Kein Glück ohne Unglück: Wie eine dörfliche Hochzeit, ein tragischer Unfall und ein gebrochenes Herz das Leben der jungen Anja aus dem Schwarzwald für immer veränderten – Eine bewegende Geschichte über Familie, Verlust, erste Liebe und das Wunder eines Neuanfangs

Es hätte kein Glück gegeben, hätte das Unglück nicht geholfen

Das Dorf war ein leuchtendes Kaleidoskop aus Stimmen und Musik bei den Langes wurde heute die älteste Tochter verheiratet. Die Feier zog sich durch den ganzen Hof, und zwischen all den lachenden Gästen saß im Schatten die jüngste Tochter kleines, trauriges Gretchen. Ihr Vater, Heinrich, leicht betrunken vom Apfelwein, ging auf sie zu, hob sie hoch und drehte sie wie ein Herbstblatt im Wind.

Kopf hoch, Gretchen! Auch dich kriegen wir noch unter die Haube. So flotte und schöne Mädchen wie ihr sind selten. Und einen guten Jungen finden wir bestimmt für dich du wirst schon glücklich werden.

Gretchen war zwölf Jahre alt, im Dorf nannten sie von klein auf “Hinkebein”. Als Kleinkind hatte sie sich das Bein an einem glühenden Bügeleisen verbrannt, das damals der Landarzt notdürftig flickte das Bein heilte krumm zusammen. Niemand störte sich groß daran, denn zu Heinrichs Kindern gehörten schließlich auch zwei bildschöne ältere Schwestern. Die Jüngste war immer bemitleidet worden, gerade weil sie seither mit dem verkürzten Fuß und den verkrümmten Zehen lebte.

Im Sommer lief sie barfuß durchs Gras, aber Schuhe, besonders im Winter, waren die Hölle. Als sie heranwuchs, schämte sich Gretchen zusehends für ihren Gang, doch so hatte es das Schicksal gemeint. Ihr Makel wurde durch ihr hübsches Gesicht und ihre glasklare, anmutige Stimme wettgemacht. Selbst wenn ihre Schwestern ebenfalls schön waren Gretchens Zartheit, anziehende Traurigkeit und Schönheit waren im ganzen Dorf berühmt.

Nebenan wohnten die Bauers, die zwei Söhne hatten: Stefan, der Ältere, und der jüngere Karl. Stefan, sechs Jahre älter und ein Meister an der Ziehharmonika, schien Gretchen wie aus dem Märchen. Karl und sie waren gleichaltrig und unzertrennlich oft saßen sie auf Karls Stufen, sie sang, er tat so, als würde er spielen. Wenn Stefan die beiden so sah, meckerte er über seinen Bruder:

Stell die Harmonika wieder hin! Aber Karl und Gretchen kicherten nur und huschten zu ihr in den Garten.

Stefan war für Gretchen eine Gestalt von fast überlebensgroßer Schönheit: hochgewachsen, stark, charmant, und sie konnte ihre Blicke kaum abwenden, traute sich aber nie etwas zu sagen. Eines Tages gestand sie Karl sogar flüsternd, sein Bruder sei doch viel schöner. Karl war beleidigt.

Doch alles fand bald seine eigene, traumhafte Wendung. Stefan wurde zum Wehrdienst eingezogen. Gretchen versteckte bittere Tränen, als das ganze Dorf Abschied nahm. Von da an waren Karl und sie wieder unzertrennlich. Beide wurden älter und Gretchen begann, Karl anders zu sehen. In ihrem Herzen keimte der Traum, eines Tages seien sie ein Paar. Doch dann war da immer ihr Bein…

Im Winter brachte Karl sie zur Schule, trug ihre Büchertasche, manchmal auch sie selbst ein Stück weit, wenn Schnee lag.

Beeil dich, Gretchen, sonst erfrieren wir noch! Für ihn ging alles zu langsam. Ihr Bein zog schwere Spuren durch den Schnee.

Die Zeit verging, die beiden wurden fünfzehn. Von Stefan hörte man nichts mehr er blieb nach der Wehrpflicht in München, um Offizier zu werden. Eines Tages, nach der Hausarbeit, saß Gretchen auf der alten Treppenstufe. Die Sonne wärmte, Spatzen wirbelten in der Luft. Plötzlich sprang Karl in den Hof.

Gretchen, dein Vater! Auf der Wiese er ist gefallen!

Ihr Herz schlug wie ein wildes Pferd. Sie hinkte los, wurde aber abgehängt. Als sie ankam, lag Heinrich schon leblos im Kreis der Leute. Die Mutter schluchzte laut. Gretchen konnte nur weinen.

Drei Tage später beerdigte das ganze Dorf Heinrich auf dem Friedhof unter den knorrigen Linden. Die Mutter mit ihren drei Töchtern stand fassungslos am frischen Grab, während die Erde dumpf auf den Sarg fiel.

Wie soll ich das jetzt schaffen klagte die Mutter.

Beide älteren Schwestern waren verheiratet. Gretchen flüsterte nur:

Ich bleibe bei dir, Mama, weine nicht.

Oft sagte die Mutter später zu ihr:

Ach Gretchen, der liebe Gott hat dich mir wohl besonders geschickt, damit du mein Trost bist. Du lässt mich nie allein, nicht wahr?

Eigentlich sehnte sich auch Gretchen nach mehr sie würde so gerne nach Hamburg zum Studieren gehen. Aber ihr wurde klar, dass sie bei der Mutter bleiben würde. In ihren Träumen war sie ein Vogel im winzigen Käfig. Immer häufiger bat die Mutter, sie möge nicht fortgehen.

Die Jahreszeiten wechselten surreal und verwirrend schnell. Eines Abends sah Gretchen von der Türschwelle, wie Karl mit einem fremden Mädchen, Isabell hieß sie, Hand in Hand vorbeiging. Später hörte sie, Isabell war die Enkelin der Nachbarin, zu Besuch aus Stuttgart. Karl grinste und lachte, sah Gretchen nicht mal an.

Ein bittertrauriges Gefühl sickerte durch Gretchens Seele. Karl mit einer Anderen?

Was ist mit mir? dachte sie verwirrt. Sie gehen bestimmt gleich in den Jugendclub. Ich ziehe auch mein neues Kleid an, dann soll Karl sehen!

Gretchen wählte ein langes Kleid, borgte Mamas Lippenstift und ließ das Haar offen fallen sie hatte das Aussehen einer Märchenprinzessin… Wäre da nicht ihr Bein.

Karl stand strahlend mit Isabell, erzählte lustige Geschichten. Isabell lachte angenehm unbekümmert.

Hallo, Gretchen stellte sich zu ihnen. Ich bin auch da. Was für ein schöner Abend!

Sie sah, wie Karl verlegen wurde, Isabell musterte sie neugierig.

Das ist Gretchen, Nachbarin, hab ich dir erzählt, Karl blickte Gretchen an. Setz dich ein bisschen, wir sind gleich da, drängte er sie fast zur Bank.

Ich will gar nicht sitzen. Ich will, wie alle, tanzen… Isabell, darf ich mit Karl tanzen? Sie nickte.

Setz dich lieber, das hier ist nichts für dich. Mit deinem Bein, wie willst du tanzen?

Gretchen drehte sich abrupt weg, verlor das Gleichgewicht und fiel zu Boden. Karl half ihr auf und führte sie vor die Tür. Weinend humpelte sie nach Hause, wo die Mutter schon an der Schwelle wartete.

Wo warst du so lange? Wohin hast du dich denn so schick gemacht? schimpfte die Mutter.

Als sie die Tränen der Tochter bemerkte, wurde ihre Stimme weich.

Heul nicht, Kind. Hast gesehen, dass Karl mit einer anderen rumläuft? Lass den Kopf nicht hängen, du hast ja mich. Wir beide bleiben zusammen, und was will man mehr? Karl ist sowieso nichts für dich…

Gretchen saß am Fenster, sah später noch, wie Karl mit Isabell nach Hause kam. Wieder überkamen sie Tränen.

Karl hat mich verraten, dachte sie. Obwohl er nie etwas versprochen hatte, hatte sie geglaubt, er würde ihr immer gehören.

Gretchen begriff nicht, dass Liebe viele Gestalten hat. Wenn sie Karl mochte, konnte er doch eine andere gernhaben. Sie hatte es nie erwogen. Für sie existierte einfach nur: Karl bleibt ewig da.

ohne zu zögern, trat sie ins Wasser
Als ihre Mutter schlief, schlich Gretchen hinaus, den Fluss entlang, stolperte und weinte. Sie marschierte weiter und weiter zum Ufer. Ohne zu überlegen, taumelte sie ins dunkle Wasser.

All mein Leid wird mit der Strömung fortgespült, dachte sie, während das kalte Wasser sie umschloss.

Wie unheimlich… flüsterte sie. Ach Papa, du hast mich verlassen, du hattest doch versprochen, einen Bräutigam für mich zu holen… und ich elend…

Gretchen warf einen Blick in das wirbelnde Sternenmeer über ihr und stürzte sich tiefer ins Flussbett. Sie merkte nicht, wie jemand hinter ihr herschwamm, sie packte und an Land zog.

Bist du verrückt? hörte sie, Willst du sterben oder was? schrie Stefan, Sag, bist du von Sinnen?

Stefan? Woher du… Gretchen drückte ihn weg, völlig durchnässt. Niemand hat mich je “Hinkebein” genannt. Was weißt du schon, wie das ist! Du bist stark, schön, alles ist gut bei dir. Aber ich… woher…?

Sie wusste nicht, dass Stefan aus München auf Heimaturlaub war, zum ersten Mal nach Jahren heute Nachmittag war er angekommen. Er hatte abends rauchend auf der Veranda gestanden und gesehen, wie Gretchen in Richtung Fluss schlich. Etwas stach ihm ins Herz.

Schweigen, verrückte Stille. Stefan wartete, dass Gretchen sich beruhigte. Sie war schön, wie ein verwunschenes Mädchen, und unendlich traurig.

Meine Mutter hält mich seit Papas Tod fest wie einen Vogel am Bein. Sie lässt mich nicht mal weiterlernen nach dem Abschluss. Was ist das für ein Leben?

Stefan nahm sie zitternd in Schutz, legte seine Jacke um sie.

Dein Leben ist wichtig, für dich und für mich! Jetzt fängt doch alles erst an! Spring nicht gleich ins Wasser, versuch lieber, glücklich zu werden das ist das Schwerste.

Er drückte sie noch fester und küsste sie plötzlich.

Stefan, hast du das aus Mitleid getan? fragte Gretchen und wurde feuerrot.

Nein, Gretchen, nie. Ich habe immer an dich gedacht. Ich will dich mitnehmen, wir bringen dein Bein in Ordnung, dann vergisst du all deinen Kummer. Ich habe nie geheiratet, warum weiß ich selbst nicht jetzt weiß ich es. Willst du mich heiraten und mit mir in die Stadt gehen? Ich erinnere mich, wie du mich früher immer angeschaut hast…

Wenn es kein Spaß ist, Stefan, ja.

Zuerst war die Mutter böse, dass Gretchen gehen wollte, aber zur Hochzeit taute sie auf und half beim Vorbereiten. Stefan hatte nur noch wenig Urlaub, also ging alles schnell.

Drei Tage nach der Hochzeit zogen Stefan und Gretchen fort. In der Stadt fand er einen Chirurgen, der ihr eine Operation anbot.

Schwierig, aber machbar. Wäre leichter gewesen, als Kind. Haben die das denn nicht gesehen? Sind Sie bereit zu leiden? fragte der Arzt.

Ja, Herr Doktor, ich bin bereit, alles auszuhalten, Hauptsache mein Bein wird normal, schluchzte Gretchen.

Die Zeit schien sich zu schleifen wie durch Watte. Die Operation gelang, nach einem Jahr war von der Hinke nichts mehr zu merken. Eines Abends überraschte Gretchen Stefan:

Stefan, ich bekomme ein Kind! Er war wie vom Donner gerührt, dann lachte er und umarmte sie.

Ich freue mich so! Vielleicht wird’s eine Tochter, ganz wie du.

Mal sehen, Gretchen lachte vor Glück.

Nach der Geburt der Tochter konnte sich Stefan nicht sattsehen an seinen beiden Mädchen. Und Gretchen, manchmal vor dem Spiegel, dachte:

Wie glücklich ich bin… Damals am Fluss… Ich danke meinem lieben Stefan, dass er mich aus dem Traum gerettet hat.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Kein Glück ohne Unglück: Wie eine dörfliche Hochzeit, ein tragischer Unfall und ein gebrochenes Herz das Leben der jungen Anja aus dem Schwarzwald für immer veränderten – Eine bewegende Geschichte über Familie, Verlust, erste Liebe und das Wunder eines Neuanfangs
Lektionen am Rande des Zusammenbruchs