Wir leben seit vierzig Jahren unter einem Dach, und jetzt mit dreiundsechzig willst du plötzlich alles ändern?
Margarete sitzt in ihrem Lieblingssessel und blickt aus dem Fenster. Sie versucht, die Ereignisse des Tages zu vergessen. Noch vor ein paar Stunden hat sie geschäftig das Abendessen vorbereitet und wartete darauf, dass Friedrich vom Angeln zurückkehrt. Er kam aber nicht mit einem Fang, sondern mit den Nachrichten, die er schon lange erzählen wollte, aber nie den Mut hatte.
Ich möchte mich trennen, Margarete. Verstehe das bitte. Die Kinder sind erwachsen, sie werden es verstehen. Für die Enkel spielt das keine Rolle, und wir können das hier ohne Streit und Drama zu Ende bringen.
Aber wir leben seit vierzig Jahren zusammen! Und nun, mit dreiundsechzig, willst du wirklich noch alles umwälzen? Ich will wissen, wie es weitergeht.
Du bleibst in unserer Stadtwohnung hier in München, ich gehe hinaus ins Haus am Chiemsee, hatte Friedrich scheinbar alles schon im Kopf. Wir müssen nichts teilen, und am Ende gehört sowieso alles den Töchtern.
Wie heißt sie? Margarete fragte mit einer gewissen Hoffnungslosigkeit.
Friedrich errötete, griff hastig nach seiner Jacke und tat, als hätte er die Frage nicht gehört. Margarete hatte nun keine Zweifel mehr, dass eine andere Frau im Spiel war. Früher kannte sie solche Probleme gar nicht. Nie hätte sie gedacht, dass sie im Alter einmal allein dastehen würde, während der Ehemann zu einer anderen zieht.
Vielleicht regelt sich alles wieder, Mama. Es wird schon gut, versuchten sie Anna und Klara, die Töchter, später zu beruhigen. Nimm Vaters Verhalten einfach nicht so ernst.
Es wird nichts mehr wie früher, seufzte Margarete. Aber ändern kann ich jetzt ohnehin nichts mehr. Ich werde einfach weiterleben und mich über euer Glück freuen.
Anna und Klara fuhren zum Haus am Chiemsee, um mit dem Vater zu reden. Sie kamen bedrückt zurück in die Stadt, verschwiegen Margarete aber die Wahrheit. Stattdessen redeten sie ihr gut zu; vielleicht wäre das Leben allein sogar einfacher, man müsste schließlich auf niemanden mehr achten oder Rücksicht nehmen. Margarete verstand alles, fragte jedoch nicht weiter nach und versuchte, einfach weiterzumachen. Das war schwer denn die Verwandten und Nachbarn wollten ständig Details wissen und mischten sich ein.
So viele Jahre zusammen, und dann läuft der Mann mit einer anderen davon, tuschelten die Nachbarinnen im Treppenhaus. Ist sie eigentlich jünger oder wohlhabender als du?
Margarete wusste nie, was sie sagen sollte. Immer öfter dachte sie selbst über die Neue nach und wollte sie zumindest einmal sehen. Also fuhr sie unter dem Vorwand, im Sommer eingemachte Marmelade zu holen, zum Haus am Chiemsee ohne Friedrich zu warnen, damit sie die Rivalin treffen würde. Und tatsächlich stieß sie direkt auf sie.
Friedrich, du hast nicht erwähnt, dass deine Ex-Frau vorbeikommen würde, nörgelte die extravagante Dame, grell geschminkt und auffällig. Ich dachte, ihr hättet alles geregelt und sie hätte keinen Grund, hier zu sein.
Wirklich? Du hast mich für das da eingetauscht? Margarete musterte die andere Frau, in deren Augen überlegene Arroganz blitzte.
Willst du einfach da stehen und mir zusehen, wie sie mich beleidigt? In deinem Alter sollte man sich anständig benehmen! Übrigens, ich bin nur ein paar Jahre jünger als ihr, sehe aber viel besser aus!
Wenn sie ernsthaft glaubt, dass Äußerlichkeiten in unserem Alter das Wichtigste sind, kommentierte Margarete, suchte den verlegenen Blick ihres Ex-Mannes.
Den ganzen Weg zurück zur Bushaltestelle hört Margarete das Gepolter der aufgetakelten Konkurrentin und kämpft mit den Tränen. Daheim lässt sie dann ihren Gefühlen freien Lauf und ruft ihre Schwester Helene an, bittet sie vorbeizukommen.
Ach Kind, komm schon, sagt Helene, während sie frischen Pfefferminztee aufgießt. Du hast selber gesagt, die Frau von Friedrich ist nicht hübsch und scheinbar auch nicht besonders klug.
Vielleicht hat sie ja recht, und ich bin wirklich eine alte Dame geworden, zweifelt Margarete.
Du siehst gut aus für dein Alter, sagt Helene ehrlich. Aber ich finde es einen Fehler, knapp siebzig zu sein und dann Leopardenleggings oder ein Minirock zu tragen Eine Frau ist in jeder Lebensphase schön, wenn sie sich entsprechend ihrer Jahre kleidet und zu sich steht.
Margarete betrachtete sich im Spiegel und musste ihrer Schwester Recht geben. Sie ist fit, kann sich über ihre Gesundheit nicht beklagen, kleidet sich gepflegt, und die Töchter schenken ihr gerne Kosmetik. Laut und schrill war sie nie der Gedanke daran, sich wie die Rivalin zu benehmen, ist ihr fremd.
Gut, dass du jetzt frei bist, sagt Helene weiter. Die Töchter sind unabhängig, du kannst das Leben genießen: Theater, Konzerte, Spaziergänge im Englischen Garten. Bei all den Möglichkeiten im Alter lasse ich dich sicher nicht untergehen.
Helene hält Wort zieht Margarete in die Münchner Theater, auf Ausstellungen und in Konzerte mit. Schnell entsteht eine Gruppe Gleichaltriger, die sich regelmäßig trifft. Sogar ein Herr beginnt, Margarete Aufmerksamkeit zu schenken, doch sie blockt dies direkt ab und verzichtet auf weitere Einzelverabredungen.
Du gehst jetzt ins Theater, hast neue Freunde Und vielleicht heiratest du sogar nochmal?, fragt Friedrich halbironisch, als sie sich zufällig im Supermarkt treffen.
Was führt dich hierher? Gibt es am Chiemsee keinen Laden? Oder kocht deine neue Frau nicht?, fragt Margarete zurück.
Ich bin einfach gewöhnt, hier einzukaufen. Im Alter fällt Umgewöhnen schwer, gibt Friedrich brummend zu.
Margarete lässt das Thema liegen und verabschiedet sich wegen vermeintlicher Zeitnot. Friedrich fühlt in dem Moment das Bedürfnis, ihr hinterherzulaufen und zu gestehen, wie sehr er die Trennung bereut. Sein ganzes Leben hatte er Familie und Ruhe dann verführte ihn die temperamentvolle Ute und warf ihn aus der Bahn.
Anfangs schien mit Ute alles spannend, doch stellte sich heraus, dass sie Hausarbeit meidet, lieber Klatsch und Tratsch sammelt und in lauten Runden den Abend verbringt.
Mehr und mehr wünscht Friedrich sich, einfach nach Hause zurückzugehen besonders nach dem Treffen mit Margarete. Sie macht keine Szene, schreit nicht und führt keine Diskussionen, sondern lebt würdevoll im neuen Alltag. Niemals hätte er gedacht, dass ihm genau diese Ruhe und Geborgenheit fehlen würden, die Margarete ausstrahlt.
Schon wieder Aprikosen eingekauft! Ich wollte Pflaumen! Und den falschen Käse nein, das ist doch extra fett. Und die Mayonnaise hast du komplett vergessen!, schimpft Ute, als sie die Einkäufe durchgeht.
Früher hat Margarete die Einkäufe erledigt. Oder wir gemeinsam. Du verlangst, dass ich jetzt alles alleine mache, ruft Friedrich ärgerlich.
Hör auf, mich mit deiner Ex-Frau zu vergleichen! Sag doch gleich: Du bereust, dass du sie verlassen hast!, schreit Ute.
Friedrich bereut es wirklich, sieht aber, dass es keinen Sinn hätte, darüber zu sprechen. Margarete hat nichts davon inszeniert; sie bleibt einfach sie selbst und Friedrich verzweifelt daran, dass er sie nicht wieder zurückgewinnen kann.
Er weiß, Margarete wird ihm nie mehr vertrauen oder ihn zurücknehmen. Mehrfach nimmt er Anlauf, ihr zu schreiben oder sie anzurufen, und nach einem heftigen Streit mit Ute steht er sogar zum ersten Mal wieder vor der Tür der früheren Wohnung in München.
Willst du etwas abholen? fragt Margarete, blockiert freundlich und bestimmt die Tür.
Ich würde gerne reden Hast du einen Moment? Friedrich stammelt, spürt den Duft seines Lieblings-Zwetschgenkuchens aus dem Flur.
Nein, ich habe weder Zeit noch Lust. Nimm, was du brauchst, ich erwarte jetzt Besuch.
Eigentlich hätte er nichts holen müssen, gern hätte er aber all das gesagt, was ihm auf der Seele brennt. Er fährt zurück ins Haus am Chiemsee, macht sich allein ein Abendessen, während Ute fröhlich durchs Dorf zieht. Schließlich gibt er ihr Zeit, ihre Sachen selbst zu packen die Entscheidung ist gefallen.
Nach Utes theatralischen Szenen nimmt er sich vor, Margarete zu kontaktieren, verwirft diesen Gedanken und beruhigt sich wieder. Er kennt sie zu gut, um zu glauben, dass Hoffnung auf Vergebung bestehen könnte.
Vielleicht irgendwann einmal später könnte er sie um Verzeihung bitten und mit ihr reden. Eigentlich müsste er das tun, sonst findet er keinen Frieden. Zurück kommt er allerdings nicht mehr. Margarete würde den Betrug nie verzeihen das wusste er schon, als er sich damals auf Ute eingelassen hat.
Heute lebt er allein am Chiemsee, während Margarete in München mit den Töchtern und Enkelkindern, dem Umgang mit Freunden und Theaterbesuchen ihr Leben gestaltet. Für den einstigen Ehemann gibt es darin keinen Platz mehr.




