Schaumzucker-Lenchen

Marshmallow-Lenchen

Die Familie Ehrlich war eine gebildete, ruhige Familie. Dr. Viktor Ehrlich war Chemieingenieur, seine Frau, Frau Nina Ehrlich, Lehrerin eine angesehene, ausgezeichnete Pädagogin, deren Foto sogar im Wohnzimmer hing, auf dem sie, noch jung, einem berühmten Didaktik-Professor lächelnd die Hand schüttelte. Auch der Professor lächelte. So ein heiteres Mädchen an seiner Seite angenehm!

Die älteste Tochter, Sonja, studierte an der Universität, lernte Fremdsprachen und träumte davon, in Berlin Delegationen durch die Stadt zu führen und als Dolmetscherin zu arbeiten. Klug, sehr hübsch und offenherzig ständig umschwärmte sie jemand, bekam Blumen geschenkt, wurde nach Hause begleitet und angerufen, doch legten die jungen Männer schnell auf, wenn Nina statt ihrer Geliebten ans Telefon ging.

“Wird es bald eine Hochzeit geben?”, scherzte Nina. “Willst du uns deinen Bräutigam nicht wenigstens vorstellen wovor hat er eigentlich solche Angst?”

“Mama! Hochzeit, wie kommst du darauf? Mir reicht das Studium. Ich will Karriere machen. Wozu so eine Last?” Sonja winkte ab, stellte aber trotzdem einen Blumenstrauß nach dem anderen in die Vasen.

“Und warum triffst du dich mit denen dann? Führst du sie etwa an der Nase herum? Drehst du sie um den Finger?” fragte plötzlich Lenchen, die jüngere Schwester, ein Oberstufenkind, von allen als etwas weltfremd, ein wenig naiv betrachtet.

“Was redest du da, Lenchen? Mit wem bitte? Und überhaupt, das geht dich nichts an! Geh, schreib lieber deine Gedichte, aber sofort!”

Lenchen schrieb schon lange Gedichte, seit ihrer Kindheit. Erst über Katzen und Hunde, dann über Mama, Regen, Sonne, über den heraufziehenden Winter oder das heiße, aufwallende Berliner Sommerwetter; über brennende, glühende Dächer, über die Milchstraße, wie ein Tuch am Himmel gelegt, über den betörenden Duft von Jasminnächten und das feurige Licht eines Januar-Morgens…

Ihre Gedichte waren stets ein bisschen naiv, voller Begeisterung und sie selbst liebte es, sie laut vorzutragen.

Bei jedem Familienfest ob Gäste da waren oder nur die Familie trat Lenchen immer in die Mitte des Wohnzimmers, zupfte ihren Gürtel zurecht, sah irgendwo an der Wand vorbei, runzelte die Stirn, räusperte sich und trug dann mit dünner, heller Stimme ihre Verse vor, errötete, knetete vor Aufregung ihr Taschentuch, schloss die Augen, schluchzte manchmal sogar. Dann begann ihre Stimme zu zittern.

“Hysterisch”, flüsterte Sonja ihrer Mutter zu. “Die fällt uns gleich in Ohnmacht. Mama, sag was! Die Gäste mögen das nicht!”

Tatsächlich schmunzelte der eine oder andere, verzog das Gesicht, rollte die Augen; man konnte schließlich nicht in Ruhe essen, sondern musste hören und nicken. Es wurden Witze über “die Dicke mit den zwei Zöpfen” gemacht.

Aber sie bemerkte nichts, las begeistert ihre Verse.

“Sei doch nicht so, Sonja! Lenchen hat Talent. Sie ist eben besonders wie alle Begabten halt”, streichelte Nina ihre große Tochter, “du solltest nachsichtig mit ihr sein.”

Lenchen war der Schmerz der Familie Ehrlich, das Kreuz, das sie noch lange tragen würden.

Während der Schwangerschaft ging etwas schief, Lenchen wurde zu früh geboren, schwach, über und über mit kleinen Knötchen, das Gesichtchen bläulich. Sie schrie nicht wie gewöhnlich, sondern piepste nur leise, kläglich.

“Na komm, Mädel! Wilkommen auf der Welt, einfach atmen, bitte!”, ermunterte die Hebamme. “Was für wache Augen! Pass gut auf sie auf, Nina.”

Lenchen aß schlecht, ballte ständig die Fäustchen, wölbte den Rücken durch. Der Bauch tat weh, die Augen tränten, sie hatte Neurodermitis.

Dr. Ehrlich besorgte über Beziehungen eine Fachkraft für Hausbesuche. Die junge Schwester von der Klinik, Paulina Stiehler, kam gleich am Entlassungstag, doch Nina mochte sie nicht die hielt sich für zu klug, kritisierte nur: Kind falsch angelegt, zu wenig schuckeln, schlecht gewickelt…

“Nun regen Sie sich mal nicht auf”, fuhr Nina sie an. “Wetten, dass Sie selbst keine Kinder haben! Überlassen Sie mir mal die Erziehung. Ich hab schon eine Tochter großgezogen!”

“Das geht nicht! Lenchen ist frühgeboren, sie braucht Sie. Nehmen Sie sie öfter auf den Arm, dann hört sie auf zu weinen.”

“Ich verwöhne doch das Kind nicht! Was soll daraus werden?”

“Es fehlt ihr einfach an Nähe, verstehen Sie? Selbst Tiere wärmen ihre Jungen…”

Aber Nina meinte, ein Baby könne ruhig allein im Bettchen weinen und schon zur Ruhe kommen. So stand es doch in den Ratgebern für junge Mütter.

“Und ich? Bin ich eine schlechte Mutter? Sie brauchen meine Erfahrung nicht! Kommen Sie bitte nicht mehr in mein Haus!”

So suchte ihr Mann eine andere Schwester.

Die massierte das schreiende Baby routiniert, wickelte es strikt ein, tröstete Nina: “Machen Sie sich doch nicht verrückt! Wird halt kein Genie draus, na und? Für die Leistungen steht Ihnen ja Sonja zur Seite, die Bücher liest. Bei den Jüngeren, tja, da macht die Natur gern mal Pause…”

Lenchen setzte sich später als gewünscht, kroch irgendwann, zögerte ewig mit dem Laufen, weinte ständig, wollte auf die Arme. Sie hatte vor allem Angst, klammerte sich fest, besonders an den Vater.

Mit dem Reden war es ebenso; Sonja sprach in dem Alter schon flüssig, aber Lenchen… Nun ja.

Aber irgendwann kam Nina ins Reine, vielleicht sogar zur Liebe zur Jüngsten. Denn Lenchen forderte nicht mehr so viel Aufmerksamkeit, aß allein, beschäftigte sich selbst. Das Leben schien Nina jetzt ganz gut.

Wenn das Radio in der Küche lief, besonders bei Hörspielen oder Lesungen, setzte sich Lenchen auf ihr Schemelchen und hörte zu.

“Nina, mach das aus, das ist doch Brecht wozu braucht sie Brecht?” murrte Viktor Ehrlich. Nina reichte schon die Hand zum Knopf, aber Lenchen sprang auf und stampfte mit dem Fuß. Sie verstand die Worte nicht, war aber fasziniert von den Reimen, Akzenten, dem Pathos und der Stimme der Vorlesenden. Die Eltern mussten ausharren, bis es vorbei war. Erst als der Zeitraffer erklang, brachte Lenchen den Schemel zurück an seinen Platz.

Das kleine Mädchen mit den dünnen Zöpfen war schon damals eine Dichterin…

Ihr Talent, oder, wie Sonja sagte, ihre Marotte, explodierte förmlich mit zehn Jahren. Sie begann, Gedichte für Feiern zu schreiben und vorzutragen, stolz mit erhobenem Kopf, die Hände hinter dem Rücken, starrte über die Gäste hinweg und deklamierte.

“Jetzt liest unser Lenchen ihr neues Gedicht!”, sagte Nina ergeben, wenn Lenchen sie am Rock zupfte.

“Mama, wir wollten doch gerade Mensch-ärgere-dich-nicht spielen!” murrte Sonja. Ihr kam es manchmal so vor, als drehe sich in der Familie alles um Lenchen.

“Aber danach gibts Kuchen, Sonja! Und Tee!” küsste Nina Sonja auf die Schulter und lächelte verlegen zu den Gästen als Entschuldigung für Lenchen.

Lenchen stampfte zu den Reimen und las voller Hingabe…

Manche fanden das witzig, andere ertrugen es nur, Viktor Ehrlich hörte immer aufmerksam zu, schaute wie ein Kritiker.

“Warts ab, Nina! Unsere Lenchen überrascht uns noch! Manches ist konfus, vor allem das Thema Liebe, aber Talent ist da, ganz klar!”, sagte er später im Dunkeln, wenn sie nebeneinander lagen und draußen der Regen gegen die Scheibe prasselte.

“Ich weiß nicht, Viktor… Lenchen ist seltsam, im Hof und in der Schule tuschelt man, ich höre das doch! Nicht so hübsch wie Sonja… Ich liebe sie sehr, es ist mir sogar peinlich, dass ich sie anfangs ablehnte. Ich liebe sie, du auch, Sonja auch, obwohl sie sich manchmal für die etwas merkwürdige Schwester schämt… Und fremde Menschen sind grausam, Viktor, sie könnten Lenchen verletzen. Gestern kam sie fast heulend aus der Schule, weil die Katze einer Freundin weg war. Den ganzen Abend hat sie geweint wegen einer fremden Katze. Das hält ein Herz doch nicht aus, immer so empfindlich!”

“Ja… Sie braucht ein dickeres Fell”, meinte Viktor leise. “Aber bisher klappt das bei ihr nicht… Schlafen wir besser, es ist spät.”

Und sie schliefen Arm in Arm ein und dachten dabei ans Fell, an die Zukunft ihrer Mädchen, an die Poesie…

An einem Abend kam Konstantin Schäfer, ein Kollege von Viktor aus dem Labor, zum Abendessen. Erst diskutierten die Männer im Salon, dann bat Nina zu Tisch.

Man prostete auf das Wiedersehen, Sonjas bestandene Prüfungen, Lenchens baldiges Abitur. Lenchen hielt natürlich wieder eine Lesung. Diesmal war es ein Liebesgedicht. Der Gast runzelte die Stirn.

“Und wohin wollen Sie nach dem Abi gehen, Lena Ehrlich?” fragte Konstantin ganz erwachsen, sah sie aber belustigt an und genoss offenkundig die Gemütlichkeit.

“Ich? Vielleicht Journalistik…” Lenchen biss sich auf die Lippe.

Sonja hasste diese Angewohnheit: “Du siehst aus wie ein Eichhörnchen!”

“Oho, nicht schlecht. Aber Journalisten müssen neugierig, dreist und etwas schauspielerisch sein, ein bisschen Dieb, ein bisschen skrupellos. Sensationen macht, wer alles herausfindet, zuhört, über Grenzen geht… Niemals nur artig! Nina, Ihre Quiche ist wunderbar!”

Lenchen wurde unglücklich und senkte den Kopf.

“Wer jedoch ernsthafte Geschichten schreibt, kann Menschen weh tun, ihr Leben zerstören. Das ist letztlich ein Rütteln am privaten Vorhang…” fuhr Konstantin fort.

“Du übertreibst! Warum machst du Lenchen Angst?”, Viktor war sauer, er wünschte sich für seine Tochter eine gute Position, Gehalt, Respekt. Warum denn keine Journalistin?!

“Vielleicht überzeichne ich. Aber Aufsteigen kann man nur als Genie oder mit besonderen Mitteln. Die Welt braucht keine tausend Lyriker! Lena, ich wollte Sie nicht kränken!”

Doch Lenchen rannte trotzdem raus. Viktor folgte ihr, Kosta entschuldigte sich und ging bald. Sonja warf ihm später noch vor, wie sie mit der sensiblen Schwester umgehen solle, dabei stünden so wichtige Prüfungen an. Lenchen käme nur durcheinander und erzeuge sich und anderen Kummer.

“Lenchen ist ein ganz normales Kind, Sonja! Sie ist wie wir. Wir helfen ihr!”, Nina blieb stur.

“Wir können ihr aber nicht ewig die Nanny spielen. Wie soll sie das normale Leben packen? Immer schwebt sie in ihren Träumen…”, stöhnte Sonja. Zu allem Überfluss könnte Lenchen ihr einmal eine Last werden dann könnte Sonja ihre Träume von Auslandsreisen und Diplomatie vergessen.

“Papa meinte, sie braucht ein dickeres Fell. Sie muss abhärten”, seufzte Nina. “Ich weiß einfach nicht, was aus ihr wird…”

Dann kehrte Viktor allein zurück. Lenchen tauchte erst viel später wieder auf, schloss sich ins Bad ein, ließ Wasser laufen und stand dann minutenlang unter kaltem und heißem Wasser…

Ihr Abi bestand Lena mit Ach und Krach. Für die Aufnahmeprüfung in Journalistik würde es wohl nicht reichen doch seltsamerweise war sie nicht traurig und schrieb Gedichte am Fenster.

Beim Abiball, beim Verteilen der Zeugnisse, bewunderten Sonja und Nina ihre Lenchen. Unter den Mitschülerinnen fiel sie auf durch ihren verträumten Blick, ihre zarten Bewegungen, neigte den Kopf und lauschte stolz, als ihr Name aufgerufen wurde, schaute dann aber fast triumphierend zu den Leuten im Saal.

Das gab es noch nie…

Am nächsten Morgen wurde alles klar.

Lenchen war nicht mit der Klasse feiern, nicht tanzen, nicht frühstücken.

“Mama, ich heirate”, sagte sie müde, zog die Sandalen aus.

“Was…? Wie bitte?”, Nina riss die Augenbrauen hoch. Sonja, die in der Küche vor sich hinsummte, verstummte.

“Ich heirate. Das ist wunderbar! Nun kann ich endlich wahre Liebesgedichte schreiben, aus Erfahrung. Kein Fantasiequatsch mehr. Jetzt…”

Sie tanzte durch das Wohnzimmer, sang, lachte.

“Mama, ist sie etwa betrunken?”, fragte Sonja. “Lenchen! Was für eine Hochzeit? Wen willst du denn heiraten? Bald sind Prüfungen! Wasch dich und geh ins Bett!”

Lenchen war tatsächlich etwas erschöpft, die Wangen fieberhaft gerötet, der Blick verschleiert. Nina tastete ihre Stirn kalt. Auch die Hände.

“Ach Mama, lass das mal…”, lachte Lenchen.

“Wen denn?”, fragte Nina streng.

“Konstantin. Und wir bekommen ein Kind, Mama.” Sie flüsterte. “Ich wusste nicht, wie weh das tun kann… Aber jetzt kann ich darüber schreiben!”

“Was? Bloß nicht! Welcher Konstantin? Woher kennst du ihn?” bohrte Nina.

“Kostja. Der war doch unser Gast, Papas Bekannter. Der mit dem Journalisten-Gerede…”, flüsterte Lenchen, gähnte und schlief ein.

Sonja wurde blass. Damals, als Lenchen nach Konstantins verletzenden Worten weggegangen war, hatte sich Sonja mit ihm näher verstanden, man war ins Kino, ins Theater gegangen. Sie hatte auf eine Beziehung gehofft. Achtzehn Jahre Altersunterschied doch Konsta wirkte jung geblieben, und er könnte Sonja sicher weiterhelfen.

Aber damit war jetzt alles vorbei.

Konstantin stand auf dem Treppenabsatz. Lenchen wollte, dass er die Eltern informierte, alles offiziell machte. Er zündete nervös Zigarette um Zigarette an, die Nachbarin motzte schon. Er bekam sich nicht dazu, zu klingeln.

Sonja kam mit dem Müll hinaus, erstarrte.

“Hoffen Sie, Sie verschwenden nicht nur Zeit?”, fragte sie bissig.

“Keine Sorge”, antwortete er, “Sonja…”

“Was haben Sie sich nur dabei gedacht? Lenchen ist naiv, ein Kind! Sie muss lernen, und Sie… Mit Ihnen wird sie schwanger? Was soll das? Sie bricht jetzt alles ab. Lassen Sie sie laufen, sie wird darüber schreiben und fertig. Sie sind zu alt für sie!”

“Für Sie war ich nicht zu alt, Sonja Ehrlich! Hätten Sie ja gesagt, wenn ich gefragt hätte…”, lächelte Konstantin.

“Das ist was anderes. Wir sind erwachsen. Aber Lenchen…”

“Sie ist längst erwachsen. Aber Sie merken es nicht. Sie kann lieben, lachen und weinen ehrlich und offen. Ja, sie kann nicht kochen oder bügeln, aber ich helfe. Ich fördere sie.”

“Womit?”, spottete Sonja.

“Ich veröffentliche ihre Gedichte. Ihr Talent gehört gefördert, behütet. Kein Philologie-Studium, Sie würden sie zerbrechen!”

“Sie wissen, wie teuer Bücher sind? Ich war doch überall mit ihren Texten keine Chance. Es gibt Tausende wie sie. Lassen Sie sie lernen!”

Konstantin drückte die Kippe aus, atmete aus.

“Nein, Sonja, wir bekommen ein Kind. Bitte lassen Sie mich durch.”

Nina, Viktor und Sonja mit versteinerten Mienen sahen Lenchen an sie las schon wieder Liebesgedichte. Kräftig, bildreich, brennend.

So geliebt hat Sonja nie. Viktor und Nina auch nicht. Es war wie aus einem Märchen. So liebte Lenchen!

“Nun gut, ich werde nicht im Wege stehen”, sagte Viktor traurig. “Vielleicht ist alles für etwas gut. Aber ewig in Luftschlössern zu leben, geht nicht, Lenchen du wirst arbeiten müssen!”

Doch Lenchen hörte nicht. Wozu, wenn Kostja ihr alles bringt, ihre Werke feiert, sie mit zu Freunden nimmt, wo sie alle bewundern! Sie ist eine Kuriosität, ein Fundstück, seltsam, schwanger und aufgedunsen, schreibt sie vor allem Melancholisches, von verlassenen Welpen und durchfrorenen Vögeln.

“Hast du meine Gedichte ins Verlag gebracht?”, fragt sie den Mann jeden Tag.

“Ja, sie überlegen noch. Lass dich nicht entmutigen. Nicht gleich erkennt man Talent!”, küsste er sie auf den Kopf, briet Kartoffeln das konnte er. Ab und zu brachte Nina frisches Essen vorbei. Lenchen war beleidigt wie, ich keine gute Ehefrau?

Kostja schwieg lange, erledigte alles. Er liebt Lenchen, das verträumte, luftige Marshmallow-Lenchen, und zerreißt sich, damit es ihr gutgeht. So leidet Karriere und Materielles aber Hauptsache, Lenchen ist glücklich!

Als jedoch Jule geboren war, wurde die Arbeit bei Kostja so stressig, und Lenchen kam immer wieder mit Enttäuschung wegen ihrer nie veröffentlichten Gedichte. Er hielt es nicht aus.

“Niemand druckt deine Gedichte, weil sie kindlich, naiv sind! Wie von einem Schulmädchen! Lenchen, komm zur Besinnung. Du hast eine Tochter. Du weißt nicht mal, ob sie Hunger hat, warum sie weint, und zu Hause ist Chaos. Ich muss arbeiten du siehst es nicht!”

Lenchen weinte, zog sich zurück. Kostja wusch ab, bügelte Jules Sachen, setzte sich dann an den Schreibtisch und verfluchte sein vermeintlich so romantisches Leben.

Lenchen ging kurz vor Silvester fort.

“Ich kann nicht mehr, Kostja. Du, Jule… Ich liebe euch, aber so kann ich nicht arbeiten! Mein Kopf ist leer, ihr habt meine Kraft verbraucht, mein Talent braucht Raum. Ich fahre jetzt. Kein Drama, keine Szenen. Lass uns einfach umarmen.”

Lenchen wollte Trennung spüren, dann darüber schreiben, die Gefühle auskosten, bis zum Morgen! Sie rief nach Kostja, aber der schnappte Jule und ging mit ihr in die Küche.

Lenchen stand da, nahm den Koffer, ging tatsächlich. Sie nahm noch etwas Geld aus dem Schreibtisch sie habe es sich verdient, fand sie, sie habe so lang ihr Talent geopfert. Nun, endlich: Freiheit! Sie wollte unbedingt den Zug nach Hamburg erwischen, die Poetinnen-Hauptstadt. Dort wird es sicher klappen! Sie fuhr nicht allein, sondern mit Anatol echtes Künstlertheater. Auch er schrieb Gedichte.

Sie hatten sich in der Bibliothek kennengelernt. Anatol sagte, in Hamburg habe er eine schöne Wohnung; da wohnt seine Schwester mit Ehemann, aber das störte ihn nicht. Lenchen würde es gefallen…

Das Sorgerecht für Jule bekam Lenchen nicht sofort entzogen, aber Kostja musste viel dafür kämpfen.

Jule klammerte sich an den Vater, hatte Angst vor Fremden, hörte gern Gedichte im Radio. Doch Kostja unterband das: Noch eine Poetin würde er nicht aushalten, die Jahre und Nerven reichten ihm. Nina sagte: “Bei Lenchen fing es genauso an…”

“Zoya” er nannte seine Schwägerin konsequent weiter so “Sie müssen helfen. Jule muss abgelenkt werden, sie ist noch zu retten!”

“Seien Sie ein normaler Vater, Kostja! Gehen Sie mit ihr in den Park, lachen Sie, fahren Sie Schlitten, lernen Sie andere Kinder kennen, schicken Sie sie in den Kindergarten! Alles, was wir damals Lenken ersparten, aus Angst vielleicht war es ein Fehler. Jetzt sind Sie dran.”

Die Tante besuchte Jule oft, nahm sie manchmal mit.

Zur Schule brachte sie Sonja oder Kostja.

“Was für ein süßes Kind und schöne Eltern!”, bemerkte einmal eine Großmutter. “Zöpfe, saubere Schultasche, Schuhe… Mein Kleiner ist ein Kobold, ich schäme mich schon!”

Kostja hörte kaum zu, sah Sonja an und dachte, dass er sie damals hätte wählen sollen.

Sonja sagte leise: “Wir hätten kein Paar sein können, Kostja. Ich kann nicht Hinterfrau sein, verstehst du? Und wenn wir geheiratet hätten, hätte ich meinen ganz besonderen Menschen verpasst… Ich heirate, übrigens. Ihr seid eingeladen!”

Konstantin nickte. Ja, wenn jeder seinen eigenen Menschen fände, wäre es gut.

Lenchen kam in Hamburg nicht zurecht, Anatols Schwester warf sie raus, sie hatte Angst, Lenchen wolle die Wohnung; Anatol versuchte zu trösten, doch Lenchen weinte immerfort.

Das Geld war rasch aufgebraucht, der Ruhm blieb aus. Am Ende wurde sie Platzanweiserin im Theater, was immerhin eine ältere Kartenabreißerin ihr ermöglichte. Es hätte schlimmer kommen können…

Im Theater schrieb Lenchen Gedichte für das schwarze Brett, erzählte unter Tränen von ihrem Mann, dem das Kind entzogen war. Man hatte Mitleid, gab ihr ein Zimmer. Nicht groß, aber immerhin.

“…Nur wenige verstehen, was echter Talent ist, Mama! Deshalb verkomme ich hier in dieser furchtbaren Stadt!” klagte sie telefonisch bei Nina. “Selbst Konstantin hat mich verraten! Anfangs hat er mich beschützt, nun verlangt er ständig etwas von mir… Mama, hörst du zu?”

Nina hörte erst verständnisvoll zu, irgendwann wurde es ihr aber zu viel.

“Lenchen, wir haben viel zu tun. Melde dich wieder! Tschüss…!”

“Mama, schuld bist du! Das tut so weh… Hilf mir, schick Geld! Ich bin doch deine Tochter…”

Nina überwies, aber rief nicht zurück.

Da klingelte eines Tages das Telefon: “Mama, holst du mich morgen vom Bahnhof ab? Es ist Jules Geburtstag…”

“Aber Kind, morgen? Wir haben doch Besuch…”

“Mama, ich kann die Koffer nicht tragen! Ich bin schwanger!” und Lenchen weinte, die verletzliche, zarte, so talentierte und völlig schutzlose Lenchen…

So mancher sucht sein Glück in fremden Städten und fremdem Leben doch nur, wer lernt, mit Enttäuschungen umzugehen und sein Herz zu schützen, kann wirklich zu sich finden. Manchmal ist die schwerste Prüfung auf dem Weg zum Glück, die Welt so anzunehmen, wie sie ist und dabei sich selbst treu zu bleiben.

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Homy
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