Gott sei Dank, endlich ist es so weit! – Die Großmutter atmete schwer, doch ihr Gesicht strahlte vor echtem Glück. Zärtlich strich sie mit ihren trockenen Händen über das Gesicht ihres Enkels und ließ sie dann auf die Bettdecke sinken.

Gott sei Dank! Endlich, ich habe es erlebt! schnaufte meine Großmutter schwer, doch ihr Gesicht strahlte echtes Glück aus. Mit ihren trockenen Händen strich sie zärtlich über mein Gesicht und ließ die Hände auf die Decke sinken.

Ruh dich aus, Oma, bat ich sie leise, morgen haben wir doch den ganzen Tag Zeit, wir werden uns schon noch richtig unterhalten.

Nein, Lukas, sie lächelte traurig, ich habe Gott nur um eins gebeten: dich noch einmal zu sehen. Nun brauche ich nichts mehr ich habe dich gesehen, dich umarmt. Jetzt will ich mich nur kurz ausruhen, dann reden wir. Sie schloss ermüdet die Augen. Erika, gib dem Jungen was zu essen ist ja doch von weit her gekommen.

Oma ging es sehr schlecht. Sie wusste, dass ihr nur noch wenig Zeit blieb. Ich war der einzige Verwandte, der ihr geblieben war und sie mir. Meine Eltern waren irgendwann an ihrem Elend zerbrochen und hatten nach und nach alles dem Alkohol geopfert: erst das Wertvollste, dann Möbel, Kleidung, schließlich die Wohnung zuletzt waren sie sich selbst zum Opfer gefallen. Oma hatte es noch geschafft, mich aus diesen Verhältnissen zu retten, sorgte dafür, dass ich die Schule abschloss, den Führerschein für Pkw und Lkw machte und meinen Wehrdienst ableistete. Heute war ich also zurück es war sicher nicht die Heimkehr, die sie sich erträumt hatte, aber eine Wahl hatte sie nicht.

Während Erika eine alte Freundin und Nachbarin meiner Großmutter mich in der Küche bewirtete, lag Oma mit geschlossenen Augen da und suchte nach Worten, die ins Herz und den Kopf gehen sollten. Aber ihre Gedanken kamen immer mehr durcheinander. Sie streichelte dabei unsere Katze ihre geliebte Liesel, die in den letzten Tagen kaum noch von Omas Seite gewichen war und die Gefahr spürte. Schließlich rief sie:

Lukas, komm mal zu mir.

Als ich mich neben sie setzte, begann sie leise zu sprechen:

Ach Lukas, ich hätte so gerne noch deine Kinder erlebt aber das wird wohl nichts mehr. Du bleibst allein zurück, und alleine ist es schwer. Wenn du eine gute Frau triffst, dann lass sie nicht gehen. Wähle sie für das Leben, für das schwere Leben. Leicht war es nie, und es wird auch nie leicht werden. Verschleudere deine Zeit nicht an Müßiggang und oberflächlichen Spaß und meide am allermeisten das verfluchte Bier! Einer stürzt so ab, und alle Angehörigen leiden darunter. Es gibt viele Wege im Leben, Lukas, sieh zu, dass du den richtigen findest.

Oma schwieg erschöpft, vielleicht dachte sie an meine Eltern. Dann fasste sie sich aber wieder:

Die Wohnung habe ich auf dich überschrieben, damit du eine junge Frau beherbergen kannst. Für die Beerdigung habe ich Geld zur Seite gelegt, Erika zeigt dir, wo es ist. Was übrig bleibt, habe ich auf dein Konto überwiesen, das reicht fürs Erste. Und die kleine Lieselchen du musst gut für sie sorgen, sie nicht allein lassen. Sie ist klug und einfühlsam, du weißt ja, du hast sie als Kätzchen nach Hause gebracht Nun, ich glaube, das ist alles. Geh jetzt, ruh dich aus, ich muss auch schlafen, ich bin müde.

Am nächsten Morgen wachte meine Großmutter nicht mehr auf

Ich fing bald darauf an, bei einem Internetanbieter als Techniker zu arbeiten, auf Empfehlung von Freunden. Unser Trupp bestand aus sechs Mann, wir legten Glasfaser und schlossen neue Kunden an. Die Arbeit konnte müde machen, aber das Gehalt war ordentlich, und das Gefühl etwas geschafft zu haben, entschädigte für die Mühen.

Zu Hause wartete immer Liesel auf mich meine graue Katze, die ich vor acht Jahren als Kätzchen auf der Straße gefunden hatte. Nach dem Tod meiner Großmutter wurde Liesel sehr melancholisch, verweigerte fast jede Nahrung und saß tagaus, tagein in Omas altem, geliebten Sessel, den Blick fest auf die Tür gerichtet, als würde die Herrin gleich zurückkommen. Doch sie kam nicht mehr.

Ich versuchte Liesel aufzumuntern, redete oft mit ihr, holte sie auf meinen Schoß und erzählte, was ich so erlebt hatte, bot ihr Leckerbissen an. Doch einen ganzen Monat lang blieb sie traurig und abwesend.

Dann bekam ich endlich mein erstes Gehalt. Meine Kollegen bestanden darauf, einen auszugeben” ein unumstößlicher Brauch, den zu brechen als grob galt. Ich lud die Truppe ins Café ein, wir aßen reichlich und ich gönnte mir auch das ein oder andere Bier dazu. Spät und ziemlich angetrunken kam ich heim.

Am Eingang saß Liesel. Ich konnte ihr kaum in die großen, verstehenden grünen Augen schauen. Ich wich ihrem Blick aus, aber sie ließ nicht locker. Schließlich miaute sie leise und enttäuscht, dann verzog sie sich traurig unters Sofa.

Lieselchen, murmelte ich fast schuldbewusst, ich konnte doch die Jungs nicht hängen lassen. Sie haben mir den Job vermittelt, und so Freunde, wie sie es sind Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich entschuldige mich nicht nur vor der Katze, sondern vor Oma.

Am nächsten Tag stand Liesel wieder an der Tür, und als sie merkte, dass ich heute ganz der Alte war, schmiegte sie sich schnurrend um meine Beine, fraß mit Appetit und wich mir den ganzen Abend nicht von der Seite. Schließlich schlief sie, wie früher, eng an mich gekuschelt ein.

Du verstehst alles, flüsterte ich, streichelte Liesel sanft. Aber komm, sorge dich nicht. Ich bin erwachsen, ich kann für mich einstehen. Das können Erwachsene nur dann nicht, wenn sie dem Alkohol verfallen Und das ist etwas, das mich wirklich abschreckt du weißt ja, er liegt leider in der Familie. Ich glaub, ich werde mir einen neuen Job suchen müssen bei uns im Trupp ist das ständige Trinken fast schon Gesetz: zum Wärmen, aus Müdigkeit, an jedem Anlass, sogar am Tag des Maßkruges, und freitags sowieso. Ich drücke mich so gut es geht, aber langsam werde ich schief angeschaut. Es wird Zeit für etwas Neues, aber was? Fernfahrer wäre mein Traum. Aber mit meinem Führerschein darf ich nur kleine Lkw fahren, und wer würde mir gleich ein ganzes Gespann anvertrauen?

An einem weiteren Freitag saß ich wieder mit den Jungs im Café. Der Trupp feierte wie jede Woche Feierabend. Ich trank wie üblich nur Mineralwasser und sah meinen Kameraden zu, wie sie immer ausgelassener wurden.

Unser Tisch wurde von einer sympathischen, sehr jungen Kellnerin betreut. Immer wieder wurde sie von den Jungs eingeladen, einer packte sie schließlich sogar am Arm und zog sie zu sich. Sie versuchte erschrocken, sich loszumachen, aber der Typ war zu betrunken und kräftig.

Jetzt lass sie los, sagte ich und stand auf.

Am Tisch wurde es still dem Brigadier zu widersprechen, galt als nahezu undenkbar! Überraschung ließ seine Hand locker werden, die Kellnerin konnte sich befreien, machte aber nach ein paar Schritten halt und sah verunsichert zu mir.

Zu einem richtigen Streit kam es nicht, denn der Cafébesitzer ein großer Mann mit Schürze und bis zu den Ellenbogen hochgekrempelten Ärmeln trat dazwischen. Die Jungs machten sich schnell davon und warfen mir dabei böse Blicke zu.

Nicht so schnell, junger Mann, hielt mich der Wirt zurück. Lass sie mal an die frische Luft, vielleicht geht denen ein Licht auf. Er musterte mich freundlich: Was machst du eigentlich mit denen? Du trinkst ja gar nicht mit! Was willst du mit der Truppe?

Wir arbeiten halt zusammen, da ist das so, antwortete ich.

Lass das sein, brummte er. Ich bin übrigens Michael. Das ist doch kein Spaß mit solchen Freunden. Julia, hilf mir mal mit Tee, wie du es kannst.

Julia? fragte ich und schaute der Kellnerin nach.

Ja, meine Tochter. Sie hilft mir nach der Uni, erklärte Michael. Wir setzten uns gemeinsam an einen Tisch, ließen bei Porzellan-Kanne und duftendem Tee den Abend ausklingen. Weißt du, Junge, die trinken dich da noch kaputt, oder schieben dich ab. Hast du einen Beruf?

Klar, hab vor der Bundeswehr Klasse C gemacht, ein Jahr lenkte ich Camions. Fernfahrer war immer mein Traum aber was soll ich tun, keiner nimmt einen Neuling.

Gleich bekommst du natürlich keinen großen Auftrag, gab Michael zu. Aber ich kenne gute Fahrer, echte Profis. Fahr erstmal bei mir auf dem Transporter, es gibt ein paar Überlandtouren wenn du willst, helfe ich dir. Später kannst du dann auf den Sattelschlepper, musst nur die richtige Klasse machen.

Ich bin dabei!

Michael wuchs mir sehr schnell ans Herz ein großer, ruhiger und freundlicher Typ, und dazu noch Vater der netten Julia, was meinen Respekt nur steigerte. Michael bemerkte, wie ich Julia anschaute, und meinte mit einem kaum verhohlenen Grinsen:

Pack zusammen, Julia. Danke, geh schon mal heim, Lukas bringt dich. Lächelnd sah ich, wie Julias Wangen rot wurden.

***

Fünf Jahre später saß ich am Steuer eines Sattelschleppers auf einer verschneiten Autobahn. Noch dreißig Kilometer, dann bin ich zu Hause da warten meine Frau Julia, unsere Tochter Ronja und unsere brave, alte Liesel. Am Rand sah ich einen Mann in zu dünner Jacke allein stehen.

Friert sich hier halb zu Tode, dachte ich, hielt und ließ ihn einsteigen.

Brigadier? erkannte ich ihn, als er Platz nahm.

Mit verquollenem Blick sah er zu mir:

Ach, du bist das Er schwieg kurz. War einmal Brigadier, jetzt ist keiner mehr von uns übrig. Die alten Zeiten vorbei, unsere Leute Viel weniger sind es geworden. Einer erfroren, einer ertrunken, beide betrunken, einer mit Putzmittel vergiftet. Die paar, die geblieben sind, schlagen sich durchs Leben Er zog eine Flasche mit scharf riechendem Inhalt aus der Jacke und nippte daran. Aber wird schon wieder

Ich ließ ihn nahe der Hauptstraße raus und sah ihm nach, ein wenig traurig. Ich erinnerte mich an seine flapsige, betrunkene Art von früher

Als ich auf unser Mietshaus zuging, blickte ich zu den Fenstern. In der Küche brennt Licht Julia ist wach, wartet auf mich. Vielleicht ist Erika zu Besuch, will mit Ronja spielen. Aber nein Ronja schläft längst, in ihrem kleinen Bett über dem Bild von Oma. Sie erzählt oft Oma ihre kleinen Sorgen, Erlebnisse aus dem Kindergarten und ihre Neuigkeiten. Macht ja nichts, dass Oma nicht antwortet ihre Augen sind warm und gut, wie ihr Lächeln.

Lieselchen sitzt wie immer auf dem Fensterbrett und blickt in die Dunkelheit, doch nun springt sie auf, hebt stolz das Schwänzchen und verschwindet sie will mich an der Tür begrüßen.

Ich bin nicht allein, Oma, flüsterte ich an die Fenster meiner Wohnung lächelnd. Wir sind alle zusammen zu Hause, und du bist bei uns. Das ist mein Weg.

Am Ende habe ich begriffen: Im Leben zählt, wofür und für wen wir uns entscheiden. Ich habe meine Familie, mein Zuhause, meine Werte. Damit bin ich reich genug.

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Homy
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Gott sei Dank, endlich ist es so weit! – Die Großmutter atmete schwer, doch ihr Gesicht strahlte vor echtem Glück. Zärtlich strich sie mit ihren trockenen Händen über das Gesicht ihres Enkels und ließ sie dann auf die Bettdecke sinken.
Schweigende Teigkunst