Wie kann man nur so tief sinken? Meine Tochter, schämst du dich gar nicht? Deine Hände und Füße sind gesund, warum arbeitest du nicht? tönten Stimmen zu einer Bettlerin mit Kind.
Waltraud Schulze schlenderte langsam durch die weiten Gänge eines riesigen Supermarkts in Hamburg. Zwischen Regalen voller bunter Verpackungen wehte sie wie ein Blatt im Wind. Dies war ihr täglicher Zufluchtsort, fast wie eine Arbeitsstelle dabei musste sie keine Familie versorgen; sie hatte nie eine eigene gehabt. So floh die ältere Dame jeden Abend aus ihrer Einsamkeit ins milde, künstliche Licht der Verkaufshalle.
Im Sommer war es leichter, wenn sie mit Nachbarinnen unter den Linden auf einer Parkbank sitzen konnte. Doch im Winter blieb ihr keine Wahl. Sie verliebte sich in die abendlichen Spaziergänge durch den modernen Markt.
Hier war es voller Menschen, der Geruch von frisch geröstetem Kaffee lag in der Luft, und leise dudelte ein Walzer aus den Lautsprechern. Die klaren Plastikhüllen, die bunten Dosen und Papiertüten erinnerten sie an Kinderspielzeug; wie in einem weird gewordenen Traum schienen sie zu leuchten und zu tanzen.
Waltraud nahm einen Becher Erdbeerjoghurt in die Hand, blinzelte auf das Etikett und stellte ihn seufzend zurück zu teuer für ihr schmales Budget. Anschauen durfte sie ja.
Während sie ziellos die Überfülle an Lebensmitteln betrachtete, tauchten Erinnerungen auf: Als wären graue Papiertüten wie Federwesen durch den Laden geflogen, und hinter den Theken fauchten Verkäuferinnen nach begehrten Waren, kämpften Raubkatzen gleich um Mangelprodukte, deren Namen sie längst vergessen glaubte.
Sie lächelte wehmütig. Wenn es um ihre Tochter ging, hätte Waltraud jede Schlange drei Mal gestanden. Der Gedanke an ihr Kind ließ ihr Herz schneller schlagen. Vor der Kühltruhe, in der der Seelachs gefror, hielt sie inne, stützte sich schwer darauf.
Plötzlich erschien wie durch einen Nebel das Gesicht ihrer Irmtrud mit wilden roten Locken, riesigen grauen Augen, Sommersprossen und Lachgrübchen. Wie wunderschön war sie, dachte Waltraud traurig.
Unter dem prüfenden Blick einer Verkäuferin näherte sie sich dem Brotabteil.
Irmtrud war ihre Lebensfreude gewesen. Ein kluges Mädchen. Als sie beschloss, Leihmutter zu werden, hatte Waltraud inständig gewarnt: Das kann doch nicht gut gehen. Doch Irmtrud hatte nur gelacht, strich sich über ihren wachsenden Bauch. Ich denke schon längst, das ist kein Kind, sondern lauter gutes Geld.
Und Mutter schüttelte den Kopf. Wie sollte man ein Kind hergeben, neun Monate ist es unter dem Herzen gewesen?
Doch mit zwanzig hört kein Mädchen auf die Mutter. Wäre ihr Vater noch da gewesen, es wäre anders gekommen. Wer hatte Irmtrud überreden dürfen? Nach der schweren Geburt bemühten sie sich wenig. Drei Tage später starb Irmtrud.
Das Kind wurde sofort an die neuen Eltern übergeben, Waltraud sah keinen Cent. Sie hatten ja mit ihrer Tochter kontrahiert.
Waltraud begrub ihre Tochter und blieb allein. Keine Verwandten, niemand, als hätte sich ein Loch aufgetan, in das sie langsam sank.
Nun steuerte sie zum Brötchenregal. Sie tastete Kleingeld aus dem Mantel. Heute hatte sie genug gesehen, jetzt konnte sie heim. Sie hatte das Geld abgezählt, gab es an der Kasse und schloss das restliche Wechselgeld fest in der Faust.
Vor fast einem Monat, am zweiten Tag nach Eröffnung, bemerkte sie zum ersten Mal die junge Bettlerin. Irgendetwas zog Waltrauds Aufmerksamkeit an. Vielleicht war es ihre Jugend, die starre Haltung, oder die Art, wie sie das Baby im Arm hielt, als könnte es sonst im Nebel verschwinden.
Wie kann man so tief sinken?, fragte sich Waltraud. Sie ließ ein paar Münzen in die bereitgestellte Schale klimpern. Kindchen, schämst du dich nicht? Hände und Füße gesund, du könntest arbeiten. Junge Frau, du hast doch noch dein Leben vor dir!
Ein paar Passanten huschten vorbei, behindert von der älteren Dame, die im Weg stand.
Danke, aber bitte gehen Sie weiter. Ich muss mehr sammeln, sonst gibts Ärger.
Waltraud schlurfte weiter, der Stimme in Ohr und Herz. Niemand kümmerte sich um diese Armut, Polizei und Jugendamt schauten weg; die Menschen hatten sich an Bittsteller gewöhnt wie an das Rauschen des Stadtverkehrs.
Den restlichen Weg nach Hause ließ sie die Bettlerin nicht los. Die traurigen Augen, die Stimme seltsam vertraut, als hätte sie sie in einer anderen Welt gehört. Woher?
Daheim schloss Waltraud die Tür, stellte ihre warmen Filzpantoffeln ab, schaltete Licht an, legte das Brot in die Küche. Nach einer Weile saß sie mit einer süßen Tasse Tee und einem Stück Schwarzbrot mit dünner Cervelat vor sich. Wie hungrig muss sie wohl sein?, dachte Waltraud. Draußen war eisiger Wind.
Sie trat ans Fenster und erstarrte: Zwei finstere Gestalten drängten das Mädchen hart in ein Auto.
In Panik griff Waltraud zum Telefon, wagte dann aber nicht, die Polizei zu rufen es könnte alles verschlimmern. Im Hof war niemand mehr. Sie entschied, auf den Morgen zu warten.
Die Nacht war unruhig. Im Traum erschien ihr Irmtrud am Eingang des Supermarkts, ein Kind im Arm. Das Kind war eisblau vom Winter, und Waltraud schlang es fest an sich. Irmtrud sagte nur: Mir ist nicht kalt, Mama.
Waltraud nahm dem Mädchen das Kind ab, schlug die Decke zurück: Es war eine große Puppe mit Bärenanhänger um den Hals.
Mit dem bekannten Anhänger, sagte Waltraud im Schlaf und fuhr schreiend hoch. Es war schon neun Uhr. Sie eilte zum Fenster.
Die Bettlerin mit Kind war wieder am Ausgang. Gott sei Dank. Heute war Silvester, die Kälte lag wie Glas über der Stadt. Das Mädchen stand seit einer Stunde draußen; bis Abend könnte sie durchfrieren.
Waltraud packte das Brot, machte hastig Stullen mit Wurst, füllte Süßtee in die Thermoskanne, zog sich dick an und ging los.
Als das junge Mädchen sie auf sich zukommen sah, verbarg sie einen blauen Fleck mit einem Schal. Keine Angst, Liebes, sagte Waltraud sanft. Sie reichte ihr das Essen. Ich wünsche nicht, dass du Hunger leidest.
Das Mädchen nahm gierig die Brote, setzte sich entfernt auf eine Bank, verschlang das Brot beinahe ohne Kauen, würgte und hustete. Dann schielte sie auf das Baby, das in fremden Armen schrie, trank Tee, wischte sich den Mund ab und schlenderte dann vorsichtig zurück.
Vielen Dank. Bis sieben Uhr halte ich durch, dann holen sie mich ab, sagte das Mädchen.
Waltraud kontrollierte den Thermometer draußen wieder und wieder. Es wurde frostiger.
Am späten Nachmittag nahm sie einen Becher Erbsensuppe, wollte schnell noch für Oliviersalat Wurst und Essiggurken besorgen. Sie stellte den Suppenbecher zur Bettlerin, steckte Münzen in ihre Tasche und verschwand ins warme Licht des Supermarkts.
Als sie wieder hinausging, waren Bettlerin und Suppe verschwunden. Wahrscheinlich isst sie irgendwo, murmelte sie.
Daheim bereitete sie Karpfen und Salate vor, falls eine der älteren Nachbarinnen Silvester über Gesellschaft suchte.
Kurz vor zehn Uhr sah sie wieder aus dem Fenster: Unter einer Laterne, eingesponnen im Lichtkreis, saß die junge Frau und schluchzte.
Waltraud raste umher. Zwei Stunden bis Mitternacht, und draußen friert jemand. Im Schlafrock, Pantoffeln und Schal lief sie die Treppen hinunter, blieb außer Atem stehen. Ich habe keinen Ort mehr, wohin ich gehen kann, stammelte die Bettlerin.
Der Blick des Mädchens klammerte sich verzweifelt an Waltraud. Bitte, passen Sie auf ihn auf sie drückte ihr das Bündel mit dem Baby in die Hände und schlurfte Richtung Straße.
Waltraud wusste sofort: Sie wollte weg, für immer. Sie sprang auf, hastete hinter ihr her und drehte das Mädchen um: Jetzt reichts! Was hast du vor? Komm mit!
Sie liefen durch den frostblauen Nebel zum nahen Plattenbau. Drinnen entpackte Waltraud das Kind am Heizlüfter.
Wie heißt du? wollte sie fragen, doch ihr Blick fiel auf einen Anhänger denselben Bären-Anhänger, den sie Irmtrud zum sechzehnten Geburtstag geschenkt hatte. Das Silber kam aus einer alten Brosche, die der Goldschmied umgearbeitet und mit einer Kette versehen hatte.
Das Mädchen zog die Jacke aus, sah fragend auf. Darf ich duschen? Nach einem Nicken verschwand sie. Waltraud schluckte Beruhigungstropfen. Unmöglich. Das arme Mädchen ist das meine Enkelin?
Sie bettete das satt gegessene Baby auf das Sofa.
Am gedeckten Tisch adressierte sie das Mädchen: Almut! Das Mädchen staunte. Woher wissen Sie das?
Waltraud winkte ab: Gehört Also, iss erst mal.
Sie tastete nach vertrauten Zügen im Gesicht. Kein Zweifel ihre Enkelin, das war der Name, den die Auftraggeber für Irmtruds Tochter gewollt hatten.
Dankbar lächelte Almut und bewunderte die Festtafeln, aß wie im Traum. Nun, erzähl, meine Almut, wie ist das alles gekommen?
Wie von Fesseln befreit, plätscherte ihre Geschichte heraus: Bis fünf lebte sie mit Eltern, hatte einen eigenen Shetland-Pony und alles schien wie im Märchen. Dann Scheidung, Mutter brachte sie ins Kinderheim.
Warum versteht bis heute niemand. Sie landete im Heim und wurde mit achtzehn in eine marode Wohnung entlassen, die abgerissen werden sollte. Dort traf sie den Klempner Dieter.
Als der von Almuts Schwangerschaft erfuhr, war er weg. Die Wohnung nahm man ihr, die neue war längst vergeben. Und sie konnte mit Baby auf dem Arm nirgends protestieren.
Sie begann in der U-Bahn zu betteln, schlief am Hauptbahnhof, wurde von Rudi, dem Chef, entdeckt, der ein Netz von Bettlern kontrollierte.
Eine hübsche junge Mutter bringt gutes Geld, meinte er und bot Unterkunft gegen das tägliche Sammelgeld. Sie lebten mit anderen Bettlern in einem großen feuchten Keller. Die meisten waren Theaterbettler, die Verletzungen schminkten und Buckel befestigten, weil das mehr brachte Almut taugte kaum dazu.
Tage zogen vorbei, morgens Zuordnung, abends Abrechnung. Die Lage verschärfte sich aber: Immer wieder Vorwürfe, das Baby störe, zu wenig Einnahmen.
Heute ließen sie sie einfach stehen, holten sie nicht ab.
Almut schloss mit verklärtem Blick: Danke ich weiß nicht, wie wir die Nacht sonst überstanden hätten. Sie legte die Gabel weg, gähnte und schlief fast sofort ein.
Waltraud weckte sie, bugsierte sie ins Bett, das Kind in den Sessel daneben. In der Stube saß sie beim Mauersegler-Schnaps und lauschte der Silvesteransprache des Bundespräsidenten.
Natürlich würde sie ihre Enkelin und den kleinen Jungen nie mehr wegschicken. Das war jetzt richtig so. Sie würde ihr alles beibringen, helfen, den Jungen aufzuziehen. Sie sollten endlich zur Ruhe kommen. Später würde sie alles erzählen.
Beim Glockenschlag schenkte Waltraud sich einen Schluck Obstbrand ein, trat ans Fenster.
Schneeflocken tanzten im Laternenlicht, darunter lag ein fast friedlicher, winterlicher Straßenabschnitt. Danke, lieber Gott, für dieses unerwartete Glück. Leb wohl, Einsamkeit! Jetzt habe ich wieder FamilieDraußen begannen die ersten Raketen aufzuflammen; bunte Blumen aus Licht zerplatzten lautlos am Himmel. Die kleine Wohnung füllte sich für einen Moment mit dem bunten Glanz des Feuerwerks. Waltraud lächelte, Tränen in den Augen. Sie drehte sich um, betrachtete die friedlich atmenden Gestalten auf ihrem Sofa. Mit Wilhelmine, der Nachbarin, würde sie am Morgen Pläne schmieden, Behörden anrufen, mit Almut nach Lösungen suchen. Noch war nichts endgültig entschieden, noch gab es viele Wege durch das neue Jahr. Doch zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte sie das Gefühl, nicht nur zu überwintern, sondern wirklich zu leben.
Als ein lautes Krachen von draußen drang, öffnete das Baby im Sessel kurz die Augen. Waltraud beugte sich vor, strich ihm sacht über den kleinen Kopf, und ein leises Lächeln huschte über sein Gesicht als hätte es den Neuanfang gespürt.
Willkommen Zuhause, flüsterte Waltraud, als Mitternacht in den Straßen von Hamburg explodierte.
Und drinnen, wo einst eine Lücke klaffte, schlug ein Herz jetzt für drei.





