Hör mal, ich muss dir unbedingt von Annemarie erzählen! Wir sind seit unserer Kindheit wie Pech und Schwefel, wirklich, nichts konnte uns auseinanderbringen. Sie ist damals fürs Studium nach Berlin gezogen und ist dann dortgeblieben, hat einen Job gefunden und sich ein kleines Apartment gemietet. Auch wenn wir räumlich getrennt waren, haben wir uns nie aus den Augen verloren. Sie kam in den Semesterferien immer zurück in die Heimat und wir haben stundenlang telefoniert, meistens abends, wenn beide Zeit hatten.
Mit zwanzig habe ich dann geheiratet und bald darauf meine Tochter bekommen. Vor etwa einem Jahr haben mein Mann und ich beschlossen, nach Berlin umzuziehen, und stell dir vor wir fanden tatsächlich eine Wohnung im selben Stadtteil wie Annemarie.
Annemarie ist mittlerweile siebenundzwanzig und war die ganze Zeit Single das hat mich, ehrlich gesagt, immer überrascht, weil sie echt eine attraktive Frau ist! Dann kam aber neulich die Nachricht sie hat tatsächlich jemanden kennengelernt! Ich war natürlich total aus dem Häuschen und wollte sofort alles wissen. Sie hat aber nur geheimnisvoll gelächelt und gesagt, es sei noch “zu früh”, um ihn mir vorzustellen.
Ungefähr einen Monat später wars dann so weit. Matthias, ihr Neuer, ist bei ihr eingezogen und Annemarie hat uns zum Kaffee eingeladen meinen Mann und mich. Und du glaubst nicht, was für eine Überraschung das war, als ich ihn zum ersten Mal sah. Er wirkte deutlich älter als dreißig und hatte diese Gesichtszüge, die einen an zu viele Abende in der Kneipe erinnern. Vom Aussehen her total verlottert, ehrlich, ich musste echt zweimal hinschauen. Mein Mann und ich haben uns bloß schweigend angesehen. Später hab ich erfahren, dass Matthias arbeitslos ist und gerade mal die Hauptschule abgeschlossen hat.
Ich konnte einfach nicht verstehen, warum meine intelligente, hübsche und gebildete Schwester mit so jemandem zusammen ist. Ich habe dann versucht, mit ihr über meine Sorgen zu reden, aber sie ist komplett ausgerastet und hat mich gebeten, mich aus ihrem Leben rauszuhalten. Und dann hat Annemarie sogar erzählt, dass sie sich ein Kind mit ihm wünscht das hat mich total mitgenommen. Allein die Vorstellung, dass sie mit so einem Mann eine Familie gründen will, geht für mich echt gar nicht. Ich komm einfach nicht drauf klar, was sie sich dabei denkt. Natürlich sind die Geschmäcker verschieden, aber das hier ergibt einfach für mich keinen SinnIn den Wochen danach herrschte Funkstille zwischen Annemarie und mir. Die Tage gingen vorbei, Zwischentöne im Telefon klingelten verhallend. Ich war enttäuscht, verletzt und auch wütend, wie jemand, den die eigenen Vorstellungen so sehr im Griff haben, dass er anderen keinen Platz lässt. Immer wieder sah ich Mats auf dem Spielplatz, wie er meine Tochter auf das Klettergerüst hob und dabei so herzlich lachte, dass ich beinahe ein Lächeln erwidern wollte. Und Annemarie, sie wirkte zufrieden. Anders, als ich sie kannte ruhiger, ein wenig verletzlich und doch ganz bei sich.
An einem Sonntagmorgen kamen Erinnerungen an unsere Kindheit hoch, wie wir mit Taschenlampen heimlich im Zimmer Pläne schmiedeten, was wir mit unserem Leben einmal anfangen würden. Damals waren wir furchtlos und voller Sehnsucht nach dem Unbekannten. Wie seltsam, dachte ich, dass ich mir nun wünschte, Annemarie hätte diese Sehnsucht einfach abgelegt und stattdessen genau das tat, was ich für richtig hielt.
Aber je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer spürte ich, dass unser Band nur dann wieder wirklich stark werden konnte, wenn ich meine Vorstellungen losließ und Annemarie die Freiheit schenkte, ihr Glück zu finden, wo immer sie wollte. Also griff ich zum Telefon, meine Finger zitterten, und wartete auf das Freizeichen.
“Hallo,” sagte sie leise. “Bist du das?”
“Ja,” erwiderte ich. “Ich wollte dir nur sagen, dass ich dich liebe. Bald könnten wir zusammen ein Picknick machen. Und falls du magst, bring Matthias und euer neues kleines Abenteuer mit. Ich denke, ich bin endlich bereit, euch kennenzulernen. Wirklich kennenzulernen.”
Am anderen Ende war Stille, und dann hörte ich, wie Annemarie lachte. Dieses Lachen, das alles verändern konnte. Und in diesem Moment wusste ich, dass alles möglich war.





