Die Schwiegermutter, die immer lauter ruft: Wie Sashas Zuhause zur Festung wurde – oder warum in deutschen Bädern plötzlich nur noch Teershampoo steht

Die Tageskuckuck hat alles durcheinandergebracht

Das ist doch nicht ihr Ernst!, schimpfte Luise. Markus, komm bitte sofort ins Bad!

Ihr Mann, der gerade die Schnürsenkel seiner Sneaker in der Diele gelöst hatte, tauchte im Türrahmen auf und öffnete im Gehen den Hemdkragen.

Luischen, was ist jetzt schon wieder? Ich komme gerade von der Arbeit, mein Kopf platzt gleich

Was schon wieder?! Luise zeigte energisch auf den Rand der Badewanne. Schau mal genau hin. Wo ist mein Shampoo? Und wo ist meine Haarkur, die ich gestern gekauft habe?

Markus schielte kurzsichtig auf die penibel aufgereihten Fläschchen.

Dort stand nun eine große Flasche Roggen-Schwefelshampoo, ein literweiser Bärenklau und ein schweres braunes Glas mit einer ominösen Creme.

Ähm Das hat wohl Mama mitgebracht. Wahrscheinlich ist es für sie bequemer, wenn alles griffbereit ist, murmelte er und vermied dabei, seiner Frau in die Augen zu sehen.

Bequemer? Markus, sie wohnt hier nicht! Schau jetzt mal nach unten.

Luise hockte sich hin und zog eine altverkratzte Plastikwanne unter der Badewanne hervor. Darin lagen ihre teuren französischen Kosmetikprodukte, daneben ihr Schwamm und ihr Rasierer.

Was soll das?! Sie hat einfach meine Sachen in die schmuddelige Schüssel geschmissen und ihre aufgestellt! Meine Sachen schiebt sie zu der Putzklamotte, ihr Bärenklau steht auf dem Ehrenplatz!

Markus seufzte schwer.

Luischen, reg dich nicht auf. Mama gehts doch im Moment schlecht. Ich räum das gleich wieder hin, dann essen wir in Ruhe. Sie hat übrigens Rouladen gekocht heute.

Ich esse keine Rouladen von deiner Mutter, fauchte Luise. Warum klebt sie überhaupt ständig hier rum? Warum führt sie sich in meinem Zuhause so auf? Ich fühle mich wie eine Untermieterin, die gerade mal aufs Klo darf.

Luise drückte Markus beiseite und stürmte aus dem Bad. Markus schob wortlos mit dem Fuß die Wanne samt LUISes Sachen wieder unter die Badewanne.

Das Wohnungsproblem, das Millionen das Leben schwer gemacht hatte, war bei Luise und Markus eigentlich nie Thema.

Markus besaß eine großzügige Wohnung in einem modernen Neubau, ererbt von seinem Großvater väterlicherseits.

Luise hatte von ihrer Oma ein gemütliches Altbauzimmer übernommen.

Nach der Hochzeit beschlossen sie, bei Markus einzuziehen: Dort gabs neue Böden und eine Klimaanlage; Luises Wohnung wurde an ein nettes Ehepaar vermietet.

Zu Markus Eltern bestand ein höflich-distanziertes Verhältnis, manchmal gar freundlich.

Gudrun und ihr schweigsamer, gebildeter Ehemann Heinrich lebten am anderen Ende der Stadt.

Einmal pro Woche: gemeinsamer Kaffee, ein paar Fragen nach Wohlbefinden und Arbeitsstress, freundlicher Austausch das war’s.

Oh, Luischen, du bist ja so schlank geworden. Markus, fütterst du deine Frau denn gar nicht?, nörgelte Gudrun und schob ihr Kuchenecken zu.

Mama, wir gehen einfach oft ins Fitnessstudio, konterte Markus.

Keine ungebetenen Besuche, keine Haushaltstipps, keine Einmischung.

Luise prahlte regelrecht vor ihren Freundinnen:

Mit meiner Schwiegermutter hab ich echt Glück. Goldene Frau, mischt sich nie ein, belagert mich nicht, lässt Markus in Frieden!

Alles änderte sich an einem trüben Dienstag, als Heinrich nach 32 Jahren Ehe sang- und klanglos Koffer packte, eine Notiz auf dem Küchentisch hinterließ (Bin ans Meer, such mich nicht!), alle Telefonnummern blockierte und verschwand.

Bald kam heraus, der sprichwörtliche alte Narr war tatsächlich eine attraktive Kurheim-Kraft aus Binz, wohin Gudrun und er in den letzten drei Jahren jeden Sommer gereist waren.

Für Gudrun, Anfang sechzig, zerbrach die ganze Welt.

Es folgten Tränen, verzweifelte Anrufe nachts um drei, endloses Grübeln:

Wie konnte er das tun? Warum? Luischen, ich verstehe das nicht!

Luise hatte anfangs echtes Mitleid. Sie brachte Baldriantee, hörte sich zum zehnten Mal dieselben Klagen an und nickte höflich, wenn Gudrun lästerte: Dieser alte Schürzenjäger!

Doch die endlose Lamentiererei nervte bald.

Markus, sie hat heute schon fünf Mal angerufen, sagte Luise beim Frühstück. Ich soll kommen und eine Glühbirne wechseln im Flur.

Einsicht hin oder her wie lange soll das so gehen?

Markus zog ein bedrücktes Gesicht.

Sie ist eben einsam, Luischen. Ihr ganzes Leben bewacht und jetzt das Sei bitte nicht böse zu ihr.

Eine Birne kann man auch selber wechseln oder einen Hausmeister holen. Aber nein du sollst kommen. Oder ich. Muss ich mir das geben?

Dann begann das Übernachten Markus verbrachte immer öfter die Nächte bei seiner Mutter.

Luischen, Mama hat Angst, allein einzuschlafen, gestand Markus schuldbewusst beim Packen. Sie sagt, die Stille macht sie ganz fertig. Ich bleib ein paar Tage da, okay?

Ein paar Tage? Luise runzelte die Stirn. Markus, wir sind verdammt nochmal frisch verheiratet, und du haust ständig ab! Ich will nicht jede zweite Nacht allein schlafen.

Es ist nur vorübergehend. Bald beruhigt sie sich, dann läuft alles wieder normal.

Dieses vorübergehend zog sich über einen Monat.

Gudrun beanspruchte vier Abende und Nächte pro Woche.

Sie klagte über Kreislaufprobleme, Panikattacken, verstopfte absichtlich das Waschbecken.

Luise sah, wie Markus kaputtging vor lauter Hin- und Herpendeln und beging einen Fehler, den sie später täglich bereuen sollte.

***
Sie sprach Gudrun offen beim nächsten Sonntagsessen an:

Frau Gudrun, wenn es Ihnen so schwerfällt, allein zu Hause zu sitzen, warum kommen Sie nicht einfach tagsüber zu uns? Markus ist bei der Arbeit, ich arbeite meistens im Homeoffice. Sie könnten im Park spazieren gehen oder hierbleiben. Abends fährt Markus Sie wieder heim.

Gudruns Blick wurde undurchsichtig.

Da hast du recht, Luischen Du bist ja ein kluges Mädchen. Warum sollte ich mich zuhause einkerkern?

Luise hatte zwei, vielleicht drei kurze Besuche pro Woche erwartet vormittags rein, nachmittags zurück, bevor Markus heimkam

Doch Gudrun verstand Tagesbesuche ganz anders sie stand prompt um sieben Uhr morgens vor der Tür.

Wer ist da?, murmelte Markus verschlafen, als die Klingel früh losging.

Er öffnete selbst.

Ich bins!, tönte Gudruns Stimme aus der Sprechmuschel. Hab frischen Quark mitgebracht!

Luise zog sich die Decke über den Kopf.

Wie bitte?, zischte sie. Markus, sieben Uhr! Wo um Himmels willen kauft man um diese Uhrzeit Quark?

Mama steht halt früh auf, murmelte Markus beim Anziehen. Schlaf noch, ich mach ihr auf.

Von da an war das Leben der reinste Alptraum. Gudrun kam nicht nur sie blieb acht Stunden vor Ort.

Luise versuchte, am Laptop zu arbeiten, doch ständig war Gudrun zur Stelle:

Luischen, wieso staubst du den Fernseher nicht ab? Ich hab schon mal ein Tuch genommen. Und deine Karotten, die sollten besser gestiftelt werden, Markus mag das so

Frau Gudrun, bitte ich habe gleich eine Zoom-Konferenz!

Ach, diese Konferenzen du klickst doch bloß auf Bilder! Und die Hemden für Markus darf ich dir mal zeigen, wie die Bügelfalten aussehen sollten?

Alles wurde kritisiert.

Wie das Gemüse geschnitten war: Markus mag Streifen, du würfelst wie in der Kantine.

Wie das Bett gemacht war: Eine Tagesdecke muss bis zum Boden!

Wie es im Bad roch: Der Duft sollte frisch sein. Bei dir riecht es muffig.

Nimm es mir nicht übel, Luischen, sagte sie und lugte in den Suppentopf, aber die Suppe ist zu salzig. Markus ist empfindlich, hast du das nicht gewusst?

Die Suppe schmeckt, sie hat Markus gestern noch gelobt!

Er isst bloß aus Rücksicht. Arme Seele; er will dich nicht enttäuschen!

Gegen Mittag war Luise meist kurz vor dem Nervenzusammenbruch.

Sie floh in ein Café, blieb stundenlang einfach sitzen, nur, um Gudruns ständige Belehrungen zu entgehen.

Kaum zurück, entdeckte sie neue Dinge: erst Gudruns Lieblingstasse ein riesiger Becher Weltbeste Mama, dann einen extra Regenmantel, bald darauf eine ganze Regalhälfte für Gudruns Wechselwäsche und mehrere Morgenmäntel.

Wozu brauchen Sie hier Morgenmäntel?, fragte Luise, als sie ein riesiges pinkes Frotteemonster neben ihren Seiden-Nachthemden fand.

Ich bin ja den ganzen Tag hier. Da will man sich auch mal gemütlich umziehen. Wir sind doch jetzt Familie warum bist du so abweisend?

Markus reagierte auf all Luises Beschwerden gleich:

Luischen, sei großzügig. Ihr gehts schlecht. Sie will einfach gebraucht werden. Was schadet dir schon ein Regalbrett?

Mir schadet nicht das Regal, Markus! Deine Mutter verdrängt mich aus meiner eigenen Wohnung!

Jetzt übertreib mal nicht. Sie hilft doch kocht, putzt, bügelt. Hast du nicht gesagt, du hasst Bügeln?

Lieber zerknittert als vom falschen Menschen gebügelt!, blaffte Luise.

Markus ließ die Vorwürfe abprallen.

***
Die Shampooflaschen im Bad brachten das Fass zum Überlaufen.

Markus, komm zum Essen!, rief Gudrun aus der Küche. Die Rouladen werden kalt! Luischen, für dich habe ich extra weniger Pfeffer genommen, ich weiß, du magst es nicht scharf!

Luise stürmte in die Küche, wo Gudrun die Teller schon aufstellte.

Frau Gudrun, begann sie ruhig, warum haben Sie meine Sachen unter die Badewanne geräumt?

Gudrun zuckte nicht mal. Sie legte Markus die Gabel zurecht und lächelte.

Deine Fläschchen? Die waren fast leer, die nehmen nur Platz weg. Und der Geruch Ich krieg davon Kopfschmerzen. Meine Sachen sind erprobt. Deine hab ich einfach ordentlich verstaut sie standen eh im Weg. Ist doch kein Problem? Da musste mal Ordnung rein.

Doch, für mich ist es ein Problem! Das ist mein Bad. Meine Sachen. Mein Zuhause!

Wie kommst du darauf, Kindchen?, setzte sich Gudrun bemüht gequält. Die Wohnung gehört ja Markus. Du bist hier natürlich auch Hausherrin aber Respekt vor der Mutter des Mannes sollte man schon haben.

Markus, blass im Türrahmen, kratzte sich am Kopf.

Mama, jetzt lass das mal, Luise hat doch auch eine Wohnung Wir wohnen halt hier, weil es passt

Ach, das alte Oma-Loch!, winkte Gudrun ab. Markus, setz dich. Deine Frau ist schon wieder gereizt sicher, weil sie hungrig ist.

Luise sah ihren Mann an. Sie wartete.

Wartete darauf, dass er sagte: Mama, Schluss jetzt. Pack deine Sachen und geh.

Markus schwieg, stand verlegen herum und setzte sich schließlich wortlos an den Tisch.

Luise, bitte, setz dich, iss was. Wir können doch reden. Mama, du warst auch nicht ganz fair mit den Sachen

Siehst du!, triumphierte Gudrun. Mein Sohn verstehts. Nur du bist so kleinlich, Luise. Familie heißt, alles ist gemeinsam!

Luises Geduld platzte endgültig.

Alles gemeinsam? Gut!, sagte sie.

Sie verließ wortlos die Küche.

Markus rief ihr nach, doch sie packte ihre Koffer in Rekordzeit. Die Kosmetik blieb sie würde sich Neues kaufen.

Sie ging zu den Stimmen im Hintergrund: ihr Mann jammerte, Gudrun lamentierte und ließ keine kleine Gemeinheit aus.

***
Zurück zu Markus wollte Luise nicht mehr. Noch in derselben Woche reichte sie die Scheidung ein.

Markus, ihr formal noch Ehemann, ruft täglich an und bittet sie zurück. Gudrun räumt gemächlich weiteres Hab und Gut in die Einzimmerwohnung des Sohnes.

Luise ist sich sicher, dass das genau Gudruns Plan war.

***

Manchmal sind Grenzen nicht sichtbar, sondern werden im Alltag schleichend verschoben. Wer nicht rechtzeitig für sich einsteht, verliert sich selbst, egal wie groß die Liebe ist. Respekt und Rücksicht sind die Säulen eines glücklichen Zusammenlebens nicht die Lautstärke des Stärkeren.

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Homy
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Die Schwiegermutter, die immer lauter ruft: Wie Sashas Zuhause zur Festung wurde – oder warum in deutschen Bädern plötzlich nur noch Teershampoo steht
William ist zu ihr gezogen, und ihre Schwester hat meinen Mann und mich zu sich eingeladen. Als ich ihren Verlobten zum ersten Mal gesehen habe, blieb mir die Spucke weg.