Die Rückkehr ins Leben
Sabine hatte lange die Wohnung ihres Sohnes gemieden. Sie konnte es nicht ertragen. Die Tränen waren versiegt, ihr Schmerz hatte sich in ein dumpfes, ständiges Ziehen verwandelt, das keine Hoffnung zuließ.
Ihr Sohn, Thomas, war achtundzwanzig Jahre alt gewesen. Nie hatte er über Gesundheit geklagt. Er hatte sein Studium abgeschlossen, einen Job gefunden, ging regelmäßig ins Fitnessstudio und war mit einer Freundin zusammen.
Vor zwei Monaten war er abends ins Bett gegangen und am nächsten Morgen nicht mehr aufgewacht.
Sabine hatte sich von ihrem Mann getrennt, als Thomas sechs Jahre alt war und sie gerade dreißig. Der Grund war nichts Ungewöhnliches Untreue, und das nicht nur einmal. Er zahlte keine Unterhaltszahlungen und machte sich aus dem Staub. Thomas wuchs ohne Vater auf. Ihre Eltern halfen, wo sie konnten.
Es gab Männer in Sabines Leben, doch für eine zweite Ehe konnte sie sich nie entscheiden.
Sabine arbeitete viel und verdiente ihr eigenes Geld. Zuerst hatte sie einen kleinen Laden für Brillen und Gestelle in einem Supermarkt gemietet. Sie war Augenärztin. Später nahm sie einen Kredit auf, kaufte eigene Räumlichkeiten und wurde Besitzerin einer angesehenen Optik, in der sie auch ihr eigenes Sprechzimmer hatte. Sie beriet Patienten und wählte passende Brillen aus.
Im letzten Jahr hatten sie und Thomas gemeinsam eine Wohnung gekauft eine Einzimmerwohnung, gleich neben ihrer eigenen auf demselben Flur. Sie renovierten ein wenig. Alles schien sich zum Guten zu wenden.
Überall Staub, Berge von Staub. Sabine griff zum Lappen. Beim Wischen schob sie das Sofa zur Seite, und aus seinen Tiefen fiel plötzlich Thomas Handy heraus. Sie hatte es überall gesucht und nie gefunden. Sie schloss das Handy an den Strom.
Zu Hause saß Sabine später mit Tränen in den Augen und schaute sich die Fotos auf seinem Handy an: Da war Thomas auf der Arbeit, im Urlaub mit Freunden und mit seiner Freundin.
Dann öffnete sie WhatsApp, ganz oben war eine Nachricht von seinem Kumpel Jens ein Foto. Es zeigte eine junge Frau und einen Jungen, beide fremd, aber der Junge glich ihrem kleinen Thomas wie ein Tropfen dem anderen!
Erinnerst du dich noch an Silvester damals bei Anna, als wir noch an der Uni waren? Da war doch auch ihre Freundin dabei. Ich habe sie neulich mit ihrem Kind getroffen, die wohnt im Haus gegenüber. Der Kleine sieht aus wie du! Hab die beiden mal aus Spaß fotografiert nur zur Erinnerung.
Die Nachricht war eine Woche vor dem Unglück verschickt worden. Also wusste Thomas und hatte ihr nie etwas erzählt! Was für eine Geschichte!
Sabine wusste, wo Jens wohnte.
Am nächsten Tag fuhr sie nach Feierabend dorthin. Sie erkannte den Jungen sofort wie hätte sie ihr eigenes Blut nicht erkennen können? Er rannte hinter einem anderen Jungen auf dem Fahrrad her, flehte darum, auch mal fahren zu dürfen.
Sabine ging zu ihm herunter und fragte: Hast du kein eigenes Fahrrad?
Der Junge schüttelte den Kopf. Nein, habe er nicht.
Die Mutter des Jungen kam dazu. Sie war vielleicht Anfang zwanzig, ihr knalliges, etwas ungeschicktes Make-Up nahm ihr hübschen Gesicht die Sanftheit.
Wer sind Sie denn? fragte sie misstrauisch.
Ich glaube, ich bin die Oma dieses Jungen, antwortete Sabine vorsichtig.
Und ich bin Jana, seine Mutter. Dann kennen wir uns jetzt, sagte die junge Frau mit einem kleinen, traurigen Lächeln.
Sabine lud die beiden ins Café ein. Dem Jungen er hieß Leo bestellten sie ein Eis und sich selbst einen Kaffee.
Jana erzählte ihre Geschichte. Mit siebzehn war sie von einem Dorf nach München gezogen, um eine Ausbildung zur Schneiderin zu machen. Über die Winterferien hatte Freundin Anna sie eingeladen beide lernten in derselben Klasse. Annas Eltern waren über die Feiertage verreist.
Anna war mit Jens befreundet, der kam zum Feiern zusammen mit Thomas. Es kam, wie es kommen musste Jana und Thomas verbrachten die Nacht gemeinsam. Thomas ließ seine Telefonnummer da, versprach, sich zu melden, doch rief nie an.
Jana rief ihn selbst, als sie merkte, dass sie schwanger war. Sie trafen sich. Thomas war wütend, schrie sie an. Er sagte, ordentliche Mädchen kümmern sich selbst um Verhütung, drückte ihr Geld in die Hand für eine Abtreibung und bat sie, sich aus seinem Leben zu verabschieden. Jana sah ihn nie wieder.
Die Ausbildung hatte sie nicht beendet, im Wohnheim durfte sie mit Kind nicht bleiben. Zurück ins Dorf? Undenkbar. Ihre Mutter war längst tot, Vater und Bruder gaben sich dem Alkohol hin.
Jetzt wohnte Jana in einem kleinen Zimmer bei einer alten Dame, die auch auf Leo aufpasste, wenn Jana arbeitete. Fast ihr ganzes Einkommen ging dafür drauf, einen Kitaplatz konnte sie nicht ergattern. Sie arbeitete im privaten Maultaschenbetrieb, das Gehalt war mager, aber irgendwie kamen sie durch.
Am nächsten Tag brachte Sabine die beiden in Thomas Wohnung. Ihr Leben nahm eine neue Wendung.
Der Enkel bekam endlich einen Platz in einer guten privaten Kita. Sabine fand neue Aufgaben neue Kleidung für Jana und Leo musste gekauft werden. Sie verbrachte viel Zeit mit ihm und genoss jede Minute. Er war wie Thomas: der Blick, die Gesten, sein Dickkopf all das erinnerte sie so sehr an ihren Sohn.
Auch für Jana übernahm Sabine Verantwortung. Sie zeigte ihr, wie man gekonnt Make-Up aufträgt, sich kleidet und gepflegt aussieht, brachte ihr das Kochen bei, half ihr, sich zu organisieren und eine tägliche Routine zu finden. Kurz: Sabine lehrte sie das Leben.
Eines Tages saßen sie wieder zusammen, schauten fern. Leo kuschelte sich an Sabine, umarmte sie und sagte: Du bist meine Lieblingsoma!
Sabine spürte plötzlich, dass die Leere in ihrer Seele verschwunden war. Der Schmerz lastete nicht mehr wie ein tonnenschwerer Block auf ihr. Sie erkannte, dass sie zurückgekehrt war in ein normales Leben eines mit Raum für Freude. Und all das war diesem kleinen Menschen zu verdanken, ihrem Enkel.
Zwei Jahre vergingen. Sabine und Jana verabschiedeten Leo am ersten Schultag. Jana arbeitete inzwischen bei Sabine als ihre wichtigste und unersetzliche Assistentin.
Jana hatte einen Freund gefunden, der es ernst meinte. Sabine hatte nichts dagegen. Das Leben geht weiter, wie es soll.
Und vielleicht würde Sabine selbst bald heiraten: Ein alter, guter Freund drängte schon länger darauf. Warum auch nicht? Sie war eine attraktive, unabhängige Frau mit wunderbarer Figur und ausgeglichenem Gemüt und gerade einmal vierundfünfzig Jahre alt!





