Unvergesslicher Abend: Die Rückkehr ins Restaurant
Klara kam mit ihrem Ehemann, Lukas, von einem Restaurant zurück, in dem sie ihren Geburtstag gefeiert hatten. Der Abend war wunderbar gewesen. Es waren viele Leute da, Verwandte, Arbeitskollegen. Klara hatte viele von ihnen zum ersten Mal getroffen, aber wenn Lukas sie eingeladen hatte, dann musste es ja einen Grund geben.
Klara war keine, die die Entscheidungen ihres Mannes infrage stellte; sie hasste Streit und Auseinandersetzungen. Es war für sie einfacher, Lukas recht zu geben, als zu versuchen, sich durchzusetzen.
Klara, hast du den Wohnungsschlüssel parat? Kannst du ihn rausholen?
Klara öffnete ihre Tasche und begann, nach dem Schlüssel zu suchen. Plötzlich verspürte sie einen stechenden Schmerz und zog die Hand so heftig zurück, dass die Tasche zu Boden fiel.
Was ist passiert?, fragte Lukas.
Ich habe mich an etwas gestochen.
Kein Wunder, bei dem Chaos in deiner Tasche, meinte Lukas.
Klara widersprach nicht weiter. Sie hob ihre Tasche auf, zog vorsichtig den Schlüssel heraus und sie betraten die Wohnung. Den Zwischenfall hatte sie schnell vergessen. Sie war müde, ihre Füße taten weh, und sie wollte nur noch duschen und schlafen gehen.
Am nächsten Morgen wachte sie mit starken Schmerzen im Finger auf; er war gerötet und geschwollen. Sie erinnerte sich an das Ereignis vom Vorabend und durchsuchte ihre Tasche gründlich. Am Boden entdeckte sie eine große, verrostete Nadel.
Wie kommt das hierher?
Sie hatte keine Ahnung, wie die Nadel in ihre Tasche gelangen konnte. Sie beschloss, sie wegzuwerfen. Danach suchte sie den Verbandskasten und desinfizierte die Wunde. Mit verbundenem Finger ging Klara zur Arbeit, aber bereits mittags hatte sie Fieber.
Sie rief Lukas an:
Lukas, ich weiß nicht, was ich machen soll. Irgendwas habe ich mir wohl geholt gestern. Ich habe Fieber, Kopfschmerzen, mein ganzer Körper fühlt sich geschlagen an. Und ich habe eine rostige Nadel in meiner Tasche gefunden.
Du solltest wirklich zum Arzt gehen, das könnte Tetanus sein oder schlimmer.
Keine Sorge, ich habe alles desinfiziert. Es wird schon gutgehen.
Doch nicht nur mit jedem Tag, sondern mit jeder Stunde fühlte sich Klara schlechter. Sie konnte kaum den Tag durchstehen. Mit letzter Kraft rief sie sich ein Taxi, denn an die Rückfahrt mit der Bahn war nicht zu denken. Daheim fiel sie aufs Sofa und schlief sofort ein.
Im Traum begegnete sie ihrer Oma Rosa, die gestorben war, als Klara noch sehr klein war. Sie wusste nicht wieso, aber sie war sich sicher, dass es ihre Großmutter war. Trotz ihrer gebeugten, alten Gestalt spürte Klara, dass ihre Oma gekommen war, um ihr zu helfen.
Im Traum führte Oma Rosa sie über eine Wiese und zeigte ihr Kräuter, die sie sammeln sollte, um einen Aufguss zuzubereiten, der die Dunkelheit aus ihrem Körper vertreiben würde. Sie warnte Klara, dass jemand ihr Böses wollte, doch um das zu überwinden, müsse Klara überleben. Die Zeit drängte.
Klara erwachte schweißgebadet. Sie glaubte, lange geschlafen zu haben, aber es waren erst wenige Minuten vergangen. Da hörte sie die Tür: Lukas kam heim. Als er sie sah, erschrak er:
Was ist mit dir passiert? Schau dich mal im Spiegel an.
Klara schlich zum Spiegel. Gestern hatte sie noch ihr lachendes, schönes Gesicht gesehen, doch nun blickte ihr eine Fremde entgegen: zerzauste Haare, Augenringe, ein blasses Gesicht ohne Leben.
Was passiert denn bloß mit mir?
Da erinnerte sie sich an den Traum und sagte zu Lukas:
Ich habe von meiner Oma geträumt. Sie hat mir gesagt, was ich tun soll…
Klara, zieh dich an, wir fahren ins Krankenhaus.
Nein, ich gehe nirgendwo hin. Oma sagte, dass Ärzte mir nicht helfen können.
Ein heftiger Streit brach aus. Lukas nannte Klara sogar verrückt, weil sie sich von einer alten Frau im Traum leiten ließ. Es war ihr erster ernsthafter Streit. Lukas wollte sie zum Krankenhaus bringen, packte sie am Arm und zog sie zur Tür.
Wenn du nicht freiwillig gehst, dann eben so!
Doch Klara riss sich los, verlor das Gleichgewicht und stieß sich an einer Ecke. Lukas wurde daraufhin nur noch wütender, nahm seine Tasche und schlug die Tür hinter sich zu. Mit letzter Kraft schrieb Klara ihrem Chef, dass sie krank sei und ein paar Tage ausfallen würde.
Gegen Mitternacht kam Lukas zurück, entschuldigte sich. Doch Klara sagte nur:
Bring mich morgen in das Dorf, wo meine Oma gewohnt hat.
Am nächsten Morgen sah Klara mehr aus wie ein Geist als wie eine junge, gesunde Frau. Lukas flehte weiter:
Klara, sei vernünftig, wir müssen ins Krankenhaus. Ich will dich nicht verlieren.
Doch sie fuhren ins Dorf. Klara erinnerte sich nur noch an den Namen des Ortes; seit ihre Eltern das Haus der Großmutter verkauft hatten, war sie nie wieder dort gewesen. Während der Fahrt schlief sie, doch als sie sich dem Dorf näherten, wurde sie wach und zeigte:
Hier entlang.
Mit Mühe stieg sie aus dem Auto, fiel ins Gras, wusste aber, dass sie an der Stelle war, die ihre Oma ihr im Traum gezeigt hatte. Sie fand die Kräuter, die sie brauchte, und sie kehrten nach Hause zurück. Lukas bereitete den Aufguss wie von Klara beschrieben zu, und sie trank Schluck für Schluck, wobei sie mit jeder Dosis ein wenig mehr zu sich kam.
Mit Mühe schleppte sie sich ins Bad, und als sie aufstand, bemerkte sie, dass ihr Urin schwarz war. Anstatt sich zu fürchten, sagte sie leise, wie es ihre Oma im Traum getan hatte:
Die Dunkelheit verlässt mich…
In der nächsten Nacht träumte sie wieder von ihrer Oma. Rosa erklärte ihr, dass jemand ihr mit der rostigen Nadel einen Fluch auf den Hals gehetzt hatte. Die Kräuter würden ihre Kraft zurückbringen, aber nur für kurze Zeit. Klara müsse herausfinden, wer der Übeltäter war, und das Böse zurückgeben. Die Oma gab zu, sie wisse nicht genau, wer es gewesen sei, doch Lukas habe damit zu tun. Hätte Klara die Nadel nicht weggeworfen, hätte sie mehr sagen können.
Mach Folgendes: Kauf eine Packung Nadeln und sprich über die größte folgende Worte: Nachtgeister, hört meinen Ruf! Zeigt euch, Geister der Dunkelheit, bringt mir die Wahrheit. Umgebt mich, beschützt mich, lasst mich meinen Feind erkennen… Stecke dann die Nadel in Lukas’ Tasche. Wer dir das angetan hat, wird sich stechen. So erkennst du deinen Feind und kannst ihm das Böse zurückgeben.
Die Oma verschwand im Nebel des Traums.
Am nächsten Morgen wusste Klara, dass sie, auch wenn sie noch schwach war, überleben würde. Ihre Oma würde ihr helfen. Lukas entschied, den Tag bei ihr zu bleiben und sie zu umsorgen. Er staunte, als Klara darauf bestand, allein zum Supermarkt zu gehen:
Klara, bleib vernünftig. Du stehst kaum auf den Beinen. Lass uns gemeinsam gehen.
Lukas, mach du bitte eine Suppe. Nach so einer Krankheit habe ich riesigen Hunger.
Klara führte den Plan aus ihrem Traum aus und legte am Abend die Nadel in Lukas’ Tasche. Am Abend fragte Lukas sie noch:
Bist du sicher, dass du das schaffst? Soll ich nicht besser hierbleiben?
Es geht schon, log Klara und lächelte müde.
Sie fühlte sich etwas besser, wusste aber, dass das Böse noch immer in ihr lauerte wie ein ungebetener Gast. Die Kräuter halfen ihr, die Dunkelheit zurückzuhalten. Auf die Rückkehr von Lukas von der Arbeit wartete sie voller Unruhe. An der Tür fragte sie gleich:
Wie war dein Tag?
Alles gut. Warum fragst du?
Gerade, als Klara dachte, dass der Schuldige sich noch nicht zu erkennen gegeben hatte, erzählte Lukas:
Stell dir vor, Klara, heute hat Anja aus dem Nachbarbüro mir helfen wollen, meine Schlüssel zu suchen, weil ich so viele Akten hatte. Sie griff in meine Tasche und stach sich prompt an einer Nadel. Sie war richtig sauer.
Und was läuft zwischen euch beiden?
Klara, bitte. Ich liebe nur dich. Anja ist nur Kollegin, das weißt du doch.
War sie bei deiner Geburtstagsfeier dabei?
Ja, sie ist eine gute Kollegin, nicht mehr.
Plötzlich wurde Klara alles klar. Sie verstand, wie die rostige Nadel in ihre Tasche gekommen war.
Lukas ging in die Küche, um das Abendessen vorzubereiten. Als Klara einschlief, erschien ihre Oma wieder im Traum und erklärte ihr, wie sie Anja das Böse zurückgeben konnte, das diese ihr angetan hatte. Oma sagte, sie verstehe jetzt alles: Anja habe Klara aus dem Weg räumen wollen, um Lukas für sich zu gewinnen, notfalls mit Magie. Sie würde vor nichts zurückschrecken.
Klara tat, was ihre Oma ihr gesagt hatte. Kurz darauf erzählte Lukas, dass Anja krankgeschrieben war, schwer krank, und die Ärzte keine Erklärung hatten.
Klara bat Lukas, sie an einem Wochenende auf den Friedhof ihres Heimatdorfes zu fahren, wo die Oma begraben lagein Ort, den sie seit der Beerdigung nicht mehr besucht hatte. Sie kaufte einen Strauß Blumen und Handschuhe, um das Grab von Unkraut zu befreien. Es dauerte eine Weile, bis sie das Grab fand, doch auf dem Foto sah sie das vertraute Gesicht aus ihren Träumen, das ihr das Leben gerettet hatte. Klara säuberte das Grab und legte die Blumen darauf.
Liebe Oma, verzeih, dass ich so lange nicht gekommen bin. Ich dachte, der jährliche Besuch meiner Eltern reicht. Aber ich habe mich geirrt. Ab jetzt komme ich öfter. Ohne dich wäre ich jetzt wohl nicht mehr hier.
Klara spürte einen sanften Druck auf ihren Schultern, als würde sie ihre Oma umarmen. Als sie sich umdrehte, war niemand danur der leichte Wind streichelte ihr Haar.
Manchmal bewahrt uns das Festhalten an der Familie und das Vertrauen auf die Weisheit der Ahnen in unseren dunkelsten Stunden. Stärke findet man nicht nur im Kampf mit anderen, sondern oft im stillen Glauben an die Verbindung über die Zeit hinweg.




