„Mit den Kindern kommst du schon klar allein“, sagte mein Mann und ging Freitagabend. Die Kinder schliefen endlich, nach viel Drama um Zähneputzen, Bettgehzeit und drei Gläser Wasser „fürs Einschlafen“. Florian scrollte auf dem Sofa am Handy. Ich holte tief Luft und sagte – ganz nüchtern, ohne Vorwurf: „Flo, ich möchte mich am Wochenende mal ausruhen.“ Er sah nicht mal hoch: „Hmhm.“ „Nein, ehrlich. Ich will einfach mal ausschlafen. Einen Tag für mich. Oder wenigstens einen halben.“ „Na dann ruh dich aus“, nickte er – und daddelte weiter. Ich sah ihn an. Wollte erklären, wie erschöpft ich bin. Dass bei der Arbeit nur Deadlines sind, zuhause nur „Mama! Mama! Mama!“, und die Wochenenden ein Marathon aus Frühstück, Verein, Einkaufen, Mittagessen, Hausaufgaben, Abendessen, Aufräumen. Aber er hörte schon nicht mehr zu. Ich gab auf. Stand auf und ging schlafen. Samstag Der Morgen wie immer. Sieben Uhr. Der Jüngste sprang ins Bett: „Mama, darf ich Tablet?“ Ich riss ein Auge auf. Florian schlief daneben – selig, quer über die ganze Matratze. „Pst“, flüsterte ich. „Papa schläft.“ „Machst du’s an?“ Ich stand auf. Schaltete das Tablet ein. Goss Saft ein. Kochte Porridge. Florian kam frisch und gut gelaunt zum Frühstück. Kuss auf meinen Kopf: „Guten Morgen, Sonnenschein.“ Ich lächelte müde. „Morgen.“ Er frühstückte schnell. Zog sich an. Griff nach dem Schlüsselbund. Ich erstarrte: „Wohin?“ „Ach, ganz vergessen, Schatz! Benni hat Geburtstag. Also nicht so richtig – wir feiern halt was, und treffen uns mit den Jungs. Wird bestimmt spät.“ Mir zog sich alles zusammen. „Flo. Wir haben doch gestern gesprochen. Ich wollte mal ausruhen.“ Verwundert hob er die Brauen: „Na dann mach doch. Ich halt dich nicht auf.“ „Und die Kinder?“ Er blickte irritiert: „Mit denen kommst du doch klar, oder? Hast du doch immer.“ Und ging. Tür zu. Ich stand mit einem feuchten Lappen im Flur. Der Kleine brüllte aus dem Zimmer: „Mama! Max hat mich gehauen!“ „Gar nicht wahr! Der hat angefangen!“ Ich schloss die Augen. Tiefer Atemzug. Da fasste ich einen Entschluss. Holte mein Handy raus und rief meine Mutter an: „Hallo Mama. Können wir zu dir kommen? Ein paar Tage, mit den Kindern.“ Sie fragte nicht. Sagte nur: „Komm.“ Packen Ich ging ins Kinderzimmer. Max und Lena saßen mitten im Chaos aus Lego und Playmobil. Ein ganz normaler Samstag. „Kinder, wir packen Sachen. Wir fahren zu Oma.“ Lena hob den Kopf: „Wie lang?“ „Übers Wochenende.“ „Und Papa?“ Ich setzte ein Lächeln auf: „Papa ist beschäftigt. Kommt später nach.“ Max maulte: „Ich hab aber noch ein Spiel!“ „Nimm es mit.“ Ich packte ruhig. Schlafanzüge. Wechselkleidung. Zahnbürsten. Lieblingsspielzeug. Ladegeräte. Während die Kinder sich anzogen, ging ich zurück in die Küche. Öffnete den Kühlschrank. Lyoner. Käse. Joghurts. Quark. Eier. Gemüse für die Suppe. Ich packte alles, was ich für die Kinder eingekauft hatte, ein. Florian kann ja jetzt mal selbst sehen, wie er klarkommt. Im Kühlschrank blieben nur sein Bier und ein Glas saure Gurken. Ich grinste und machte die Tür zu. Die Kinder im Auto. Max schon im Tablet, Lena schaut raus. Motor an. Schweigen. Lena fragte plötzlich: „Mama, warum fährt Papa eigentlich nie mit zu Oma?“ „Er hat viel zu tun, mein Schatz.“ Max schaute vom Tablet hoch: „Weil Papa ganz wichtig ist! Der muss sich mit Leuten treffen!“ Lena runzelte die Stirn: „Und Mama ist nicht wichtig?“ Neunjährige Lebensweisheit. Ich sah sie im Rückspiegel an. „Mama ist auch wichtig“, sagte ich bestimmt. „Sie vergisst es nur manchmal.“ Lena nickte. Als hätte sie mehr verstanden als gesagt. Bei Oma Oma empfing uns mit offenen Armen, Küssen und dem Duft von frischen Blechkuchen. „Ach Kind, ich freu mich!“ Die Kinder stürmten gleich ins Spielzimmer. Ich blieb in der Küche. Mama reichte Tee und Plätzchen. Ich atmete aus. „Frag nicht“, sagte ich. „Frag ich nicht“, sagte sie. Wir schwiegen. „Er ist wieder weg“, erzählte ich dann irgendwann. „Ich hab ihn gebeten. Freitag gesagt: Ich brauche mal Pause. Er nickte, aber heut morgen war er weg. ‚Bei Benni ist was zu feiern, tschüss.‘“ Mama verzog den Mund. „Und was hast du gemacht?“ „Hab die Kinder eingepackt. Das Essen auch. Und bin gefahren.“ „Mehr nicht?“ „Mehr nicht.“ Sie lächelte zum ersten Mal. „Gut gemacht.“ Ich lachte auf: „Warst du nicht immer die, die sagte: ‚Halte durch, ist doch dein Mann, der ist eben müde‘?“ Sie wurde ernst, nahm meine Hand. „Du bist die, die müde ist. Ich hab zwanzig Jahre durchgehalten. Weißt du, was dabei rauskommt?“ „Was?“ „Dein Vater hat nie gelernt, mich wertzuschätzen. Weil ich es ihm nie beigebracht hab.“ Ich sah sie an. „Hast du nie erzählt.“ „Wollte nicht, dass du es genauso machst“, zuckte sie die Schultern. „Aber anscheinend muss jede Frau selbst draufkommen.“ Ich trank meinen Tee aus. Legte die Tasse weg. „Ich will nicht, dass Lena mal denkt, Mama ist nur die Putzfrau.“ „Dann zeig ihr was anderes.“ Abend Ich saß mit Mama auf dem Sofa. Kinder schliefen. Das Handy vibrierte. Florian. Ich sah aufs Display. Ging nicht ran. Soll er mal fühlen, wie das ist. Dann kam die Nachricht: „Wo bist du? Warum gehst du nicht dran? Was soll das?!“ Ich lächelte. Schrieb knapp zurück: „Ich ruhe mich aus.“ Ton aus. Florians Rückkehr Florian kam um halb neun heim. Müde. Zufrieden. Ein bisschen Bierfahne, breites Grinsen. Geiler Tag: Bier, Grillwurst, Fußball. Benni, der Scherzkeks. Er schloss auf. Schuhe aus. „Schatzi! Ich bin da!“ Stille. „Marina?“ Niemand. Er ging in die Küche. Licht an. Leere. Kein gedeckter Tisch. Kein Essensduft. Nichts. Komisch. Er öffnete den Kühlschrank – und erstarrte. Leer. Nur noch sein Bier und die Gurken. „Was zum…“ Kühlschrank zu. Ab ins Schlafzimmer. Keine Kinder. Keine Sachen. Im Schlafzimmer dasselbe. Herz raste. Er griff zum Handy, wählte mich an. Weckruf. Noch mal. Auch nicht. „Was soll das…“ Er schrieb. Nach einer Minute kam die Antwort: „Ich ruhe mich aus.“ Er schrieb: „Marina, das ist nicht lustig. Wo sind die Kinder?“ Keine Antwort. Er tigert durch die Wohnung. Chaos im Kopf. Was ist passiert? Wo ist sie? Ist was passiert? Er ruft meine Freundin Lisa an: „Lisa, weißt du, wo Marina ist?“ „Weiß ich“, kommt es kühl. „Und?!“ „Sie ruht sich aus.“ „Lisa! Im Ernst! Ich komm heim, hier ist alles leer. Die Kinder sind auch weg!“ „Sind mit ihr. Alles gut.“ „Wie, alles gut?! Sie meldet sich nicht! Im Kühlschrank ist NICHTS!“ Lisa seufzt: „Flo, was hast du denn gedacht?“ „Wie meinst du das?“ „Dass sie’s schon wieder schafft. War ja immer so, oder?“ Er knirscht mit den Zähnen: „Lisa, sag einfach, wo sie ist!“ „Ihr geht’s gut. Den Kindern auch. Kein Grund zur Sorge.“ Aufgelegt. Florian schmeißt das Handy aufs Sofa. Erkenntnis Er bleibt in der Küche sitzen. Noch nie war es so still. Sonst immer Stimmen. Lachen. Leben. Jetzt: Leere. Florian vergräbt das Gesicht in den Händen. Denkt an gestern. Er steht auf. Holte Tiefkühlpizzas aus dem Gefrierfach – das Einzige, was noch da ist. Er stellt einen Topf auf, Wasser kocht. Beim Hinsetzen merkt er erst den gefalteten Zettel. Meine Handschrift. „Du kommst schon klar allein.“ Sonst nichts. Er liest es nochmal. Und nochmal. Erst jetzt merkt er, wie allein er ist. Die Pizza verkocht auf dem Herd. Florian schreibt nachts: „Marina, es tut mir leid. Ich war ein Idiot. Bitte komm zurück.“ Keine Antwort. Noch eins: „Ich hab’s verstanden. Wirklich. Ich werde mich ändern.“ Nichts. „Ohne euch ist alles doof.“ Gelesen. Aber keine Antwort. Er schließt die Augen. Sie hat sonst immer verziehen. Doch diesmal ist alles anders. Er spürt: Da ist was zerbrochen. Diesmal richtig. Und zum ersten Mal seit langem hat er Angst. Richtige Angst. Sonntag Ich wachte um zehn auf. Um zehn! Wann war das zuletzt? Ich reckte mich. Lächelte. Draußen spielte Mama mit den Kindern. Max jagte Tauben, Lena sammelte Blätter. Ich kochte Kaffee. Setzte mich ans Fenster. Das Handy schwieg. Ich hatte Florian gestern blockiert – nach dem zehnten Anruf. Nicht aus Wut. Nur aus Erschöpfung. Soll er mal allein sein. So, wie ich es oft war. Montag. Rückkehr Sonntagabend ging ich nach Hause. Florian saß bleich in der Küche. Auf dem Tisch – schmutziges Geschirr. Er sah mich an: „Du bist zurück.“ „Nur, um Sachen zu holen“, entgegnete ich ruhig. „Wie?“ „Meine Sachen. Die der Kinder. Wir brauchen mehr.“ Er stand auf: „Marina, bitte. Es tut mir leid. Ich hab’s kapiert. Ich war bescheuert.“ Ich ging ins Schlafzimmer. Holte Koffer. Florian trottete mir hinterher. „Marina, gib mir noch eine Chance! Ich mach das! Ich helf! Mit den Kindern, im Haus, bei allem!“ Ich packte unsere Sachen. Schlafanzüge. Drehte mich um: „Flo, du brauchst nicht helfen. Es ist auch dein Zuhause. Deine Kinder. Du musst dabei sein. Immer.“ „Werd ich! Versprochen!“ Ich seufzte: „Weißt du, das sagst du jedes Mal. Nach jedem Streit. Eine Woche hältst du durch, dann ist alles wie immer.“ „Diesmal ist es anders!“ „Wieso plötzlich?“ Er schwieg. „Weil ich Angst hatte.“ Ich ging zur Tür. Florian griff nach meiner Hand: „Marina, warte! Was soll ich machen?!“ Ich blieb stehen. Sah ihm in die Augen: „Nichts. Leb einfach mal allein. Eine Woche. Zwei. So lange, wie’s sein muss. Schmeck, wie das ist.“ Er ließ meine Hand los. Ich ging. Epilog Zwei Wochen später, ich bei Mama am Küchentisch. Kinder machen Hausaufgaben. Das Handy vibriert. Florian. Ich gehe ran: „Hallo?“ „Hi. Wie geht’s euch?“ „Gut.“ Stille. Dann sagt er leise: „Ich hab mich für einen Kurs angemeldet. Elternschule. Und ein Buch gekauft. Über bewusstes Vatersein.“ Ich ziehe die Augenbraue hoch: „Wirklich?“ „Wirklich. Ich will ein guter Papa werden. Und ein ordentlicher Mann.“ Ich schweige: „Das ist ein langer Weg, Flo.“ „Ich weiß“, sagt er. „Aber ich geh ihn.“ Ich lächle: „Bedenk – es ist deine letzte Chance.“ „Danke“, seine Stimme bricht. Ich lege auf. Und denke: Schau’n wir mal. Vielleicht ändert er sich ja wirklich.

Mit den Kindern kommst du alleine klar, sagte der Ehemann und verschwand

Freitagabend. Eine surreale Stille rinnt durch die Zeit wie Honig. Die Kinder gleiten langsam ins Reich der Träume nach dem Abendbrot, Cartoons, Zank um Zahnputzbecher und drei Gläsern Wasser für später.

Matthias scrollt mit endlosen Daumenbewegungen durch sein Handy auf dem Sofa.

Franziska atmet schwer ein, als würde sie durchs Eis brechen, und sagt ohne Pathos, als ob sie es träumen würde:

Matthias, ich möchte an diesem Wochenende mal ausruhen.

Er hebt den Blick nicht.

Mhm.

Nein, im Ernst. Einfach mal ausschlafen. Einen halben Tag nur für mich. Alleinsein.

Mach doch, nickt er zurück ins Licht des Displays.

Franziska schaut ihn an, ihr Blick wie ein nieselnasser Vorhang. Sie will erklären, dass sie völlig ausgelaugt ist, dass die Woche keine Sekunde Stille kannte. Arbeit Pflichten, zu Hause pausenlos Mama, Mama, Mama, das Wochenende ein Marathon: Frühstück, Musikschule, Kaufland, Mittagessen, Hausaufgaben, Abendbrot, Aufräumen.

Aber Matthias ist längst in einen anderen Traum abgetaucht.

Franziska winkt ab, steht auf, schlurft ins Schlafzimmer und taucht durch die Bettdecke in den Schlaf.

Samstag

Der Morgen krümmt sich wie eine Schnecke: alles wie immer.

Sieben Uhr. Der Jüngste, Leonhard, hüpft federleicht in ihr Bett:

Mama! Dürfen wir fernsehen?

Franziska blinzelt. Matthias liegt daneben, ausgestreckt und schlafend wie ein weiches Croissant.

Still, flüstert sie. Papa schläft noch.

Schaltest du an?

Ihr Körper folgt, fast automatisch: Fernseher an. Orangensaft einschenken. Milchreis auf den Herd.

Matthias erscheint strahlend am Frühstückstisch, gibt ihr einen Kuss auf die Stirn:

Guten Morgen, mein Sternchen.

Franziska lächelt blass.

Er ist schnell fertig, zieht sich an, schnappt sich den Schlüssel.

Sie hält inne, als würde die Zeit kurz stoppen:

Wohin gehst du?

Ach, hab ich fast vergessen: Tobi feiert heute also, ist eigentlich nicht Geburtstag, aber wir treffen uns ne Runde. Wahrscheinlich den ganzen Tag.

In Franziskas Bauch dreht sich ein Uhrwerk aus Eisen.

Matthias. Wir haben gestern gesprochen. Ich wollte doch endlich mal ausruhen.

Er sieht sie überrascht an, als würde sie plötzlich Chinesisch sprechen:

Ja, dann ruh dich aus. Ich halt dich nicht auf.

Und die Kinder?

Kriegtst du doch sonst auch hin, oder?

Und er ist schon zur Tür verschwunden.

Die Tür fällt zu, wie eine Kiste, die im Fluss versinkt. Franziska steht im Flur, einmal feuchte Lappen in der Hand, irgendwie unreal.

Aus dem Kinderzimmer brüllt ein Stimmengemisch:

Mama! Emil hat mich gehauen!

Stimmt gar nicht! Sie hat angefangen!

Franziska schließt die Augen, saugt Luft ein wie Nebel.

Dann trifft sie eine Entscheidung, ganz leise.

Sie nimmt ihr Handy, wählt die vertraute Nummer ihrer Mutter.

Hallo Mama. Dürfen wir zu dir kommen? Zwei Tage, mit den Kindern…

Die Mutter fragt nichts. Sie sagt einfach:

Bin da, kommt.

Aufbruch

Franziska betritt das Kinderzimmer.

Emil und Greta sitzen mitten im Wirbelsturm aus Playmobil und Puzzles. Ein ganz normaler Samstag.

Kinder, packt eure Sachen. Wir fahren zu Oma.

Greta schaut auf:

Für wie lange?

Übers Wochenende.

Kommt Papa auch?

Das Lächeln zieht sich über Franziskas Gesicht, als hätte jemand es darauf gemalt:

Papa kommt später nach, Schatz.

Emil schiebt ein Auto durch die Luft:

Ich will aber nicht! Ich spiele hier!

Dann nimm das Spiel mit.

Franziska packt sorgfältig: Schlafanzüge, Wechselsachen, Zahnbürsten, Lieblingskuscheltiere, Tablet-Ladekabel.

Während die Kinder sich anziehen, steht sie in der Küche.

Kühlschrank öffnet sich: Leberwurst. Gouda. Quark. Joghurt. Eier. Gemüse für einen Eintopf.

Langsam packt sie Tüten, alles für die Kinder hinein in die Kühltasche.

Kein Ärger mehr, keine Wut. Sie nimmt einfach, was sie selbst gekauft hat.

Im Kühlschrank bleiben nur noch Bierflaschen und ein Glas Gewürzgurken.

Ein schiefes Lächeln taucht auf, dann klappt sie die Kühlschranktür zu.

Die Kinder sitzen im Auto, Emil taucht gleich ins Tablet, Greta starrt mit großen Augen aus dem Fenster. Alles fährt vorbei wie ein Film.

Stille.

Plötzlich fragt Greta aus dem Nichts:

Mama, warum kommt Papa nie mit zu Oma?

Er ist sehr beschäftigt, Liebling.

Emil löst sich vom Tablet:

Weil Papa voll wichtig ist! Der muss Leute treffen!

Greta runzelt die Stirn:

Und Mama ist nicht wichtig?

Neunjährige Klarheit wie ein Spiegel am Morgen.

Aus dem Rückspiegel begegnet Franziska den Augen ihrer Tochter.

Auch Mamas sind wichtig, sagt sie fest. Man vergisst es manchmal nur.

Greta nickt, als hätte sie etwas viel Größeres verstanden.

Bei Oma

Oma steht an der Tür, die Umarmung ist warm wie Bratäpfel und der Duft nach Zimtstreuselkuchen liegt in der Luft.

Meine Lieben! Ich hab euch sooo vermisst!

Die Kinder stürzen in die Wohnung, werfen Jacken in die Ecke und verschwinden zu den alten Spielsachen.

Franziska bleibt auf der Schwelle der Küche stehen.

Die Mutter schenkt Tee ein, schiebt einen Teller mit Butterkeksen hinüber.

Franziska atmet aus:

Frag bitte nicht.

Ich frage nicht, sagt die Mutter leise.

Stillstand.

Er ist wieder abgehauen, Franziska umschließt die Tasse, als wäre sie Rettungsring. Ich habs am Freitag extra gesagt: Ich will eine Pause. Er hat nur genickt. Am Morgen: Tobis Feier. Bis dann.

Die Mutter presst die Lippen zusammen:

Und, was hast du gemacht?

Die Kinder geschnappt. Alles eingepackt. Weggefahren.

Das war alles?

Das war alles.

Endlich lächelt die Mutter:

Gut gemacht.

Franziska verzieht das Gesicht:

Echt? Ich dachte, du würdest sagen: Hab Geduld, er ist doch dein Mann, ist auch müde.

Du bist müde, sagt die Mutter und legt ihre Hand auf Franziskas. Ich hab zwanzig Jahre alles ertragen. Weißt du, wies geendet hat?

Wie?

Er hat nie gelernt, mich zu schätzen. Weil ichs ihm nie beigebracht habe.

Franziska sieht die Mutter an, verwundert.

Das hast du mir nie erzählt.

Ich wollte nicht, dass du denselben Fehler machst. Aber vermutlich muss jede Frau es selber merken.

Franziska trinkt aus.

Ich will nicht, dass Greta denkt, Mama sei nur zum Putzen da.

Dann zeig ihr, wie es anders geht.

Abend

Franziska sitzt auf Omas Sofa, draußen eine andere Welt. Die Kinder schlafen.

Das Handy explodiert fast.

Anrufe.

Matthias.

Sie schaut auf das Display, nimmt nicht ab. Stille klebt am Telefon.

Lautlose Nachrichten:

Wo seid ihr? Warum gehst du nicht ran? Was soll das?!

Franziska grinst. Tippt Antwort, einzig, kristallklar:

Ich ruhe mich aus.

Dann schaltet sie in den Flugmodus.

Matthias Rückkehr

Matthias trampelt gegen halb neun nach Hause. Müde und zufrieden wie ein Kind nach dem Laternenumzug, ein Hauch Bier und Grillwürste umschwirren ihn, ein Lächeln, das ihm nicht gehört.

Er öffnet die Haustür, lässt Schuhe stehen.

Franzi! Ich bin da!

Stille. Sie fegt durch die Räume wie Nebel.

Franzi?

Niemand.

Er geht in die Küche. Licht an. Nichts.

Keine Teller am Tisch. Nicht mal Geruch von Abendessen. Nur Leere.

Er reißt den Kühlschrank auf erstarrt.

Leer.

Nur noch Bier im unteren Fach und das Gurkenglas.

Was zum…

Er knallt die Kühlschranktür zu, schleicht durchs Schlafzimmer.

Keine Kinder. Keine Sachen.

Im Schlafzimmer gleiche Spuren.

Das Herz stolpert, findet den Takt nicht zurück.

Er greift zum Handy, ruft Franziska an.

Weggedrückt.

Nochmal.

Weggedrückt.

Was soll das…

Schreibt eine Nachricht.

Antwort kommt nach einer Minute:

Ich ruhe mich aus.

Er schreibt:

Franzi, das ist nicht witzig. Wo sind die Kinder?

Keine Antwort.

Er irrt von Ecke zu Ecke, alles fließt auseinander.

Was ist passiert? Wo sind sie? Ist was geschehen?

Er ruft Sabine, Franziskas Freundin, an:

Sabine! Weißt du, wo Franzi ist?

Weiß ich, ihre Stimme so kühl wie Eis.

Wo?!

Sie ruht sich aus.

Sabine, im Ernst! Ich komm nach Hause niemand da! Kein Kind, kein Geräusch!

Die Kinder sind bei ihr. Alles ist gut.

Wie alles gut?! Sie geht nicht ran! Kühlschrank leer!

Matthias, seufzt Sabine. Was glaubst du, was passiert? Sie hat dich um einen Tag gebeten. Einen. Und du bist weggegangen, ohne zu fragen.

Matthias schweigt.

Du dachtest wohl, sie meistert es wieder alleine? Wie immer?

Er presst die Lippen zusammen:

Sabine, jetzt sag mir bitte einfach, wo sie ist!

Sie ist sicher. Die Kinder auch. Mehr gibts nicht zu sagen.

Freizeichen.

Matthias wirft das Handy aufs Sofa.

Erkenntnis

Er setzt sich in die Küche.

Noch nie war es so still.

Früher immer Stimmen. Franziska in der Küche. Kinder. Musik. Leben.

Jetzt Vakuum.

Matthias reibt das Gesicht.

Denkt an den gestrigen Abend zurück.

Er öffnet den Gefrierschrank, zieht die letzte Packung Maultaschen heraus, wirft sie in kochendes Wasser. Blickt ins brodelnde Nichts.

Am Tisch liegt ein Zettel. Zusammengefaltet wie ein Origami-Vogel.

Er entfaltet.

Franziskas Handschrift, gestochen sauber:

Du schaffst das auch alleine.

Mehr nicht.

Er liest es mehrfach.

Matthias setzt sich, das Wasser kocht, Maultaschen laufen über. Er vergisst sie.

Zum ersten Mal seit Jahren ist er wirklich allein.

In dieser Nacht findet ihn der Schlaf nicht.

Er greift zum Handy, schreibt:

Franzi, es tut mir leid. Ich war ein Idiot. Bitte komm zurück.

Keine Antwort.

Noch eine Nachricht:

Ich habs kapiert. Wirklich. Ich werde mich ändern.

Stille.

Ohne euch gehts mir elend.

Gelesen.

Kein Antwort.

Matthias schließt die Augen.

Sonst hat sie immer verziehen. Aber jetzt ist etwas zerbrochen.

Diesmal ist es anders.

Und zum ersten Mal hat er Angst echte, greifbare Angst.

Sonntag

Franziska wacht auf, es ist zehn Uhr.

Zehn!

Wann zuletzt?

Sie streckt sich, lächelt schrullig.

Draußen läuft die Mutter mit den Kindern über den Hof, Leonhard jagt Tauben, Greta sammelt bunte Blätter.

Franziska brüht Kaffee, sitzt träumend am Fenster.

Das Handy schweigt.

Sie hat Matthias nach der zehnten Nachricht blockiert. Ohne Zorn. Sie will nichts mehr erklären.

Soll er es fühlen. Allein. Wie sie es oft tat.

Montag. Heimkehr

Am Sonntagabend kehrt Franziska zurück.

Matthias sitzt blass am Küchentisch.

Dreckiges Geschirr.

Er schaut sie an:

Du bist da.

Nur um Kleidung zu holen, sagt Franziska ruhig.

Was meinst du damit?

Unsere Sachen. Brauchen mehr Wechselklamotten.

Er steht auf, kommt einen Schritt näher:

Franzi, es tut mir leid, echt. Ich war ein Vollidiot.

Sie geht an ihm vorbei ins Schlafzimmer.

Er folgt ihr:

Gib mir noch eine Chance! Ich ändere mich! Ich kümmer mich! Um die Kinder, um alles!

Franziska packt: ihre Sachen. Kinder-Pyjamas.

Sie dreht sich um:

Matthias, du musst nicht helfen. Das hier ist auch dein Zuhause. Es sind deine Kinder. Du sollst dich kümmern.

Werde ich. Ich schwörs!

Franziska seufzt:

Weißt du, das hast du schon öfter gesagt. Nach jedem Streit. Eine Woche lang. Und dann wurde alles wie zuvor.

Diesmal ist es anders!

Warum?

Weil… ich hatte Angst.

Franziska holt tief Luft, geht zur Tür.

Er hält sie am Arm:

Franzi, bitte! Was soll ich tun?

Sie dreht sich um, schaut ihm in die Augen:

Nichts. Leb einfach. Allein. Eine Woche, zwei. So viel du brauchst. Dann weißt du, wie es sich anfühlt.

Er lässt sie los.

Franziska verlässt die Wohnung.

Epilog

Zwei Wochen später. Franziska sitzt bei ihrer Mutter in der Küche, Tasse in der Hand.

Die Kinder machen Hausaufgaben. Das Handy vibriert.

Matthias.

Franziska nimmt ab.

Hallo?

Hallo. Wie gehts euch?

Gut.

Pause.

Ich habe mich für einen Elternkurs angemeldet, sagt er leise. Zum Thema Kinderpsychologie. Und ein Buch gekauft. Über bewusste Vaterschaft.

Franziska hebt die Augenbrauen:

Ehrlich?

Ja, ich meine es ernst. Ich will ein richtiger Vater sein. Und ein guter Mann.

Sie schweigt.

Es ist ein langer Weg, Matthias.

Ich weiß. Aber ich gehe ihn.

Franziska lächelt:

Nur damit du weißt das ist deine letzte Chance.

Danke, Matthias Stimme zittert.

Franziska legt auf.

Und denkt: Mal sehen. Vielleicht wird es diesmal wirklich anders.

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Homy
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„Mit den Kindern kommst du schon klar allein“, sagte mein Mann und ging Freitagabend. Die Kinder schliefen endlich, nach viel Drama um Zähneputzen, Bettgehzeit und drei Gläser Wasser „fürs Einschlafen“. Florian scrollte auf dem Sofa am Handy. Ich holte tief Luft und sagte – ganz nüchtern, ohne Vorwurf: „Flo, ich möchte mich am Wochenende mal ausruhen.“ Er sah nicht mal hoch: „Hmhm.“ „Nein, ehrlich. Ich will einfach mal ausschlafen. Einen Tag für mich. Oder wenigstens einen halben.“ „Na dann ruh dich aus“, nickte er – und daddelte weiter. Ich sah ihn an. Wollte erklären, wie erschöpft ich bin. Dass bei der Arbeit nur Deadlines sind, zuhause nur „Mama! Mama! Mama!“, und die Wochenenden ein Marathon aus Frühstück, Verein, Einkaufen, Mittagessen, Hausaufgaben, Abendessen, Aufräumen. Aber er hörte schon nicht mehr zu. Ich gab auf. Stand auf und ging schlafen. Samstag Der Morgen wie immer. Sieben Uhr. Der Jüngste sprang ins Bett: „Mama, darf ich Tablet?“ Ich riss ein Auge auf. Florian schlief daneben – selig, quer über die ganze Matratze. „Pst“, flüsterte ich. „Papa schläft.“ „Machst du’s an?“ Ich stand auf. Schaltete das Tablet ein. Goss Saft ein. Kochte Porridge. Florian kam frisch und gut gelaunt zum Frühstück. Kuss auf meinen Kopf: „Guten Morgen, Sonnenschein.“ Ich lächelte müde. „Morgen.“ Er frühstückte schnell. Zog sich an. Griff nach dem Schlüsselbund. Ich erstarrte: „Wohin?“ „Ach, ganz vergessen, Schatz! Benni hat Geburtstag. Also nicht so richtig – wir feiern halt was, und treffen uns mit den Jungs. Wird bestimmt spät.“ Mir zog sich alles zusammen. „Flo. Wir haben doch gestern gesprochen. Ich wollte mal ausruhen.“ Verwundert hob er die Brauen: „Na dann mach doch. Ich halt dich nicht auf.“ „Und die Kinder?“ Er blickte irritiert: „Mit denen kommst du doch klar, oder? Hast du doch immer.“ Und ging. Tür zu. Ich stand mit einem feuchten Lappen im Flur. Der Kleine brüllte aus dem Zimmer: „Mama! Max hat mich gehauen!“ „Gar nicht wahr! Der hat angefangen!“ Ich schloss die Augen. Tiefer Atemzug. Da fasste ich einen Entschluss. Holte mein Handy raus und rief meine Mutter an: „Hallo Mama. Können wir zu dir kommen? Ein paar Tage, mit den Kindern.“ Sie fragte nicht. Sagte nur: „Komm.“ Packen Ich ging ins Kinderzimmer. Max und Lena saßen mitten im Chaos aus Lego und Playmobil. Ein ganz normaler Samstag. „Kinder, wir packen Sachen. Wir fahren zu Oma.“ Lena hob den Kopf: „Wie lang?“ „Übers Wochenende.“ „Und Papa?“ Ich setzte ein Lächeln auf: „Papa ist beschäftigt. Kommt später nach.“ Max maulte: „Ich hab aber noch ein Spiel!“ „Nimm es mit.“ Ich packte ruhig. Schlafanzüge. Wechselkleidung. Zahnbürsten. Lieblingsspielzeug. Ladegeräte. Während die Kinder sich anzogen, ging ich zurück in die Küche. Öffnete den Kühlschrank. Lyoner. Käse. Joghurts. Quark. Eier. Gemüse für die Suppe. Ich packte alles, was ich für die Kinder eingekauft hatte, ein. Florian kann ja jetzt mal selbst sehen, wie er klarkommt. Im Kühlschrank blieben nur sein Bier und ein Glas saure Gurken. Ich grinste und machte die Tür zu. Die Kinder im Auto. Max schon im Tablet, Lena schaut raus. Motor an. Schweigen. Lena fragte plötzlich: „Mama, warum fährt Papa eigentlich nie mit zu Oma?“ „Er hat viel zu tun, mein Schatz.“ Max schaute vom Tablet hoch: „Weil Papa ganz wichtig ist! Der muss sich mit Leuten treffen!“ Lena runzelte die Stirn: „Und Mama ist nicht wichtig?“ Neunjährige Lebensweisheit. Ich sah sie im Rückspiegel an. „Mama ist auch wichtig“, sagte ich bestimmt. „Sie vergisst es nur manchmal.“ Lena nickte. Als hätte sie mehr verstanden als gesagt. Bei Oma Oma empfing uns mit offenen Armen, Küssen und dem Duft von frischen Blechkuchen. „Ach Kind, ich freu mich!“ Die Kinder stürmten gleich ins Spielzimmer. Ich blieb in der Küche. Mama reichte Tee und Plätzchen. Ich atmete aus. „Frag nicht“, sagte ich. „Frag ich nicht“, sagte sie. Wir schwiegen. „Er ist wieder weg“, erzählte ich dann irgendwann. „Ich hab ihn gebeten. Freitag gesagt: Ich brauche mal Pause. Er nickte, aber heut morgen war er weg. ‚Bei Benni ist was zu feiern, tschüss.‘“ Mama verzog den Mund. „Und was hast du gemacht?“ „Hab die Kinder eingepackt. Das Essen auch. Und bin gefahren.“ „Mehr nicht?“ „Mehr nicht.“ Sie lächelte zum ersten Mal. „Gut gemacht.“ Ich lachte auf: „Warst du nicht immer die, die sagte: ‚Halte durch, ist doch dein Mann, der ist eben müde‘?“ Sie wurde ernst, nahm meine Hand. „Du bist die, die müde ist. Ich hab zwanzig Jahre durchgehalten. Weißt du, was dabei rauskommt?“ „Was?“ „Dein Vater hat nie gelernt, mich wertzuschätzen. Weil ich es ihm nie beigebracht hab.“ Ich sah sie an. „Hast du nie erzählt.“ „Wollte nicht, dass du es genauso machst“, zuckte sie die Schultern. „Aber anscheinend muss jede Frau selbst draufkommen.“ Ich trank meinen Tee aus. Legte die Tasse weg. „Ich will nicht, dass Lena mal denkt, Mama ist nur die Putzfrau.“ „Dann zeig ihr was anderes.“ Abend Ich saß mit Mama auf dem Sofa. Kinder schliefen. Das Handy vibrierte. Florian. Ich sah aufs Display. Ging nicht ran. Soll er mal fühlen, wie das ist. Dann kam die Nachricht: „Wo bist du? Warum gehst du nicht dran? Was soll das?!“ Ich lächelte. Schrieb knapp zurück: „Ich ruhe mich aus.“ Ton aus. Florians Rückkehr Florian kam um halb neun heim. Müde. Zufrieden. Ein bisschen Bierfahne, breites Grinsen. Geiler Tag: Bier, Grillwurst, Fußball. Benni, der Scherzkeks. Er schloss auf. Schuhe aus. „Schatzi! Ich bin da!“ Stille. „Marina?“ Niemand. Er ging in die Küche. Licht an. Leere. Kein gedeckter Tisch. Kein Essensduft. Nichts. Komisch. Er öffnete den Kühlschrank – und erstarrte. Leer. Nur noch sein Bier und die Gurken. „Was zum…“ Kühlschrank zu. Ab ins Schlafzimmer. Keine Kinder. Keine Sachen. Im Schlafzimmer dasselbe. Herz raste. Er griff zum Handy, wählte mich an. Weckruf. Noch mal. Auch nicht. „Was soll das…“ Er schrieb. Nach einer Minute kam die Antwort: „Ich ruhe mich aus.“ Er schrieb: „Marina, das ist nicht lustig. Wo sind die Kinder?“ Keine Antwort. Er tigert durch die Wohnung. Chaos im Kopf. Was ist passiert? Wo ist sie? Ist was passiert? Er ruft meine Freundin Lisa an: „Lisa, weißt du, wo Marina ist?“ „Weiß ich“, kommt es kühl. „Und?!“ „Sie ruht sich aus.“ „Lisa! Im Ernst! Ich komm heim, hier ist alles leer. Die Kinder sind auch weg!“ „Sind mit ihr. Alles gut.“ „Wie, alles gut?! Sie meldet sich nicht! Im Kühlschrank ist NICHTS!“ Lisa seufzt: „Flo, was hast du denn gedacht?“ „Wie meinst du das?“ „Dass sie’s schon wieder schafft. War ja immer so, oder?“ Er knirscht mit den Zähnen: „Lisa, sag einfach, wo sie ist!“ „Ihr geht’s gut. Den Kindern auch. Kein Grund zur Sorge.“ Aufgelegt. Florian schmeißt das Handy aufs Sofa. Erkenntnis Er bleibt in der Küche sitzen. Noch nie war es so still. Sonst immer Stimmen. Lachen. Leben. Jetzt: Leere. Florian vergräbt das Gesicht in den Händen. Denkt an gestern. Er steht auf. Holte Tiefkühlpizzas aus dem Gefrierfach – das Einzige, was noch da ist. Er stellt einen Topf auf, Wasser kocht. Beim Hinsetzen merkt er erst den gefalteten Zettel. Meine Handschrift. „Du kommst schon klar allein.“ Sonst nichts. Er liest es nochmal. Und nochmal. Erst jetzt merkt er, wie allein er ist. Die Pizza verkocht auf dem Herd. Florian schreibt nachts: „Marina, es tut mir leid. Ich war ein Idiot. Bitte komm zurück.“ Keine Antwort. Noch eins: „Ich hab’s verstanden. Wirklich. Ich werde mich ändern.“ Nichts. „Ohne euch ist alles doof.“ Gelesen. Aber keine Antwort. Er schließt die Augen. Sie hat sonst immer verziehen. Doch diesmal ist alles anders. Er spürt: Da ist was zerbrochen. Diesmal richtig. Und zum ersten Mal seit langem hat er Angst. Richtige Angst. Sonntag Ich wachte um zehn auf. Um zehn! Wann war das zuletzt? Ich reckte mich. Lächelte. Draußen spielte Mama mit den Kindern. Max jagte Tauben, Lena sammelte Blätter. Ich kochte Kaffee. Setzte mich ans Fenster. Das Handy schwieg. Ich hatte Florian gestern blockiert – nach dem zehnten Anruf. Nicht aus Wut. Nur aus Erschöpfung. Soll er mal allein sein. So, wie ich es oft war. Montag. Rückkehr Sonntagabend ging ich nach Hause. Florian saß bleich in der Küche. Auf dem Tisch – schmutziges Geschirr. Er sah mich an: „Du bist zurück.“ „Nur, um Sachen zu holen“, entgegnete ich ruhig. „Wie?“ „Meine Sachen. Die der Kinder. Wir brauchen mehr.“ Er stand auf: „Marina, bitte. Es tut mir leid. Ich hab’s kapiert. Ich war bescheuert.“ Ich ging ins Schlafzimmer. Holte Koffer. Florian trottete mir hinterher. „Marina, gib mir noch eine Chance! Ich mach das! Ich helf! Mit den Kindern, im Haus, bei allem!“ Ich packte unsere Sachen. Schlafanzüge. Drehte mich um: „Flo, du brauchst nicht helfen. Es ist auch dein Zuhause. Deine Kinder. Du musst dabei sein. Immer.“ „Werd ich! Versprochen!“ Ich seufzte: „Weißt du, das sagst du jedes Mal. Nach jedem Streit. Eine Woche hältst du durch, dann ist alles wie immer.“ „Diesmal ist es anders!“ „Wieso plötzlich?“ Er schwieg. „Weil ich Angst hatte.“ Ich ging zur Tür. Florian griff nach meiner Hand: „Marina, warte! Was soll ich machen?!“ Ich blieb stehen. Sah ihm in die Augen: „Nichts. Leb einfach mal allein. Eine Woche. Zwei. So lange, wie’s sein muss. Schmeck, wie das ist.“ Er ließ meine Hand los. Ich ging. Epilog Zwei Wochen später, ich bei Mama am Küchentisch. Kinder machen Hausaufgaben. Das Handy vibriert. Florian. Ich gehe ran: „Hallo?“ „Hi. Wie geht’s euch?“ „Gut.“ Stille. Dann sagt er leise: „Ich hab mich für einen Kurs angemeldet. Elternschule. Und ein Buch gekauft. Über bewusstes Vatersein.“ Ich ziehe die Augenbraue hoch: „Wirklich?“ „Wirklich. Ich will ein guter Papa werden. Und ein ordentlicher Mann.“ Ich schweige: „Das ist ein langer Weg, Flo.“ „Ich weiß“, sagt er. „Aber ich geh ihn.“ Ich lächle: „Bedenk – es ist deine letzte Chance.“ „Danke“, seine Stimme bricht. Ich lege auf. Und denke: Schau’n wir mal. Vielleicht ändert er sich ja wirklich.
„Du hast tatsächlich meine Lieblings-Piroggen gebacken!“ — sagte der Ehemann, als er von seiner Geliebten nach Hause zurückkehrte: Doch kaum hatte er einen Bissen genommen, wurde er blass, denn im Inneren des Piroggens erwartete ihn eine unerwartete „Überraschung“ seiner Frau