Deine respektlosen Verwandten bringen mich um den Verstand. Ich lasse mich von dir scheiden, wenn sie morgen nicht aus unserem Haus ausgezogen sind.
Ich erinnere mich noch, wie Lore damals ihre Tasche so schwungvoll auf das Sofa warf, dass sie auf den Boden flog. Sie hob sie nicht wieder auf. Ihre Hände zitterten vor Wut, vor Verletzung vor der Erschöpfung, weil sie einfach nicht mehr konnte.
Genug! Es reicht! Deine respektlosen Verwandten gehen mir auf die Nerven. Ich lasse mich von dir scheiden, wenn sie morgen nicht unser Haus verlassen.
Johannes reagierte kaum, der Kopf weiter auf sein Handy gesenkt, saß er in der Küche, trank ein Bier, als wäre sie gar nicht da, als wäre sie bloß die Zugluft. Vielleicht hörte er wirklich nicht mehr zu in all den Monaten hatte er gelernt, ihre Worte auszublenden.
Hörst du mich überhaupt? Lore trat näher, stützte sich mit den Händen auf die Arbeitsplatte. Oder ist dir das völlig egal?
Ich höre dich, murmelte er, ohne von seinem Display hochzusehen. Ich habe nur eine Mutter. Einen Bruder. Wohin sollen sie denn gehen?
Mir egal! Notfalls zum Teufel! Sie hatte gar nicht erwartet, so laut zu werden. Deine Mutter hat doch ihre eigene Wohnung! Eine schöne Wohnung, nebenbei gesagt. Und Dennis? Der lebt zur Miete. Dann sollen sie dort zusammen wohnen!
Endlich hob Johannes den Blick. Er schaute sie mit einer Müdigkeit an, die Jahre zu wiegen schien. Früher hatte sie seine dunklen, tiefgründigen Augen schön gefunden. Jetzt lag darin nur noch Erschöpfung.
Lore, wie oft denn noch? Sein Ton war sachlich und ruhig, was sie nur noch wütender machte. Meine Mutter ist krank, sie braucht Pflege. Dennis ist vorübergehend hier, seit er seine Arbeit verloren hat.
Vorübergehend? Lore lachte kurz und bitter. Drei Monate schon! Jeden Morgen stehe ich um sechs Uhr auf, damit ich noch in die Dusche komme, bevor deine Mutter ab sieben das Waschbecken blockiert. Jeden Abend komme ich nach Hause und sehe deinen Bruder auf unserem Sofa er ist praktisch damit verwachsen. Am Abend dreht er den Fernseher auf volle Lautstärke, futtert Chips, die Bierdosen bleiben überall stehen. Und ich soll nach der Arbeit hinterherputzen? Ich bin doch keine Haushälterin!
Niemand zwingt dich dazu, aufzuräumen.
Ach ja? Wer dann? Du etwa? Sie breitete die Arme aus. Du kommst gegen zehn nach Hause, fällst müde ins Bett. Deine Mutter? Sie ist ständig krank, mal der Kreislauf, dann das Herz, dann der Kopf. Dennis? Der tut überhaupt nichts, außer zu essen und Fußball zu schauen!
Johannes rieb sich die Nasenwurzel und seufzte ein Gestus, den sie inzwischen zutiefst verachtete: Immer dann, wenn er Diskussionen vermeiden wollte und nach einer Flucht suchte.
Lore, lass uns das später klären, ja? Ich bin müde.
Müde, wiederholte sie mit einem Kopfschütteln. Und ich etwa nicht? Ich halte tagtäglich diesen Irrsinn aus und trotzdem lächle ich!
Sie wandte sich ab, trat ans Fenster. Draußen wurde es früh dunkel November, halb sechs, und bereits Nacht. Die Stadt leuchtete mit ihren zahlreichen Lampen, unten fuhren Autos vorbei, und sie stand in ihrer eigenen Wohnung und fühlte sich als Fremde.
Als sie vor vier Jahren geheiratet hatten, war alles anders. Johannes lebte damals zur Miete, sie wohnte im Studentenwohnheim. Gemeinsam sparten sie für die Anzahlung der Eigentumswohnung, schmiedeten Pläne, träumten. Lore arbeitete in einer Werbeagentur, Überstunden waren an der Tagesordnung, aber sie klagte nie sie taten es für ihre Zukunft. Johannes versprach ihr ein eigenes Nest, ein Zuhause, in dem sie alleine sein würden. Doch nun war ihr Nest nicht nur ihr Nest sondern das ihrer Schwiegermutter, Margit, und seines jüngeren Bruders Dennis.
Willst du, dass ich mit ihnen spreche? fragte Johannes hinter ihr versöhnlich. Sag ihnen, sie sollen sich etwas zurückhalten.
Willst du mich veralbern? Lore drehte sich um. Zurückhalten? Johannes, ich brauche keinen Kompromiss. Ich will, dass sie morgen ausziehen. Verstehst du? Morgen früh.
Lore…
Nein! Sie trat dicht an ihn heran, und er wich unwillkürlich zurück. Hör mir zu. Entweder sie gehen oder ich gehe. Du wählst.
Johannes schwieg. Sein Blick wirkte ratlos, vielleicht sogar erschrocken. Aber er sagte nichts. Er nahm seine Jacke vom Haken.
Wohin willst du? fragte Lore.
Spazieren. Nachdenken.
Denke nach, rief sie ihm hinterher. Bis morgen.
Die Tür knallte zu. Lore blieb allein in der Küche zurück. Plötzlich überkam sie die Welle so schnell, dass sie sich am Stuhl festhalten musste. Die Tränen stiegen ihr in den Hals, aber sie zwang sich zu ruhigem Atmen. Sie durfte nicht weinen. Schwäche durfte sie nicht zeigen. Jetzt musste sie stark sein sonst würde sie untergehen in dieser Familie.
Aus dem Wohnzimmer dröhnte Lärm: Dennis schaltete auf einen anderen Sender. Dann hörte sie Fußballkommentatoren, lautes Johlen aus dem TV. Lore schloss die Augen. Mein Gott, wie müde sie war.
In dieser Nacht schlief sie schlecht. Johannes kam spät, legte sich ganz an den Rand des Bettes, und berührte sie nicht. Am Morgen war seine Seite bereits leer, als der Wecker klingelte. Er war schon zur Arbeit verschwunden ganz ungewohnt so früh.
In der Küche wartete Margit. Sie saß am Tisch, trank Tee mit Butterbrot und schaute aus dem Fenster. Eine Frau um die sechzig, stämmig, mit markantem Kinn und schmalem, stets missbilligendem Mund.
Guten Morgen, murmelte Lore und ging zur Kaffeemaschine.
Guten Morgen, erwiderte Margit, ohne sich umzudrehen.
Schweigen hing schwer im Raum. Lore goss Kaffee in die Maschine, schaltete den Herd ein. Margit knisterte an einer sauren Gurke.
Johannes hat erzählt, dass du uns rausschmeißen willst, sagte Margit plötzlich.
Lore erstarrte. Drehte sich langsam um.
Ich will euch nicht rausschmeißen, sagte sie ruhig. Ich möchte, dass ihr in eurem eigenen Zuhause lebt.
In meiner Wohnung ist es kalt. Die Heizung wurde noch nicht eingeschaltet.
Dann stell einen Heizlüfter auf.
Mein Herz macht nicht mit. Ich brauche Betreuung.
Dann engagier eine Pflegerin.
Margit drehte sich endlich zu Lore, taxierte sie mit diesem schweren, durchdringenden Blick.
Du bist herzlos, sagte sie leise. Das wusste ich schon, als du am ersten Tag in unsere Familie kamst.
Etwas stach Lore ins Herz, aber sie ließ sich nicht beirren.
Das ist nicht Ihre Familie, erwiderte sie klar. Das ist meine Wohnung. Ich zahle den Kredit ab. Ich lebe hier. Und ich entscheide, wer hier wohnt.
Johannes zahlt auch.
Johannes ist mein Mann. Und Sie sind seine Mutter. Sie haben Ihre Kinder großgezogen. Jetzt lassen Sie uns unser Leben leben.
Margit stand langsam und würdevoll auf, trat dicht an Lore heran. Ein scharfer Geruch von billigem Creme und etwas Sauerem stieg ihr in die Nase.
Du wirst es bereuen, sagte sie. Johannes lässt mich nicht fallen. Niemals. Er ist ein guter Sohn. Und du nur die Ehefrau. Ehefrauen kommen und gehen.
Lore spürte einen glühenden Knoten im Bauch. Sie wollte kontern, schimpfen, diese Frau am liebsten aus dem Haus werfen. Stattdessen drehte sie sich weg, schaltete den Herd aus, griff nach der Tasche.
Wir werden sehen, schnappte sie und verließ die Wohnung.
Der Tag verging wie im Nebel. Lore saß in der Besprechung, nickte ortsgemäß, machte Notizen, doch die Gedanken waren weit weg. Immer wieder drehte sie die Gespräche mit Margit und Johannes im Kopf, suchte Argumente und Worte, um endlich durchzudringen. Ihre Kollegin Franziska bemerkte, wie blass Lore war und bot ihr einen Kaffee an. Sie lehnte ab.
Mittags fuhr sie nicht in die Kantine, sondern ins Einkaufszentrum am anderen Ende der Stadt sie musste einfach raus, atmen, dorthin, wo kein Zuhause, keine Familie, keine Sorgen sie einholten. Sie streifte zwischen den Schaufenstern, betastete Kleider, Taschen, Schuhe. Sie kaufte nichts nur schauen, die Hände beschäftigen, den Kopf abschalten.
Im Café bestellte sie sich einen Cappuccino und einen Croissant, setzte sich ans Fenster und beobachtete die Leute. Junge Frauen mit Kinderwagen, Studenten mit Rucksäcken, Rentner mit Stoffbeuteln. Alle eilig, alle mit ihren Aufgaben und Leben. Und sie saß da allein und fragte sich, wo alles schiefgelaufen war.
Das Handy vibrierte. Eine Nachricht von Johannes: Wir reden heute Abend. Bitte.
Lore antwortete nicht. Sie trank ihren Kaffee aus, zahlte, und fuhr zurück ins Büro.
Am Abend war sie um acht Uhr zurück. Die Wohnung war hell erleuchtet, Stimmen klangen aus der Küche. Lore zog die Schuhe aus und ging ins Wohnzimmer.
Am Tisch saßen sie alle: Johannes, Margit, Dennis. Essensreste auf den Tellern, Teekanne, Süßigkeiten. Familienabend. Nur sie war überflüssig.
Na, bist da, grummelte Dennis, ohne von seiner Frikadelle aufzusehen. Ein schlaksiger Mitt-Zwanziger mit schütterem Bart und permanent verschlafenem Gesicht.
Johannes stand auf.
Lore, setz dich. Lass uns reden.
Worüber? Sie blieb stehen.
Na… über unsere Situation. Lass uns sachlich reden.
Sie schaute ihn an, dann auf Margit, die ungerührt Salat auf ihren Teller schob.
Reden? Lore lachte ironisch. Gut, dann reden wir. Ich habe gestern gesagt: Sie ziehen morgen aus oder ich reiche die Scheidung ein. Was gibts da zu reden?
Lore, beruhig dich, Johannes versuchte, sie an der Hand zu fassen, doch sie zog zurück. Es muss doch eine Lösung geben.
Was für eine Lösung? Ihr Ton wurde lauter. Johannes, verstehst du mich überhaupt? Ich will mit deiner Familie nicht leben. Ich will mit dir leben. Nur mit dir!
Es ist doch nur für kurze Zeit…
Drei Monate sind keine kurze Zeit! schrie sie. Das ist ein Dauerzustand!
Margit legte das Besteck weg, tupfte den Mund ab.
Junges Mädchen, begann sie belehrend, in einer Familie muss man auch mal nachgeben. Du bist jung, gesund. Das überstehst du.
Und Sie? Lore trat nach vorne, Johannes stellte sich instinktiv zwischen sie und Margit. Wer sind Sie eigentlich, dass Sie mir Vorschriften machen wollen?
Ich bin die Mutter deines Mannes.
Na und? Gibt Ihnen das ein Recht, unsere Wohnung zu beschlagnahmen?
Lore! Johannes hob die Stimme. Beruhige dich!
Du brauchst mir nichts zu befehlen! fuhr sie ihn an. Für wen entscheidest du dich eigentlich?
Er schwieg. Stand da ratlos, hilflos und blieb stumm. Dieses Schweigen war schlimmer als jeder Streit.
Alles klar, sagte Lore leise. Jetzt endlich.
Sie ging ins Schlafzimmer, griff nach der Reisetasche, begann Kleidung einzupacken. Die Hände arbeiteten mechanisch: Unterwäsche, Jeans, Pullover, Kosmetik. Johannes folgte.
Wohin gehst du? Seine Stimme klang brüchig.
Zu einer Freundin. Übernachten.
Lore, überleg es dir noch…
Es ist nötig. Ich muss nachdenken.
Über was? Er packte sie an der Schulter, drehte sie zu sich. Lore, ich liebe dich. Aber es sind meine Mutter, mein Bruder. Ich kann sie nicht im Stich lassen.
Sie blickte ihm ins Gesicht.
Und mich? Mich kannst du im Stich lassen?
Er schwieg.
Lore zog sich los, verschloss den Koffer, ging ins Flur. In der Diele hielt Dennis sie auf.
Hey, sagte er und kratzte sich am Kopf. Du brauchst jetzt nicht so abzugehen. Wir stören doch nicht wirklich.
Sie blieb stehen, sah ihn ruhig an.
Dennis, sagte sie langsam und deutlich, wenn du morgen Abend hier noch bist, landet alles wirklich alles von dir im Müll. Kapiert?
Er blinzelte, trat einen Schritt zurück.
Du meinst das ernst?
Absolut.
Lore knallte die Tür zu, stand auf dem Treppenabsatz, presste den Rücken an die Wand und schloss die Augen. Mein Gott, was hatte sie getan? Sie war aus ihrem eigenen Zuhause geflüchtet. Dort drinnen waren sie alle drei.
Aber zurückgehen wollte sie nicht. Keine Sekunde.
Das Handy vibrierte. Johannes schrieb, rief an, flehte sie an, zurückzukommen. Lore schaltete den Ton ab und steckte das Handy in die Jackentasche.
Ihre Freundin Martina wohnte mitten in der Stadt, in einer alten Mietwohnung, das Parkett quietschte, die Wände waren rissig. Martina sah Lore an der Tür und verstand sofort.
Komm rein. Kaffee oder lieber was Stärkeres?
Stärker, seufzte Lore und ließ sich auf das Sofa fallen.
Martina holte eine Flasche Rotwein und zwei Gläser, setzte sich dazu und hörte einfach zu, während Lore alles herausließ von der Schwiegermutter, Dennis, Johannes, der sich für sie nicht einsetzte. Sie sprach wirr, sprunghaft, aber Martina schwieg, schenkte ein, legte eine Hand auf Lores Arm.
Weißt du, was das Schlimmste ist? Lore leerte das zweite Glas spürte, wie die Anspannung nachließ. Er hat mich nicht einmal versucht zu schützen. Seine Mutter sagt mir böse Dinge ins Gesicht, und er sagt nichts. Dennis liegt den ganzen Tag rum, und er tut so, als wäre es normal.
Männer, zuckte Martina die Schultern. Viele sind Muttersöhnchen. Manche verbergen es besser, manche weniger.
Vier Jahre habe ich mit ihm gelebt, und erst jetzt merke ich, was für ein…
Schwächling?
Lore zuckte. Das Wort schmerzte, aber es war wahr.
Ja, gestand sie leise. Genau das.
Martina schenkte noch eins ein.
Wirst du dich scheiden lassen?
Ich glaube schon.
Auf wen läuft die Wohnung?
Auf uns beide. Wir sind beide im Kredit eingetragen.
Dann gehört dir die Hälfte. Mit dem Anwalt kriegst du das geregelt. Verkaufen, Geld teilen, jeder geht seinen Weg.
Lore stellte sich das vor Auszug, ein kleines Appartement am Stadtrand, alles von vorne anfangen, mit zweiunddreißig, allein.
Oder gibst du ihm eine letzte Chance, Martina fuhr fort. Setz ihm die Pistole auf die Brust. Entweder er wirft sie sofort raus oder es gibt die Scheidung.
Ich habe es schon gefordert.
Dann bleib standhaft! Ruf ihn nicht an, geh nicht zurück. Lass ihn ruhig ins Schwitzen kommen. Vielleicht merkt er noch, was er verliert.
Lore nickte, obwohl sie tief drinnen Angst hatte. Und wenn er es eben nicht merkt? Wenn ihm seine Mutter wichtiger ist?
In der Nacht drehte sie sich auf der Liege hin und her, fand keinen Schlaf. Das Handy zeigte 23 verpasste Anrufe von Johannes, fünf von einer unbekannten Nummer. Sprachbox: Der Ton von Johannes klang unsicher, fast kläglich: Lore, bitte komm zurück. Wir kriegen das hin. Ich rede mit ihnen. Bitte…
Sie löschte die Nachricht, stellte das Handy aus.
Am Morgen klingelte die Haustür. Martina war schon zur Arbeit, hatte eine Notiz hinterlassen: Kaffee im Topf. Brot im Kühlschrank. Halt durch. Lore warf sich einen Mantel über, öffnete die Tür.
Davor stand Margit.
Einen Moment schauten sie sich nur an. Margit war angezogen, als hätte sie einen Sonntagsbesuch vor dunkler Mantel, Seidentuch, Pumps. Das Gesicht trug den Ausdruck angespannter Genugtuung.
Darf ich reinkommen? fragte sie.
Nein, erwiderte Lore hart. Sagen Sie, was Sie wollen.
Margit presste die Lippen zusammen, trat aber nicht ein.
Ich bin gekommen, um mit dir Klartext zu reden.
Wir haben uns nichts mehr zu sagen.
Doch, sie verschränkte die Arme vor der Brust. Du zerstörst meine Familie.
Lore lachte bitter.
Ich? Sie haben unsere Wohnung belagert, vergiften mir das Leben, drehen Johannes gegen mich. Aber ich bin schuld?
Johannes ist mein Sohn. Er muss sich um mich kümmern.
Man kann auch aus der Ferne für jemanden da sein. Anrufen, Geld schicken, zum Arzt fahren. Aber nicht einer jungen Familie Tag für Tag auf der Tasche liegen!
Junge Familie, höhnte Margit. Nach vier Jahren Ehe immer noch keine Kinder. Oder baust du nur Karriere?
Lore zuckte zusammen. Das Thema tat ihr wirklich weh sie hatten es versucht, doch es gelang nicht, Ärzte hatten Untersuchungen empfohlen, Geduld. Margit las ihr jeden Tag Vorwürfe wegen Kinderlosigkeit.
Das geht Sie nichts an, sagte Lore durch die Zähne.
Doch. Ich will Enkel. Du denkst aber nur an dich.
Raus! Sofort.
Und wenn nicht? Margit trat einen kleinen Schritt näher Lore roch wieder diese billige Creme. Du wirst eh nichts tun. Johannes wirft mich nie raus. Dich vielleicht. Ich habe ihm schon gesagt: Hör auf mit dem Theater, such dir eine ordentliche Frau, die Familie schätzt.
Da brach etwas in Lore. Sie trat nach vorne, packte die Tür und knallte sie Margit praktisch vor der Nase zu. Die konnte gerade noch zurückspringen.
Du wirst das bereuen! rief es von draußen. Hörst du?
Lore ließ sich an der Tür runtersinken. Die Hände zitterten, der Mund war trocken. Sie umklammerte ihre Knie, vergrub das Gesicht und weinte endlich, leise, bitter und erschöpft.
Das Handy klingelte nach zehn Minuten. Lore wischte das Gesicht trocken, schaute auf das Display. Johannes.
Eigentlich wollte sie es ignorieren. Aber die Neugier siegte.
Hallo.
Lore, Mama sagt, du hast sie beleidigt. Die Stimme war vorwurfsvoll. Wie konntest du das nur?
Da riss bei ihr etwas endgültig.
Wie ich konnte? Sie sprach sehr ruhig, fast tonlos. Johannes, deine Mutter kam in die fremde Wohnung, stellte mich zur Rede, beleidigte mich. Und du fragst mich, warum ich ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen habe?
Sie macht sich Sorgen…
Das ist mir völlig egal! brüllte Lore. Hörst du? Mir sind ihre Sorgen egal! Sie hat mir das Leben zur Hölle gemacht, sie hat mir dich weggenommen! Sie…
Niemand hat dir irgendetwas weggenommen. Du dramatisierst das alles.
Ich dramatisiere? Gut. Dann bleib bei deiner Mutti. Wohnt zusammen, schlaft zusammen ich lasse mich heute scheiden.
Lore…
Nein. Ende. Ich kann nicht mehr. Ich habe genug vom Erklären, Rechfertigen. Du hast deine Wahl getroffen. Lebe damit.
Sie legte auf, schaltete das Handy aus und warf es aufs Sofa.
Vor ihr lag die Ungewissheit Scheidung, Aufteilung des Besitzes, ein neues Leben. Die Angst war so groß, dass es sie durchschüttelte. Doch dortbleiben, in dieser Wohnung, mit diesen Menschen das wäre noch schlimmer gewesen.
Drei Monate später stand Lore im Flur des Amtsgerichts und blätterte durch ihre Unterlagen. Ehebescheinigung, Kontoauszüge vom Immobilienkredit, Inventarliste. Die Blätter knisterten, Buchstaben verschwammen.
Johannes saß auf der Bank gegenüber, schaute auf den Boden. Er war mager, sein Anzug hing schlaff. Natürlich saß daneben Margit aufgedonnert, mit Handtasche und Siegergesicht.
Fall Schneider, rief der Mitarbeiter. Bitte in den Saal.
Die Richterin, eine Frau um fünfzig mit Brille, verlas alles monoton. Lore hörte es wie von außen. Sie stand dort neben dem Mann, den sie einmal geliebt hatte, mit dem sie Kinder wollte, alt werden und ihr Leben teilen. Jetzt teilten sie die Wohnung wie Fremde.
Der Antragsgegner willigt ein? fragte die Richterin.
Johannes nickte.
Ja.
Keine Ansprüche auf das Eigentum?
Nein.
Es ging schnell, sachlich. Keine Dramen, keine Tränen. Nur Stempel, Unterschriften, Siegel. Die Wohnung sollte verkauft, das Geld geteilt werden alle gingen ihre eigenen Wege.
Beim Hinausgehen drehte Lore sich noch einmal um. Johannes stand im Raucherbereich, allein Margit war schon irgendwo verschwunden. Er schaute sie an, trat zögerlich auf sie zu.
Lore…
Lass es, bremste sie ihn.
Ich wollte nur… es tut mir leid. Ich hab alles kaputt gemacht.
Lore betrachtete ihn diesen müden, gebrochenen Mann, der nie wirklich erwachsen wurde, nie Halt geben konnte und lieber die Mutter wählte als die Frau.
Ja, sagte sie ruhig. Du hast alles kaputt gemacht.
Sie drehte sich um und ging zum U-Bahnhof. Die Beine trugen sie wie von selbst, der Kopf war leer keine Wut, keine Trauer, nur Erschöpfung und dieses stille Gefühl von Erleichterung.
Die Freiheit roch nach Abgasen und nassem Pflaster. Vor ihr lag ein kleines gemietetes Appartement, ein neuer Job, den sie über Bekannte bekommen hatte, Einsamkeit. Aber es war ihre Einsamkeit. Ihr Leben. Ohne respektlose Verwandte, ohne endlose Kompromisse, ohne das Gefühl, eine Fremde im eigenen Zuhause zu sein.
Lore nahm ihr Handy, schrieb Martina: Alles erledigt. Ich bin frei.
Die Antwort kam sofort: Feiern wir das?
Lore lächelte zum ersten Mal seit Monaten.
Auf jeden Fall.Lore stieg in die U-Bahn, die Türen schlossen hinter ihr mit einem kurzen, entschlossenen Klack. Sie ließ sich auf einen freien Sitz fallen, schloss einen Moment die Augen. Die Stadt zog draußen vorbeiStraßen, Regen, Menschen. Und sie, mitten im Strom, ein bisschen leichter, ein bisschen mehr sie selbst.
Sie dachte an die letzten Jahre, an all das Hoffen und Kämpfen, und an den Moment, in dem sie endlich nicht mehr zurückwich. Wie viel Mut es gekostet hatte, loszulassen, und wie viel Kraft es brauchte, trotzdem weiterzugehen. Sie atmete tief durch.
Martinas Nachricht blinkte wieder aufdiesmal ein Foto: zwei Gläser, bunte Servietten, ein lachendes Emoji. Darunter: Heute beginnt dein neues Leben.
Lore grinste. Die Angst war noch da, aber schwächer, nicht mehr lähmend. Die U-Bahn hielt, sie stieg aus, der Wind trieb ihr feuchte Luft entgegen. Der kleine Koffer rollte hinterher, das Kopfsteinpflaster klapperte unter ihren Schuhen.
Als sie an Martinas Haustür klingelte, brach endlich das letzte bisschen Dunkelheit in ihr auf. Martina öffnete, umarmte sie festdie Umarmung war warm, ehrlich, frei von jeder Forderung. Im Hintergrund lief Musik, es roch nach frischem Brot, nach Freiheit.
Lore lachte. Sie trank das Glas aus, hörte Geschichten, spürte, wie ihre Stimme zurückkehrte. Sie erzählte vom Gericht, von Margit, von Johannes, und Martina hörte zu, mit offenem Herzen.
Spätabends saßen sie am Fenster, blickten auf die Straßenlichter. Wohin jetzt? fragte Martina leise.
Lore sah hinaus, die fremde Stadt schien plötzlich voller Möglichkeiten.
Ich weiß es nicht, sagte sie, und jedes Wort war ein Versprechen. Aber diesmal gehe ich wirklich meinen eigenen Weg. Ab jetzt.
Dann lehnte sie den Kopf zurück, schloss die Augen und wusste: Es war nicht das Ende. Es war ihr Anfang.





