Freitagabend. Ich schreibe dies mit zittrigen Händen, doch der Stift gleitet überraschend ruhig über das Papier. Vielleicht wird mir diese Seite helfen, zu begreifen, wie sehr sich mein Alltag gewandelt hat und wie ich es überhaupt so weit kommen ließ.
Ich heiße Günther Schneider. Ich bin 61 Jahre alt. Meine Frau heißt Irmgard. Auch unsere Tochter, Stefanie, ist heute seit langem wieder zu Besuch gewesen. Es war wie immer: ich lese die Zeitung am Küchentisch, blättere zwischendurch auf meinem Handy herum, während Irmgard den Abendbrottisch deckt Wurst, Brot, gewohnte Sachen. Freitag eben.
Aber heute war alles ein bisschen anders.
Als Irmgard mir eine Platte mit Käse- und Wurstscheiben hinstellt, schaue ich sie flüchtig an und sage, ohne groß nachzudenken:
Du bist alt geworden, Irmgard. Und hübsch warst du doch mal mehr.
Worte, eben. Wie man halt feststellt, wenn der Kaffee kalt ist. Ich bemerkte kaum, wie Stefanie erschrak, den Blick senkte und weiterschmauste, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt als den Kartoffelsalat.
Irmgard hatte diese Ruhe im Gesicht. Ich kenne sie schon zu lange, doch sie wirkte auf einmal fremd, als hätte sich in ihr etwas sortiert:
Esst in Ruhe, flüsterte sie.
Ich zuckte nur mit den Schultern und schöpfte mir Suppe nach. Wir sprachen kaum noch ein Wort beim Essen.
Nachts lag ich im Bett, blätterte noch einmal in der Zeitung, bevor ich einschlief. Irmgard, auf der anderen Seite, wand sich lange hin und her, murmelte manchmal kaum wahrnehmbar. Ich will nicht sagen, dass ich sie ignoriert habe aber nach so vielen Ehejahren stellt man das Schnarchen des anderen schon mal auf Durchzug.
Am nächsten Morgen, als ich aufstand, fiel mir auf, wie sie lange im Abstellraum kramte. Später fiel mein Blick auf den Esstisch. Dort stand eine alte Kiste mit Nähgarn, Stoffresten, Knopfdosen und einer Mappe voller Zeichnungen. Etwas in mir fragte, was das solle, aber ich behielt die Frage für mich.
Es dauerte nicht lange, bis Irmgard sich mit einer alten Schulfreundin traf Annegret, die sie seit Jahrzehnten nicht gesehen hatte. Sie kam voller Freude aus dem Bioladen, erzählte mir von diesem Treffen nebenbei, als sei sie wieder neunzehn. Ihre Wangen waren rot und ihre Augen leuchteten; ich bemerkte es, legte es aber auf einen schönen Tag zurück.
Einige Samstage lang verschwand sie aus dem Haus. Sie sagte, sie besuche Annegret oder müsse zum Arzt ich nickte nur und vertiefte mich in meinen Fußballverein. Sie kam immer mit neuen Geschichten nach Hause, und ich bemerkte, wie sie neuerdings Stoffe kaufte, Schnittmuster ausdruckte, und plötzlich trug sie ein selbstgenähtes blassblaues Hemd. Ich machte keine Bemerkung dazu; was hätte ich auch sagen sollen?
Mit der Zeit wurde sie anders. Sie stellte keine Fragen mehr nach meinem Lieblingsessen. Wenn ich nach warmer Mahlzeit fragte, zuckte sie nur mit den Schultern. Mach dir doch was selbst warm, Günther, sagte sie dann.
Eines Abends fiel es mir zu sehr auf: Was ist mit dir los, Irmgard? Rebellierst du jetzt? Ich komme hungrig von der Arbeit, und alles, was du machst, ist Nähen und irgend so ein Quatsch!
Wärm dir die Rouladen von gestern hoch. Ich habe gerade keine Zeit.
Ihre Stimme war ruhig, fast gelassen.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Früher hätte sie sich entschuldigt oder gar geweint jetzt nicht mehr.
So vergingen etliche Wochen. Sie nahm kleine Nähaufträge von Annegret an, verdiente die ersten fünfzig Euro. Ich sah sie banknoten in der Hand halten, als hätte sie gerade einen Schatz gefunden.
Ich wurde ärgerlich. Ich hatte schließlich 37 Jahre das Geld nach Hause gebracht, sie hatte sich um alles andere gekümmert so liefen die Dinge halt. Aber jetzt? Jetzt wollte sie ihr eigenes Leben führen.
Lass uns reden, Irmgard, schlug ich nach drei Tagen Schweigen vor, als wir uns in der Küche trafen. Ich will meine Frau zurück. So wie früher!
Das wird es nicht mehr geben, Günther, antwortete sie. Ihr Blick war klar. Früher hatte ich Angst. Jetzt nicht mehr.
Angst wovor?
Davor, alleine dazustehen. Aber es ist besser, alleine zu sein, als sich alt und nutzlos fühlen zu lassen.
Es war, als hätte ich sie nie verstanden.
Schließlich kam der Tag, an dem sie feststellte:
Die Wohnung hat meine Mutter mir vermacht. Du kannst bleiben, solange du dich benimmst. Aber ich bestimme jetzt, wie ich lebe.
Ich werde nie vergessen, wie ich da stand, keuchend, wütend, und sie einfach wegging, mit ihrem selbstgenähten Kleid und erhobenem Haupt.
Tage später zog ich ein paar Wochen zu meinem alten Freund Manfred. Ich dachte, Zeit würde alles richten. Aber sie kam nicht mehr um Verzeihung bitten. Stattdessen machte sie das Wohnzimmer zu ihrem Atelier. Kundinnen kamen und gingen; gelegentlich rief sie mich an, um nach meiner Gesundheit zu fragen. Sie schien zufriedener zu sein als je zuvor.
Heute, als ich sie anrief und fragte, ob ich zurückkommen könne, sagte sie nur ruhig:
Ich überlege es mir, Günther. Mir gehts jedenfalls gut so.
Ich legte auf, senkte den Kopf und atmete schwer durch.
Mein Leben hat sich verändert. Ich glaubte, Kontrolle zu haben, doch in Wahrheit war ich längst Zuschauer meines eigenen Dramas. Ich habe gelernt: Menschen sind nie zu alt, um sich neu zu erfinden. Wer jemanden kleinredet, macht nicht nur den anderen, sondern auch sich selbst ärmer. Ich hoffe, dass Irmgard niemals wieder vergisst, wer sie wirklich ist und dass auch ich nie wieder so gedankenlos handele.





