Eine unerwartete Begegnung
Marlene konnte sich nie ganz mit dem Beruf ihres Mannes, Jürgen, anfreunden. Er war LKW-Fahrer, oft nur für einige Tage unterwegs, doch jedes Mal bangte sie um ihn. Sie arbeitete als Grundschullehrerin in einem kleinen Ort in der Nähe von Bremen. Die Arbeitssituation dort war schwierig, weshalb Jürgen als Fernfahrer tätig war. Sein Chef zahlte gut, daher wollte Jürgen trotz Marlenes Bitten nicht wechseln.
Jürgen, ich mache mir jedes Mal Sorgen, wenn du die Autobahn verlässt. Man weiß nie, was unterwegs passiert, und du hast selbst erzählt, dass der Chef manchmal gefälschte Papiere für die Ladung mitgibt.
Marlene, bitte mach dir keine Gedanken. Es geht schon alles gut. Und Mareike unsere Tochter wird bald volljährig und macht bald ihr Abitur. Sie ist klug und fleißig, ich will, dass es ihr an nichts fehlt, entgegnete er.
Sie sagt selbst, dass sie keine teuren Sachen braucht. Sie wünscht sich, dass du häufiger zu Hause bist.
Noch diesen Sommer fahre ich, dann überlege ich es mir noch einmal, versprach Jürgen, während er seine Sachen für die nächste Fahrt packte.
Gerade in diesem Moment kam Mareike verschlafen aus ihrem Zimmer.
Papa, musst du schon wieder los? Mama und ich werden dich vermissen, rief sie und umarmte ihn. Ihr Vater drückte sie fest.
Morgen bin ich schon zurück, ich fahre nur eine Tour nach Niedersachsen, lächelte er und verließ das Haus.
Doch am folgenden Tag kehrte Jürgen nicht zurück. Tage vergingen, sein Handy blieb ausgeschaltet. Marlene fuhr schließlich zu seinem Chef, der ihr nicht in die Augen sah: Verzögerungen kommen vor, der Jürgen taucht bestimmt bald auf. Das ist doch bei Fernfahrern normal.
Aber Jürgen blieb verschwunden. Marlene ging zur Polizei im Landkreis. Die Beamten nahmen ihre Anzeige zwar auf, doch sagten offen: Wir können nichts versprechen. Tausende verschwinden jährlich in Deutschland Hat er vielleicht noch eine Familie irgendwo? Bei Fernfahrern weiß man nie.
Marlene hatte nie Grund zur Eifersucht gehabt; Jürgen hatte immer wieder angerufen, wenn er unterwegs war. Sie behielt ihre Sorgen für sich, wollte Mareike nicht belasten. Sie wusste, Mareike steht kurz vor dem Abitur und musste sich auf ihr Studium bewerben. Ihre Tochter lernte ausgezeichnet, hoffte auf einen Studienplatz an der Universität Bremen, und Marlene war sicher, dass Jürgen noch lebt.
Eines Morgens kam Mareike weinend zu ihr: Mama, ich hab von Papa geträumt, blutüberströmt steht er auf einer Straße und lächelt. Ich wollte zu ihm, aber plötzlich war er weg. Was soll das bedeuten? Warum sucht niemand nach ihm?
Marlene nahm sie in den Arm, bemühte sich um Fassung: Sie suchen schon Wir müssen hoffen.
Was sie nicht sagte: Die Polizei hatte Jürgens LKW ausgebrannt im Elbe-Weser-Dreieck gefunden; von ihm jede Spur fehlte. Auch sein Chef wurde gesucht. Sie betete jeden Sonntag in der Kirche und bat Gott, dass Jürgen lebend gefunden werden möge. Der Schulleiter riet ihr sogar zu einem Privatdetektiv, doch die 3.000 Euro Honorar konnte sie nicht aufbringen.
Die Zeit verging. Mareike bestand das Abitur, ohne große Mühe bekam sie den Platz fürs Lehramtsstudium in Bremen. Doch ihre Mutter allein zu lassen, fiel ihr schwer.
Mama, wie soll ich dich nur allein lassen, wenn ich in Bremen wohne?
Du kommst in den Ferien, an Weihnachten, zu Ostern. Du musst studieren, Mareike. Ich schaffe das schon, versprach Marlene. Sie wollte nicht, dass Mareike auf ihr Glück verzichtet.
Bald darauf zog Mareike in ein Studentinnenwohnheim und fand neue Freunde. Das Studium und die neue Umgebung lenkten sie etwas von ihren Sorgen ab, aber die Sehnsucht nach Jürgen blieb.
Fünf Jahre verstrichen, bis Mareike in einem kleinen Café in Bremen auf Lukas traf. Lukas, ein junger, empathischer Arzt, hatte gerade seine Stelle im Bremer Krankenhaus angetreten. Sie fanden rasch zueinander: beide interessiert, fürsorglich, mit ernsten Absichten. Nach drei Monaten sagte Lukas:
Mareike, zieh doch zu mir. Es ist Zeit, dass wir zusammenleben.
Anfangs zögerte sie, doch bald zog sie zu ihm und bereute es nicht. Lukas war unkompliziert, freundlich und zuverlässig mit ihm fühlte sie sich geborgen. Nur der Mutter verschwieg sie zunächst das Zusammenleben.
Eines Tages kam Lukas mit einem Rosenstrauß und einer kleinen Schachtel: Mareike, willst du meine Frau werden? Ich möchte mein Leben mit dir teilen.
Tränen der Freude liefen über Mareikes Gesicht. Natürlich sagte sie Ja verbunden mit dem Versprechen, das nächste Wochenende Lukas mit nach Hause zu nehmen. Marlene mochte Lukas sofort. Er half im Garten, brachte das Gartentor in Ordnung, war bodenständig und unkompliziert.
Die Hochzeit sollte im Sommer sein, während Mareikes Semesterferien. Das Datum stand und alle warteten gespannt. Zwei Wochen vor der Hochzeit kam der Schock: Lukas hatte einen schweren Autounfall auf dem Weg zur Arbeit.
Lukas Mutter rief Mareike aufgeregt an. Lukas lebte, hatte aber einen gebrochenen Arm und innere Verletzungen. Er sagte, ein teurer schwarzer Wagen sei ihm auf seiner Spur entgegengekommen, aber die Polizei glaubte dem anderen Fahrer mehr. Der war offenbar gut vernetzt. Man wollte Lukas vor Gericht verantworten lassen.
Entschlossen machte sich Mareike auf, Augenzeugen zu suchen. Keiner konnte hilfreich sein. Da sprach sie auf dem Straßenrand ein ungepflegter Obdachloser mit ungekämmtem Bart an: Ich habe den Unfall gesehen ich weiß, der junge Mann im weißen Wagen war nicht schuld. Der andere kam ihm entgegen. Ich wurde gar nicht befragt, weil ich keine Papiere habe.
Die Stimme des Mannes klang merkwürdig vertraut, und plötzlich erinnerte sie sich: Die Art, wie er das R sprach das war wie damals, ihr Vater!
Wie heißen Sie? fragte Mareike:
Ich weiß nicht. Mein Freund, mit dem ich im Keller wohne, nennt mich Paul, aber mein Gedächtnis ist weg. Er hat mich damals im Wald gefunden, seitdem weiß ich nichts mehr. Er warnte mich, mich zu verstecken.
Mareikes Herz klopfte wild. Sie fragte zögernd: Haben Sie eine Tochter namens Mareike? Eine Frau namens Marlene?
Der Mann blickte sie angestrengt an, dann murmelte er: Ich glaube, ich hatte eine Frau namens Marlene, und eine Tochter Mareike. Ich bin mal LKW gefahren aber was dann geschah weiß ich nicht
Für Mareike war klar: Das war ihr Vater. Sie fasste sich ein Herz: Kommen Sie bitte mit mir nach Hause. Sie können duschen, sich ausruhen.
Verwirrt willigte Paul ein. Zuhause, nach einer warmen Dusche, kam die Erinnerung: Mareike meine Tochter. Marlene Ja, du bist es wirklich!
Nach fünf langen Jahren lagen sie sich weinend in den Armen. Marlene kam ins Haus, als sie Jürgen sah, wurde sie bleich und vergaß für einen Moment die Welt um sich herum. Es wurde eine lange Nacht voller Gespräche.
Jürgen erhielt bald vorläufige Papiere und erzählte der Polizei alles, was er erinnerte. Lukas wurde schließlich entlastet, seine Unschuld bewiesen. Er erholte sich rasch. Die Hochzeit fand wenig später statt eine glückliche Familie, geschmiedet aus Hoffnung und Vertrauen.
Mareike hatte gelernt, niemals den Glauben zu verlieren: Im Leben passieren Wunder, wenn man Loyalität und Hoffnung nicht aufgibt. Das Leben schreibt Geschichten voller Schmerz, aber auch voller Liebe und Heimkehr.
Alles Gute auf Ihrem Lebensweg!





