Lektionen am Rande des Zusammenbruchs

Leben am Wendepunkt

Martin Paul Krüger stand vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer und zog mit ernstem Gesicht einen Krawatte nach dem anderen zu seinem neuen dunkelblauen Designer-Anzug an. Er zupfte nervös an einem Ende, runzelte die Stirn, legte den Kopf in den Nacken, um das Licht der untergehenden Sonne im Spiegel optimal zu nutzen.

Martin, ehrlich jetzt, lachte die Frau, die am Bettrand saß. Sie hieß Gundula. Du gehst doch nicht ins Opernhaus, sondern holst deine Tochter ab. Nimm einfach den mit den feinen Streifen, der sieht doch gut aus.

Sie stand auf, kam zu ihm, nahm ihm den ausgesuchten Schlips aus der Hand und band ihn mit einer fließenden Bewegung. Dann rückte sie noch das Hemd glatt, strich einen Fussel vom Revers und küsste ihn leise auf die Wange.

Martin fuhr sich durch die dunklen, am Scheitel bereits lichter werdenden Haare und blickte aus dem Fenster.

Wo bleiben sie nur?, murmelte er ungeduldig. Vom Flughafen bis hierher nach München ist es doch kein Weltuntergang. Über eine Stunde sind sie schon unterwegs.

Hör auf, dir Sorgen zu machen, antwortete Gundula sanft. Die kommen schon, keine Panik.

Ich hab meine Klara einfach so vermisst. Sie ist doch mein Ein und Alles. Seit Monaten freue ich mich, dass sie endlich aus London für die Semesterferien zurückkommt. Der Fahrer hat mich extra angerufen: Sie sind losgefahren, aber da kommt nichts. Natürlich mach ich mir Sorgen.

Er tigerte durchs Zimmer, die Hände auf dem Rücken verschränkt.

Außerdem, fügte er leiser hinzu, weiß ich nicht, wie sie auf dich reagiert, Gundula. Mein neuer Lebensabschnitt Ich weiß nicht, ob Klara das versteht.

Das wird schon, sagte Gundula zuversichtlich. Mach dir nicht zu früh einen Kopf.

Wo bleiben sie?, fragte Martin erneut und schielte aus dem Fenster.

Du bist wirklich ungeduldig heute, tadelte sie ihn lächelnd. Sind bestimmt im Stau. Sehs doch mal positiv: Immerhin kommt sie überhaupt vorbei. Hättest du sie im Land gelassen, wäre sie öfter da.

Das war eben die bessere Wahl, entgegnete Martin bestimmt. Diplomatie ist ein sicherer Job, und sie braucht sich um nichts zu sorgen, wenn sie mal groß ist.

Klara muss sich ja jetzt schon um nichts sorgen, meinte Gundula. Du erfüllst ihr jeden Wunsch.

Ich habe meine Gründe dafür, antwortete Martin mit einem Hauch Traurigkeit in der Stimme. Du weißts ja.

Natürlich, sagte sie und schlang die Arme um ihn. Deine Frau ist gestorben, als Klara erst fünf war. Du hast alles getan, um sie zu retten Ärzte, Kliniken, Operationen. Aber es sollte nicht sein. Das war nicht deine Schuld. Jahrelang warst du allein, hast alles auf Klara konzentriert. Und jetzt hast du mich gefunden.

Er drehte sich um, küsste sie auf die Stirn und sagte leise:

Ich bin so froh, dass es dich gibt. Aber hab ich Klara genug gegeben? Ich war dauernd auf Achse, immer in der Arbeit.

Du hast alles Erdenkliche gemacht, Martin, sagte Gundula. Privatschule, Sport, Musik, Reisen. Hätte selbst gern so einen Vater gehabt.

Eben, seufzte er. Sie hat Kunstturnen gemacht, Fechten probiert, Klavier gelernt. Ich hab sie unterstützt, damit sie sich selbst beweisen kann, statt nur rumzuhängen und mein Geld zu verprassen, wie andere Kids. Klara lag nie tagelang am Strand, sondern war im Sprachcamp. Jetzt hat sie Freunde in der ganzen Welt.

Daran erinnere ich mich, nickte Gundula. Und als sie nach einer der Reisen meinte, England wäre ihr Traumland, hast du sie unterstützt.

Und das war richtig. Sie sollte es mal besser haben als ich als Kind. Mein Vater war Bauarbeiter, meine Mutter Kassiererin viel war da nicht drin. Jeder Pfennig musste verdient sein. Mir war klar, dasss nur mit einer guten Ausbildung losgeht.

Du hast dir alles erarbeitet, meinte Gundula. Als deine Frau noch lebte, hat sie sich um Klara gekümmert. Später hast du alles mit Geschenken und Nannys ausgeglichen.

Ich war zu wenig zuhause, seufzte Martin. Ich halts nicht mehr aus, ich rufe mal den Fahrer an.

Martin verließ das Schlafzimmer und stieß im Flur auf Frau Thal, die Haushälterin. Sie war klein und rundlich, hatte scharfe, aber stets freundliche Augen und war seit über zehn Jahren in der Familie Klara verdankte ihr vieles.

Hat jemand angerufen?, fragte sie leise.

Nein, antwortete Martin und spürte, wie sich die Unruhe in ihm festsetzte.

Haben Sie sich überlegt, wie Sie es ihr sagen?, meinte Frau Thal und senkte die Stimme.

Nein. Noch nicht. Ehrlich gesagt hab ich Angst, Klara ist da eigen. So viele Jahre war ich Witwer, aber ich bin auch noch ein Mensch, kein Greis. Es ist schön, gebraucht zu werden. Meine Frau war einzigartig dass ich sie loslassen musste, ist schwer. Und immer allein bleiben? Das kann doch auch nicht sein.

Sie hatten andere Frauen, murmelte Frau Thal vorsichtig. Aber nie hat eine Klara kennengelernt.

Weil ich wusste, wie schwer ihr der Verlust der Mutter fiel. Sie weiß kaum noch was aber vermissen tut sie sie trotzdem. Aber Gundula das ist einfach anders. Sie gibt mir das Gefühl, wieder fliegen zu können. Ich hoffe, Klara versteht das. Gundula ist warmherzig, ehrlich, außergewöhnlich. Sie werden sich mögen. Ich liebe sie beide.

Martin schloss kurz die Augen und erinnerte sich, wie er Gundula kennenlernte: Ein alter Freund, Dekan der Wirtschafts-Fakultät an der LMU, hatte ihn als Gastredner für die Erstsemester eingeladen: Erzählen, wie ein Arbeiterkind Geschäftsführer wurde. Martin sagte zu. Im Hörsaal stellte ihn der Dekan der Dozentin vor: Martin Krüger, das ist unsere Wirtschaftswissenschaftlerin, Frau Dr. Gundula. Sie war attraktiv, scharfzüngig und fair. Nach der Vorlesung lud er sie ins Café ein. Stundenlang sprachen sie über Gott und die Welt und merkten, wieviel sie verband.

Vielleicht hätten Sie Klara vorher einweihen sollen?, holte Frau Thal ihn aus den Erinnerungen.

Nein, erwiderte Martin entschieden. So was sagt man nicht am Telefon. Klara wird nur stur, dann käme sie gar nicht erst. Wir klären das am Tisch, von Angesicht zu Angesicht.

Frau Thal schüttelte skeptisch den Kopf und verschwand in die Küche. Doch plötzlich rief sie:

Da sind sie, Herr Krüger! Sie kommen!

Martin sprang auf die Terrasse. Draußen hielt ein schwarzer BMW und Klara sprang raus in einem luftigen Kleid, auf hohen Sandalen.

Papa!, rief sie und warf sich um seinen Hals.

Oh mein Schatz, sagte er und drückte sie fest an sich, küsste sie links und rechts auf die Wange. Wie war die Reise? Und warum hat’s so lange gedauert? Ich hab mir schon Sorgen gemacht.

Ach, Munich Stau halt, lächelte sie.

Der Fahrer, ein älterer Herr mit leicht grauem Bart, lud zwei riesige Koffer aus und erklärte: Stau in Schwabing, tut mir leid, Herr Krüger!

Schon gut. Hauptsache ihr seid jetzt da, winkte Martin ab.

Er suchte Gundulas Blick, die mit etwas Unsicherheit auf der Terrasse wartete, und zog Klara zu ihr.

Klara, das ist Gundula.

Gundula lächelte freundlich und reichte ihr die Hand.

Freut mich sehr, Klara.

Doch Klara ignorierte das, musterte Gundula von Kopf bis Fuß stilvoll, aber dezent gekleidet, perfekte Frisur, kaum Schmuck und ging grußlos vorbei. Martin spürte, wie ihm das Gesicht heiß wurde: Beschämt und verletzt und geschockt zugleich.

Das Kind, dachte er bitter. So einen Moment ruiniert Das gibts doch nicht.

Er zog Gundula zu sich, drückte sie, versuchte zu trösten: Mach dir keine Sorgen, sie muss sich erst dran gewöhnen, es war zu viel und zu plötzlich. Frau Thal hatte Recht, ich hätte sie vorwarnen sollen. Komm, lass uns reingehen, setzen uns an den Tisch. Wenn sie dich besser kennenlernt, wird sie dich mögen.

Doch Gundula befreite sich sanft und schüttelte den Kopf: Martin, ich muss jetzt wirklich los zur Uni. Ihr sollt Zeit miteinander haben. Machs gut, bis später.

Sie rückte nochmal seine Krawatte zurecht, strich das Sakko glatt und verschwand.

Martin ging zurück ins Haus. In der Wohnstube wartete Klara, Arme in die Hüfte gestemmt, Kinn vorgeschoben.

Klara, begann er streng, ich weiß, der Flug war lang, aber so ein Benehmen ist unmöglich.

Was denn?, fuhr sie ihn an. Ich darf mich in MEINEM Haus wohl so verhalten, wie ich will. Wer ist diese Frau?

Ich wollte es dir gleich erklären. Aber du hörst ja gar nicht zu.

Dann los, erklär.

Sie ließ sich aufs Sofa fallen, überschlug die Beine und fixierte ihn kalt.

Gundula und ich wir sind nun fast ein Jahr zusammen. Sie ist mir sehr wichtig. Ich bitte dich, respektvoll mit ihr umzugehen.

Und was ist mit Mama?, fragte Klara, und Tränen blitzten in ihren Augen. Was ist mit Mama, Papa?

Er schaute traurig, aber fest.

Mama wird immer ein Teil meines Herzens bleiben. Sie hat mir dich geschenkt. Aber das Leben geht weiter, Klara. Als ich Gundula begegnet bin, habe ich gemerkt: Ich habe wieder Gefühle. Und ich werde sie beschützen. Auch vor dir. Sie ist Teil der Familie. Genau wie du. Ich hoffe, ihr versteht euch irgendwann.

Glaub ich nicht, schmollte Klara und stand auf. Ich geh jetzt. Treffen mit Mädels im Café.

Wir sind noch nicht fertig!

Aber sie war schon die Treppe hinauf, Tür zu. Martin stand wie angewurzelt. Er hörte ihr lautes Kramen, dann wie sie mit den Schuhen die Treppe hinuntertappte, und schließlich knallte die Haustür.

Klara ließ sich ins Taxi fallen und nannte die Adresse von Münchens neuestem In-Restaurant. Während der Fahrt likte sie ein paar Nachrichten, postete ein paar Storys. Am Eingang wurde sie galant vom Empfangspersonal zu ihrer Clique geführt, alle auf der Terrasse mit Blick auf die Stadt.

Klarchen!, quietschte ihre Freundin Melanie. Erzähl, wie läufts in England? Du siehst blendend aus!

Klara nippte an ihrem Glas Prosecco: England? Bin direkt nach Paris geflogen, und im Winter war ich in Wien. Seht mal, wie hübsch! München ist jedenfalls eine Provinz dagegen. Wie lebt ihr das ganze Jahr hier?

Anna versuchte einzuhaken: Dieses Jahr waren wir mit den Eltern auf Sylt

Klara winkte ab: Ich flieg immer Business und Charter. Da, schaut: Das ist meine Clique in Nizza, auf einer Yacht. Mein Papa hätte sich so eine leisten sollen, statt in München im Stau zu hängen.

Frederike zeigte ihr Urlaubsbild aus Italien, auch eine Jolle.

Das nennst du Yacht?, lachte Klara herablassend. Und was ist das für ein Badeanzug C&A-Restposten? Steht dir überhaupt nicht. Guck mal meine Linie! Ich trainiere jeden Tag.

Sie stand auf, drehte sich, postete ein Selfie. Dann scrollte sie weiter: Ich shoppe nur in Boutiquen. Eine Deutsche sieht man einem Look auch sofort an so durchsichtig und unmodisch. Deutschland ist totlangweilig. Theater, Restaurants, Events alles besser in London oder Paris. Sogar die Schlaglöcher hier sind seit Jahren dieselben.

Uns gefällts hier trotzdem, meinte Melanie leicht eingeschnappt.

Klar, du warst ja auch nie im Ausland. Wer nicht reist, weiß halt nicht, was einem fehlt.

Ich hab meine Leute hier, Familie, Freund, zuckte Anna die Schultern.

Nie im Leben heirate ich einen deutschen Spießer Ich bleib Single, mach Karriere. Und das Wein hier? Furchtbar billig!

Sei doch nicht so, Klara, warf Frederike ein. Ist das teuerste auf der Karte!

Ihr habt keine Ahnung. In Frankreich, beim Weinfest, Weinberge soweit das Auge reicht. Meine Bekannten sind Winzer Weltklasse. Ich hab sogar einen kleinen Preis gewonnen.

Anna wollte gerade was erzählen, da erhob Klara sich: Mädels, ich geh. Das Essen früher war auch besser. Unsere Frau Thal kocht eh leckerer.

Sie schnappt ihren Shopper, winkte nur ab und stiefelte Richtung Ausgang. Die Clique blieb ratlos zurück.

Zuhause brannte Licht. Klara zog die Schuhe aus, hing die Jacke auf. Aus der Küche drang Lachen Martin und Gundula lachten bei Rotwein.

Klara, iss doch mit uns!, rief Martin ihr zu.

Danke, kein Hunger, knurrte sie und verschwand die Treppe hoch.

Später rief Martin ihr hinterher: Klara, morgen Abend isst die ganze Familie zusammen! Ein Empfang, meine Kollegen und Freunde sind auch da. Wir haben extra auf dich gewartet!

Klara antwortete knapp ja und schloss sich im Zimmer ein, starrte Plakate und Bücher an, alles wie früher und trotzdem fremd.

Am nächsten Morgen ging es hektisch zu. Frau Thal klapperte am Herd, Gundula kam elegant gekleidet runter und half beim Eindecken. Martin ging im Anzug alles durch, streichelte nervös über die Tischdecke. Klara frühstückte schweigend, verschwand wieder.

Bis zum Empfang am Abend. Das Haus gefüllt mit Freunden und Kollegen, alles Blazer, Cocktailkleider, ein kleines Streichquartett spielt. Das Catering reicht Häppchen und Crémant.

Mitten am Abend klopfte Martin ans Glas: Liebe Freunde, bitte kurz um Ruhe!

Eine Gästin ruft: Wir hören!

Heute ist ein besonderer Tag, sagt Martin. Er nimmt Gundulas Hand, zieht sie zu sich. Diese Frau hat mir neuen Lebensmut geschenkt. Ich habe ihr einen Antrag gemacht und sie hat Ja gesagt!

Kurzer Moment des Schweigens, dann Jubel, alle lachen, klatschen und rufen: Herzlichen Glückwunsch!

Sie umarmen Martin und Gundula, einer ruft: Küss sie! und Martin küsst Gundula lächelnd. Nur Klara sitzt abseits, das Kinn in die Hand gestützt, starrt in ihr Glas Sekt.

Da kommt Frau Thal zu ihr: Klarchen, willst du nicht hingehen und gratulieren? Sie sind so glücklich.

Wozu?, lallt Klara etwas angetrunken. Bald Hochzeit vom Papa. Freude Ich verstehs nicht.

Sie wird lauter, steht auf: Mein Papa heiratet irgendeine Tussi. Glückwunsch, Papa. Aber auf baldige Scheidung hoffe ich jetzt schon!”

Erstarrte Stille. Martin ist bleich. Er presst die Fäuste, ringt um Fassung.

Und wofür das Ganze?, denkt er bitter. Das hab ich also bekommen?

Geh auf dein Zimmer, bitte, sagt er ruhig, aber eiskalt.

Warum? Hab nur die Wahrheit gesagt, und das ist mein Haus.

Vergiss nicht, dass hier auch ich zuhause bin. Ich hab das bezahlt, durch Arbeit und Fleiß. Ich dulde keinen Zirkus. Rauf mit dir.

Schön, zischt sie, wischt sich über die Augen. Sie verlässt die Runde, wirft die Glastür hinter sich zu. Die Stimmung kippt merklich.

Im Zimmer versinkt sie in Selbstmitleid. Wie kann er nur! Wegen so einer Tussi verrät er Mama und mich. Hochzeit. Peinlich. Und dabei hat er immer gesagt, nach uns beiden braucht er niemanden mehr

Sie zieht sich um, fällt ins Bett und schläft sofort ein.

Als sie mittags wach wird, scheint die Sonne. Sie geht in die Küche, setzt sich gegenüber von Martin.

Guten Morgen, sagt sie, tut als wäre nichts.

Dein Auftritt gestern war unfassbar. Vor allen Leuten. Du hast Gundula verletzt, mich blamiert. Kein Respekt, keine Empathie. Und du interessierst dich ja sowieso nur für mein Konto. Weißt du, wie oft du angerufen hast, ohne um Geld zu bitten? Nie. Eigentlich bist du ein purer Konsument.

Na gut, fährt sie auf. Dann geh ich eben. Ich verlasse das Haus! Nie wieder zurück.

Wie du willst.

Sie stürmt nach oben, packt einen Koffer. Glaub nicht, dass ich dich je um Verzeihung frage, Papa. Viel Spaß noch!

Sie zieht ein Kleid an, nimmt Tasche und Koffer. Unten steht der Fahrer, sie fordert: Fahren Sie mich in die Stadt.

Tut mir leid, murmelt der, aber Herr Krüger hat es verboten.

Prima, Papa, wunderbar. Sie winkt ab, marschiert auf die Straße und hält den Daumen raus. Viele Autos rauschen vorbei, keine hält. Schließlich ein alter weißer Golf. Erst will Klara nicht, beugt sich dann aber doch zu dem jungen Kerl am Steuer herunter Sebastian, Jeans durchgescheuert, Hemd kariert.

Soll ich Sie mitnehmen?, fragt er freundlich.

Sie winkt ab. Aber da niemand anderes hält, steigt sie schließlich doch ein.

Wohin soll’s denn gehen?, fragt Sebastian.

Hotel Vier Jahreszeiten.

Wird gemacht. Also, ich bin übrigens Sebastian. Und Sie?

Klara. Dann tut sie, als würde sie sich über den alten Golf lustig machen. Sebastian lässt sich nicht provozieren. Auto von meinem Opa, sagt er. Sie rollt nur die Augen.

Im Hotel platzt Klara an die Rezeption: Suite bitte!

Die Angestellte scannt die Karte abgelehnt. Zweite Karte wieder abgelehnt.

Haben Sie Bargeld?

Natürlich nicht. Sie leben echt noch im Mittelalter.

Schließlich taucht Herr Meyer, ein Freund des Vaters, auf. Doch auch der winkt ab: Martin hat angerufen und mich gebeten, dich nicht zu unterstützen. Tut mir leid, Klara. Es muss sich mal was ändern.

Auf dem Parkplatz sieht sie, dass Sebastian noch da ist.

Was willst du noch?

Ich bin Taxifahrer. Egal wen ich fahre. Wohin jetzt?

Zu einer Freundin. Doch niemand ist zuhause, keine nimmt ab. Sie sitzt auf der Bank und weint.

Sebastian kommt dazu: Alles okay?

Alle weg. Sobald ich Probleme hab, ist keiner mehr da. Was mach ich jetzt? Nach Hause kann ich nicht.

Du kannst bei mir übernachten. Kostet nichts.

Er bringt sie in seine Einzimmerwohnung am Stadtrand. Es ist bescheiden, aber immerhin gemütlich. Klara schnauft und bleibt notgedrungen.

Ihr Alltag ändert sich: Sebastian geht morgens auf die Baustelle, abends fährt er Taxi. Sie bleibt anfangs auf der Couch, sieht fern, lässt alles liegen. Nach ein paar Tagen platzt er heraus:

Klara, du bist sicher was anderes gewöhnt, aber hier muss jeder mithelfen.

Sie zickt: Ich bin doch keine Putzfrau! Ich ruiniere mir doch meine Hände.

Dann eben ich aber so geht das nicht auf Dauer.

Klara denkt erstmals nach. Sie erinnert sich an die Worte ihres Vaters. Bald beginnt sie, im Modegeschäft von Sebastians Tante, Frau Sommer, zu arbeiten. Anfangs patzt sie: ist unhöflich zu einer Kundin, Frau Sommer will sie schon rausschmeißen, aber Sebastian bittet um Gnade.

Er sagt: Wahrheit ohne Freundlichkeit ist nur Grausamkeit.

Die Worte wirken nach. Klara bemüht sich, wird netter. Sie lernt, wie das echte Leben funktioniert. Sie räumt auf, kocht, macht kleine Dinge besser. Sebastian bemerkt das, lobt sie gelegentlich: Heute war das Essen richtig lecker.

Das tut mehr gut als jedes Shopping.

Nach zwei Wochen bekommt sie Bauchschmerzen Blinddarm. Sebastian fährt sie in die Klinik, zahlt Medikamente, kontaktiert Gundula.

Gundula besucht sie mit Obst und Blumen.

Wie geht’s dir, Klara?, fragt sie herzlich.

Klara flüstert: Danke, dass Sie da sind. Es tut mir sehr leid. Ich war wirklich fürchterlich. Ich hab viel gelernt Es ist mir so peinlich.

Gundula nimmt ihre Hand. Wir lieben doch den gleichen Mann. Lass uns gemeinsam für ihn da sein, ja?

Ja, sagt Klara und lächelt schwach.

Kurz darauf wird sie entlassen. Zuhause auf der Treppe wartet Gundula schon.

Du bist stark, sagt sie. Du schaffst das.

Eine Woche später kommt Martin aus Berlin zurück. Er kann es kaum glauben. Klara tritt auf ihn zu: Papa, es tut mir leid. Ich war egoistisch.

Mein Mädchen, sagt er und nimmt sie fest in den Arm. Er weint, sie weinen beide.

Beim Abendessen erzählt sie alles: Von Sebastian, der Arbeit, dem Alltag und wie ihr bewusst wurde, was wirklich zählt.

Papa, du hattest recht. Ich habe dich nie gefragt, wie es dir geht. Nur Geld, Geld, Geld Jetzt weiß ich, wie schwer das Leben auch sein kann, wie wenig Geld wirklich bedeutet.

Martin ist bewegt. Ich liebe dich, mein Kind. Ich bin so stolz auf dich.

Einen Monat später feiern Martin und Gundula ihre standesamtliche Hochzeit nur im kleinen Kreis, draußen im Grünen. Klara ist Trauzeugin für ihren Vater.

Vor ihrer Rückreise nach London lädt Klara Sebastian zum Abendessen ein. Martin lernt ihn kennen und sagt: Danke, Sebastian. Meine Tochter ist ein neuer Mensch. Das ist auch Ihr Verdienst.

Ich habe nur ein Zimmer angeboten, winkt Sebastian bescheiden ab.

Klara und Sebastian gehen zusammen raus: Sie steht etwas verlegen am Golf.

Wirst du mich besuchen?, fragt sie.

Natürlich.

Ich mag dich sehr. Du bist der Einzige, der geblieben ist, als es schlimm wurde. Ich weiß nicht, wie ich’s sagen soll, aber

Er zieht sie an sich und küsst sie.

Drei Monate später fliegt Sebastian über Silvester nach London. Sie schlendern am Trafalgar Square entlang, lachen, genießen das Leben. Am Abend, unterm Lichterregen, kniet Sebastian nieder und öffnet eine kleine Schachtel.

Willst du meine Frau werden?

Klara nickt und weint.

***

Jeder Mensch macht Fehler, fällt und steht wieder auf. Martin, der jahrelang alleine und pflichtbewusst war, hat sein Herz für neue Liebe geöffnet, ohne die Vergangenheit zu verraten. Gundula, die immer befundene Wissenschaftlerin, hat Geduld und Mitgefühl gezeigt. Klara, das verwöhnte Einzelkind, hat erkannt, dass Glück nichts mit Geld und Marken zu tun hat sondern mit Begegnungen, mit Freundschaft, mit Großmut. Und Sebastian, ein bescheidener junger Mann, hat mehr gegeben als mancher Millionär kein Geschenk, sondern seine Zeit, Verständnis und Herz.

Diese Geschichte zeigt: Wahre Veränderung braucht jemanden, der nicht bewertet, sondern begleitet. Manchmal sieht man das Licht erst, wenn man ganz unten war. Und vielleicht kommt es darauf an, wer bei dir bleibt, wenn du nichts mehr zu geben hast. Klara hat so jemanden gefunden. Das ist ihr größtes Glück.

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Homy
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