Du glaubst es nicht, Lisa, was bei uns schon wieder los war. Ich komme gestern zu Uschi, meiner Schwiegermutter, ganz harmlos mit einem Beutel voller Einkäufe, weißt du, so wies sich eben gehört. Kaum stehe ich in ihrer kleinen, altmodischen Küche in Hamburg-Eimsbüttel, legt sie schon los: Saskia, wo ist eigentlich der Küchenmaschine? Der stand doch gestern noch hier auf dem Sideboard, ich hab ihm extra einen Platz freigeräumt!
Ich stelle den Einkauf ab und blicke auf den Platz, an dem bis vor Kurzem noch dieser teure KitchenAid-Profimixer stand den ihr Julian, mein Mann, letztes Jahr zum runden Geburtstag geschenkt hat. Jetzt liegen da nur noch alte Hamburger Abendblätter und die bestickte Wachstuchtischdecke ist etwas schmuddelig.
Uschi, wovon reden Sie? Ich bin gerade erst rein, sage ich vorsichtig.
Und sie nur: Der stand hier noch heute Morgen. Vielleicht hat den meine Tochter Sophie genommen? Die war doch vorhin noch kurz Salz holen Stimmt! Die hat den bestimmt mitgenommen!
Innerlich rolle ich schon wieder die Augen. Wenn Uschi so tut, als könne sie sich an nichts erinnern, dann weiß ich gleich: Das Teil ist schon wieder bei Sophie gelandet. Immer derselbe Ablauf! Uschi vergisst ganz plötzlich alles und behauptet dann, ihre Tochter hätte dringend gebraucht diesmal eben die Küchenmaschine.
Sie meinen, Sophie hat eben mal kurz vorbeigeschaut und eine zwölf Kilo schwere Maschine plus Zubehör und Teigschüssel unter den Arm geklemmt?, frage ich und setze mich Mantel noch an auf den alten Küchenhocker.
Uschi kneift die Lippen zusammen: Warum nicht? Sie hat doch Kinder, die sollen ja schließlich frischen Orangensaft und gesunde Sachen bekommen. Und ich? Mir schlagen eure Smoothies nur auf den Magen. Sophie braucht sie dringender! Alleinerziehend und so weiter!
Ich atme durch, zähle innerlich bis zehn: Julian hat wegen diesem Gerät drei Monate seinen Dispo überzogen, Uschi. Das war Ihr Geschenk, damit Sie sich nicht mehr die Finger an der alten Reibe verletzen.
Da herrscht kurz Stille, dann wirft Uschi die Hände in die Luft: Jetzt fang du auch noch an mit dem Geiz! Julian ist ihr Bruder, natürlich hilft er seiner Schwester! Und du sitzt da wie die sparsame Hausfrau und kümmerst dich nur ums Geld. Ist doch bloß eine Küchenmaschine!
Mir pocht langsam der Schädel immer dasselbe. Uns gehts nicht um die paar Euro. Wir möchten einfach, dass unsere Geschenke bei Ihnen bleiben. Der Staubsauger an Weihnachten bei Sophie. Der Dampfreiniger zum Geburtstag auch bei ihr. Und das schöne italienische Kaffeeset, das wir aus dem Toskana-Urlaub mitgebracht haben?
Uschi unterbricht mich schroff: Genug jetzt! Sophie ist nun mal meine Tochter. Ihr könnt gut reden, ihr rechnet immer jeden Cent, während sie am Existenzminimum lebt! Sei so gut, Saskia, ruf Julian, ich muss mal alleine mit ihm sprechen.
Ich gehe raus, kanns echt nicht fassen. Ich sehe schon wieder alles vor mir: Sie ruft Julian, schildert die dramatischste Herzenssache der Woche, heult in den Hörer, dass ich sie wieder zur Weißglut gebracht habe, und am nächsten Tag kauft Julian ihr das nächste Luxusgerät. Und Sophie? Die nimmts dann einfach ganz selbstverständlich mit nach Hause.
Später am Abend. Julian arbeitet im Homeoffice an einem Bericht zwei Jobs mittlerweile, weil wir mit unserer Eigentumswohnung in Ottensen schneller vorankommen UND nebenbei noch seinen Eltern helfen.
Ich: Wieder bei Sophie gelandet, der Mixer.
Er nur: Was willst du, sie ist halt meine Schwester. Soll ichs ihr entreißen? Mama hat heute wieder angerufen und geweint, dass Sophies Jungs keine anständigen Schuhe mehr haben. Wetten, Sophie verkauft das Teil jetzt sowieso wieder?
Ich fass es einfach nicht. Julian, wir haben 1200 Euro für das Ding bezahlt, und Sophie, die nie länger als vier Stunden am Tag arbeitet, vertickt es schnurstracks auf eBay. Das ist ein schlechter Witz!
Er: Wenn wir so weitermachen, sind wir für Mama sowieso keine Kinder mehr
Und ich weiß ganz genau: In dieser Konstellation sind immer wir die gutverdienenden, geizigen Stiefkinder und Sophie ist das hoffnungslose Opfer.
Zwei Tage später eskaliert es dann nochmal. Uschi und Sophie krachen so richtig aneinander. Der Grund ist banal: Sophie verlangt Geld von ihrer Mutter und Uschi verweigerts endlich mal. Julian bekommt Nonstop Anrufe: Sohn! Sie hat mich verflucht, sagt, sie will nichts mehr mit mir zu tun haben! Und dann nimmt sie die Einkäufe, die du gestern gebracht hast, einfach mit! Stell dir das mal vor!, jammert Uschi am Hörer. Julian sieht aus wie sieben Tage Regenwetter.
Abends fahren wir also wieder zu ihr raus. Ich putz den Flur, Julian repariert den tropfenden Wasserhahn und Uschi sitzt theatralisch schniefend im Sessel und redet sich um Kopf und Kragen ach wie gemein Sophie doch ist. Ich hab ihr immer das beste Stück vom Braten gegeben, und sie? Dabei bekommen wir plötzlich alle Lobeshymnen ab: Ach Saskia, immer hilfsbereit, Julian, meine große Stütze
Und trotzdem denk ich mir: Kaum vertragen sich die beiden wieder, sind wir, Saskia und Julian, die schuldigen Bohnenzähler.
Ein paar Wochen Ruhe. Dann treffe ich Sophie zufällig im Alsterhaus. Fast erkenne ich sie nicht neue Daunenjacke, frisch gestylte Haare, Taschen voller Designerklamotten. Hi Saskia, läuft bei euch? grinst sie mich an. Ich so: Mama meinte, die Jungs hätten keine Schuhe? Sophie lacht nur: Ach, die übertreibt doch immer! Wir haben uns schon wieder versöhnt, total süß von Mama, hat mich ein bisschen unterstützt. Kommt ihr morgen zum Geburtstag? Sie plant ein Riesenfest
Mir bleibt kurz die Spucke weg. Ich nach Hause, Julian ist gerade dabei, den neuen Laptop für seine Mutter zu verpacken natürlich auf Raten gekauft. Ich sag gleich: Hör auf damit, die beiden haben sich längst wieder vertragen! Die planen sowieso schon, wie sie deine Gehaltssonderzahlung aufteilen können. Er guckt nur, wie vom Donner gerührt.
Und dann ist auch schon der Geburtstag. Uschi, Sophie und ihre Kinder sitzen am Kaffeetisch, alle ganz aufgeregt. Uschi sieht uns, guckt kurz erschrocken, dann wieder die typische freundliche Maske. Och, Julian, Saskia, wie nett Setzt euch. Ist nur eng, Sophie, rück mal für unsere sparsamen Verwandten!
Sophie wieder das große Theater er solle jetzt mal endlich das Bad renovieren, hab er doch seiner Schwester versprochen, sie könne unmöglich Freunde einladen mit den losen Fliesen! Julian, plötzlich knallhart: Ich hab dir nichts versprochen und ich hab auch kein Geld mehr dafür. Uschi ist fassungslos: Aber ich habe es Sophie zugesagt! Du hast Rücklagen, ich weiß das doch! Saskia, du steckst dahinter, hm? Ich nur Schulterzucken: Wir subventionieren euch nicht mehr, sorry.
Sophie rastet aus: Wer bist du eigentlich in dieser Familie, ha? Kommst hier rein, räumst alles ab und meinst, du hast die Hosen an!
Ich so ruhig wie möglich: Julian zahlt für diese Wohnung mehr als deine Niere wert ist, Sophie. Alles was hier steht, hat er bezahlt und sich hart erarbeitet.
Da schickte uns Uschi dann endgültig raus: Verschwindet! Ihr kommt hier erst wieder rein, wenn ihr euch bei uns entschuldigt! Und tut, was sich gehört!
Also gut, wir nehmen unsere Jacken und gehen. Ich seh Julian an, wie fertig er ist.
Zwei Monate herrscht Funkstille. Dann steht Uschi einfach unangemeldet vor unserer Tür. Sie hat geweint, sagt, Sophie sei mit Kind und Kegel zu irgendeinem neuen Kerl nach München durchgebrannt. Ach was, lass sie, vielleicht wirds jetzt ruhiger, sag ich noch. Aber Uschi bringts auf den Punkt: Sophie hat sie um ihr ganzes Erspartes erleichtert, sogar die Mikrowelle aus der Küche hat sie mitgenommen alles verkauft, das letzte Hemd. Das Drama ist perfekt, Uschi heult, Julian bleibt zutiefst ruhig.
Sie bettelt ihn an, endlich wieder Geld zu geben für Miete, Essen, die Steuer, sogar für den Wasserrohrbruch, der den Nachbarn unter uns ein nasses Wohnzimmer beschert hat. Aber Julian sagt diesmal: Mama, es reicht. Wir zahlen fortan nur noch direkt: Miete und Rechnungen überweise ich, und einmal pro Woche bring ich dir einen Korb mit Brot, Butter und Haferflocken vorbei. Bargeld gibts nicht mehr und Geschenke auch nicht. Ich bin innerlich richtig stolz auf ihn.
Der folgende Streit war heftig, Geschrei und Vorwürfe, wie sies verdient hätten aber Julian blieb standhaft. Keine Ausnahme mehr. Am Abend ruft sie an und sagt leise ins Telefon: Julian, gut. Ich nehm dein Angebot an
Und du du kennst doch meine Familie: Wetten, das bleibt wieder nicht lange so ruhig?





