Dem Herzen kann man nicht befehlen
Tagebuch heute
Nachdem ich durch unser kleines Dorf spaziert war, schob ich das Gartentor auf und trat in unseren Hof. Meine Mutter stürmte mir entgegen, zog mich an sich und wischte sich verstohlen die Tränen aus dem Gesicht.
Mein Junge, du bist endlich wieder da! Schau dich an als wärst du deinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Ach, hätte er dich nur noch sehen können, sprudelte es aus ihr heraus.
Ich grinste, drückte sie sanft, Hallo Mama, du erdrückst mich ja fast. Lass uns reingehen.
Lukas, ich konnte die ganze Woche kaum schlafen, hab jeden Tag auf dich gewartet. Gott sei Dank bist du endlich wieder zu Hause. Jetzt kann ich auch wieder zur Ruhe kommen.
Aus der Bundeswehr bin ich wie ausgewechselt zurückgekehrt: kräftiger denn je, muskulös und aufrecht. Schon vor dem Einzug war ich kein Schwächling, aber jetzt Und Mädchen hatte ich immer nur auf Distanz gehalten, was sie selbst nie richtig verstanden.
Ich will vor dem Wehrdienst keine ernste Beziehung. Wer weiß, ob das Mädchen dann wartet das macht einem doch nur das Herz schwer Lieber danach: erst die Pflicht, dann die Liebe, dann die Hochzeit, erzählte ich oft meinem Freund Markus.
Wahrscheinlich ist das sogar vernünftig, stimmte Markus zu und klopfte mir freundschaftlich auf den Rücken. Du warst schon immer so ein ernster Typ.
Mittlerweile waren wir im Haus, Mama stellte Brotzeit auf den Tisch, als Markus plötzlich hereinplatzte, mich lachend umarmte und ausrief: Mensch, Lukas, du bist ja ein ganz anderer Kerl geworden! Der Wehrdienst hat dir echt gutgetan.
Mir blieb der Tag kaum Zeit zum Verschnaufen, es kamen Nachbarn, alte Schulfreunde, Jung und Alt jeder wollte quatschen und mich drücken.
Abends zogen Markus und ich zum Dorfgemeinschaftshaus. Die Musik war schon in vollem Gange, überall wurde getanzt. Mir schwirrte der Kopf vor lauter Mädchen aber kaum, dass ich mir überlegt hatte, wen ich ansprechen könnte, kam Lisa schon auf mich zu.
Hi! Du tanzt jetzt mit mir!, zwinkerte sie und zog mich einfach mit auf die Tanzfläche.
Mit Lisa kam kein rechtes Gespräch auf; sie sah mir in die Augen, ich wurde schon nervös und konnte ihren Blick kaum erwidern. Innerlich grinste ich über meine eigene Unsicherheit, aber schließlich übernahm Lisa das Ruder und brachte die Unterhaltung in Gang.
Sie war drei Jahre älter, quirlig und gepflegt anzusehen. Den ganzen Abend wich sie mir nicht von der Seite, also blieb mir am Ende nichts anderes übrig, als sie nach Hause zu begleiten. Unterwegs wollte ich ihr von meiner Zeit beim Bund erzählen, aber da blieb Lisa einfach stehen, küsste mich unvermittelt und brachte mich völlig aus dem Konzept. Sie lachte herzlich, mir war es eher unangenehm und ich merkte, dass Lisa ein ganz anderes Tempo vorlegte. Es war mir nicht immer ganz recht, aber irgendwie passte es doch.
Lukas, bist du jetzt schüchtern geworden in der Bundeswehr?, kicherte sie.
Die Nacht verlief genauso forsch wie der Kuss. Gegen Morgen schlich ich nach Hause. Und am nächsten Tag tauchte Lisa bei uns auf dem Hof auf, als wäre es das Natürlichste. Sie half meiner Mutter, war fröhlich, frische Blumen auf dem Tisch, überall Ordnung ganz die perfekte Schwiegertochter. Mama mochte sie. Ich war mir selbst aber gar nicht sicher.
Warum kam Lisa eigentlich tagsüber, wenn wir uns abends im Gemeindehaus sowieso wieder trafen? Das ging mir nicht aus dem Kopf.
Unser Nachbar, Herr Albrecht, ein rüstiger Rentner, beobachtete alles mit viel Interesse. Jeden Morgen inspizierte er von seinem Fenster aus unseren Hof, murmelte immer etwas von Alles in bester Ordnung.
Eines Morgens arbeitete ich im Stall, als er plötzlich hinter mir stand. Na, junger Nachbar, sieht so aus, als hätte Lisa dich schon fest im Griff. Die lässt ja nicht locker, was? Pass bloß auf, die ist nicht auf den Kopf gefallen.”, grinste er mit seinem weißen Schnauzer.
Sein Gerede brachte mich mehr ins Grübeln. Mit Lisa wars bequem, aber nicht so, dass sie mir wirklich das Herz gestohlen hätte. Ich war fast erleichtert, als sogar Herr Albrecht das sagte: Man sieht dir die große Liebe nicht an, Lukas. Mach dich frei!
Abends erklärte ich meiner Mutter: Ich mach Schluss mit Lisa. Sie ist nett, aber nicht wirklich die Richtige.
Mama war entsetzt. Aber sie ist doch so fleißig, hilfsbereit was willst du denn noch?
Ich zuckte mit den Schultern. Jemanden, der mich fasziniert, der mir ein Rätsel bleibt Nicht alles soll so offensichtlich sein.
Mama verstand das nicht. Am Abend versuchte ich, mich von Lisa zu lösen. Sie ließ mich kaum zu Wort kommen, küsste und lachte. Trotzdem sagte ich ihr, dass es das letzte Mal sei.
Die nächsten Tage mied ich den Dorfklub, las statt dessen Bücher im Bett, fuhr mit Markus angeln oder besuchte einen Kumpel in Hannover. Lisa kreuzte ständig auf, ließ aber bald von mir ab.
Mitten im Hochsommer zog eine neue junge Landärztin ins Dorf: Emilia. Dezent gekleidet, ohne großes Make-up, zurückhaltend und feinfühlig, aber auch bestimmt. Ihre Augen waren so blau und klar wie zwei Bergseen. Im Dorf kannte sie zunächst niemand.
Herr Albrecht musste natürlich direkt hin er hatte Probleme mit dem Rücken. Nach dem Besuch schwärmte er: Ach, unser Fräulein Doktor klein, aber oho! Hat mir genau erklärt, wie und wann ich meine Medizin nehmen muss. Und diese Augen! Wenn sie lächelt, geht die Sonne auf.
Ich hatte Emilia noch nie gesehen, war den ganzen Tag draußen bei der Ernte, kam ausgelaugt abends heim. Eines Morgens, als ich wieder zu schwer hob, krachte es in meinem Rücken, ich konnte mich kaum aufrichten. Herr Albrecht bekam das sofort mit, lief los und bat Emilia, vorbeizuschauen.
Als sie kam, war ich skeptisch: so jung und zart, was soll die mir helfen können? Doch ihr Blick war streng, und doch blitzten die blauen Augen warmherzig. Ihre Hände an meinem Rücken ich hielt plötzlich ganz still.
Sie brauchen Tabletten und Injektionen, ich komme die nächsten Tage vorbei, bestimmte sie.
Ich wartete jeden Tag auf Emilia, mit immer mehr Sehnsucht. Als ich wieder besser gehen konnte, fasste ich mich ein Herz, wollte ihr meine Dankbarkeit in einem Kuss zeigen. Doch sie verpasste mir so eine Ohrfeige, dass mir schwindlig wurde.
Ohne ein Wort packte sie ihre Sachen und ging. Ich ärgerte mich maßlos über meine Dummheit. Natürlich hatte sie mehr Respekt verdient! Am nächsten Tag entschuldigte ich mich; sie blieb wortkarg. Aber ich spürte: Auch sie mochte mich insgeheim.
Als die Spritzen endlich vorbei waren, war die Ernte eingebracht, auf dem Hof wurde es ruhiger. Abends ging ich wieder ins Gemeindehaus. Kaum drinnen, lief Lisa schon auf mich zu, aber mein Blick blieb an Emilia hängen. Sie stand abseits, still, in ein Gespräch mit einer Freundin vertieft.
Musik setzte ein. Ich fragte sie, ob sie tanzen möchte. Ihre Figur, ihre Haltung so federleicht, so anmutig, mit diesen offenen, scheuen Augen. Ich fühlte mich wie auf Wolken. Nach dem Tanz flüsterte ich ihr zu: Lass uns abhauen. Sie lachte und nickte spitzbübisch.
Nicht einmal ein Jahr später feierten wir unsere Hochzeit. Ganz Dorf feierte mit, nur Lisa schaute finster drein und lästerte, doch keiner hörte auf sie.
Heute früh bin ich aufgewacht, trat hinaus in die kühle Morgenluft, wollte eigentlich barfuß durchs nasse Gras laufen, doch dann zog es mich zurück ins warme Bett zu Emilia. Sie japste unter der Kühle meiner Haut, schmiegte sich dann aber froh an mich.
Ich drückte sie richtig fest, bis sie lachend sagte: Pass auf, diesmal musst du vorsichtiger sein
Warum das? lachte ich zurück.
Na, wir sind bald nicht mehr zu zweit. Ich bin schwanger, Lukas.
Ich schnappte nach Luft. Wirklich?
Sie nickte strahlend. Wirklich! Komm, steh auf, ich geh die Kühe melken, du bringst sie auf die Weide.
In der Küche erwartete mich ein Stapel Pfannkuchen mit Quark und dampfender Tee. Nach dem Frühstück küsste ich Emilia auf die Wange, zwinkerte und deutete aufs Schlafzimmer wir hatten noch Zeit.
Begeistert wirbelte ich sie später im Hof herum, während Herr Albrecht von seiner Veranda aus grinsend zusah.
Na, der Bursche hats erwischt. Mit einer jungen Frau ist das Leben süß!
Voller Vorfreude auf unser Kind, ging ich den ganzen Tag beseelt meinen Arbeiten nach. Ich will die ganze Welt umarmen!
Danke fürs Zuhören und euer Interesse. Euch allen im Leben viel Glück!





