Bei Mama das Herz
Anneli, das Herz… Anneli, der Blutdruck… Die Stimme von Gertrud Weber, schwach und zitternd, war am Telefon kaum zu verstehen, nur wenn man den Hörer kräftig ans Ohr drückte…
Anneliese ließ sofort ihr halb gegessenes Brötchen auf den Teller fallen. Halb acht Uhr morgens. Wie immer auf die Minute genau.
Ich komme schon, Frau Weber!
Sie griff nach der Medikamentenschachtel, die sie stets griffbereit auf dem Küchentisch hatte, und rannte los zum Glück wohnte ihre Schwiegermutter nur zwei Häuser weiter…
Gertrud Weber lag auf hohen Kissen, presste die Hand gegen die Brust, die Augen verdrehte sie mit einer Dramatik, als stände sie auf einer Theaterbühne.
Die Tabletten… Schnell… Ich brenne förmlich… Mir ist so schlecht…
Anneliese reichte ihr das Glas Wasser. Gertrud nahm einen Schluck und verzog unzufrieden das Gesicht.
Das Wasser schmeckt schal. Ist das aus der Leitung?
Abgekocht, wie immer, Frau Weber.
“Abgekocht” nennt sie das… Du weißt gar nicht, was für eine schlimme Attacke ich heute Nacht hatte! Furchtbar! Ich dachte, jetzt ist es soweit… Aus und vorbei…
Anneliese setzte sich auf die Bettkante, prüfte den Puls der Schwiegermutter. Gleichmäßig. Kräftig. Fast wie bei einer Sportlerin.
Soll ich den Notarzt rufen?
Nein! Um Himmels willen! Gertrud fuhr so schnell hoch, dass jede Müdigkeit wie weggeblasen war. Keine Ärzte! Ich kenne diese Schlachter!
…Gegen Mittag stand Anneliese erneut in der Wohnung der Schwiegermutter, diesmal mit Putzeimer und Lappen. Mittwoch war Großputz der zweite diese Woche.
Saug mal unter dem Sofa gründlicher, kommandierte Gertrud aus dem Sessel heraus, blätterte währenddessen in einem Rätselheft. Letztes Mal hab ich da ein ganzes Staubnest gefunden! Und ich hab doch Allergie. Schrecklich!
Anneliese kroch schweigend unters Sofa. Die Knie taten weh, der Rücken schmerzte. Sie arbeitete ganztägig als Buchhalterin, aber ihre Schwiegermutter schien das ständig zu vergessen.
Und die Fußleisten! Die kannst du auch mal wischen! Schwiegertochter nennt man das? Nicht mal putzen kannst du richtig, aber große Frau spielen!
Anneliese wischte die Fußleisten. Danach die Fenster. Dann die Lampe. Gertrud war stets hinterher und fuhr mit dem Finger über jede Fläche.
Schlieren. Hier, überall Schlieren. Mach das nochmal ordentlich.
Abends holte Anneliese den Rest der gestrigen Suppe aus dem Kühlschrank. Roman kam von der Arbeit nach Hause, müde, aber zufrieden.
Anni, Mama hat angerufen. Sie meint, wir sollten am Samstag zu ihr kommen. Es geht ihr ganz schlecht.
Roman, wir wollten doch am Samstag raus an den Tegernsee…
An einen Ausflug ist nicht zu denken. Bei Mama ist das Herz! Das verstehst du doch…
Anneliese verstand. Schon seit zwei Jahren. Seit zwei Jahren wurde jeder Urlaub verschoben wegen Verschlimmerung. Seit zwei Jahren zerstörte ein einziger Anruf samt dramatischem Stöhnen jede Planung.
Roman, sie setzte sich ihrem Mann gegenüber, wir müssen reden. Ernsthaft.
Worüber?
Über deine Mutter.
Roman runzelte die Stirn. Bei diesem Thema wurde aus dem unkomplizierten, liebevollen Kerl plötzlich ein unnahbarer Stein.
Was jetzt wieder?
Wieder? Roman, es ist nicht wieder. Drei Mal pro Woche putze ich ihre Wohnung. Ich koche ihr Schonkost. Ich lasse alles stehen und liegen, renne sofort rüber. Und sie…
Sie ist doch krank, Anneliese. Herzerkrankung! Das weißt du!
Ihr Herz ist aus Stahl. Hast du gesehen, wie sie aufspringen kann, wenn es ihr passt? Wie sie durch die Wohnung läuft, wenn sie meine Arbeit prüft?
Du übertreibst.
Ich bin am Ende.
Roman drehte sich weg.
Mama hat so viel für mich getan. Ich kann sie nicht im Stich lassen. Das ist meine Pflicht, verstehst du.
Anneliese betrachtete ihren Mann und erkannte ihn kaum wieder. Wo war der lustige Typ, der sie auf Konzerte mitnahm? Der von Reisen träumte? Jetzt war er ein schuldbewusster Sohn, der beim kleinsten Pfiff der Mutter stand wie ein Soldat.
Immer öfter dachte sie ans Scheiden. Nachts, wenn Roman neben ihr schnarchte. Morgens, wenn das Schwiegermuttertelefon schrillte. Tagsüber, wenn sie die fremden Böden wischte anstatt ihr eigenes Leben zu leben.
Jeder Tag begann mit einem Anruf. Gertrud Weber verlangte Brühe. Dann Dampfkoteletts. Dann pürierte Suppe. Das Diätmenü wechselte, aber eines blieb immer gleich: Gekocht wurde stets von Anneliese.
Mama weiß deine Fürsorge wirklich zu schätzen, sagte Roman.
Ach ja? Warum hat sie noch nie danke gesagt?
Sie kann halt ihre Gefühle schwer ausdrücken.
Anneliese grinste bitter. Gefühle zeigte ihre Schwiegermutter nämlich sehr leicht. Unzufriedenheit kein Problem. Vorwürfe kein Problem. Schmollen umso lieber.
Roman, ich kann nicht mehr. Sie versuchte es erneut, nach dem nächsten Streit um fade Brühe.
Sie ist krank, Anni…
Wo ist der Befund? Die Arztberichte? Gibt’s überhaupt irgendwas Schriftliches?
Roman zögerte.
Mama mag keine Ärzte.
Das ist ja praktisch, oder? Krank sein, aber nie beim Arzt gewesen.
Was schlägst du vor?
Einmal alles durchchecken. In einer guten Klinik. Dann wissen wir, wie es um ihr Herz wirklich steht.
Roman leitete den Vorschlag weiter. Die Antwort kam postwendend.
Untersuchung?! Gertrud griff sich dramatisch an die Brust wie bei einer Generalprobe für ein Trauerspiel. Ich überstehe diese Prozeduren nicht! Sollen die jungen Dinger erst mal gescheit Eintopf kochen, bevor sie einer kranken Frau Vorschriften machen!
Jetzt war Anneliese sicher: Wenn die Schwiegermutter Ärzte mied, hatte sie einen Grund dazu. Jetzt musste Schluss sein mit dem Theater.
Sie meldete Gertrud Weber selbstständig in der Klinik an. Ohne Vorankündigung, ohne Diskussion.
Ich fahre nirgendwohin! Die Schwiegermutter klammerte sich an den Türrahmen, als Anneliese sie am Morgen abholen wollte. Ihr wollt mich ins Grab bringen! Roman! Sag du ihr was!
Roman stand im Flur, blass und hilflos.
Mama, vielleicht solltest du dich wirklich mal untersuchen lassen… Einfach zur Beruhigung…
Was für eine Beruhigung! Die bringen mich noch um! Das Herz hält das nicht aus!
Anneliese nahm Gertrud kommentarlos am Arm.
Frau Weber, draußen wartet das Taxi. Entweder Sie kommen freiwillig, oder ich ruf den Notarzt, sage was von täglichen Anfällen. Dann werden Sie eingewiesen.
Die Schwiegermutter wurde leichenblass. Und in ihren Augen flackerte zum ersten Mal echter, nicht gespielter, Schrecken.
Die ganze Fahrt zur Klinik jammerte Gertrud, klagte, beschwor Unheil. Anneliese fuhr schweigend, die Zähne zusammengebissen, und sah im Rückspiegel, wie ihre Schwiegermutter böse zu ihr hinübersah.
Die Untersuchungen dauerten vier Stunden. EKG. Herz-Ultraschall. Bluttests. 24-Stunden-Blutdruck und alles, was dazugehörte…
Der Arzt kam mit den Befunden, blätterte irritiert durch die Unterlagen.
Frau Weber, ich habe sehr gute Neuigkeiten. Ihr Herz ist in ausgezeichnetem Zustand. Der Blutdruck normal. Die Gefäße frei. Für Ihr Alter sind Sie wirklich beeindruckend fit. Ehrlich gesagt, wünschte ich so manchen Jüngeren Ihre Werte.
Langsam drehte Anneliese sich zur Schwiegermutter um. Gertrud Weber saß noch immer knallrot im Sessel, ganz kleinlaut.
Das kann nicht sein. Ich habe doch jeden Morgen Anfälle…
Wahrscheinlich psychosomatisch, meinte der Arzt achselzuckend. Ich würde eine Beratung beim Psychotherapeuten empfehlen.
Die Heimfahrt verlief wortlos und schwer.
Und zu Hause ließ sich Anneliese nicht mehr stoppen.
Zwei Jahre, Frau Weber. Zwei Jahre kam ich bei jedem Ihrer Stöhner sofort angerannt. Habe Schonkost gekocht. Haben Ihre Wohnung geschrubbt. Urlaube abgesagt. Und Sie…? Anneliese bekam kaum noch Luft vor Zorn. Sie haben einfach gelogen.
Ich habe nicht gelogen! Mir geht es wirklich schlecht! Diese Ärzte haben keine Ahnung!
Es reicht jetzt! Plötzlich erhob Roman mit ungewohnter Härte die Stimme. Beide Frauen zuckten zusammen. Mama, es reicht. Ich habe die Werte gesehen klipp und klar: gesund.
Gertrud Weber begann zu weinen. Nicht so wie sonst, sondern richtig mit roter Nase und verlaufener Wimperntusche.
Roman, ich wollte doch nur… Du hast geheiratet und mich vergessen! Ich wollte nur, dass du öfter kommst…
Und dafür muss meine Frau als Putzfrau herhalten? Unser Ehe kaputt gehen?
Ich wollte das alles nicht…
Nicht gewollt? Roman trat dicht an seine Mutter heran. Mama, du hast sehr genau gewusst, was du tust. Jeder Anruf um halb acht. Jeder vorgetäuschte Anfall vor unseren Plänen. Das ist keine Krankheit, das ist purer Egoismus.
Gertrud Weber sackte vollkommen in sich zusammen. Die Maske der Leidenden zerbröckelte und ließ eine verängstigte Frau zurück, die beim Lügen erwischt wurde.
Anneliese und Roman fuhren nach Hause und ließen die Schwiegermutter allein mit ihren zerplatzten Illusionen. Im Auto herrschte lange Stille, bis Roman Anneliese die Hand reichte.
Es tut mir leid. Ich hätte es früher erkennen müssen.
Hättest du, entgegnete Anneliese.
Ich war wirklich blind. Ein richtiges Muttersöhnchen.
Anneliese widersprach nicht. Es hatte wohl keinen Sinn, er hatte alles verstanden.
Die Anrufe der Schwiegermutter hörten auf. Keine morgendlichen Klagen, keine dringenden Anforderungen nach Brühe mehr. Gertrud Weber war wie vom Erdboden verschluckt ehrlich gesagt, zum ersten Mal seit zwei Jahren atmete Anneliese auf.
Roman meldete sich selbst nach einer Woche bei ihr. Das Gespräch war kurz, sachlich: Wir lieben dich, aber die Regeln haben sich geändert. Keine Spielchen mehr, keine erfundenen Krankheiten. Wir reden, wenn du ehrlich bist.
Gertrud Weber murmelte noch etwas von undankbaren Kindern, widersprach aber nicht.
Ihre Ehe taute langsam wieder auf. Wie ein gefrorener Bach im Frühjahr erst ein Rinnsal, dann immer mehr. Anneliese und Roman machten endlich den lange verschobenen Urlaub. Sie flanierten an der Uferpromenade, aßen Eis, lachten über alberne Witze wie früher, vor dem Albtraum.
Weißt du, sagte Roman eines Abends und schloss die Frau fest in den Arm, ich hatte immer Angst, Mama zu verletzen. Beinahe hätte ich dich verloren.
Fast verloren, bestätigte Anneliese. Aber nur fast.
Sie lächelte und schmiegte sich fester an ihn. Es lag so viel vor ihnen: neue Pläne, vielleicht Kinder, eine ganz normale Ehe ohne gespielte Anfälle und manipulative Anrufe. Freiheit. Endlich erkämpfte Freiheit.
Gertrud Weber war Vergangenheit kerngesund und ihres größten Machtmittels beraubt. Und sie, Anneliese und Roman, waren wirklich wieder ein Paar. Endlich ganz.
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