Eines Nachts hallte das Telefon durch das stille Haus. Ich nahm den Hörer ab und erkannte die Stimme meiner Tochter.
Mama, ich bins, Gisela. Ich habe ein Problem! Mein Mann hat mich rausgeworfen. Morgen früh komme ich zu Papa und bleibe bei euch.
Hör zu, Gisela, sagte ich ruhig, du hast keine Eltern mehr und kein Zuhause.
Was? Ihre Stimme überschlug sich. Was sagst du da? Wie kann es kein Zuhause geben? Ich bin euer einziges Kind. Ich habe ein Recht auf diese Wohnung!
So ist es nun mal, erwiderte ich gelassen. Die Wohnung gehört nicht dir. Wir haben sie Lieselotte geschenkt. Sie ist jetzt die Herrin hier, und Papa und ich wollen nichts mehr mit dir zu tun haben. Du bist nicht mehr unsere Tochter. Ruf nicht wieder an! Du hast alles verloren! Mit diesen Worten beendete ich das Gespräch. Nach allem, was Gisela getan hatte, war es mein gutes Recht, so zu handeln.
Während ich aus dem Fenster starrte, erinnerte ich mich daran, wie alles mit einem Anruf begonnen hatte einem Anruf in der frühen Morgenstunde. Ich war aus dem Bett gesprungen und zum Telefon geeilt.
Hallo?
Am anderen Ende der Leine hörte ich ein unterdrücktes Schluchzen.
Ja, hallo? Wer ist da?
Helene, ich bins, Anneliese.
Anneliese, warum erschreckst du mich so? Siehst du nicht, wie früh es ist?
Doch, ich sehe es. Ihre Stimme zitterte. Helene, heute werde ich operiert, und ich habe Angst um meine Tochter. Ich flehe dich an dich und Friedrich , lasst Lieselotte nicht allein. Sie ist noch so klein. Gebt sie nicht ins Waisenhaus.
Meine Schwester Anneliese war schon immer eine exzentrische Frau gewesen, voller Fantasie und unkonventioneller Taten. Doch diesmal hatte sie alle Grenzen überschritten. Nervös drehte ich den Telefonhörer in der Hand und spürte, dass etwas Schreckliches geschehen war, etwas, das ich noch nicht begriff. Angst überkam mich.
Anneliese, warum hast du mir nichts früher gesagt? Was ist los? Wohin bringen sie dich?
Sie war schon seit Jahren krank, hatte es aber nie ernst genommen. Im letzten Monat waren die Schmerzen schlimmer geworden, sie hatte stark abgenommen und sah elend aus. Die Diagnose war niederschmetternd.
Eine Operation war dringend nötig. Doch sie hatte gezögert, es ihrer Schwester zu sagen. Schließlich half ich ihr schon ständig, gab ihr Geld und war wie eine Mutter für sie. Und jetzt lud sie mir ihre Probleme und ihr kleines Mädchen auf.
Helene, sie können den Ausgang der Operation nicht garantieren. Bitte, lasst Lieselotte nicht im Stich.
Eine Stunde später waren wir im Krankenhaus, doch die Operation hatte noch nicht begonnen, und wir durften Anneliese nicht sehen. Im Flur saß das kleine Mädchen, zusammengekauert. Ich ging zu ihr und nahm sie in den Arm.
Tun sie Mama weh?, fragte sie mit tränennassen Augen.
Nein, Liebes, Mama spürt nichts. Sie schläft.
Vier Stunden später trat der Arzt heraus und teilte uns mit, dass meine jüngere Schwester gestorben sei.
Wir nahmen Lieselotte mit nach Hause. Ich betrat das Zimmer meiner Tochter und erklärte ihr, dass Lieselottes Mutter tot sei und das Mädchen nun bei ihr wohnen würde. Gisela sah mich wütend an, schwieg aber.
Zehn Tage später warf Gisela Lieselottes Sachen aus dem Zimmer und verbot ihr, zurückzukommen. Ein Gespräch mit meiner Tochter war unmöglich. Sie blieb stur und drohte, alles hinauszuwerfen, sobald wir Lieselotte wieder bei ihr unterbringen würden.
Um Streit zu vermeiden, überließen wir unserer Nichte unser Schlafzimmer und zogen selbst ins Wohnzimmer.
Lieselotte war eine Waise. Wir erfuhren nie, wer ihr Vater war. Nun lag ihr Schicksal allein in unseren Händen. Deshalb machten wir nie einen Unterschied zwischen Gisela und ihr. Beide waren unsere Töchter.
Die Jahre vergingen. Gisela beendete die Universität und heiratete. Ihr Mann war wohlhabend und älter als sie. Weder das eine noch das andere störte sie. Schnell packte sie ihre Sachen und zog zu Heinrich.
Einen Monat später verkündete sie die Hochzeit.
Mama, ich will nur eins: dass dein Liebling, diese Schmeichlerin, nicht zur Hochzeit kommt. Ich will sie nicht sehen.
Gisela, so kannst du nicht mit uns reden. Lieselotte ist deine Schwester, und sie nicht einzuladen, heißt, uns zu beleidigen.
Sie wird nicht dabei sein!, erklärte Gisela kategorisch.
Dann kommen Papa und ich auch nicht.
Perfekt! Abgemacht!
Ich brach in Tränen aus, fasste mich aber wieder und beschloss, nach Baden-Baden zu fahren, um Abstand zu gewinnen.
Und was ist mit Giselas Hochzeit?, fragte Friedrich bestürzt.
Nichts. Wir sind nicht eingeladen.
Lieselotte, hilf mir, ein schönes Kurhaus zu finden.
Fahren wir in den Urlaub?, fragte sie.
Ja, mein Kind, das können wir uns leisten.
Hurra!, rief sie fröhlich und wirbelte durchs Zimmer.
Wir blieben zu dritt. Lieselotte machte ihr Abitur und begann ein Architekturstudium. Sie war begabt ihre Mutter Anneliese war eine bekannte Malerin gewesen, und Lieselotte folgte ihren Spuren.
Oder denen ihres Vaters, sagte Friedrich manchmal und vermutete, dass ein bekannter Mann in der Stadt Lieselottes Vater sein könnte.
Doch ich schenkte diesen Gedanken keine Beachtung. Lieselotte war unsere Tochter.
Ein Jahr später feierten wir Lieselottes achtzehnten Geburtstag doch ausgerechnet an diesem Tag wurde Friedrich plötzlich krank. Er wurde bleich und verlor das Bewusstsein. Der Notarzt brachte ihn ins Krankenhaus.
Der Arzt erklärte uns, dass es ernst sei. Nur ein bestimmtes Medikament könne ihm helfen. Die Ärzte konnten es bestellen, doch es würde drei Tage dauern und kostete ein Vermögen.
In meiner Verzweiflung rief ich Gisela an. Ihr Mann war reich; vielleicht konnten sie uns das Geld leihen.
Gisela, mein Schatz, dein Vater ist krank. Er braucht dringend eine teure Medizin. Könnt ihr uns das Geld leihen?
Langes Schweigen. Ich wollte schon wiederholen, da antwortete sie endlich.
Gut, Mama, ich rede mit Heinrich und rufe zurück.
Doch der Rückruf ließ auf sich warten. Erst nach einer Stunde meldete sie sich.
Mama, hör zu Heinrich will mir ein neues Auto kaufen. Er hat es mir schon lange versprochen. Aber er stellt eine Bedingung: Entweder das Auto oder das Geld für euch.
Gisela, wir werden es zurückzahlen, versprochen.
Mama, sei nicht albern. Wann denn? In Raten? Dann sehe ich das Auto nur im Traum.
Hörst du dir eigentlich selbst zu? Dein Vater könnte sterben! Er braucht deine Hilfe!
Ich kann nicht helfen. Nehmt einen Kredit auf, wenn ihr wollt. Die Welt dreht sich nicht nur um euch.
Der Hörer glitt mir aus der Hand. Ich wäre fast zusammengebrochen.
Tante Helene, was ist los?
Lieselotte fing mich auf. Ich weinte verzweifelt.
Hör zu, Tante Helene, wir verkaufen Mamas Wohnung. Ich kann dort sowieso nicht leben nicht eine Minute. Das Wichtigste ist, dass Onkel Friedrich überlebt. Wir nehmen weniger als den Marktpreis, dann habt ihr schnell das Geld für die Ärzte.
Mein Kind, das können wir nicht. Es ist dein Erbe. Was würde deine Mutter dazu sagen?
Tante Helene, du bist doch klug! Ist jetzt die Zeit, darüber nachzudenken? Onkel Friedrichs Leben steht auf dem Spiel! Wir müssen schnell handeln.
Ich umarmte sie, ohne Worte. Sie hatte recht dies war unsere einzige Chance.
Noch am selben Tag wurde die Wohnung verkauft, zu einem guten Preis. Der Käufer zahlte sofort an, und noch während die Papiere bearbeitet wurden, erhielten wir das lebensrettende Medikament.
Zwei Tage später war es da. Die Medizin wirkte. Lieselotte hatte Friedrich gerettet. Ein Monat später war er wieder gesund. Unsere Freude kannte keine Grenzen.
Nach seiner Genesung beschlossen wir, die Wohnung auf Lieselottes Namen zu übertragen. Sie war uns unendlich dankbar. Das restliche Geld legten wir auf ein Sparbuch.
Wir lebten glücklich zusammen bis jener nächtliche Anruf kam.
Es war Gisela. Heinrich hatte sie verlassen, und sie wollte nach Hause zurück.
Doch meine Antwort war nein.
Wir haben nur eine Tochter: Lieselotte. Dann legte ich auf.
Einige Jahre später heiratete Lieselotte. Ihr Mann, ein erfolgreicher Landwirt namens Jakob, besaß ein stattliches Haus auf dem Land. Sie luden uns ein, bei ihnen zu wohnen, doch wir zogen es vor, sie regelmäßig zu besuchen.
Unser Gastzimmer war immer für uns bereit. Friedrich und Jakob verstanden sich prächtig, gingen oft angeln und planten gemeinsam eine Konservenfabrik, die Lieselotte entworfen hatte.
Wir lebten in Harmonie eine große, glückliche Familie, auch wenn nicht immer unter einem Dach.
Nur an Giselas Hochzeit dachten wir manchmal jenem Tag, an dem Friedrich und ich nach Baden-Baden gefahren waren, in jenes Kurhaus, das Lieselotte für uns ausgesucht hatte.
Jedes Jahr an diesem Tag fragte ich mich, wie ich eine so selbstsüchtige Tochter großziehen konnte, die unser Leben unter einem Luxusauto stellte.
Und Lieselotte, die Waise, die ihre Mutter so jung verloren hatte sie schätzte uns über alles. Sie war bereit, alles für uns zu geben.




