10. März
Ist dir etwa dein Urlaub wichtiger als deine Schwester? tönte meine Mutter dramatisch durch das Telefon.
Schon wieder rief ich meine Schwester an, doch die Telefonansage meldete nur monoton, dass die Leitung momentan besetzt sei.
Seit zwei Wochen herrschte Funkstille. Und alles nur wegen eines einzigen Telefonats, das anfangs ganz alltäglich wirkte.
Meine Schwester, Frauke frischgebackene Mutter war völlig am Ende, als sie um Hilfe bat.
Svenja, du weißt doch, mein Projekt brennt lichterloh. Ich bin kurz vorm Nervenzusammenbruch, klang sie fast flehend. Und stell dir vor, unsere Tagesmutter ist plötzlich ins Krankenhaus gekommen. Wir, also ich und Jens, wissen einfach nicht weiter. Du hast doch ab Montag Urlaub, stimmt das? Könntest du vielleicht wenigstens eine Woche nach München kommen und mir mit Lena etwas helfen?
Lena, meine Nichte, ein Jahr und ein Monat alt. So ein süßes, pausbäckiges Mädchen mit Spitznäschen und zwei tapsigen Schneidezähnen und beim letzten Besuch hat sie es doch glatt geschafft, mit Filzstift meinen neuen E-Reader zu verschönern.
Ich liebe meine kleine Nichte, wirklich, aber die Vorstellung, meinen einzigen, hart verdienten Urlaub des Jahres als Babysitterin zu verbringen, rief sofortigen Widerstand in mir hervor.
Diesen Urlaub habe ich über Monate hinweg geplant. Zugtickets nach Hamburg gekauft, ein gemütliches Zimmer an den Alsterkanälen reserviert, Stadtspaziergänge und Museumsbesuche durchorganisiert alles, um endlich aufzutanken nach zwölf Monaten als Buchhalterin in einer großen Consultingfirma. Mein Alltag besteht sonst nur aus Zahlen, Berichten und den miesepetrigen Gesichtern vom Chef und den Kollegen.
Frauke, ehrlich, es tut mir leid, aber es geht wirklich nicht, stammelte ich mit Gänsehaut am ganzen Rücken. Ich habe schon alles gebucht für Hamburg den ganzen Urlaub minutiös geplant.
Kurzes, eisiges Schweigen. Frauke war offenbar schockiert wegen meiner Absage.
Hamburg? Allein, oder wie? Klar. Freizeit ist natürlich wichtiger Mir zerreißt es buchstäblich das Herz mit der Kleinen hier und du
Das ist keine Freizeit, das ist mein dringend nötiger Urlaub!, fiel ich ihr ins Wort, aber sie hörte gar nicht mehr zu.
Schon gut. Lass mich einfach. Ich schaffe das schon. Du hast mir alles gesagt, was ich wissen muss.
Aufgelegt. Ich legte das Handy weg und fühlte mich zunächst schlecht um sofort von einer Welle Trotz erfasst zu werden.
Wieso werden meine eigenen Pläne nie ernst genommen, wenn es um Familie geht? Warum gilt mein Urlaub als nichtig im Gegensatz zu Fraukes Mutterpflichten?
Der eigentliche Hammerschlag kam am nächsten Tag von meinen Eltern. Meine Mutter, Ingrid Baumann, rief an mit eiskalter Stimme.
Svenja, weißt du, was ich von Frauke gehört habe? Wie kannst du deiner Schwester in solch einer Lage die Hilfe verweigern?
Mama, ich hab Urlaub, ich, wollte ich erklären, aber sie fiel mir rüde ins Wort.
Urlaub?, fauchte sie. Nach Hamburg, alleine, ja? Was soll denn das bringen? Familie unterstützen das ist wichtig! Das Kind ist noch so klein, denen gehts wirklich schlecht da. Du hättest dich von selbst mal anbieten können!
Ich muss das nicht tun!, platzte es aus mir heraus. Ich bin dreißig, verdiene mein eigenes Geld, und möchte endlich mal auch an mich denken! Ich kann nicht immer nur so funktionieren, wie ihr es euch wünscht!
Meine Mutter klang jetzt wie eine Fremde. Dann haben wir ja nichts mehr zu besprechen. Mach, was du willst mit deiner Selbstverwirklichung. Reisen Wir werden sehen, wie gut du allein durchs Leben kommst.
Das Gespräch war beendet. Es folgten vierzehn Tage Schweigen. Ich fuhr nach Hamburg ich schlenderte durch die Kunsthalle, fuhr mit Booten über die Elbe, trank Café Latte in kleinen Kneipen in Ottensen.
Aber richtig genießen konnte ich nichts. Jeder prunkvolle Altbau, jedes Kunstwerk erinnerte mich an den vorwurfsvollen Ton meiner Schwester und an die Kälte meiner Mutter.
Zurück in Frankfurt, versuchte ich zu Hause anzurufen.
Mein Vater ging ans Telefon. Gerhard Baumann, der sonst immer freundlich war. Svenja, wir sind beschäftigt, sagte er. Legte auf.
Meine Mutter hob den Hörer gar nicht erst ab. Von Frauke kam nur eine Nachricht: Danke, aber wir sind klargekommen.
Ein Monat verging, dann klingelte es an meiner Wohnungstür. Ich erschrak ich erwartete niemanden. Durchs Guckloch blickte ich und hielt den Atem an. Es war mein Vater. Allein. In der Hand ein kleiner Behälter. Mein Herz klopfte schneller. Ich öffnete zögernd.
Papa, stammelte ich.
Gerhard Baumann wirkte müde und schmal älter als ich ihn in Erinnerung hatte.
Darf ich reinkommen?, fragte er leise.
Ja, natürlich.
Er hing sorgfältig seinen Mantel auf und setzte sich ins Wohnzimmer, als wäre er zum ersten Mal hier.
Mama hat dir Kirschenmarmelade mitgegeben. Deine Lieblingssorte, stellte er das Glas auf den Tisch und sah mich erstmals an. Sein Blick war erschöpft, aber nicht mehr so hart.
Danke, stotterte ich. Wir standen uns gegenüber wie Fremde.
Wie war Hamburg?, fragte er schließlich und nahm auf dem Sessel Platz.
Ganz schön, log ich. Das Wetter war toll.
Er nickte, ohne mich anzusehen. Wieder eine lange, schwere Stille.
Lena wurde krank, sagte er dann plötzlich. Fieber, Husten. Frauke und ich waren letzte Nacht fast durchgehend wach, haben sie gewiegt
Mir zog sich das Herz zusammen. Vor meinem inneren Auge sah ich, wie meine Schwester, abgekämpft, mit verweinten Augen die Kleine wiegte, während mein Vater ihr beistand.
Wie gehts ihr jetzt?, flüsterte ich.
Besser. Wir bekommen das Fieber in den Griff. Aber leicht ist es nicht. Jens ist kaum daheim. Frauke ist völlig allein.
Mein Vater hob den Blick und in seinen Augen lag eine ungewohnte Traurigkeit.
Ich weiß, dass du nichts MUSST, Svenja, sprach er leise. Du bist dein eigener Mensch. Wir deine Mutter und ich wir haben vielleicht falsch reagiert. Wir kommen aus einer anderen Zeit. Für uns ist Familie alles. Wer kann, hilft. Ohne Wenn und Aber. Wenn man sieht, wie einer leidet, lässt man alles liegen und eilt zu Hilfe.
Papa, ich, wollte ich einwenden, aber er hob sanft die Hand.
Lass mich ausreden. Wir haben dich unter Druck gesetzt. Wir waren unfair aber ich möchte, dass du auch uns verstehst. Wir werden älter, er rieb sich die Stirn. Wenn wir sehen, wie sehr Frauke kämpft, wünschen wir uns, dass ihr euch als Schwestern haltet. Als du dich schließlich für das Reisen und gegen Frauke entschieden hast, dachten wir, du wendest dich von uns ab. Deine Mutter… für sie war das wie ein Stich ins Herz. Sie glaubt, wenn du nichtmal dafür deinen Urlaub gibst, dann wirst du auch im Ernstfall nie helfen.
Das ist unfair!, rief ich fast unter Tränen. Ich rackere das ganze Jahr durch! Ohne diesen Urlaub wäre ich durchgedreht, Papa!
Versteh ich, nickte er und diesmal merkte ich, dass er es ehrlich meinte.
Du siehst müde aus, Svenja. Wir haben das nicht bemerkt. Wir sahen nur Frauke. Und ihre Sorgen, jetzt wirkte er selbst gebrochener denn je.
Deine Mutter meidet dich nicht, weil sie dich weniger liebt, sondern weil sie dich zu sehr liebt und damit oft unfair handelt. Ihre größte Angst ist, dass du dich nicht mehr für die Familie aufopferst und wenns hart auf hart kommt, uns auch verlässt das ist ihre Panik, nicht dein Versagen.
Ich setzte mich ihm gegenüber.
Ich würde euch niemals im Stich lassen, Papa. Ihr seid meine Familie Frauke und Lena auch. Aber ich kann nicht alles für euch geben. Ich brauche manchmal auch Zeit für mich. Sonst zerbreche ich daran.
Mein Vater seufzte. Dann griff er nach der Marmelade und zwang sich zu einem Lächeln.
Wollen wir nen Tee trinken?
Gerne, Papa.
Während ich Tee kochte, blieb er aufs Sofa gesunken und ließ seinen Blick über die alten Fotos an der Wand streifen. Besonders lange schaute er auf das Bild meines Abiturballs. Dann tranken wir fast schweigend unseren Tee.
Komm doch am Sonntag vorbei, sagte er zögerlich und stellte die leere Tasse ab. Familiensonntag Frauke und Lena kommen, Mama wird auch da sein. Vielleicht sagt sie nichts, aber sie freut sich. Ich weiß es.
Ich komme, versprach ich.
Gut, sagte er und verabschiedete sich.
Ich blieb allein zurück. Dann griff ich zum Telefon und tippte Fraukes Nummer ein. Es dauerte, bis sie abhob.
Hallo?, ihre Stimme war leise und müde.
Frauke ich bins. Papa hat mir von Lena erzählt. Wie geht’s ihr? Was kann ich tun? Braucht ihr noch was? Medikamente, Früchte?
Kurzes Schweigen. Dann:
Danke aber der Kinderarzt sagt, Lena ist über den Berg. Ohne Mama und Papa gestern weiß nicht, was ich gemacht hätte.
Ich komme Sonntag vorbei, sagte ich eilig. Wenn das ok ist.
Klar, komm vorbei, sagte sie tonlos. Lena fragt eh schon nach dir gestern krabbelte sie durchs ganze Zimmer und suchte deinen E-Reader.
Diesmal gibts einen neuen mit Kindersicherung, lachte ich matt.
Vor dem Familienessen am Sonntag war ich nervös, drehte gefühlt jede Drogerie- und Buchhandlung in Frankfurt auf links, um Geschenke zu finden.
Das Wiedersehen verlief angespannt und seltsam künstlich. Meine Mutter und Frauke waren freundlich aber nicht ehrlich verziehen. Man spürte: da war noch Eis. Um die Stimmung zu retten, reichte ich beiden die Geschenkpakete.
Frauke warf einen Blick hinein, verzog das Gesicht. Du meinst, mit der Markenhandtasche kannst du alles ungeschehen machen? Mir hätte Unterstützung mehr geholfen als all dieser Quatsch, maulte sie und schleuderte das Geschenk auf den Boden.
Mir wurde schwindelig vor Scham, als ich das böse, verbitterte Gesicht meiner Schwester sah. Stille, bis meine Mutter leise beteuerte:
Bitte, Mädchen kein Streit mehr.
Es streitet ja auch niemand! keifte Frauke. Ich will nur nicht, dass meine Schwester glaubt, sie kann sich mit einem Souvenir von allem freikaufen!
Ich konnte mich nicht mehr halten. Was bist du eigentlich, kam es über meine Lippen. Ich hab das ehrlich gemeint, und du
Was bin ich?, spottete Frauke.
Eine richtige du bist einfach gemein!, rief ich, griff das heruntergefallene Geschenk und lief zur Tür.
Danach sahen und sprachen wir Schwestern monatelang nicht mehr miteinander. Meine Mutter rief manchmal an und bat mich, mich bei Frauke zu entschuldigen.
Doch mein Tagebuch kennt die Wahrheit, und vielleicht, nur vielleicht, ist das irgendwann genug.





