Mama, wir sind es, deine Kinder… Mama Sie schaute sie an.
Sabine und Klaus hatten ihr ganzes Leben in Armut verbracht. Sabine hatte jede Hoffnung auf ein glückliches und wohlhabendes Leben verloren. Einst war sie jung gewesen, voll Liebe und Zuversicht und hatte von einer besseren Zukunft geträumt. Doch das Leben verlief anders, als sie es sich erhofft hatte. Klaus arbeitete hart und verdiente nur wenig. Als Sabine schwanger wurde, verschärfte sich die Situation noch. Drei Söhne wurden einer nach dem anderen geboren. Sabine hatte schon lange keine Arbeit mehr gehabt. Das Gehalt ihres Mannes reichte vorne und hinten nicht. Die Kinder wuchsen und brauchten Kleidung und Schuhe.
Das gesamte Einkommen floss in Lebensmittel. Hinzu kamen Miete, Strom und andere laufende Ausgaben. Zwölf Jahre lebten sie so, und das hinterließ Spuren in der Familie. Klaus begann zu trinken. Er brachte zwar immer noch seinen Lohn nach Hause, kam aber jeden Abend betrunken heim. Sabine verlor immer mehr das Herz für diese Art von Leben. Eines Tages kam Klaus wieder betrunken mit einer halb leeren Flasche Korn nach Hause. Sabine hielt es nicht mehr aus, riss ihm die Flasche aus der Hand und trank selbst. Von diesem Moment an begann auch sie zu trinken.
Nach einer Weile fühlte sie sich wie befreit, als ob ihre Sorgen einfach weggetrunken wären. Sie wurde sogar wieder fröhlich. Von da an wartete sie beinahe täglich, dass ihr Mann etwas zu trinken mitbrachte, und schließlich tranken sie zusammen.
Sabine vergaß ihre Kinder. Die Nachbarn in dem kleinen Dorf wunderten sich, wie ein Mensch sich durch Alkohol so verändern konnte. Bald bettelten die Jungen im Ort um Essen. Eines Tages hielt eine Nachbarin es nicht mehr aus und sagte:
Sabine, gib sie lieber ins Heim, als sie verhungern zu lassen. Wie lange willst du noch trinken und deine Kinder vergessen?
Diese Worte gingen Sabine nicht mehr aus dem Kopf. Immer wieder dachte sie daran. Es wäre leichter gewesen, ohne die Kinder um sich herum zu sein. Nach einiger Zeit gaben Sabine und Klaus endgültig auf und brachten die Söhne ins Kinderheim. Die Jungs weinten und warteten vergeblich auf ihre Eltern. Doch Sabine und Klaus dachten nicht mehr an ihre Kinder.
So vergingen mehrere Jahre. Einer nach dem anderen verließen die Söhne das Heim. Jeder von ihnen erhielt eine kleine Einzimmerwohnung vom Jugendamt, immerhin ein Dach über dem Kopf. Alle fanden Arbeit. Sie hielten zusammen und unterstützten sich gegenseitig. Über ihre Eltern redeten sie wenig, doch der Wunsch, sie zu sehen und nach dem Warum zu fragen, blieb.
Eines Tages trafen sie sich und fuhren gemeinsam zu dem Haus, in dem sie früher gewohnt hatten. Auf dem Weg trafen sie ihre Mutter, die nur mühsam nach Hause kam. Sabine ging an ihren Söhnen vorbei, ohne sie anzublicken.
Mama, wir sind es, deine Kinder… Mama
Sie blickte leeren Auges auf, dann erkannte sie sie.
Sabine brach in Tränen aus und bat um Verzeihung. Aber wie konnte man so etwas verzeihen? Die Söhne standen da und wussten nicht, was sie sagen sollten. Doch schließlich entschieden sie: Egal, was geschehen war, Sabine war und blieb ihre Mutter. Und sie vergaben ihr.
Manchmal ist Vergebung die einzige Brücke, die es uns ermöglicht, mit der Vergangenheit Frieden zu schließen und gemeinsam voranzugehen.





