IN DIE LEERE BLICKEND
Thomas und Leni heirateten, als sie beide erst neunzehn waren. Ihre Liebe war leidenschaftlich, fast schon rauschhaft, sie konnten kein Leben ohneeinander vorstellen. Die Eltern beschlossen deshalb schnell, ihre Verbindung zu legalisieren bevor irgendetwas Unrechtes geschehen konnte.
Die Hochzeit wurde ein großes, unvergessliches Fest, ganz wie es sich gehört: Ein Stoffherz schmückte die Motorhaube, Blumen in Hülle und Fülle, ein Feuerwerk, ein prunkvoller Festsaal und immer wieder die Rufe: Küsschen! Küsschen!
Lenis Eltern konnten es sich nicht leisten, sich finanziell an der Feier zu beteiligen. Ihr Lohn reichte gerade für das Nötigste und für Alkohol. Die gesamte Hochzeit wurde von Thomas Mutter bezahlt: Alexandra Wagner von allen, der Einfachheit halber, Sanna genannt.
Sanna hatte ihren Sohn stets davor gewarnt, sich mit einem Mädchen einzulassen, dessen Eltern dem Alkohol so zugetan waren. Aber Thomas ließ sich nicht beirren. Er versicherte seiner Mutter, Leni habe mit den Problemen ihrer Eltern nichts zu tun. Ihre Liebe, meinte er überzeugt, sei stärker als alle Schatten der Vergangenheit.
Sanna hielt dagegen: Weißt du, mein Sohn, vom Apfelbaum wächst kein Pfirsich. Pass auf, dass eure Liebe nicht kürzer währt als eines Spatzes Schnabel
Doch für Thomas und Leni schien das Glück grenzenlos. Sie glaubten fest, dass nur die Liebe, das ausgelassene Leben und das große Glück vor ihnen lagen. Die Welt schien ihnen zu Füßen zu liegen.
Aber das Leben erzählte seine eigene Geschichte.
Als Hochzeitsgeschenk übergaben Sanna und ihr Mann dem jungen Paar eine kleine Wohnung in einer ruhigen Ecke von München. Lebt glücklich, Kinder!
Zunächst war die Ehe harmonisch. Das Schicksal, so schien es, war ihnen wohlgesonnen.
Leni brachte zwei Töchter zur Welt: Tanja und Svea. Thomas liebte seine Mädchen über alles. In seiner Familie fühlte er sich als ein wahrer Herr im Haus und war stolz darauf.
Doch nach nicht einmal fünf Jahren änderte sich alles. Leni verschwand immer häufiger aus dem Haus. Wenn sie zurückkam, roch Thomas den Alkohol. Er suchte Erklärungen, doch Leni schwieg zunächst, bis sie eines Tages herausplatzte, sie habe ihn nie wirklich geliebt es sei nur jugendliche Verliebtheit gewesen.
Nun, so erklärte sie, habe sie endlich den Mann ihrer Träume gefunden. Sie würde ihn verlassen, egal, dass dieser Mann schon verheiratet war und drei Töchter hatte.
Für Thomas brach eine Welt zusammen. Er fühlte sich wie von dunklem Nebel umhüllt. Verraten von der Frau, die er so sehr liebte.
Leni floh mit ihrem Geliebten in ein abgelegenes bayerisches Dorf. Ist mein Schatz bei mir, ist es selbst in einer Scheune ein Paradies, redete sie sich ein. Die Töchter überließ sie ihrem Schicksal.
Sanna Wagner war eine burschikose, energische Frau, schwer zu fassen und noch schwerer zu entmutigen. Sie nahm die beiden Enkelinnen zu sich, gemeinsam mit ihrem Mann schlossen sie die Mädchen ins Herz und gaben ihnen alles, was sie konnten.
Thomas, von Kummer und Einsamkeit getrieben, schloss sich auf Rat eines Freundes einer strengreligiösen Gemeinschaft an. Dort wurde er schon bald mit einer Witwe, Klara, verheiratet, die ihrerseits zwei Söhne, Oleg und Viktor, mitbrachte. Nach einer Weile folgte die kirchliche Trauung nach den Regeln der Gemeinschaft.
Für seine eigenen Töchter hatte Thomas kaum noch Zeit. Klara überschüttete ihn mit ihren Sorgen, die niemals abrissen. Wenn Thomas anmerkte, dass er Tanja und Svea sehen wolle, hieß es nur: Sie haben eine Mutter. Lass sie sich kümmern. Bring lieber Viktor zur Schule und gib Oleg etwas zu essen
Thomas tat alles, was von ihm verlangt wurde. Aber im Herzen trauerte er Leni immer noch nach und wusste gleichzeitig: Es gibt kein Zurück.
Sieben Jahre später stand Leni plötzlich vor Sannas Tür. An der Hand ein Mädchen von vielleicht vier Jahren. Sanna musterte die ehemalige Schwiegertochter kritisch.
Du siehst mitgenommen aus, Leni. Ist das deine Tochter? höhnte sie.
Ja, das ist Marie. Dürfen wir eine Zeitlang bei euch bleiben? fragte Leni unsicher.
Solche Gäste habe ich nicht erwartet. Rausgeworfen worden? bohrte Sanna nach.
Nein, ich bin von selbst gegangen. Ich halte es nicht mehr aus. Mein Mann schlägt mich und ist ständig betrunken, klagte Leni.
Den Mann hast du dir selbst ausgesucht. Niemand hat dich gezwungen. Was ist mit deinen Eltern, warum gehst du nicht zu ihnen? Sanna ließ Milde nicht so recht durchscheinen.
Ich habe meine Mädchen vermisst. Darum bin ich gekommen. Darf ich sie wenigstens sehen? Leni wurde mutiger, im Wissen um Sannas großes Herz.
Schau an, jetzt erinnerst du dich an deine Kinder! Du bist wie der Kuckuck, Leni, schimpfte Sanna, doch bevor sie weitermachen konnte, läutete es.
Tanja und Svea waren inzwischen herangewachsen und begegneten ihrer Mutter mit Misstrauen; Bitternis stand in ihren Augen. Von Mutterliebe keine Spur, der Schmerz des Verlassenwerdens saß tief. Sanna hatte oft bemerkt, ihre Enkelinnen seien zu Lebzeiten der Eltern zu Waisen geworden.
Trotz allem nahm Sanna Leni und Marie bei sich auf sie konnte Frau und Kind ja nicht auf die Straße setzen.
Doch nach einem Monat verließ Leni die Familie heimlich. Es kam heraus, dass sie zu ihrem süßen Peiniger zurück ins Dorf gegangen war. Marie ließ sie kurzerhand bei der Großmutter. Nun waren Sanna und ihr Mann für drei Enkelinnen verantwortlich, die sie liebten und umsorgten. In ihrem Zuhause herrschten Wärme, Respekt und Geborgenheit.
Das Leben rauschte weiter, Jahre vergingen.
Großmutter Sanna, dann ihr Mann, traten nacheinander den letzten Weg an. Tanja heiratete, doch blieb kinderlos. Svea verbrachte ihr Leben allein.
Marie bekam mit siebzehn ein Kind und zog zu ihrer Mutter, irgendwo in der bayerischen Einöde.
Die Jugend war gegangen, ohne sich zu verabschieden, das Alter kam, ohne zu grüßen.
Leni lebte inzwischen allein. Ihr letzter Gefährte war krank geworden, schließlich ein Pflegefall. Seine Töchter brachten ihn in die Stadt, machten Leni Vorwürfe: Sie hätte sich besser kümmern müssen. Zum Schluss warf man ihr noch nach: Kümmere dich lieber um deinen eigenen Kram!
Im Dorf wurde Leni als schamlose Trunkenboldin bekannt. In kleinen Gemeinden spricht sich jede Geschichte schnell herum, die Gerüchte schwirrten durch die Luft. Ihr Ruf war miserabel.
Thomas schließlich floh vor Klara und entkam nur knapp der Sekte. Er blieb allein zurück, lebte in der alten Münchner Wohnung seiner Mutter. Sein Leben bestand aus Wasserbrot und kalten Nächten, mit drei Katzen als einziger Gesellschaft damit der Wahnsinn nicht ganz Macht über ihn gewann. So hatte sich das Glück das alles sicher nicht vorgestellt
Und doch hatte das Glück einst an die Tür von Leni und Thomas geklopft.





