Unterschriften im Treppenhaus
Sebastian bleibt vor den Briefkästen stehen, denn an der schwarzen Tafel, wo sonst Hinweise zu Heizungablesungen und vermissten Katzen hängen, prangt ein neues Blatt. Unsorgfältig, mit Reißzwecken schief befestigt, als hätte jemand es hastig gemacht. Oben in großen Buchstaben: Unterschriftensammlung. Maßnahmen erforderlich. Darunter der Nachname aus der Wohnung im fünften Stock und eine knappe Aufzählung der Beschwerden: nächtlicher Lärm, Klopfen, Schreie, Verstoß gegen das Lärmschutzgesetz, Gefährdung der Sicherheit. Unten ziehen sich schon Unterschriften, sauber und wild durcheinander.
Er liest das zweimal, obwohl der Sinn ihm sofort klar ist. Seine Finger wollen schon fast nach dem Kugelschreiber in der Jackentasche greifen, aber Sebastian hält inne. Nicht, weil er anderer Meinung wäre er mag es nur nicht, gedrängt zu werden. Zwölf Jahre wohnt er nun in diesem Haus. Er hat gelernt, sich aus den ewigen Hausflurstreitigkeiten herauszuhalten ein bisschen wie bei einem Durchzug: Man hält Abstand. Er hat genug eigene Sorgen: der Job in der Autowerkstatt, die Schichten, seine Mutter nach dem Schlaganfall in einem anderen Stadtteil, der pubertierende Sohn, der tagelang schweigt und dann plötzlich wegen Kleinigkeiten ausflippt.
Im Treppenhaus ist es still, nur irgendwo oben schließt der Aufzug dumpf seine Türen. Sebastian steigt bis zu seinem vierten Stock hoch, kramt den Schlüssel heraus und wirft noch einen Blick nach oben, zur nächsten Treppe. Im Fünften wohnt Frau Margarete Stein. Mitte fünfzig, drahtig, immer mit kurzem Haarschnitt und einem Blick, als könne er Leute durchbohren. Sie grüßt selten zuerst und wenn, klingt jedes Wort, als störe man sie. Am häufigsten sieht Sebastian sie mit Taschen von Rewe oder mit einem Eimer, wenn sie vor ihrer Wohnung wischt. Manchmal dringen nachts tatsächlich Geräusche aus ihrer Wohnung: lautes Poltern, ein kurzer Schrei, als würde etwas schweres über den Boden gezogen.
In den Hauschat schaut Sebastian nur, wenn es sein muss. Meistens wird darüber gestritten, wer wo parkt oder warum die Mülltonne überquillt. Aber die letzten Wochen gibt es nur ein Thema:
Schon wieder um zwei Uhr nachts Poltern! Mein Kind hat geweint!
Ich hab ab sechs Schicht, ich bin wie ein Zombie! Wie lange noch?
Das ist kein Poltern, die rückt Möbel, ich habs genau gehört.
Wir müssen die Polizei rufen. Es gibt Gesetze.
Sebastian scrollt schweigend. Heilig ist er auch nicht. Wenn es nachts kracht, liegt er wach, spürt, wie Verärgerung in seiner Brust hochschwappt. In diesen Momenten wünscht er sich, jemand anders würde hingehen und sich kümmern, und er könnte am nächsten Morgen einfach lesen: Problem gelöst.
Am Abend schreibt er dann doch herum: Wer sammelt die Unterschriften? Wo ist das Blatt?
Die Haussprecherin, Frau Nina Böttcher aus Wohnung drei, antwortet: Im Erdgeschoss am Brett. Morgen um sieben Uhr abends Besprechung bei mir. Wir müssen was tun, bevor es zu spät ist.
Sebastian legt das Handy weg. Es regt sich ein unangenehmes Gefühl bei ihm, das er zu gut aus Schulzeiten kennt: Schon entschieden, aber man braucht noch das Häkchen vom Publikum.
Am nächsten Tag begegnet er Margarete Stein im Treppenhaus. Sie schleppt zwei schwere Taschen, atmet mühsam, besteht aber stur darauf, keine Hilfe zu brauchen. Sebastian nimmt ihr trotzdem eine ab, ohne zu fragen.
Nicht nötig, sagt sie scharf.
Ich trage sie hoch, antwortet er, läuft neben ihr.
Sie bleibt bis zur Tür stumm, reißt dann die Tasche aus seiner Hand.
Danke, sagt sie, als wäre das nur die Erfüllung einer Pflicht.
Sebastian will schon gehen, da hört er drinnen ein seltsames Geräusch jemand stöhnt, keucht schwer. Margarete Stein bleibt kurz erstarrt, der Schlüssel zittert im Schloss.
Ist alles in Ordnung? fragt Sebastian, ohne den Grund wirklich zu wissen.
Geht schon, sagt sie schroff, zieht die Tür zu.
Er geht in seine Wohnung, aber der Ton hallt in ihm nach nicht Lärm, keine Musik, sondern dieses schwere, menschliche Stöhnen.
Wenige Tage später klebt an Margarete Steins Wohnungstür morgens ein Zettel, als Sebastian Müll herunterbringt. HÖREN SIE AUF, NACHTS LÄRM ZU MACHEN. DAS MÜSSEN WIR NICHT ERTRAGEN. Die Buchstaben fett, mit dicker Markerschrift voller Druck.
Er bleibt stehen. Das Klebeband schimmert wie eine frische Wunde. In Gedanken sieht er, wie früher in seiner Kindheit auch an ihrer Wohnung Zettel hingen, wenn sein Vater betrunken schrie. Die Wut damals richtete sich nicht auf den Vater, sondern auf die Nachbarn, die wegschauten, solange nichts passierte, und erst dann tuschelten.
Sebastian geht hinauf zum fünften Stock, lauscht. Alles ist still hinter der Tür. Er klingelt nicht. Stattdessen entfernt er vorsichtig den Zettel, faltet ihn, steckt ihn ein und wirft ihn unten draußen in die Mülltonne, nicht in die Hausmüllklappe, damit es niemand sieht.
Im Chat läuft die Diskussion dagegen heißer denn je.
Die macht das extra. Alles egal, hauptsache sie.
Solche Leute sollen rausfliegen. Sollen sich ein Haus kaufen.
Der Polizist sagt, nur gemeinsam anzeigen bringt was.
Sebastian merkt, wie aus Lärm und Verstoß schnell solche Leute wird als ginge es nicht mehr um eine laute Nacht, sondern um den Menschen als Problem.
An einem Samstag kommt Sebastian spät nach Hause. Im Aufzug riecht es nach Raumspray, jemand hat geraucht. Im vierten Stock steigt er aus, hört von oben dumpfe Schläge, dann noch einen. Kein Hämmern, sondern als sei jemand gefallen. Dann ruft eine Frauenstimme, erstickt und doch klar:
Halt durch gleich
Sebastian läuft hoch in den fünften. Vor Steins Tür brennt Licht. Er klopft.
Wer da? Die Stimme angespannt.
Sebastian, aus dem vierten. Ist alles okay?
Die Tür geht einen Spalt auf mit Kette. Margarete Stein steht im Bademantel, ein roter Fleck auf der Wange, als habe sie sich eben nass das Gesicht gewischt.
Nichts. Gehen Sie. Sie zieht die Tür zu.
Aus der Wohnung dringt wieder dieses keuchende Stöhnen.
Sebastian hält es nicht aus: Brauch Sie Hilfe?
Sie schaut, als hätte er sie um Almosen gebeten.
Nicht nötig. Ich hab alles im Griff.
Da ist doch jemand
Mein Bruder. Pflegefall. Liegt nur noch. Sie sagt das hastig, wie um ein letztes Nachfragen abzuschneiden. Gehen Sie.
Sie schließt ab.
Sebastian bleibt kurz stehen, fühlt, wie zwei Wünsche in ihm sich bekämpfen: zu gehen, weil sie es so will, oder zu bleiben, weil er jetzt zu viel weiß, um weiter Wegzusehen.
Zuhause findet er keinen Schlaf. Immer wieder kommt ihm das Wort pflegebedürftig in den Sinn; stellt sich vor, wie jemand fällt, wie man ihn nachts wieder ins Bett hebt, wie man im Halbschlaf Wasser holt, ein Becken leert, ein Bett rückt und die Nachbarn drunter zuhören, sich nerven.
Zum Treffen bei Nina Böttcher geht Sebastian nicht aus Neugier, sondern weil er weiß: Nicht zu erscheinen würde er bereuen. Um sieben versammelt sich bereits eine Gruppe vor der Tür. Manche in Pantoffeln, manche in der Jacke, als wäre es nur ein kurzer Sprung. Die Stimmen sind leise, Anspannung liegt in der Luft.
Nina Böttcher lädt alle in ihre kleine Küche. Auf dem Tisch: das Unterschriftenblatt, daneben ein Ausdruck mit dem Ruhezeitgesetz und die Nummer des Bezirksbeamten.
Die Lage ist so, beginnt sie. Wir können das nicht mehr dulden. Wir haben Kinder, wir gehen arbeiten. Ich messe inzwischen jeden Morgen meinen Blutdruck, weil ich nachts nicht mehr schlafe. Es geht nicht um die Person, sondern um unser Aller Gleichgewicht.
Sebastian merkt, wie geschickt sie nicht um die Person sagt, und wie viele erleichtert sind.
Ich war um zwei Uhr wach, sagt eine junge Frau aus dem sechsten, müde im Gesicht. Mein Baby hat gerade erst geschlafen. Dann so ein Krach als wäre ein Schrank gekippt. Ich hab das Baby bis zum Morgen gewiegt.
Und mein Vater ist frisch operiert, sagt ein Mann im Trainingsanzug. Er soll sich nicht aufregen. Er hört das, denkt an Feueralarm!
Wir müssen jedes Mal Polizei rufen!, ruft einer. Soll protokolliert werden.
Sebastian hört zu und weiß: Sie übertreiben nicht. Sie sind wirklich erschöpft. Darin liegt ihr Recht.
Wer hat mit ihr gesprochen? fragt Sebastian.
Ich war es, sagt Nina. Sie war pampig. ‘Wenn’s Ihnen nicht passt, ziehen Sie aus!’, hat sie gesagt und die Tür zugeknallt.
Immer ist sie so, pflichtet die Frau aus dem sechsten bei. Als würden wir ihr etwas schulden!
Sebastian möchte vom Bruder erzählen, schweigt aber. Wessen Angelegenheit ist das? Aber auch Schweigen ist eine Entscheidung.
Vielleicht hat sie irgendwas, sagt er vorsichtig.
Wir haben alle unser ‘irgendwas’, entgegnet Nina Böttcher. Aber wir rasten nicht aus.
Da klingelt es. Nina geht öffnen. Margarete Stein steht im dunklen Mantel, das Haar glatt, in der Hand Mappe und Handy. Das Gesicht angespannt, nicht ängstlich.
Ich nehme an, ich bin Thema, sagt sie.
Der Raum schrumpft, als stünden alle im Aufzug.
Es geht um das Problem, korrigiert Nina. Sie stören die Nachbarschaft.
Ich störe, wiederholt Margarete Stein, nickt, als akzeptiere sie etwas Inneres. Gut, dann hören Sie zu.
Sie legt die Mappe auf den Tisch, holt Blätter, Attest, Bescheide, legt das Handy dazu.
Mein Bruder schwerstbehindert nach Schlaganfall. Er liegt. Er kann nicht sitzen. Nachts bekommt er Anfälle. Er kriegt keine Luft, er fällt aus dem Bett. Ich muss ihn drehen, damit er keine Wundliegen bekommt. Sehen Sie das hier? Sie zeigt den Nachweis. Es ist kein Möbelrücken. Ich mache einen Erwachsenen von über 80 Kilo beweglich.
Ihre Stimme bleibt sachlich, mit zitterndem Metall der Erschöpfung. Sebastian sieht blaue Flecke an ihren Unterarmen.
Ich habe im letzten Monat dreimal den Notarzt gerufen. Hier die Protokolle. Ich müsste das nicht, aber Sie stellen es da, als hätte ich hier Party.
Jemand räuspert sich. Die junge Frau senkt den Blick.
Wir wussten das nicht, sagt sie leise.
Sie wussten es nicht, weil Sie nie gefragt haben, entgegnet Margarete Stein. Sie schrieben Beschimpfungen an meine Tür. Sie hetzten im Chat. Sie wollten ‘Maßnahmen’. Welche Maßnahmen? Soll ich ihn nachts aufs Treppenhaus legen, dass Sie endlich schlafen können?
So war es nicht, empört sich Nina. Aber das Gesetz Ruhe nach 23 Uhr!
Gesetz, Margarete lacht hart. Wollen Sie Gesetz? Gerne. Dann rufe ich gleichzeitig Polizei und Rettung, damit Sie beides protokollieren. Unterschreiben Sie dann jedes Mal, dass Sie das gehört haben? Sind Sie Zeugen?
Sollen wir jetzt ewig alles hinnehmen?, fragt der Mann. Seine Stimme bricht. Sebastian merkt, auch er ist am Limit. Mein Vater ist krank, ich sagte es bereits. Ich kann mir das nicht Nacht für Nacht anhören!
Und ich vielleicht?, erwidert Margarete Stein und blickt ihn direkt an. Meinen Sie, mir macht das Spaß? Ich möchte schlafen können!
Stille. Sebastian sucht nach einem Satz, der entspannt, aber es gibt keinen einfachen.
Nina Böttcher seufzt leiser:
Frau Stein, das ist für alle belastend. Wenn Sie wenigstens informiert hätten
Was hätte ich sagen sollen? Dass mein Bruder nachts sterben könnte? Sie schließt ihre Mappe. Ich kann nicht bitten. Habe niemanden zum Bitten.
Sebastian merkt plötzlich, dass das stimmt. Man wohnt Tür an Tür, aber keiner ist wirklich nah. Jede*r ist eine weitere Tür.
Lasst es uns ohne Streitereien versuchen, sagt er heiser. Wir können jetzt zusammenbrechen oder versuchen, es für alle ein klein wenig erträglicher zu machen.
Man sieht ihn an. Er hasst Aufmerksamkeit, aber jetzt kann er sich nicht mehr verkriechen.
Ich habe nicht unterschrieben und werde es auch nicht. Das löst nichts, das macht nur Feindschaft. Aber so zu tun, als wäre kein Lärm, geht auch nicht. Es gibt berechtigte Sorgen.
Nina verzieht die Lippen. Was schlagen Sie vor?
Sebastian denkt daran, nachts im Treppenhaus zu stehen, das Stöhnen zu hören.
Erstens: Damit alle informiert sind Frau Stein, wenn nachts etwas passiert und es wird lauter, schreiben Sie bitte ein kurzes Wort im Chat, z.B. ‘Notarzt’ oder ‘Anfall’. Kein langes Erklären, nur als Signal, dass nichts kaputt oder mutwillig ist.
Ich muss nicht berichten, ruft sie harsch, aber hält dann Sebastians Blick. Gut, wenn es geht, schreibe ich.
Zweitens, an die Runde: Wenn jemandes Klopfen laut ist bevor sofort ‘Polizei!’ getippt wird, erstmal direkt bei Frau Stein anrufen oder klopfen. Nicht als Vorwurf fragen, ob Hilfe nötig ist. Wenn sie nicht öffnet, dann kann man handeln.
Und wenn sie wieder patzig ist?, fragt die Frau mit Baby.
Dann wissen Sie wenigstens, Sie haben das Menschliche versucht. Für sich. Das ist wichtig.
Nina Böttcher schnaubt, widerspricht aber nicht.
Noch etwas, sieht Sebastian zu Frau Stein, Vielleicht helfen Gummipads an Möbeln oder Teppiche gegen Schall. Ich könnte mit anpacken, wenn Sie wollen.
Sie schweigt, dann: Das Bett kann nicht bewegt werden, da ist ein Eigenbau-Lifter dran verschraubt. Aber Matten ja. Und falls jemand manchmal tagsüber eine Stunde bleiben kann, damit ich in die Apotheke?
Sie verstummt. Jemand rutscht auf dem Stuhl.
Ich kann Mittwoch, sagt plötzlich die Frau vom sechsten. Ihre Wangen röten sich, als schäme sie sich für die Hilfsbereitschaft. Meine Mutter kann auf das Baby schauen. Ich komme für eine Stunde.
Ich auch, brummt der Mann. Nicht nachts, tagsüber.
Sebastian merkt, wie die Spannung nachlässt, aber nicht verschwindet. Sie nimmt nur eine neue Form an.
Nina hebt das Unterschriftenblatt: Und was machen wir hiermit?
Sebastian sieht auf die Liste. Bekannte Namen auch Viktor, sein Nachbar.
Ich finde, es sollte abgehängt werden. Wer Anzeige machen möchte, möge das bitte mit Datum einzeln tun, nicht als Sammlung gegen eine Person.
Das heißt, Sie sind gegen Ordnung? fragt Nina extra scharf.
Ich bin für Ordnung, erwidert Sebastian. Aber Ordnung darf nicht wie ein Knüppel wirken.
Margarete Stein hebt den Blick.
Hängen Sie es ab, sagt sie. Ich will nicht täglich sehen, wie über mich abgestimmt wird.
Nina legt das Blatt langsam weg. Ob aus Respekt oder weil sie spürt, dass die Mehrheit zögert?
Nach der Versammlung gehen alle schweigend. Einer versucht einen Scherz, aber der bleibt hängen. Sebastian geht hinaus Margarete Stein ist neben ihm. Sie gehen zusammen hinunter.
Sie hätten sich nicht einmischen sollen, sagt sie.
Vielleicht, antwortet er, aber ich wollte nicht, dass das bei Polizei und Skandal endet.
Tut es sowieso, wenn es bei ihm schlimmer wird, sagt sie leise.
Sebastian will nach dem Namen des Bruders fragen, wagt es aber nicht. Stattdessen sagt er:
Wenn Sie nachts Hilfe brauchen klopfen Sie. Ich bin da.
Sie nickt, ohne ihn anzusehen.
Am nächsten Tag hängt das Unterschriftenblatt nicht mehr. Dafür gibt es eine neue Nachricht. Nina tippt: Abgesprochen: In Notfällen meldet Frau Stein im Chat. Bitte nachts keine neuen Debatten. Wer tagsüber helfen kann, bitte über mich anmelden.
Sebastian stolpert über das Wort Plan. Es klingt organisiert, fast zu sehr für ihren Hausflur. Aber schon eine Stunde später trudeln tatsächlich Nachrichten ein: Montag kann jemand, Freitag auch. Nicht jeder spricht.
In der ersten Nacht nach der Versammlung kracht es doch wieder. Sebastian schreckt auf, Herzklopfen. 02:17. Minuten später kommt eine kurze Chatnachricht von Frau Stein: Anfall. Notarzt kommt. Keine Emoticons, keine Bitte.
Sebastian hört, wie oben Türen knallen, Schritte auf der Treppe. Er stellt sich vor, wie Margarete Stein ihren Bruder hält, ihn vor dem Ersticken bewahrt. Die Verärgerung ist nicht weg, aber da ist jetzt noch etwas anderes, tiefes, schweres.
Morgens im Aufzug sieht Sebastian Nina Böttcher. Ihr Gesicht zerknittert.
Es war wieder laut, meint sie.
Notarzt war da, antwortet Sebastian.
Hab ich gesehen, sie schweigt kurz. Ich wusste nicht, wie schlimm das ist. Aber schlafen kann ich trotzdem nicht. Mein Herz halt
Sebastian nickt, kann ihr Herz nicht heilen.
Vielleicht Ohrstöpsel?, schlägt er vor, wissend, wie armselig es klingt.
Ohrstöpsel Nina lacht müde. Wie weit sind wir gekommen.
Eine Woche später steht Sebastian tagsüber bei Margarete Stein mit einem Paket Gummifüße fürs Mobiliar und einem dicken Teppich aus dem Baumarkt. Sie macht gleich auf, als hätte sie gewartet.
Drinnen riecht es nach Medikamenten, etwas scharf, wie im Krankenhaus. Im Zimmer steht ein Bett, voller improvisierter Haltevorrichtungen; auf dem Bett ein Mann, dünn, reglos, die Augen offen, mit Blick ins Nichts. Daneben ein selbstgebastelter Lifter aus Gurten und Metallrohr Sebastian begreift, weshalb das Bett nicht verrückt werden kann.
Hier wäre der Teppich für drunter, damit es weniger durchkommt. Und die Pads für den Hocker, sagt er.
Der Hocker knallt, wenn ich das Becken drauf stelle, erklärt sie. Meine Hände Sie sieht auf ihre rissigen Handflächen.
Schweigend schiebt Sebastian den Teppich drunter, vorsichtig, damit die Halterung nicht abrutscht. Margarete beobachtet genau.
Danke, sagt sie leise. Diesmal klingt es echter.
Als er gehen will, klingelt das Telefon. Margarete nimmt ab, ihr Gesicht zieht sich zusammen.
Nein, das geht nicht, sagt sie geschäftlich. Ich ja. Nein.
Sie legt auf, sieht Sebastian an.
Das Sozialamt. Pflegekraft nur zwei Stunden die Woche, und das mit Warteliste. Ich brauche täglich Hilfe.
Sebastian findet keine passenden Worte. Er weiß: Ihr Hausgemeinschafts-Plan ist ein Notbehelf.
Abends schreibt einer im Chat: Warum müssen wir helfen? Das ist ihre Angelegenheit. Soll sie Leistungen beantragen! Viele Antworten, teils freundlich erklärend, andere gereizt, manche mit Ausrufezeichen.
Sebastian liest, mischt sich nicht ein. Er spürt neue Erschöpfung nicht von Frau Stein, sondern davon, wie jeder Schritt aufeinander sofort zum Streit um Gerechtigkeit wird.
Nach ein paar Tagen hängt unten wieder ein Blatt. Keine Maßnahmen, sondern eine ordentliche Tabelle: Wochentage, Uhrzeiten, Namen. Unten die Nummer von Margarete Stein mit dem Hinweis: Bei Notfall nachts melde ich im Chat. Wer helfen mag, bitte melden. Das Blatt hängt diesmal gerade.
Sebastian merkt: Es fühlt sich nicht besser an als das Unterschriftenblatt nur anders. Das Haus akzeptiert damit: Hinter der Tür kann Not sein, doch selbst Not bekommt einen Plan.
In einer der folgenden Nächte steigt Sebastian doch noch hinauf wieder lautes Poltern, Margarete schimpft zwischen den Zähnen, nicht auf Menschen, auf einen Körper. Er klopft, sie öffnet ohne Kette.
Komm rein.
Er hilft mit, den Bruder zurück ins Bett zu heben. Seine Hände zittern, Margarete sagt nichts, richtet Kissen und überprüft den Atem.
Als Sebastian hinausgeht, sieht er im unteren Flur, wie jemand die Tür aufmacht und vorsichtig hinausspäht dann wieder schließt. Niemand ruft, keiner kommt dazu. Das Haus hält den Atem an.
Am Morgen trifft er Viktor, sein Nachbar mit einer Unterschrift auf der Liste. Viktor weicht ihm aus.
Hey, ich hab naja, unterschrieben, weil mich das fertig gemacht hat. Aber ich wusste das nie
Schon okay, antwortet Sebastian. Jetzt zählt nur, wie es weitergeht.
Viktor nickt, bleibt aber stur wie jemand, der ungern Fehler zugibt.
Der Kompromiss hält. Nicht perfekt, aber er funktioniert. Nachts erscheinen manchmal kurze Chatnachrichten: Notarzt oder fällt hin. Wütende Nachrichten in der Nacht gibt es seltener, mehr morgens, wenn sich alles abgekühlt hat. Manche gehen wirklich tagsüber zu Frau Stein, andere bleiben fern. Ninas Liste hat auch Lücken.
Sebastian bemerkt, wie im Haus weniger spontan geredet wird. Grüßen aber reserviert. Als könnte jedes Wort wieder einen Streit auslösen. Keine Drohzettel mehr, aber auch keine alte Leichtigkeit. Selbst Diskussionen um die Glühbirne in der Hauslampe wirken: Bitte nicht schon wieder
Abends trifft Sebastian Margarete Stein am Aufzug. Sie hat eine Tüte Medikamente, einen kleinen Thermosbecher, das Gesicht grau vor Erschöpfung.
Wie gehts ihm?, fragt Sebastian.
Er lebt, antwortet sie. Heute wars ruhig.
Sie fahren zusammen hoch. Auf dem vierten steigt Sebastian aus, bleibt noch kurz stehen.
Wenn was ist klopfen Sie.
Sie nickt und sagt plötzlich:
Damals beim Treffen ich wollte euch nicht
Sie findet keine Worte, winkt ab.
Ist schon klar.
Die Aufzugstür schließt, Sebastian bleibt allein. Er sperrt auf, zieht Jacke und Schuhe aus, stellt sie ordentlich auf die Matte. Drinnen ist es still. Sein Sohn sitzt mit Kopfhörern, die Mutter fragt am Telefon, wann er kommt.
Sebastian schaut aufs Handy, dann zur Tür, hinter der die Treppe beginnt. Er denkt an die Blätter, die Menschen verändern können: eins mit Unterschriften dagegen, das andere mit Namen, die für eine Stunde helfen. Und daran, dass zwischen solchen Blättern oft weniger Abstand ist als zwischen Nachbarn durch die Wand.
Im Chat taucht an dem Abend ein neues Posting auf: Danke an alle, die heute geholfen haben. Bitte, persönliche Dinge nicht im Gruppenchat. Bei Fragen privat. Die Nachricht verschwindet bald wieder unter Beiträgen über Müll und Aufzug.
Sebastian stellt das Handy aus, füllt Wasser in den Wasserkocher. Er weiß, dass er heute Nacht wieder von einem Schlag geweckt werden könnte. Und dass er dann nicht mehr nur an seinen eigenen Schlaf denken wird. Es macht ihn nicht besser. Aber es macht ihn zu einem Teil davon.





