an Kühnheit.

Gertrud begegnete ihrer Tochter missmutig:

– Was willst du denn?

– Was willst du denn? – wiederholte Gerlinde erstaunt.

Was könnte man auf dem eigenen Wochenendhaus brauchen? In den Beeten wühlen, etwas säen das Übliche!
Geht es dir gut, Mutter? Hast du keinen Kopf zu heiß bekommen?

Kein Kopf zu heiß, antwortete Gertrud. Dann warum, Mutter?

– Was stört dich eigentlich? – fragte Gertrud gelassen.

Der Hausarzt, etwa sechzigjährig, trat näher und begrüßte sie. Es schien ihn nicht zu stören, dass er in Unterwäsche vor einer attraktiven, dreißigjährigen Frau stand. Seine Selbstbeherrschung war offenbar erstaunlich.

Gerlinde nickte, beendete das Gespräch und zog sich beschämt zurück ins Haus. Was nun zu tun sei, war ihr nicht klar.

Sie wollte nicht sofort weggehen das hätte bedeutet, das Schlachtfeld ohne Kampf zu verlassen. Doch wie sollte sie bleiben? Er schien gar nicht vorhaben zu gehen! Und so schlich er weiter über das Grundstück, winkte mit den Händen, wie es die Großmutter immer sagte.

Gerlinde trank etwas Wasser und beschloss, endlich Klarheit zu gewinnen: Warum benahm sich der Mann wie zu Hause? Und welche Pläne hatte ihre Mutter mit ihm?

– Er ist eben zu mir nach Hause gekommen, – erklärte Gertrud. – Und die Pläne sind groß: Wir wollen heiraten!

– Wirklich heiraten? – staunte die Tochter. – Was ist mit dem Andenken an den Vater und ewiger Liebe? Singt Aznavour nicht darüber?

– Wir können auch schief heiraten, – witzelte Gertrud und lachte über ihren eigenen Scherz. – Und du, Gerlinde, solltest dich lieber zurückziehen, du bist ja ganz schüchtern!

Verdammt, er schüchtern! dachte Gerlinde. Stell dir vor, was passieren würde, wenn er es nicht wäre

Sie sprach laut:

– Könnte er sich an einem anderen Ort schämen? Und warum steht er nackt im Beet?

– An wo anders? wund überraschte Gertrud. Ohne Unterwäsche fühlt er sich doch unwohl!

Wir lieben uns, und künftig ist alles gemeinsam: mein Haus ist auch seins! Und du, geh besser fort!

– Warum? protestierte die Tochter. Ich habe doch ein Anrecht auf das Erbe! Ich habe das Recht, meinen Anteil zu sehen!

Es stellte sich heraus, dass nicht alles so rosig war: Das Wochenendhaus war ausschließlich auf Gertrud eingetragen, sie war die alleinige Eigentümerin von Haus und Grundstück. Der Name des Vaters stand nicht im Grundbuch! Damit war das Anwesen kein Erbe, sondern ausschließlich ihr Eigentum.

Darum sollte Gerlinde besser wegziehen. Hier war sie niemand, und Gertrud begann ihr Privatleben zu ordnen.

Die Tochter setzte sich auf die Bank, fühlte sich wirklich wie nichts. Wenn Gertrud die Wahrheit sagte warum sollte sie lügen?

Das Wochenendgrundstück war auch die Großmutter der Gerlinde zugestanden worden, weil sie im Bauamt gearbeitet hatte; damals bekam fast jeder ein Stück Land. Das Haus war bereits vor der Geburt der Enkelin gebaut worden, und der Ausbau lief noch, während sie noch klein war.

– Warum bist du allein als Eigentümerin eingetragen? – fragte die junge Frau.

– Dein Vater hat niemals Wert auf materiellen Besitz gelegt! Er schwebte sein ganzes Leben in Ideen, – erklärte Gertrud bereitwillig.

Während des Gesprächs ließ der Arzt fast das Graben liegen, er begann vielmehr, die Beete umzuschaufeln geschäftig, fast schon enthusiastisch!

Er lehnte sich mit der Schaufel an und nickte mit dem kahlen Kopf, was offenbar bedeutete: Ich bin ganz deiner Meinung, meine Liebe!

In seinen Augen lag ein tiefes, fast moralisches Vergnügen. Und nicht nur das

Die ausgeheben Setzlinge lagen in der Sonne, Gerlinde saß schweigend daneben: Vielleicht muss ich wegziehen.

Nach den Unterlagen hatte sie überhaupt keinen Anspruch auf das Wochenendhaus sie war damals noch ein Kind und nicht im Grundbuch vermerkt. So fuhr sie, ohne Abschied, zurück nach Hause.

In ihrem Kopf drehte sich nur ein Gedanke: Warum benimmt sich meine Mutter so, und warum diese plötzliche Feindseligkeit mir gegenüber? Vielleicht liegt es an diesem seltsamen Hausarzt?

Parallel dazu dämmerte ihr, dass das Wochenendhaus verrückt geworden war, wie ihre Großmutter sagte. Ein Ereignis, das nie hätte passieren dürfen. Kurz gesagt, es war nie gewesen und jetzt wieder!

Sie dachte, das sei nur ein weiterer versteckter Stein.

Vielleicht würde auch mit der Wohnung, an der sie einen Anteil hatte, etwas schiefgehen: Ihre Mutter zeigte plötzlich eine unerwartete Unternehmungslust und Klugheit.

Max, ihr Ehemann, fürchtete das Auftauchen der Frau: Er kehrte normalerweise sonntags spät zurück, doch jetzt war es erst Mittag am Samstag.

– Was ist mit Gertrud Seeger? fragte Max die blasse Gerlinde nach der Entdeckung der Herzkrankheit seiner Schwiegermutter, die die ganze Familie beunruhigte.

Gerlinde und Max waren seit zehn Jahren verheiratet, und ihre achtjährige Tochter Vrenja verbrachte die Sommerferien bei ihrem Großvater und ihrer Oma auf dem Wochenendhaus. An diesem Wochenende holte die zweite Oma Max Mutter die Enkelin ab.

Gerlinde schnaufte und erzählte ihrem Mann die traurige Geschichte: Das Wochenendhaus steht uns nicht gut! Und die Wohnung ist ebenfalls unklar!

– Ach, die Schwiegermutter! grinste Max. Das herzische Leiden hindert sie ja nicht am Planen!

Na, das war ja ein Lob für deine Mutter, Gerlinde! Und weißt du noch, wie der Arzt hieß, der nackt über das Grundstück lief?

– Wie war das noch gleich? räusperte sich Gerlinde. Der Arzt, der nackt war?

– Riedel, Wilhelm! rief sie. Ich habe sogar einmal mit ihm über meine Mutter gesprochen!

Doch ohne Kittel und Stethoskop erkannte sie ihn nicht mehr ein völlig anderer Mann.

Max recherchierte im Netz und fand heraus, dass Wilhelm Riedel verheiratet war!

– Wie soll er denn an meiner Mutter heiraten? wunderte sich Gerlinde.

– Er wird sich wohl scheiden lassen. Polygamie ist hier verboten! vermutete Max. Aber wir sollten das mit Gertrud besprechen.

Sie fuhren zu Max Freund, einem Anwalt, der für seine fast immer siegreichen Prozesse berühmt war man nannte ihn den Teufelsanwalt.

Viktor Vogel erklärte, dass man versuchen könne, die Sache gütlich zu regeln. Scheitert das, müsse man vor Gericht ziehen.

Denn das Wochenendhaus und das Grundstück seien im gemeinsamen Eigentum, da sie im Rahmen der Ehe erworben wurden. Unabhängig davon, auf wessen Namen es eingetragen war, gehöre es beiden.

Nach dieser Beratung fuhren die beiden zurück zum verfluchten Wochenendhaus, um gütlich zu verhandeln und das Eisen zu schmieden, ohne dass das Schicksal ihnen einen Strich durch die Rechnung machte.

Ein friedlicher Vergleich gelang jedoch nicht: Dieses Mal ließ Gertrud sie nicht einmal vorbei. Wer wollte schon mit einer betagten Frau streiten, die an einer Herzkrankheit litt?

– Dann gehen wir vor Gericht! schrie Max hinter dem Zaun.

– So oft du willst! rief der Arzt, der sich nun völlig in den Eigentümer hineinversetzt hatte.

Sie reichten Klage ein

Das löste bei Gertrud einen Sturm aus: Wie kann man meine Mutter vor Gericht zerren? Mein Vater liegt im Sarg und wendet sich auf, weil seine Tochter so ist! Ich habe dich ermahnt, dich zu benehmen, und du

– Nichts wird dir gelingen! brüllte Gertrud. Sie war gekommen, um ihrer Tochter ihre Meinung zu verkünden, während ihr Begleiter im Auto wartete. Das Haus ist mein, es wird nicht geteilt! Einen Teil der Wohnung bekommst du, aber das Wochenendhaus lässt du dir sparen!

Vater Max wird sich scheiden, wir heiraten und verbringen den Sommer dort! Kein Gericht wird dir helfen! Kauf dir ein eigenes Haus, und rede nicht über mein Eigentum!

So schrie Gertrud, die erst kürzlich auf den Beerdigungen fast ohnmächtig geworden war und ihre Tochter umarmte: Du bist meine einzige, Gerlinde!

Ehrlich gesagt, war Gerlinde zu blamiert, alles vor Gericht zu bringen. Doch ein anderer Weg schien nicht. Gertrud wollte keinen Vergleich.

Das Gericht gab Gerlinde ein Viertel des Wochenendhauses und ein Viertel der Wohnung alles andere ging an die Mutter.

Das war nicht das Paradies, aber es war ein Ergebnis.

Gertrud schrie wie ein Besessener und verhielt sich unverschämt: Sie wollte ihre Tochter keineswegs ihr Stück vom Grundstück lassen.

Daraufhin entschied das Gericht, alles zu verkaufen und den Erlös nach den Erbanteilen aufzuteilen oder die Anteile gegenseitig zu kaufen.

Gerlinde bot an, das Wochenendhaus von ihrer Mutter zu kaufen. Das Verkaufen an Gertrud fühlte sich seltsam an, doch Gertrud stimmte zu: Sie erhielt etwas Geld dafür.

Ein notarieller Vertrag wurde aufgesetzt, in dem Gerlinde, falls sie das Haus kaufte, auf ihren Anteil an der Wohnung verzichtete: Teile und herrsche!

Damit blieb Gertrud die alleinige Eigentümerin der Wohnung plus eine ordentliche Summe, und Gerlinde bekam das Wochenendhaus.

Vater Max verschwand! Er verließ das Krankenhaus, vielleicht weil er sich über das verlorene Haus ärgerte oder weil seine Rente auslief.

Das Geld half nicht weiter: Nun konnten sie sich scheiden und eine neue Hochzeit im teuren Restaurant mit einem Hochzeitsmeister planen doch dafür gab es niemanden mehr.

Gertrud, die an einer Herzkrankheit litt, blieb ohne ärztliche Kontrolle

Und Gerlinde und ihre Mutter versöhnten sich, nachdem der Liebhaber verschwunden war. Gertrud wurde wieder die liebevolle Mutter, Großmutter und Schwiegermutter, und alles wurde wieder gemeinsam: Wohnung und Wochenendhaus.

Gertrud erklärte ihr merkwürdiges Verhalten mit einer vorübergehenden Verwirrung, rückläufigem Merkur und dem nahenden, noch nie gesehenen Asteroiden, der die Erde zu treffen drohte.

Man könnte alles auf Sonnenstürme schieben das ist ein sicherer Ausweg!

Vielleicht wird die Erde bald die Erdachse neu ausrichten, sofern sie dem herannahenden Asteroiden entgehen kann.

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Homy
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Das Ferienhaus der Herausforderungen
Der Hund senkte den Kopf bei Anblick seiner Besitzer, doch verließ seinen Platz nicht Alles begann im Dezember, als der Schnee schon wie ein dicker Teppich in unserem Wohngebiet lag. Rex, ein großer Deutscher Schäferhund mit grauem Schnauzbart, tauchte unerwartet am zweiten Hauseingang auf – als wäre er einfach aus der Winterluft erschienen. „Schon wieder der Hund, der unter dem Fenster jault!“, schimpfte Herr Schröder und zog die Gardinen zur Seite. „Hörst du das nicht, Annegret?“ „Doch, ich höre es, Volker,“ antwortete sie erschöpft. Wer hätte das Heulen nicht gehört? Es ging einem durch Mark und Bein. Die junge Familie aus Wohnung 23, Andreas und Kristina, war im September eingezogen. Mit Hund. Rex holte sie jeden Abend am Hauseingang ab, sprang freudig, leckte die Hände. Treu wie ein Uhrwerk. Doch mit dem ersten Frost veränderte sich etwas. „Wir haben entschieden: Ein Hund in unserer Einzimmerwohnung – das geht nicht. Überall Haare und dieser Geruch! Außerdem beschweren sich die Nachbarn wegen dem Gebell. Wenn du willst, nimm ihn, ist eh reinrassig, Papiere sind da,“ sagte Kristina zu ihrer Freundin am Treppenhaus. Offenbar lehnte die Freundin ab. Frau Möller merkte das, als Rex schon die vierte Nacht in dem kalten Flur zwischen den Etagen verbrachte – zitternd auf dem Betonboden. „Und, was jetzt?“, Volker wollte sich die Sorgen seiner Frau gar nicht anhören. 45 Jahre, nach dem Herzinfarkt letztes Jahr gereizt, auf alle wütend – selbst auf sie. „Er ist kein Streuner“, entgegnete Frau Möller leise. „Er hat ein Zuhause, bei Familie 23.“ „Dann sollen die ihn holen. Und wenn nicht, rufst du das Tierheim.“ Leicht gesagt. Wie erklärt man einem Hund, dass man ihn weggeworfen hat? Am nächsten Morgen brachte sie Rex ein Stück Wurst und Brot in den Flur. Der hob den schweren Kopf, blickte dankbar – fraß vorsichtig und nicht gierig. Abends dann der Entschluss zum kühnen Schritt. „Was machst du da?!“ Volker stand schon zornig in der Tür. „Warum schleppst du den Köter an?“ Rex duckte sich in die Ecke, Ohren angelegt, Schwanz zwischen die Beine – als wolle er sich entschuldigen. „Nur eine Nacht, Volker. Draußen friert er.“ „Eine Nacht? Und dann wieder? Und weiter so? Wir haben kaum Geld für unsere Medikamente – jetzt noch ein Esser mehr!“ Annegret schwieg. Was sollte sie sagen? Er hatte ja recht. „Wer zahlt das Futter? Tierarzt? Für uns reicht es ja nicht mal!“ „Volker“, sagte sie entschlossen, „der Hund ist alt. Auf der Straße stirbt er.“ „Sollen doch! Jeden Tag erfrieren welche. Willst du jetzt alle retten?“ Rex zuckte zusammen, schien noch unsichtbarer werden zu wollen. Frau Möller kniete sich zu ihm und umarmte ihn. Dickes Fell, aber verfilzt. Keiner hatte ihn lange gepflegt. „Nicht alle“, murmelte sie. „Nur diesen einen.“ Fünf Tage lagen die Nerven blank. Volker schlug demonstrativ Türen, schimpfte über jedes Hundehaar, forderte Rex loszuwerden. Rex merkte, dass er stört – fraß zögerlich, zog sich zurück, immer ein entschuldigender Blick. Sonntag kamen die Besitzer. Klingeln, energisch. Kristina im Nerzmantel, Andreas in teurer Daunenjacke: „Sie haben unseren Hund gestohlen! Das ist Diebstahl!“ Frau Möller war verwirrt: „Aber er lag doch im Flur…“ „Das ist unser Hund! Alle Papiere sind da! Sie haben sich den einfach genommen!“ Rex kam aus der Küche. Schwanz zuckte – freuen oder verstecken? „Komm, Rex! Nach Hause!“ befahl Kristina. Er schnupperte an ihrer Hand, blieb aber bei Frau Möller. „Was soll das!“, knurrte Andreas. „Komm her, Rex!“ Hund senkte den Kopf, bewegte sich aber nicht vom Fleck. „Entschuldigung“, begann Frau Möller vorsichtig, „aber er hat draußen auf dem kalten Beton geschlafen. Die ganze Nacht. Ich dachte…“ „Denken Sie nicht nach! Nicht Ihr Hund, nicht Ihr Problem! Wo unser Hund schläft, geht Sie nichts an!“, fauchte Kristina. „Auf kaltem Beton?“, stieß Frau Möller hervor. „Von mir aus auf dem Balkon! Unser Hund, unsere Sache!“ „Was ist hier los?“ Volker kam mit der Zeitung. Kristina schoss heraus: „Ihre Frau hat unseren Hund gestohlen! Sofort zurückgeben, sonst Polizei!“ Annegret wünschte sich, im Boden zu versinken. „Annegret, gib den Hund raus. Keine Probleme mit der Polizei!“ Er sah Rex an, und da veränderte sich etwas. Hund stand bei seiner Frau, bat flehend mit den Augen. „Zeigen Sie mir die Papiere,“ sagte Volker. Die jungen Besitzer stockten. „Haben wir zu Hause vergessen.“ „Bringen Sie sie, dann reden wir wieder.“ „Sie spinnen wohl! Das ist unser Rex!“ „Ist er das? Warum friert er im Treppenhaus?“ „Das geht Sie nichts an!“ „Doch, wenn ein Tier vor meinen Augen leidet!“ „WIR misshandeln niemand! Seid ihr verrückt?“ „Doch! Einen alten Hund in die Kälte – das ist Tierquälerei!“ Kristina und Andreas gerieten ins Schwimmen. „Das ist privat!“, stammelte Kristina. „Privatsache? Ein Tier zu quälen? Hinaus mit Ihnen! Entweder sofort zurück in die Wohnung und gut behandeln, oder verschwinden für immer!“ „Warum sollten wir auf Sie hören?“ „Weil ich sonst Polizei rufe! Tierquälerei ist strafbar!“ „Blöffen Sie?“ „Wollen Sie testen?“ Rex lag am Boden, atmete schwer. Frau Möller glaubte zu träumen. War DAS ihr Volker – der, der Rex rauswerfen wollte? „Wir überlegen es uns“, presste Andreas hervor. „Bis morgen Abend. Sonst bleibt Rex hier.“ „Sie dürfen das nicht!“ „Und Sie dürfen ihn nicht raussetzen!“ Nachbarn schauten neugierig aus den Türen. „Was ist denn los?“, rief Tante Martha vom fünften Stock. „Die halten ihren Hund im Flur, im Kalten“, sagte Volker. „Ich hab’s gesehen! Der hat gezittert!“, bestätigte Herr Schröder. Schnell standen die jungen Leute im Kreis von tadelnden Blicken. Kristina weinte, Andreas schnaubte vor Wut. „Entscheidet euch: In die Wohnung zurück – oder hierlassen, für immer!“ „Und wenn wir klagen?“ „Dann erklärt den Richtern mal, warum euer Hund zwei Monate im Flur lag!“ Die Nachbarn nickten zustimmend. Plötzlich schrie Andreas: „Nehmt den Hund! Wir wollen ihn gar nicht!“ Und sie gingen. Die Haustür knallte. Rex hob den Kopf, schaute ihr nach, winselte leise. Alle gingen auseinander – übrig blieben das Ehepaar und der nun ganz offiziell zu ihnen gehörende Hund. Rex kam zu Volker, stupste ihn an: „Na, Freund? Bleibst du hier?“ Ein vorsichtiges Schwanzwedeln. Ja, bleibt. „Volker, du warst doch dagegen…“ „Jetzt nicht mehr. Ich hab’ was kapiert. Wir leben auch wie Fremde nebeneinander. Falls uns einer wie Abfall loswerden will?“ Ihr wurde ganz eng ums Herz. „Behalten wir ihn?“, fragte sie leise. „Ja. Jetzt sind wir eine richtige Familie, was meinst du, Rex?“ Der Hund leckte ihn kurz über die Wange. Eine Woche später wunderte sich die Nachbarschaft: Volker aus Wohnung zwei geht jeden Morgen mit dem Hund raus – und sieht so fröhlich aus wie seit zehn Jahren nicht. Und die jungen Leute? Die sind still und heimlich weggezogen. Wahrscheinlich, weil sie sich schämten. Schade. Rex hätte ihnen verziehen.