Einmal im Monat
Ich, Brunhilde Schäfer, drückte den Müllbeutel an meine Brust und blieb vor dem schwarzen Brett beim Aufzug stehen. Auf einem karierten Blatt, festgesteckt mit Reißzwecken, stand groß: Einmal im Monat ein Nachbar. Darunter Termine und Namen, und in der Ecke die Unterschrift: Sebastian, Whg. 34. Jemand hatte daneben mit Kugelschreiber ergänzt: Wir brauchen 2 Leute am Samstag, helfen beim Umzug mit Kisten. Ich las es zweimal durch und spürte Unmut, wie bei einer fremden Stimme im Flur.
Seit zehn Jahren lebe ich nun in diesem Haus und kenne die Regeln: Man grüßt, wenn man sich an der Tür begegnet, und geht dann seiner Wege. Manchmal fragt einer: Wissen Sie, wo der Elektriker ist? Oder: Könnten Sie den Brief bitte weiterleiten? Aber ein Helferplan mit Namen und Reißzwecken das erinnerte mich an Besprechungen bei meiner alten Arbeit, wo alle so taten, als wären wir ein Team und am Ende doch jeder für sich kämpfte.
Am Müllraum traf ich Valerie vom fünften Stock, die immer zwei Beutel trägt, als hätte sie Angst, einer reiße.
Gesehen?, fragte sie und nickte zum Brett. Sebastian hats eingeführt. Sagt, so gehts leichter. Man läuft nicht einzeln, sondern zusammen.
Zusammen, wiederholte ich, bemüht ruhig zu klingen. Und wenn man nicht will?
Valerie zuckte.
Naja keiner muss. Aber wenns doch mal eilt, ist jemand da.
Draußen im Hof ertappte ich mich dabei, wie ich innerlich mit diesem Sebastian aus der 34 diskutierte. Wenns eilt was heißt das? Wer entscheidet, für wen es eilt? Und warum soll es alle betreffen?
Am Samstagmorgen hörte ich dumpfe Schläge und Stimmen im Treppenhaus, durch meine Tür hallte: Vorsicht, Ecke! und Halt mal den Fahrstuhl. In der Küche stand ich mit nasser Putzlappen und konnte nicht aufhören zu lauschen. Ich stellte mir vor, wie Leute, die ich nur flüchtig erkenne, fremde Möbel und Kisten schleppen, einer kommandiert, ein anderer schimpft. Es widerstrebte mir, dass sie fremdes Leben in Pappkartons sehen und gleichzeitig beneidete ich sie: Sie wurden gefragt.
Nach einer Stunde war es ruhig. Als ich abends vom Supermarkt kam, sah ich vor dem Haus einen Stapel leerer Kartons und Klebeband auf der Bank. Sebastian, groß und erschöpft, räumte Müll in einen Sack.
Guten Abend, sagte er, als wäre ich eine alte Bekannte. Stören wir?
Nein, sagte ich. Nur ziemlich laut wars.
Kann ich verstehen. Wir wollten vor dem Mittag fertig sein. Tanja von unten zieht um, allein mit ihrem Kind. Naja, nicht ganz allein. Er winkte ab. Wenn mal was ist, einfach am Brett schreiben. Muss kein Umzug sein. Kann auch Kleinkram sein.
Das Wort Kleinkram klang so, dass ich nichts entgegnen konnte. Er drängte nicht, überredete nicht. Er sagte es einfach und kümmerte sich weiter um den Müll.
Im Lauf der Wochen wurde das Schwarze Brett lebendiger. Jedes Mal entdeckte ich neue Einträge: Herr Petrovic aus 19 Medikamente, nach OP, wer geht zur Apotheke? In 27 Regal anbringen, Bohrmaschine vorhanden. Wir sammeln 50 Euro für die Gegensprechanlage, wer kein Wechselgeld hat, bringts später. Die Handschriften waren verschieden, mal ordentlich, mal fahrig mit Druck.
Ich trug mich nicht ein. Ich fand das richtig: Sich raushalten. Aber ich beobachtete viel.
An einem Abend, ich kam müde vom Büro, war ein Mädchen aus dem Nachbarhaus am Fahrstuhl, Tränen liefen übers Gesicht. Valerie hielt sie am Arm und redete leise:
Jetzt nicht weinen. Wir finden eine Lösung. Sebastian hat was da.
Was ist passiert?, fragte ich ich hätte auch einfach weitergehen können.
Valerie schaute mich an, als hätte sie schon entschieden, mir könne man vertrauen.
Die Oma hat hohen Blutdruck, keine Tabletten mehr, Apotheke schon geschlossen. Sebastian bringt jetzt seine, bis morgen Früh schaffen wir Ersatz.
Ich nickte, zog mich in meine Wohnung zurück und stand lange mit dem Mantel in der Hand. Es beeindruckte mich, wie leicht Valerie sagte: Wir finden was. Nicht lasst den Notarzt kommen, nicht geht mich nichts an, sondern: Wir finden es. Und: Dass Sebastian einfach seine Medikamente gab, ohne Frage, ob sie zurückkommen.
Ein paar Tage später gab es Krach im Hausflur. Zum Aushang für die Gegensprechanlage schrieb jemand: Schon wieder Geld zahlen! Wers braucht, soll selbst zahlen. Die Unterschrift war nur ein Krakel. Zwei Frauen stritten sich vor dem Fahrstuhl laut.
Das ist die aus der Dritten, erkenne ihre Schrift!, zischte die eine.
Und was weißt du schon?, konterte die andere. Manche haben nur Rente, und ihr hier, immer 50 Euro, 50 Euro.
Ich ging vorbei, spürte das bekannte Unbehagen: Jetzt geht das wieder los wer schuldet wem, wer zahlt nicht, wer profitiert. Ich wollte, das hörte einfach auf und das Brett wäre wieder nur für Handwerkeranzeigen.
Am Abend sah ich Sebastian am Brett. Er entfernte ruhig den kritischen Zettel, steckte ihn gefaltet in die Jacke. Dann hängte er ein neues, sauberes Blatt auf, schrieb: Gegensprechanlage. Wer kann, zahlt. Wer nicht, zahlt nicht. Hauptsache, sie funktioniert. Sebastian. Und das wars.
Ich merkte, wie ich ihn dafür respektierte: Für dieses und das wars. Keine Rede, keine Drohung. Nur Klarheit.
Mein eigenes Leben klapperte derweil wie die alte Kellertür, die schon lange geölt werden müsste. Erst eine Kleinigkeit: Das Anschlussrohr am Badewannenmischer leckte. Also Schale drunter, Mutter festgezogen, aufgewischt. Dann verzögerte die Firma die Bonuszahlung, meine Chefin sagte mir ausweichend: Geht grad nicht. Halten Sie durch. Ich hielt durch. Das kann ich.
Anfang des Monats begann der Rücken zu schmerzen. Nicht so, dass ich den Notruf wählen würde, aber morgens brauchte ich eine Minute am Bett, bevor der Schmerz nachließ. Ich kaufte Salbe, wickelte einen Schal um und sprach mit niemandem darüber. Beschwerden werden bei mir immer zu Gesprächen, und Gespräche zu Mitleid.
Am Abend hörte ich im Flur ein seltsames Geräusch, raschelnd mein Türschloss klemmte, der Schlüssel wollte nicht drehen. Ich drückte, der Schlüssel drehte sich schließlich mit Knirschen um. Mein Herz machte einen Sprung.
Ich zog die Schuhe aus, stellte den Einkauf auf den Hocker, holte den Schraubenzieher und versuchte, das Schloss zu zerlegen. Die Hände zitterten, der Rücken krampfte. Es war leer und still in der Wohnung und die Stille wurde mir plötzlich zu schwer.
Am nächsten Tag blockierte das Schloss ganz. Ich kam spät mit Tasche und Akten, konnte die Tür nicht öffnen. Ich blieb auf dem Flur stehen, die Stirn am kalten Metall, und versuchte, ruhig zu bleiben. Im Kopf rotierte: Schlüsseldienst. Ersatzschlüssel. Geld. Nacht. Die Notfallnummer sagte: Wartezeit zwei Stunden.
Zwei Stunden auf dem Treppenabsatz das war nicht wegen der Nachbarn unangenehm, sondern wegen meines eigenen Ausgeliefertseins. Ich setzte mich auf die Stufe, ließ die Tasche neben mir und betrachtete meine Hände. Rau, mit kleinen Rissen vom Putzen. Hände, die sonst immer funktionierten.
Da kam Sebastian aus dem Fahrstuhl. Er sah mich sofort:
Frau Schäfer? fragte er, prüfend, ob er sich nicht täuschte.
Ich schaute auf und fühlte das heiße Rot im Gesicht.
Das Schloss, sagte ich knapp. Warte auf den Handwerker.
Wie lang noch?
Zwei Stunden, hieß es.
Sebastian sah erst zur Tür, dann zur Tasche.
Ich habe ein Set daheim. Wir können es probieren, während Sie warten. Wenns klappt, gut, wenn nicht, wissen wir zumindest mehr. Ist das ok für Sie?
Sein Ist das ok war wichtig. Er sagte nicht Ich mach das, nicht Sitzen Sie hier rum. Er fragte einfach.
Eigentlich wollte ich sagen Danke, nein. Das wäre gewohnt und sicher gewesen. Aber der Rücken pochte, das Handy ging zur Neige und zwei Stunden auf der Stufe schienen plötzlich unerträglich.
Probieren Sie es, sagte ich, erstaunt über meine festere Stimme.
Sebastian holte einen kleinen Koffer, breitete das Werkzeug auf einer Zeitung aus, die er extra dabeihatte. Ich registrierte das automatisch: Damit der Boden sauber bleibt. Spuren, Ordnung, Respekt fürs Fremde.
Ich bin kein Schlosser, sagte er gleich. Aber ein paar Schlösser hab ich schon gesehen.
Er entfernte behutsam die Blende, legte die Schrauben in den Deckel einer Dose. Ich saß auf der Treppenstufe, hielt meine Tasche und fühlte mich seltsam: Als hätte mein Leben plötzlich eine gemeinsame Fläche bekommen, und das war gar nicht schlimm.
Die Zylinder scheint verschlissen, meinte Sebastian. Kurzfristig schmieren, aber besser austauschen. Haben Sie einen Ersatzschlüssel?
Nein, gab ich zu. Hab nicht dran gedacht.
Kein Kommentar von ihm. Nur ein Nicken.
Nach zehn Minuten ergab sich das Schloss. Nicht sofort, aber es gab nach. Ich ging in die Wohnung, schaltete das Licht an, und spürte, wie die Anspannung abfiel. Ich drehte mich um.
Danke, sagte ich. Und ergänzte, damit es nicht wie Abschied klang: Ich möchte nicht, dass das alle im Haus erfahren.
Er sah mich an.
Verstehe ich. Ich sage es niemandem. Aber das Schloss sollten Sie tauschen. Soll ich Ihnen morgen die Nummer von einem guten Handwerker geben? Der macht keine Umstände.
Ich nickte. Es war mir wichtig, dass er nicht vorschlug, wir tauschen das als ganze Hausgemeinschaft. Er schlug etwas Konkretes und Ruhiges vor.
Als er gegangen war, schloss ich die Tür, blieb eine Weile im Flur und hörte den Kühlschrank brummen. Mir war fast zum Weinen und Lachen zugleich, weil Hilfe nicht wie Mitleid schmeckte. Sie war wie ein Werkzeug, das man dir reicht, wenn deine Hände beschäftigt sind.
Am nächsten Tag rief ich den Handwerker an, den Sebastian empfohlen hatte. Am Abend kam der Mann vorbei, zeigte mir das defekte Teil, baute ein neues ein. Ich zahlte 80 Euro, bekam zwei Schlüssel und legte einen in eine kleine Dose aufs oberste Regal. Ich schrieb mit Filzstift Ersatz drauf. Es war mein kleines Eingeständnis: Ja, manchmal ist man eben nicht ausreichend stark.
Eine Woche darauf hing am Brett ein neuer Zettel: Am Samstag Petrovic in 19 helfen mit Einkäufen und Medikamenten nach Klinikbesuch zu schwer zu tragen. 2 Leute ab 11 Uhr. Ich las ihn und spürte: Das kann ich.
Am Samstag trat ich früher hinaus. In meiner Tasche zwei Packungen Kekse und eine Tüte Tee nicht als Almosen, sondern als Vorwand, reinzugehen, ohne mit leeren Händen zu erscheinen. Sebastian wartete bereits auf dem Absatz.
Sie auch?, fragte er, ohne Überraschung nur zum Nachhaken.
Ja, sagte ich. Aber ich trag das Leichte. Und bitte kein Gerede über Gesundheit.
Ich hörte selbst: Es war keine Entschuldigung, keine Bitte es war eine klare Ansage.
Einverstanden, sagte Sebastian.
Wir stiegen zu Herrn Petrovic in den dritten Stock. Er öffnete in Hausjacke, blass im Gesicht, lächelte zaghaft.
Oh, der Kontrollbesuch, murmelte er.
Kein Kontrollbesuch, sagte ich und reichte die Tasche. Lebensmittel, Tee und Kekse, falls Sie mögen.
Petrovic hielt sie mit beiden Händen, als fürchte er, sie zu verlieren.
Danke. Ich würde ja selbst die Beine halt.
Nicht nötig, unterbrach Sebastian sanft. Wo sollen wirs hinstellen?
Wir gingen in die kleine Küche. Ich setzte die Tasche auf den Tisch, sah den Medikamentenzettel und die leere Plastikdose. Ich fragte nicht lang, sondern sagte nur:
Soll ich den Müll mit rausnehmen?
Wenns geht, antwortete er verlegen.
Ich nahm den kleinen Beutel, knotete ihn und brachte ihn in den Hausflur. Auf dem Rückweg stellte ich fest: Mein Rücken schmerzt kaum. Nicht, weil der Schmerz weg war, sondern weil ich innerlich ruhiger wurde.
Beim Hinausgehen wollte Petrovic Sebastian Geld zustecken.
Nicht nötig, winkte er ab.
Aber vielleicht, Petrovic schaute mich an. Kommen Sie vorbei, wenn mal was ist. Ich bin ganz harmlos.
Ich nickte.
Wir kommen, falls was ist. Und Sie müssen auch nicht den Helden geben. Schreiben Sie aufs Brett, wenn was gebraucht wird.
Ich sagte das, und mit einem Mal spürte ich in mir so etwas wie stillen Mut: Ich darf so reden wie Sebastian. Nicht von oben, nicht von unten, sondern auf Augenhöhe.
Abends hielt ich vor dem Brett an. Jemand hatte neue Reißzwecken und einen kleinen Block dagelassen. Ich nahm den Stift und schrieb mit ruhiger Schrift: Whg. 46. Brunhilde Schäfer. Wer was braucht: Kann werktags ab 19 Uhr zur Apotheke gehen oder ein Paket abholen. Schweres kann ich nicht tragen. Ich steckte den Zettel fest und verstaute den Stift.
Zu Hause setzte ich Wasser auf, nahm den Ersatzschlüssel aus dem Schrank und legte ihn in einen kleinen Umschlag. Darauf schrieb ich Sebastians Handynummer und legte ihn ins Fach am Eingang nicht als Zeichen von Abhängigkeit, sondern als kleine Sicherheit, die ich mir jetzt zugestehe.
Als draußen wieder eine Tür knallte und Schritte im Flur leise hallten, zuckte ich nicht zusammen. Ich schaltete den Herd aus, goss Tee auf und dachte: Einmal im Monat das heißt nicht, auf die Masse zu setzen. Sondern dass man Dinge nicht immer alleine stemmen muss, wenn jemand anderer nahe ist.





